Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

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Was von Büchern bleibt

 


Druckstellen XXXIII
von Ingrid Mylo






Bilder aus Blumen und Maden

Mord und Poesie: die letzte der sieben Blumen für den magischen Strauß, den man in der schwedischen Mittsommernacht für sein zukünftiges Glück zu binden hat, findet Naska im Knopfloch ihres ermordeten Bruders. Sie findet nicht nur die zur Erfüllung der Wünsche fehlende blaue Akelei: in seiner todesstarren Hand hält Nedim ein großes Messer. Es war für Naska gedacht. Manchmal geschehen die Wunder sofort.
Mord und Moral: die, die der Tod trifft, in diesem Buch, haben getan, was sie konnten, um ihn zu verdienen (mit Ausnahme von Nedim, da hat ein Mord den anderen verhindert). Aber die jeweiligen Rächer kommen sämtlich zu spät: ein anderer hat an ihrer Stelle gehandelt. Hat sie um die Tat gebracht, um die Schuld. Und hat noch andere Absichten: zu beweisen, daß jeder sich selbst der Nächste ist.
Knapp und karg wie immer geht Dahl zur Sache, die kurzen Sätze sind wie die Punkte in einem Zeichenrätsel: erst, wenn sie durch Striche sinnvoll verbunden sind, ergeben sie ein Bild. Und die Striche muß man schon selber ziehen. Trotzdem steckt diesmal erstaunlich viel übernatürlicher Zauber zwischen den Zeilen. Mittsommernacht eben.
Mord, wenn es mit Worten nicht mehr zu richten ist. Dahl versucht es noch: läßt sich fuchsteufelswild über die sagenhafte Verdummung ("Generation auf Generation wird mental eingeschläfert") der Bevölkerung durch das Fernsehen aus. Eine Verdummung, die bewußt und gezielt betrieben wird: weil die Industrie Absatzmärkte, weil die Regierung folgsame Schafe braucht. Das öffentliche Entsetzen angesichts der Pisser-Studie ist Heuchelei, der fortschreitende Analphabetismus gewollt: wozu muß das Volk schreiben, es reicht, wenn es die drei Kreuze an der richtigen Stelle macht.
Und erneut und zum zweiten Mal in diesem Herbst erfährt man aus einem
schwedischen Krimi (wobei Dahls 'Ungeschoren' im Original schon 2003
erschienen ist und damit 4 Jahre vor Alvtegens 'Schatten' - s. a. Druckstellen XXXII) von der Mitwirkung eines Modehauses am Naziregime, kurz und deutlich steht es bei Dahl: "Hugo Boss hat die SS-Uniformen entworfen."

Arne Dahl: Ungeschoren.
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt.
München. Piper Nordiska 2007.
414 S. EUR 19,90



Die Schülerin Aya, deren heimliche Liebe zu einem Jungen sich in perfiden Quälereien eines anderthalbjährigen Mädchens Bahn bricht: sie verschaffen ihr Lust und Trost. Die Krankenchwester, deren jüngerer Bruder in einem peinlich sauberen Krankenzimmer unaufhaltsam vor sich hinstirbt, während ihr Mann daheim in der verschmutzten Küche mitternächtliche Mahlzeiten in sich hineinschlingt: und der Ekel, den ihr das bloße Zusehen bereitet, schürt das Verlangen nach ihrem immer ätherischer werdenden Bruder. Die junge Nanako, die ihre demente Großmutter weggibt in ein Altersheim, während sie gleichzeitig hofft und befürchtet, daß in ihrem eigenen Bauch neues Leben heranwächst: und ihre Verwirrung flüstert ihr Bilder ein und Empfindungen, die sich der Realität entranken wie phantastische Ornamente.
In Ogawas Sätzen gärt das Leben, und wenn die Schriftstellerin sinnlich wird, spielt sie immer auch den Tod an, die Vergänglichkeit. Lippen winden sich wie zwei Maden "in stinkendem Unrat", ein Kuß riecht "nach fauligem Blut", und ein Herz blutet "wie ein frisch aufgebrochener Granatapfel". Die Erzählungen wirken, als seien sie unter äußerster Anspannung geschrieben, im Zustand jener Hellsichtigkeit, die langes Hungern mitsichbringt oder Schlafmangel: wenn alles Nerv ist und Wahrnehmung und jede Einzelheit auf der Netzhaut brennt.

Yoko Ogawa: Der zerbrochene Schmetterling.
Aus dem Japanischen von U. Gräfe & K. Nakayama-Ziegler.
München. liebeskind 2007.
186 S. EUR 18,90



Man weiß, wie es ausgeht, das Ende hat Elizabeth George schon geschildert, in ihrem Roman vom letzten Jahr. Der Schuß im Hauseingang, Lynleys schwangere Frau, die zwischen "einer Unmenge schicker Einkaufstüten" zusammensinkt, da ist nicht dran zu rütteln, nichts mehr zu retten (und nur in Witzen glauben die Ostfriesen oder die Appenzeller oder die Neufundländer an die Möglichkeit eines anderen Verlaufs, wenn sie sich ein und denselben Videofilm noch einmal anschauen: und dann sehen sie die Cowboys auf der Flucht vor den Indianern doch wieder unverändert in ein Kaktusfeld reiten: "Ich hätte nicht gedacht, daß die ein zweites Mal so doof sind").
Das Ende also steht fest, was davor geschah, steht hier.
London am Rand, dort, wo die Stadt armselig ist und zerrissen und im
Dreck schleift, wo die Träume chemischen Ursprungs sind und die Verhältnisse nicht so, daß Kinder heil aus der Sache kämen. Ein Begegnung vor dem Polizeirevier, eine freundliche Geste zur falschen Zeit, ein brennendes Boot, ein paar Splitter Gedicht: der Rest ist Wahnsinn und Konsequenz. Und ein Credo auf den berühmten Flügelschlag des Schmetterlings in Chile, der in China ein Erdbeben auslöst.

Elizabeth George: Am Ende war die Tat.
Aus dem Amerikanischen von I. Krane-Müschen & M.J. Müschen.
München. blanvalet 2007.
671 S. EUR 21,95



Sie hat's gern im großen Kreis der Familie, die amerikanische Schriftstellerin Anne Tyler, die auf dem Klappenfoto eine gewisse Ähnlichkeit mit der Schauspielerin Diane Keaton aufweist. Diane Keaton, wie sie sich durch jene Woody Allen-Filme lächelt, in denen sich ebenfalls Massen von Familienmitgliedern und Freunden in wechselnder Konstellation um Truthähne tummeln oder in Mittsommernächten vergnügen: und dabei legen sie in einem Gewitter mehr oder minder geistreicher Bemerkungen ihre Seelen bloß, ihre Absichten, ihre Gefühle.
Genau das machen die Familien in diesem Roman auch: zusammenkommen und feiern, und Anlässen gibt es genug. Da muß  beispielsweise das Ulmenlaub geharkt, müssen Susans erster Geburtstag oder das iranische Neujahrsfest begangen werden. Wichtiger noch ist der 15. August. An diesem Tag haben die Yazdans und die Dickinson-Donaldsons auf dem Flughafen von Baltimore ihre aus Korea adoptierten Babies in Empfang genommen. Und einander kennengelernt. Von da an wird der 'Tag der Ankunft' ins Programm der jährlich zu absolvierenden familiären Treffen aufgenommen. Jin Hos Entwöhnung von den Windeln liefert den Grund zu einer Töpfchen-Party. Und um die fast dreijährige Xiu-Mei von ihren Schnullern loszueisen, wird zu einer Fete geladen, auf der ihre 48 'Binkys' an mit Helium gefüllten Ballons auf Nimmerwiedersehn in den Himmel steigen sollen. Statt dessen sind nach dem Start Rosen, Dachrinne, Hartriegelsträucher und Fernsehkabel der Nachbarn mit Schnullern übersät. Und Xiu-Meis Mutter sagt: "Ach herrje."
Oft sind es nicht die Ereignisse selbst, die Tyler schildert, sondern deren Auswirkungen: sie beschreibt, wie Connie Dickinson von Fest zu Fest kränker wird und schwächer, beschreibt, feinsinnig und rührend, Daves trauriges, müdes Dasein als Witwer (er bringt es nicht fertig, ihre Stimme vom Anrufbeantworter zu löschen): Connies Tod beschreibt sie nicht. Er findet zwischen den Zusammenkünften statt. Und im Zusammenhang mit dem 11. September 2001 ist lediglich von den verschärften Sicherheitsbedingungen auf den Flughäfen ist die Rede und von den ungeheuerlichen Einreisebedingungen in die USA für jeden "orientalisch aussehenden Mann". Was Tyler anstelle der lebensentscheidenden Momente, die meistens, wie es einmal heißt, "enttäuschend undramatisch" sind, in die Aufmerksamkeit der Leser rückt, sind ausgesucht alltägliche Augenblicke, kummervoll oder komisch, und die Sätze, die von ihnen handeln, werden dargereicht wie liebevoll gefertigte Bastkörbchen oder umhäkelte Taschentücher.
Es ist ein eher leichtgewichtiger Roman: das macht ihn jedoch nicht weniger wahr. So wahr, wie das Leben eben ist, in dem man vor dem
Einschlafen einem Glas Sprudelwasser auf dem Nachttisch zuhört, wenn man sich - wie die Iranerin Maryam - einsam fühlt in einem fremden Land.

Anne Tyler: Tag der Ankunft.
Aus dem Amerikanischen von C. Frick-Gerke & . G. Strempel
Berlin. List 2007 / 298 S. EUR 19,90


Die Nächte sind voller Träume: von Vätern, die beim Einkaufen verschwinden, von Söhnen, die zerstückelt in Plastiktüten über dem Hohlraum des Herzens hängen, von Sprechblasen im Schnabel gelbgrüner Vögel, die zum Töten auffordern, von Hyänen. Mit solchen Träumen kommen die Menschen auf verrenkte Gedanken und kommen sich absonderlich vor: und fragen sich, ob sie in Spanien" auf einem weißen Plastikstuhl auf einem kalhlen Berg sitzen und dem Tod begegnen" werden. Und behalten es für sich, wie alles, was wichtig ist und wahr. Sie denken Mord und Widerstand und sagen "wie schön, daß wir uns einig sind": so kommen sie aufwandloser durch den Tag. Und wenn sie die Schwester besuchen, bringen sie Blumen mit, damit sie was haben, worüber sie reden können. Blumen: das ist ein unverfängliches Thema, wer zuviel Worte macht, dem verrutscht ohnehin bloß das Gebiß.
Sarg oder Urne: es geht um die richtige Wahl. Was nicht immer leicht ist. Wenn man sich zwischen Zimtschnecken und Berliner entscheiden muß, gibt man, wie Inspektor Barbarossi sinniert, stets der Zimtschnecke den Vorzug: "und bereut es sofort". Anders als Rosemarie Wunderlich Hermansson, die es keineswegs bedauert, sich für den Málagawein statt für den Psychiater entschieden zu haben. Und trotzdem Probleme hat: wer das Leben als Krebsgeschwür empfindet, wünscht sich einen Elch vors Auto, an dem es endet.
Eins der seltenen Bücher, bei denen es keine große Rolle spielt, was eigentlich los ist und wer dahintersteckt: das pure Lesen macht Spaß.
Hakan Nesser ist ein glänzender Unterhalter, der über das Problem der Demokratie ("War es wirklich angemessen, daß Leute, die auf die idiotischsten Reklamekampagnen hereinfielen, über das Schicksal des Landes entscheiden sollten?") genauso erhellend schreibt wie über die "blasse Süße der Sehnsucht" oder den Zusammenhang zwischen Wölfen und Handys.
Und zu jedem elften Satz könnte man einen Essay schreiben oder ein Gedicht.

Hakan Nesser: Mensch ohne Hund.
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt.
München. btb / 542 S. EUR 19,95
 


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