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Druckstellen XXXVII
von Ingrid Mylo






Stimmen im schwarzen Gestöber

T. C. Boyle Zähne und Klauen
 Aus dem Amerikanischen von A. Grube & D. v. Gunsteren.
Hanser 2008, 318 S. EUR 19,90

Boyle regelt's über die Stimmen. Die von Ben Ober, die so kratzend aus dem Hörer kommt, daß sie sich ahört "wie chitingehärtete Krallen, die über die Wand des Hauses fuhren". Die von Cuttler Ames, die wie Zuckersirup ist, "den man in eine Echokammer gegossen hatte". Die von Caroline, die beim Übermitteln einer schlimmen Nachricht bricht, "in kleine Stücke wie bei einer Splitterfraktur". Die von Boomer, die nach elf Tagen ohne Schlaf nur noch "ein gefriergetrocknetes Flüstern und Krächzen" ist. Die von Ontario, die angesichts einer bedenklichen Lage "verknotet, pessimistisch" klingt. Die des Vertreters July Weeks, der aus dem Süden stammt und mit einem Akzent spricht, "der klirrte und quietschte, bis man kaum mehr ein Wort verstand". Die von Mrs. Rastrow, eine Altfrauenstimme, krächzend "wie Riemendollen in der Bucht im ersten Licht des Morgens". Die der Vogelfrau Junie Oolley, einmal ganz "ruhig und sachlich", dann wieder "schrill vor Erregung". Die von Robbie Baikie, die "wie ein Topfkratzer" das Ende der Liebesgeschichte mit Junie Ooley verkündet. Die des Barkeepers Lester, die sich nach dem Einwurf von Quaaludes verlangsamt "wie ein aufziehbarer Motor, der dringend neu aufgezogen werden muß". Die des Wissenschaftlers und Endzeitpropheten Dr. John Longworth, die zu einer starken Betonung der Konsonanten neigt, "bis man das Gefühl hatte, er schlage einem eine nasse Wurzel rechts und links um die Ohren". Die der drei, vier Trunkenbolde in einer Herberge, die im Voranschreiten der Nacht allmählich behäbiger klingen, "als würden sie zu Gummi verkochten Ahornsirup kauen".
    Und wenn - was nicht selten geschieht in diesen Geschichten, in denen immer auch eine Bar in Reichweite ist, an deren Tresen weitere Geschichten erzählt werden und entstehen: von Raubkatzen und Autounfällen und Asteroideneinschlägen -, wenn der Wind weht, richtig weht, ungestüm und voller Wucht, sind all diese schönen Charakterisierungen und Unterschiede dahin. Denn der Wind, wie es in der Erzählung 'Windsbraut', heißt, "riß ihm die Stimme aus dem Mund und trug sie davon,bis es keine Stimme mehr war".


Jenni Mills
Grab aus Stein
Aus dem Englischen von C.Holfelder von der Tann, A.Jakubeit, M. Längsfeld
DuMont, 512 S. EUR 19,90

Den amerikanischen und englischen Kriminalromanen kann man immer auch jede Menge Informationen entnehmen. Diesem hier: Dinge über den Bergbau. Daß ein Steinbruch auch dann nicht Mine heißt, wenn er unter der Erde liegt. Daß in dem Oolithgestein, aus dem die Stadt Bath erbaut ist, die Abdrücke von Millionen von Meereslebewesen enthalten sind. Die man Ammoniten nennt. Daß Granit, Serpentin und Basalt äußerst widerstandsfähig sind. Daß Frauen untertage Unglück bringen. Daß die Temperatur in unterirdischen Steinbrüchen beständig um neun Grad liegt. Daß Kalkstein unter der Erde alle Schattierungen von cremegelb aufweist, "wie Butter, wie Honig, wie Karamell", während oberirdisch verwittert und sich gräulich färbt. Daß Kalkstein im Boden die sogenannte Bergfeuchte aufsaugt und daher voller Wasser und "weich wie Käse" ist. Daß die Männer, die ihn zu Quadern formten, Freimaurer hießen.
    Und neben den Steinen und einem Goldfisch, der eines kalten Novembertags bei einer Evakuierung in einem Eimer Wasser vergessen im Freien zurückbleibt und vereist, kommen immer wieder Schwänze zur Sprache: der von Katies Vater, der aus dem Schlitz seiner Schlafanzughose rausguckt "wie eine Rindswurst" und mit einem "Augendings am Ende", das sie anschaut. (Woraus ihre Freundin Trish folgert, daß sein Ding oben gewesen sein muß, wenn sie das Auge gesehen hat, das, wäre sein Ding unten gewesen, auf den Boden gezeigt hätte.
Wogegen ihre Freundin Poppy einwendet, daß, wäre sein Ding tatsächlich oben, das Auge zur Decke gezeigt haben müßte. Folgt man der Argumentation der Freundinnen, legt das eine äußerst beunruhigende Richtung des Dings von Katies Vater in Bezug auf seiner dreizehnjährigen Tochter nahe). Oder der des Phantoms des Kamera-Mannes, der in Katies Vorstellung als "langer weißer Wurm mit einem blinden Triefauge" aus dem "Hosenladen" herausgefingert wird. Dann der Penis der Kleinen Bartfledermaus, der länger und dünner ist als der keulenförmige der Brandtfledermaus und deshalb als Unterscheidungsmerkmal dient. Und schließlich "der kleine Schwitzefinger" in der Hose des schmierigen, von den Bergleuten als Saftsack bezeichneten Archäologen Dickon.
    Steine und Schwänze. Was Sinn ergibt: schließlich sehen die Ammoniten, diese Versteinerungen "mit ihren perfekt gerundeten Schalen wie Schlangen mit dem Schwanz im Maul" aus.


Marguerite Duras
Hefte aus Kriegszeiten
Aus dem Französischen von Anne Weber.
Suhrkamp, 397 S. EUR 24,80


Der rote Mund in dem frühreifen Kindergesicht auf dem Cover, rot und prall und glänzend, Kirschsüße, sinnliche Schwellung. Lockung und Lächeln, und doch: als Léos Lippen sich feuchtkühl darauf legen, ist Marguerites Abscheu "wahrhaft unbeschreiblich", und sie spuckt. Spuckt ins Taschentuch, spuckt ohne Unterlaß, "die ganze Nacht und den nächsten Tag" spuckt sie, und jedesmal, wenn sie daran zurückdenkt, spuckt sie wieder.
     Dieser prallrote Kindermund: und die Prügel, die Marguerite von der Mutter bezieht, die Schläge, die Ohrfeigen, und "immer", schreibt Duras, war sie "einverstanden mit den Gründen". Und als sie vierzehn ist und ihr älterer Bruder zurück aus Frankreich, drischt auch der auf sie ein, die Fetzen fliegen, die Fäuste, Beleidigungen, "Scheißding", dreckige Fotze", und mit den Worten "meine Trauer ist groß", grämt Duras sich darüber, daß sie sich nicht erinnern kann an all seine Schimpfworte.
    Der volle, rote Mund: und im Paris der Besatzungszeit peinigt Duras als Théodora mit einer Handvoll Männer aus einem nackten Gefangenen ein Geständnis heraus, "er hat ein altes Glied und faltige Hoden" und wird verdächtigt, ein Denunziant zu sein im Dienste der Deutschen. Und Théodora brüllt und schlägt zu, und "fester!", schreit sie, schweißgebadet, voller Vergnügen, während Blut fließt und Beschimpfungen niederprasseln, die ihr guttun, für die sie "empfänglich ist", sehr.
    Tiefroter Mund: und es gibt zwei Stellen im Buch, da scheint er sich zu spiegeln wie Ampellicht im regennassen Pflaster, auch wenn da gar nicht von ihm die Rede ist sondern von Blumen. Von dem Augenblick, wenn die Liebe stirbt: und genau dann "wächst im Bauch diese Blume". Und, hunderzwanzig Seiten zuvor, die zarten Haut zwischen Hüfte und Rippe, unter der sich empfindliche Organe verbergen, auch dort ist "eine Blume gewachsen. Die mich umbringt." Und der Mund, rot, lächelt sein Einverständnis.


Sibylle Berg Die Fahrt
Kiepenheuer & Witsch
346 S. EUR 19,90

Das Wort Trikotage fällt oft und das Wort Traurigkeit, das hat jedoch nicht unbedingt was zu tun miteinander. Einsamkeit ist noch da und Angst und in der ganzen Welt Kakerlaken, aber auch James Stewart: der tröstet die Frauen in Tel Aiv, in Berlin. Und wenn Schwalben in der Nähe sind, fühlen sich die Menschen - die Pia heißen, Peter, Frank, Ruth, Helena und Miki, und unterwegs sind, um zu sich selbst zu finden, und dann verlieren sie, wie Helena bei den Kirgisen, einen Teil von sich oder, wie Peter in Hongkong, die Angetraute an einen nudelessenden Chinesen, und dann gibt es Augenblicke in ihrem Leben, da wäre das Sterben für sie ganz in Ordnung: sei es durch die Panzerfäuste der Karen in Myanmar, durch einen Schlangnbiss in Creporiso am Amazonas, durch Selbstmord in einem Kibbuz in Neot-Smadar oder um der tödlichen Langeweile während einer Wagneroper in Bayreuth zu entkommen -, aber, wie gesagt, es müssen nur Schwalben in der Nähe sein, und die Menschen fühlen sich nahe am Glück. In diesem Moment kommt der Tod, hin und wieder.
    Schön ist das alles zu lesen, dieses geraffte Weltbild in 79 Kapiteln, weise Sätze und Schnabelhiebe, auch wohlfeile Anwürfe, denen man unbedingt zustimmt, und manchmal fordert was zu kurz Gedachtes zum Widerspruch heraus: man kann sich mit der Berg gut unterhalten.
    Aber dann dieses sture Schriftbild, zu dicht, zu klein, zu schwarz, ein Buchstabengestöber nach dem Fall, wenn schon wieder Stillstand herrscht, nachdem man die Kugel hingestellt hat und sich abgewendet.    
Und ganz große Scheiße ist der Satzspiegel, er reicht zu dicht an die Innenränder: man muß das Buch aufreißen bis zum Äußersten, muß ihm Gewalt antun: der Rücken bricht, so weit muß man die Seiten spreizen. Und dafür kauft sich keiner ein gebundenes Buch, oder?
    Ah, und noch was: man lernt was aus der "Fahrt". Daß Reykjavík 14.000 Einwohner hat, beispielsweise. Steht zweimal da, macht zusammengezählt 28.000. Fehlen zu den tatsächlichen 117.000 immer noch ein paar, Dichtung und Wahrheit, man kann nicht immer alles haben. Anders als Ruth: die hat im fernsehlosen Zimmer eines gelben Hotels in Neu-Ulm "den Fernseher laufen". Warum geht man nicht einfach generös und schweigend über dergleichen hinweg? Es muß an diesem Fliegenschiß-Druck liegen, der was Kleingeistiges hat und bewirkt, verdient hat der Roma diese Krittelei nicht. Genausowenig wie den Druck.

© 2008  Ingrid Mylo
                                                                       

 


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