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XXXIX
von Ingrid Mylo
Das Leben kein Fest
und die Welt eine Wüste
Karin Fossum:
Wer anders liebt.
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs.
München. Piper Nordiska 2008, 249 S. EUR 18,00
Sejer
und Skarre reden über Sex, später fällt Schnee und verhindert, was die
beiden Kommissare schon wußten, vorher: daß sie den verschwundenen
Jungen noch finden würden in diesem Winter. Den zweiten. Die zarte
Leiche des ersten hat das Ehepaar Ris entdeckt (nicht die Reinhartds,
wie es der Klappentext falsch verkündet), an einem Sonntag im September,
Blut zwischen den nackten Beinen, man ahnt, was das heißt. Wer anders
liebt, wie der schäbige Brein mit der Sehnsucht nach zerbrechlichen
Kinderknochen, für den ist das Leben ein Fest, an dem er nicht teilhaben
darf. "Wer anders ist", sagt Brein, "ist auch einsam. Immer." Und er
sagt, "ich bin eine leise Seele."
Und wie wieder alles ineinandergreift: Kristine Ris, die die
dröhnende Angeberei ihres Mannes nicht mehr ertragen kann, der sich
niederkniet, um das tote Häufchen Kind zu fotografieren, und wie sie
seine Stimme haßt, das Geräusch seines Atems, seinen Geruch. Und Brein,
der genau das liebt, den Geruch, die Geräusche, den Geschmack kleiner
Jungen. Und der, nachdem er der Versuchung nachgegeben hat, im Gefängnis
vor den anderen Häftlingen kriecht wie ein Hund. Während Kristine, mit
einem kommenden Kind im Leib, ihren Mann am Ende verläßt, endlich. Der
wiederum schon darauf wartet, daß ein kleines Mädchen auftauchen wird,
irgendwann im Park, dem er sein "strahlendes Lächeln" schenken kann.
Diese milde Verschiebung der Normalität ins Lädierte,
unterschiedliche Schattierungen der Seltsamkeit, jeder ist irgendwie
anders, und also sind alle allein. Doch es gibt, immer wieder, auch
einfache Tröstungen: und manchmal genügt es, die Stellung seines
Schreibtischsessels zu verändern, und man kriegt seine Schuppenflechte
in Griff.
P. Müller/R. Wieland (Hg.): Die Jahre sind mein
Lebensglück
Schriftsteller über das Alter.
München. Knesebeck 2008. 159 S. EUR 29,90
Vielen
von ihnen lächeln: koboldhaft wie John Updike, zurechtweisend wie Vicky
Baum, begriffststutzig wie Vladimir Nabokov, wächsern wie Agatha
Christie bei Madame Tussauds, leise wie George Tabori, entzückt wie
Dorothy Parker. Als schiebe das Lächeln dem Tod einen Riegel vor.
Wer lächelt, lebt. Woody Allen, als professioneller Melancholiker,
lächelt nicht. Aber er hebt die Hände wie zum Gebet, vielleicht hilft
das ja auch. Hände sind das andere, das auffällt auf diesen Fotografien:
erklärend gespreizt, den Kopf stützend, die Katze streichelnd, die
Pistole ziehend, den Ast umklammernd, den Stift haltend, immer wieder,
wie das bei Schriftstellern eben so ist, oder die Zigarette. Hände als
dekoratives Element, in der Luft, an der Hüfte, auf dem Knie, an der
Schulter einer jüngeren Frau, auf dem Tisch neben einem vollen
Aschenbecher und einer leeren Kaffeetasse.
Das Lächeln und die Hände und die Sätze über das fortschreitende
Alter. Wie die von Elias Canetti, die von der Begrenzung des
Wiederholbaren handeln und davon, daß alles, was knapp wird, an Wert
gewinnnt. Achtzig ist für die meisten ein Anlaß, zur Sache zu kommen.
Achtzig, sagt Parker, hat Eleganz. Mit achtzig, sagt Claire Goll, "kann
man beben wie mit sechzehn". Und Henry Miller erkennt mit achtzig, daß
das Alter nichts ändert: "Eiche bleibt immer Eiche, Schwein bleibt
Schwein und Trottel bleibt Trottel."
PS: Für die Zeit nach dem Tod hat Woody Allen nichts übrig. Auf die
Versicherung, er würde im Herzen, im Geist seiner Bewunderer
weiterleben, erwidert er ungnädig, er wolle aber lieber in seinem
Apartement weiterleben.
Rishi Reddi
Karma und andere Stories.
Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow.
Berlin. Ullstein 2008. 220 S. EUR 18,00
Gefällt
dir Indien? wird Uma gefragt, und so recht kann die Sechzehnjährige
darauf nichts sagen: sie ist, in Amerika geboren, zum ersten Mal im Land
ihrer Eltern und ist befremdet, harsch auch vor Unwillen. Arundhati
dagegen ist nach dem Tod ihres Mannes von Hyderabad zu ihrem Sohn
gezogen, nach Massachusetts, und stößt sich die Seele dort blutig.
Indisch, das gibt es nicht, es gibt Urdu, Telugu, Tamil und Hindi, und
in einem mexikanischen Fast Food Lokal ist nichts davon der Bestellung
eines Bohnen-Käse-Burrito dienlich. Was ist das wert: Tradition, und für
wen? Und erreichen die Frauen, die Mädchen mit Ungehorsam nicht mehr?
Und wenn eine arrangierte Ehe mitunter tatsächlich Liebe mit sich
bringt, während man selbst bei der Suche nach dem Mann seiner Träume
scheitert: beharrt man dann weiter auf seinem Willen?
Zwei Stellen, die aufblühen, rot und verwegen, und beidesmal ist der
Mund von Bedeutung ist, betörend, abstoßend. Wenn die verheiratete
Lakshmi sich um den eigenbrötlerischen Bibliothekar Sorgen macht und ihn
anruft: und sie stellt sich während des Gespräch seine Lippen vor, dicht
an der Muschel, und ihre eigenen hält sie nah an den Hörer, unerhört
kühn. Oder im Arbeitsamt, der Mann in der Schlange vor Shankar, der,
wenn er redet, aus dem Mund stark riecht, tief von unten, das kommt
"nicht bloß von ungeputzen Zähnen", und Shankar weicht seinen Worten
aus.
Sanft und mit Sorgfalt hat Rishi Reddi die Sätze zu Geschichten
arrangiert, manchmal ein wenig zu mutlos, zu herkömmlich. Aber immer
wieder richten Blätter und Blicke und Licht wahre Schönheit an, und ein
Grauschimmer umgibt die Figuren: als entstammten sie einem andern
Bewußtseinszustand als die Orte, durch die sie sich bewegen.
Cormac
McCarthy Kein Land für alte Männer.
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl.
Reinbek. Rowohlt 2008. 284 S. EUR 19,90
Wie
oft sitzt jeder von ihnen da, Moss, der den blutigen Schauplatz findet
und die Millionen, Chigurh, der deswegen hinter ihm her ist, und Sheriff
Bell, der es einfach wieder richten will und weiß, daß die Zeit dafür
vorbei ist: wie oft sitzen sie da, ewig lang, und denken nach.
Immer wieder der Blick aus dem Fenster, in die Landschaft, die weit ist
und leer, eine
Wüste. "Tiefe Schatten. Stille. Nichts." Immer wieder, im Film wie im
Buch. Augenblicke, karg, intensiv, voller Belang.
Tragweite. Darum geht es. Denn ganz gleich, was man tut: es hat
Folgen. Und irgendwann kommt der Tag, da taucht einer auf und sagt etwas
von der Bilanz, die gezogen wird. Und sagt, "was geschehen ist, läßt
sich nicht ungeschehen machen." Und sagt, irgendwo habe man eine Wahl
getroffen, "aus der sich alles bis hierher ergeben hat": und dann tötet
er. Nicht grausam, nicht mit sadistisch Vergnügen. Und nicht kurz und
schmerzlos. Chigurh tötet, weil die Dinge, die davor geschehen sind, zu
diesem Punkt geführt haben. Das setzt er den Opfern auseinander, bevor
er sie umbringt. Die Logik dahinter. "Es gibt für alles einen Grund."
Auch die beiden andern wissen das. "Jeder Schritt, den man tut, ist
für immer." Sagt Moss. Und Sheriff Bell sagt, "wenn man dann vor der
Entscheidung steht, muß man sich dazu entschließen, mit den Folgen zu
leben." Konsequenzen. Die Welt ist in einem Zustand, in dem es die
Menschen nicht mehr in der Hand haben: dafür haben sie es jahrzehntelang
zu arg getrieben. In den Dreißigern Jahren galt das Kaugummikauen als
eins der größten Probleme im Schulunterricht. Und das Rennen in den
Fluren. In den Siebzigern ist daraus "Vergewaltigung, Brandstiftung,
Mord" geworden. "Drogen. Selbstmord." Die Welt ist verkommen: das hat
Männer wie Chigurh hervorgebracht. Und der verrichtet seine Arbeit.
Methodisch, unaufhaltsam, humorlos. Mit Moral braucht man nicht mehr zu
kommen: die Chance ist vertan. Im Buch wie im Film. Und im wirklichen
Leben?
© 2008 Ingrid Mylo
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