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XXXVI
von Ingrid Mylo
Das Lachen unter der
Erde
Peter
Handke Meine Ortstafeln. Meine Zeittafeln 1967 -
2007
Frankfurt. Suhrkamp 2007 / 624 S. EUR 25,00
Es gibt Bücher, die sind wie gemacht als Beigabe zu einer Erkältung. Nicht,
wenn man was wirklich Ernsthaftes hat, etwas, das einem an die Knochen will,
aber der Hals ist voller Wolle, die Faser haben sich in der Nase festgesetzt
und man muß anatmen gegen sie: und das macht komische Geräusche. Die Stirn
ist dicht, und nachts fragt man öfter nach der Uhrzeit. In diesem Zustand,
in dem ein Gedanke das Hirn in trägeren Kurven nimmt, ist Handke ganz das
Gebotene. Das ist wie früher, als man Kind war und abends dann doch einen
der Großen, meist den Vater, den man wie die anderen Erwachsenen tagsüber
fern hielt von sich, zu sich ans Bett rief: erzählen. Die Geschichte war so
wichtig nicht, es war der Fluß der Worte, der einen davontragen sollte, bis
man den Schlaf erreichte.
Und jetzt Peter Handke, nur daß das Buch so dick ist, strengt die
Handgelenke an, die Hände, die es halten: und man spürt, an dieser Stelle,
den Körper konzentrierter, Knotenpunkt. Die Augen die Zeilen entlang voller
Worte, meist rühmender, über andere Dichter. Seiten und Seiten, ein
Singsang, und passend dazu (und von Handke selbst an drei Stellen zitiert,
einmal gar - da bin ich der Wortfuchser, den er sonst vorgibt -ungenau: S.
333) eine Zeile von Nicolas Born: "kleine Liedchen, summt". Sind nicht nur
klein, nicht nur Liedchen: sind Hohelieder, Preisreden, so viele, staunt
man, hat er gehalten, und man hört, lesend, zu. Oft gehen die Augen, einmal
in Gang gesetzt, weiter und weiter, während die Aufmerksamkeit
stehengeblieben ist, so viele Worte. Handke spricht die Echtzeitversion,
spricht aus, was zwischen den Schnitten geschieht, das, was im Film, unter
den Schneidetisch gefallen, nicht zu sehen ist. So viele Sätze, man muß
nicht bei jedem dabei sein, man ist trotzdem dabei, im Großen und Ganzen,
wie damals, als der Tonfall genügte, der Wortfluß und die Farben, die darin
trieben, die Namen, die Gebärden. Und einzelne Wörter, gerngebrauchte: sie
klopfen den Schädel ein klein wenig wacher, jedes Mal, wenn Handke sie
wieder benutzt. "Unerhört" ist solch ein Wort, "fruchtbar" ein weiteres. Und
"einverstanden", "fast" und "grundanders". "Zagheit" gehört noch dazu, auch
in seiner Lesart als "Zögern". Und ist das Wahrnehmen solcher Worthäufungen
nicht ein Hinweis darauf, daß man es fast überstanden hat und inzwischen nur
noch ein paar geraffte Herzschläge entfernt ist von der Genesung?
Martin
Cruz Smith Stalins Geist Deutsch von
Rainer Schmidt.
München. Bertelsmann 2007. / 365 S. EUR 19,95
Arkadi Renko: reicht nicht schon der Name? Einen Roman, in dem der Held
so heißt, als würde ein Schauer geschliffener Diamanten niederparsseln: wer
würde den nicht lesen wollen? Vor allem, wenn er irgendwann in der
Vergangenheit den Film 'Conrack' gesehen hat, von Martin Ritt im Jahr 1974
gedreht. Da bringt der weiße Lehrer Jon Voight einer Schule voller Schwarzen
in South Carolina - gegen den anfänglichen Widerstand der Bevölkerung - so
was wie Wissen bei. Und in einer Szene fragt er eine Kleine nach dem
Komponisten vom 'Hummelflug' und kriegt die jubelnde Antwort: Rinki Korsov.
Die Richtung stimmt, und für Voight klingts gut genug. Für mich auch. Rinki
Korsov. Arkadi Renko. Schönes Paar.
Arkadi fährt einen Schiguli. Schnee liegt, in den Erdlöchern sammeln
sich die Leichen, und Kindern in schwarzen Müllsäcken treiben nachts vor den
U-Bahneingängen ihr räuberisches Unwesen. "Der Winter ist Mist", sagt
Schenja, zwölf Jahre alt. Aber es gibt immer wieder auch Picknicks: ein
Tablett voll Brot, Erdbeermarmelade und Tee neben einer Matratze auf dem
Parkettboden (S. 51). Schwarzbrot, Pilze, Gurken, Wurst und Wodka im Bett
(S. 56). Eine schäumende Champagnerflasche in einem Wirbel von Pelz,
Lippenstift und rotem Haar (S. 88). Eine Erinnerung an eine Skifahrt
zwischen Birken mit Brandy, Brot, Fleisch und Käse, Gurken und Fisch und
einem verführerischen Lächeln (S. 104).
Platten mit rotem Kaviar, silbrigem Räucherfisch, Rückenspeck, Schwarzbrot
und Scheiben von abgehangenem Pferdefleisch in der kommunistischen
Parteizentrale (S. 134). Würstchen auf einer Broschüre mit dem Titel "Marx -
Häufig gestellte Fragen" (S. 134). Wodka und Bier, Würste und Brot,
Rückenspeck und Käse, während der Nieselregen fällt, und die Überreste von
zwanzig ausgegrabenen Skeletten im Untersuchungszelt von der Pathologin in
Augenschein genommen werden (S. 328).
Das, was man sieht, im heutigen Moskau, ist nicht das, was man sieht:
Polizist oder Mörder, Kriegsheld, KBW, Mafioso, Politiker: wer kann das noch
unterscheiden? Und läuft es letztendlich nicht auf dasselbe hinaus? Es gibt,
sagt ein zwergenhafter Reporter namens Ginsberg einmal, es gibt keine
Wahrheit, es gibt nur Versionen. Und welche Farbe hat die Apfelsine? Aber
das Rußland außerhalb von Moskau ist immer noch das Rußland der Lieder und
Vorstellung, voller "Schlamm, Gänse, Äpfel, die vom Pferdewagen kullern",
und die Menschen leben mit Hühnern und Katzen in einem Raum.
Arkadi Renko. Absolut Atmosphäre.
Helene
Tursten Die Tote im Keller
Aus dem Schwedischen von L. Rüegger & H. Wolandt. btb 2007. / 312 S. EUR
19,95
Redlich: das ist das Wort, das einem zuerst einfällt, wenn man diesen
Krimi liest. Diesen Roman. (Das ist die Bezeichnung, unter der die meisten
Krimis heutzutage antreten. Kaum einer bekennt sich außen noch zu dem Genre,
in dem es innen zur Sache geht. Roman: hebt das das Selbstbewußtsein der
Leser, die zumeist Leserinnen sind?) Redlich also: die Arbeit der Autorin,
ihr Umgang mit dem Thema, ihr Engagement.
Menschenhandel mal wieder, junge Mädchen, Kinder noch fast, die fern ihrer
Familien wie Sklavinnen gehalten, zu Sexdiensten gezwungen werden. Und der
Ausdruck, der in diesem Zusammenhang benutzt wird, zweimal, glaub ich, von
wegen die Kunden hätten 'Dreck am Stecken': anschaulich, oder?
Wer, wenn Kinder in der Nähe sind, nicht bei Rot über die Straße geht,
wer die Reste vom Mittagessen nochmal aufwärmt statt sie zum Klo
runterzuspülen, wer die Vorhänge zuzieht, wenn die Freundin über Nacht
bleibt, wer bei PC zuerst an politische Korrektheit denkt und über
Minderheitenwitze nicht lachen kann, wer bei Reportagen über die Mächtigen
und ihre Machenschaften empört die Faust im Fernsehsessel ballt, wer Mankell
mag und Edwardson nicht: der kanns ja mal mit der 'Toten im Keller'
versuchen.
Nava
Semel Und die Ratte lacht Aus dem
Hebräischen von Mirjam Pressler.
Mannheim. persona 2007. 220 S. EUR 22,00
Wenn das Unvorstellbare geschieht (und für ein Mädchen von fünf Jahren
ist es unvorstellbar, von den Eltern weggegeben zu werden, weil man jüdisch
ist, von bezahlten Bauern in eine Grube gesteckt zu Wurzeln, Dunkelheit,
Kälte, Angst, Hunger, unvorstellbar, vom Bauernsohn aufgerissen zu werden,
Tag um Tag, ewig, der Unterleib zerschunden, das Hirn zersprengt, nichts als
Fetzen von Gefühlen und Gedanken, verlassen im Loch, nur eine Ratte zur
Gesellschaft), wenn das Unvorstellbare geschieht, versagt das Erzählen.
Soviel Zerstörung, daß sich die Geschichte, und wenn später noch so viele
Bruchstücke ausgegraben werden aus dem Boden, aus dem Gedächtnis, aus dem
Blut, nie und niemals zusammensetzen wird. Fragmente und das
Herumexperimentieren damit: und jedesmal sieht das Bild anders aus.
Rattenloch: kein einziges Mal fällt das Wort, Überblendung aus dem
kleinen Kind und dem grauen Tier. Loch im Loch: derart zwingt der
tagtägliche Zerstörer das Kind sich zu empfinden: und aus den Buchstaben,
die davon reden, werden Samenkörner des Hasses. Das Fremdeste ist, daß der
brutale Peiniger einen Namen hat: und nur er.
Niemand sonst wird während der dauernden Qual benannt, nicht das Mädchen,
nicht die Ratte, nicht die Eltern, niemand, er aber immer wieder: Stefan.
Das brandmarkt den Namen und macht, daß man ihn nicht mehr hören kann, ohne
an das Grauen zu denken.
Würde die Ratte doch lachen: es wäre, als huschte ein Sonnestrahl unter
die Erde, aber das Lachen der Ratte ist, wie die Erschaffung der Welt, nur
eine Legende.
© 2008 Ingrid Mylo
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