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Glanz&Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

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Die menschliche Komödie als work in progress

Ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren
mit 176 Seiten, die es in sich haben.

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Die Sehnsucht
nach der Revolte

Kritik der affirmativen Vernunft in 30 Paragraphen

»Der Mensch ist Nacht, dies leere Nichts. Diese Nacht erblickt man, wenn man dem Menschen ins Auge blickt — in eine Nacht hinein, die furchtbar wird.« (G.W.F. Hegel, Jenaer Systementwürfe 1805)

                                  »… and I like it all« (David Bowie, Rebel Rebel)

Von Jürgen Nielsen-Sikora
(Text als pdf-Datei)

§1. Rebellionen sind der Blinddarm im Organismus der Gesellschaft. Der kommende Aufstand ist transgressiv; eine Fußnote in den Geschichtsbüchern der Oberstufe. 

§2. Das System ist alles. Der Mensch ist nichts. Es lebe die beschränkte Ökonomie!

§3. Vom Spartakusaufstand zum Aufstand der Massen: Rebellionen gehören zur politischen Strategie polymerer Sozialsysteme. — Strukturwandel, Implosion? Nein, nur erloschene Brandherde.

§4. Rebellion? Willige ein in das tödliche Spiel der Systeme: Werde schizophrener, depressiver, atomisierter! Werde hysterischer, leerer, müder, amputierter! Werde prophetischer und prothetischer! Werde behinderter, pathologischer, asozialer! Werde utopischer, gigantomanischer! Werde manisch-motiviert! Werde zum Gott der Motivation! Werde folgsamer, lauter, neurotischer und mediokrer! Werde deutscher, biometrischer, ironischer, zynischer! Werde zum Don Quijote der Rebellion! Werde ohnmächtig, brauch- und unfehlbar!

§5. Gegen wen willst Du rebellieren? Gegen die organisierte Unverantwortlichkeit? Gegen „vulgarisierte Pseudofeste, Parodien des Dialogs und der Gabe“? Gegen „kompensierte Enttäuschung“? (Debord) Gegen eine Epoche ohne Inhalte? — Die Losung lautet: Counterinsurgency des Ich: Rebelliere gegen die Rebellion; rebelliere gegen Dich selbst!

§6. Rebellion als Ruhestörung? Das Leben ist Ruhestörung und permanente Kakophonie. Berufe Dich auf Deine jüdisch-christliche Tradition; betreibe Guerilla-Marketing bis zur Selbstaufgabe!

§7. Rebellion gegen den Ruin der Freizeit und des Familienlebens? Gegen die Tatsache, dass der Mensch alles dem  großen Spektakel der Leistungsgesellschaft unterordnet? Rebellion ist Spektakel und Polyfokalität!

§8. Unterschreib, sei begeistert! Erstelle ein Ranking der Rebellionen. Werde zum CEO des kommenden Aufstands! Entwirf ein Plakat mit der Aufschrift: Der Mensch ist Nacht, dies leere Nichts. Diese Nacht erblickt man, wenn man dem Menschen ins Auge blickt — in eine Nacht hinein, die furchtbar wird. (Hegel aus den Jenaer Systementwürfen 1805)

§9. Rebellion gegen die Krieger der Geschwindigkeit, die Sklaven von Tempo, Trends und Terminen? Gegen ein Deepwater Horizon in unseren Köpfen? Gegen das Leiden am Phantomschmerz des Politischen; gegen das Leiden an der Politik des Phantomschmerzes?

§10. Rebellion gegen die permanente Suche der passenden Rolle, in der Du scheitern kannst, weil Du scheitern sollst. Finde Dich ein!

§11. Teaching Disaster: Denen, die aufgehört haben, sich selbst zu befragen. Denen, die stillschweigend ihr nicht weiter begründetes Dasein hinnehmen. Frage, was sie der Aufstand interessiert. Sie selber sind permanente Rebellion.

§12. Rebellion ist Antithese; der verpuffende Normalfall in gesättigten Systemen. Werde zum Über-Ich, zur Vuvuzela der totalen Rebellion! Werde zum Innenminister des Pflichtbewusstseins!

§13. Rebellion ist die Beruhigungspille der Moralisten, die gegen die Willkürlichkeit der politischen Axiome klagen wie Faust über die eigene Endlichkeit; die gegen die Aufopferung für  den Mehrgewinn anschreien, den die Gesellschaft aus ihrer Arbeit, das heißt: ihrem Leiden, zieht.

§14. Rebellion gegen die Kapitalisierung der Angst? Werde Deine eigene Überwachungskamera. Denunziere, bespitzle! Werde Dein eigenes Swift-Abkommen! Entblöße Dich vor den Augen der Kontrollgesellschaften und zensiere Dich selbst!

§15. Rebellion gegen die Tatsache, dass alles Verdrängte wiederkehrt? Dagegen, dass wir  noch immer für Impulse bestraft werden, „die längst beherrscht, für Taten, die längst wiedergutgemacht sind“? (Marcuse).

§16. Virulenz der Rebellion: Die Hölle ist überall. Permanente Expansion des Hässlichen. Das Reich des Urvaters ist zum Herrschaftsbereich der Gesellschaft mutiert, in dem das vollkommen rationalisierte Schuldgefühl überwältigend wirkt: Herzlich Willkommen in der vollauf verwalteten Welt, der endgültigen Inkarnation der Urschuld durch ein Konglomerat aus Institutionen und Gesetzen, gegen die sich aufzulehnen nun dem Verrat an der Menschheit als solche gleichkommt. Willkommen in der Warteschlange des kommenden Aufstands. Stell Dich hinten an!

§17. Lang lebe die Katastrophe! Siege über alles Rebellische! Der Mensch ist dazu verdammt, die traumatischen Ereignisse der Gesellschaft zu wiederholen. Der Einzelne erlebt das Schicksal der ganzen Menschheit, und die Vergangenheit bestimmt unbewusst unsere Gegenwart, weil die Geschichte nicht gemeistert worden ist: „Die Ereignisse und Erlebnisse“, so Marcuse in Eros and Civilisation, „die das verdrängte Material wieder erwecken können … finden sich, auf der gesellschaftlichen Ebene, in den Einrichtungen und Ideologien, denen der Einzelne täglich begegnet und die ihrer Struktur selbst nach sowohl die Herrschaft, wie auch den Impuls, sie zu stürzen, wiederholen (d.h. in der Familie, in der Schule, in Werkstatt und Büro, im Staat, im Gesetz, in der herrschenden Weltanschauung und Moral).“ Institutionen und Autoritäten der Gegenwart ersetzen jene der Geschichte, multiplizieren sie und führen ihre Rolle fort, während sich zugleich Verbote und Hemmungen parallel zu aggressiven Impulsen der Gesellschaft ausbreiten — die Gegenwart als ewiges Steigerungsspiel unbewältigter Vergangenheit. Mach mit, sei dabei! Das ist alles.

§18. Ekstase der Rebellion. Der kommende Aufstand als Gang-Bang der Krankheit ist der Aufstand gegen die Krankheiten, die der Prozess der Moderne mit sich gebracht hat. Byung-Chul Han hat in der Müdigkeitsgesellschaft eindringlich analysiert, dass Depression, Minder­wertig­keitskomplexe, ADHS, Burn-out und andere Krankheiten nur die Symptome einer aufopferungsvollen Gesellschaft sind, die noch immer versucht, ihre eigene Kindheit zu verleugnen und dadurch sich selbst daran hindert, erwachsen zu werden. Mit dramatischen Auswirkungen. Denn die Infantilität der Menschen in der Konsumwelt beschränkt die Möglichkeiten unseres Handelns und stützt letztlich so die These, es gäbe keine Alternative zu dem von der Moderne eingeschlagenen Weg. Aber die Auflösung, besser: die Verweigerung konkreten, kommunikativen Handelns führt in der Konsequenz bloß zu einer Neuauflage des ausgebliebenen Dialogs im Lärm der Warenwelt, „der illusorischen Repräsentation des Nicht-Erlebten“ (Debord). Nota bene: Die Kirche hat deshalb so viele Austritte zu verzeichnen, weil sie das Monopol zur Definition des Opferstatus verloren und an die Ökonomie abgegeben hat. Schulden werden angehäuft. Die Sünder sind zu Schuldnern geworden. Menschen waren beide nicht. Auch Du sollst keiner werden!

§19. Die Hölle, das sind nicht die Anderen. Die Hölle, das bist Du: Der Eyjafjallajökull der schlechten Propaganda.

§20. Die Rebellion ist tot ohne es zu wissen. Auf dem Friedhof der guten Absichten sind die Gräber namenlos.

§21. Rebellion gegen den Aufstand der Anständigen? Gegen den Staat als Kapitalgesellschaft!? Werde Finanzmanager Deiner eigenen Gier!

§22. Rebellion ist eine Ware. Werde autoritärer, disziplinierter und gehorsamer!

§23. Rebellion ist die Repräsentation der Demokratie; selbstreferentiell und so dirnenhaft wie eine Daten-CD Schweizer Banken.

§24. Rebellion ist Rebellion ist Rebellion — und umgekehrt.

§25. Rebellion der Denksysteme? Vernunftkritik, Kommunikationsgemeinschaft, Metanoia? Übrig bleibt eine Gegenwart ohne Nuancen; übrig bleiben die psychosomatischen Erkrankungen der Aufgeklärten, bleibt die unbändige Opferbereitschaft der Angestellten, die als Leistung fehlinterpretiert die westliche Gesellschaft in Bann hält: Wettkampf der Aufopferung und freiwilligen Selbstun­terdrückung. Das ist die wahre Rebellion.

§26. Die Rebellion kommt nach der Orgie, nach der Katastrophe, nach der Sintflut. Rebellion! Nach der Konferenz, dem Amoklauf, dem Terroranschlag! Werde krimineller, werde zum Andreas Pum des 21. Jahrhunderts, zum 1-Euro-Jobber des kommenden Aufstands, zum Castor-Behälter des Widerstands!

§27. Keine Proteste, keine Demos, keine Rebellionen mehr. Nicht in Stuttgart, nicht in Köln, nicht in Duisburg, nicht im Wendland! Der kommende Aufstand hat Zeit. Bleib sitzen, wo Du bist und lass Deinen Schatten wandern!

§28. Spende anonym den Rebellen. Pass Dich den Herrschaftsverhältnissen an: Der Rebellion des Fleisches gegen die Macht (Helmut Kohl); der Rebellion der Impertinenz gegen die Emanzipation (Kristina Schröder); der Rebellion des Verstandes gegen sich selbst (Henryk M. Broder). 

§29. Rebelliere nur gegen die Religion, die Du nicht kennst! Rebellion ist Zwangsheirat des falschen Bewusstseins mit sich selbst. Rebellion ist der cum-shot des Dogmatikers.

§30. Du musst Dein Leben nicht ändern. Bleib so, wie Du bist. Du darfst. Werde zum Betriebsrat der Tradition und Folklore. Es kommt nur darauf an, nichts verändern zu wollen!
 

Unsichtbares Komitee
Der kommende Aufstand
Original: L’insurrection qui vient,
La fabrique éditions
Aus dem Französischen übersetzt von Elmar Schmeda
Edition Nautilus
Deutsche Erstausgabe
Broschur, 128 Seiten
€ (D) 9,90, € (A) 10,20 / sFr 17,50
ISBN 978-3-89401-732-3


Die Grenze des Nützlichen
»Jeder Mensch wird eines Tages einstehen müssen, dass nützliche Verhaltensweisen an sich überhaupt keinen Wert haben, dass einzig und allein das gloriose Verhalten dem Leben Licht verleiht, um die eigenen Umtriebe zu enfalten.«

Georges Bataille
Die Aufhebung der Ökonomie
Batterien 22
Aus dem Französischen von Traugott König, Heinz Abosch und Gerd Bergfleth
Matthes & Seitz Berlin
338 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-88221-225-9, € 29,00

Die Hölle sind immer die Anderen
Guido Rohm Über Georges Batailles »Es ist an der Zeit, Bataille neu und vollständig zu entdecken. Man verlässt seine Textkuren ein Stück weit nackter...«

Georges Bataille
Henker und Opfer
Vorwort von André Masson
Matthes & Seitz Berlin
96 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-88221-726-1, € 10,00

Trotzdem - Pourtant
Während Jean-Paul Sartre eine gesellschaftliche Revolte, die im historischen Ziel des Kommunismus gipfeln sollte, präferierte, war für Camus die Revolte ein permanenter Prozeß, der nie zu einem letzlichen Ziel würde führen können. Im ewigen wieder & wieder Aufstehen bleibt dem absurden Menschen nur sein höhnisches »Trotzdem« als Schlachtruf.

Albert Camus - Der Mensch in der Revolte
rororo - Taschenbuch, 352 Seiten, 9,95 €
978-3-499-22193-4

Ein Buch wie eine Waffe
Kein anderer deutscher Autor hat seinen Zorn über die kaputten Verhältnisse in den Großstädten der frühen 70er Jahre so radikal artikuliert und damit ästhetisch wie inhaltlich einen zentralen Nerv seiner Zeit getroffen, wie R. D. Brinkmann. Man müßte »Rom, Blicke« und seine »Erkundungen« ins Französische übersetzten und den kids in den banlieues dort schenken, damit sie sehen, daß ihr Zorn eine Geschichte hat, die über ihren Horizont hinausreicht. HD

Rolf Dieter Brinkmann
Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand:
Träume. Aufstände. Gewalt. Morde
REISE - ZEIT - MAGAZIN. Die Story ist schnell erzählt
rororo
Taschenbuch, 416 S., 19,00 €
978-3-499-25169-6

 

 



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