Home

Termine     Autoren     Literatur     Krimi     Quellen     Politik     Geschichte     Philosophie     Zeitkritik     Sachbuch     Bilderbuch     Filme





Glanz&Elend
Literatur und Zeitkritik


Anzeige

Glanz&Elend
Ein großformatiger Broschurband
in einer limitierten Auflage von 1.000 Ex.
mit 176 Seiten, die es in sich haben.

Ohne Versandkosten bestellen!
 



Zwei Zwerge und andere Exoten

Thomas Hettches Roman »Pfaueninsel«

Von Sigrid Lüdke-Haertel




 

Darauf muss man erstmal kommen. Ein Stück deutscher, preußischer Geschichte und ein Personal aus dem Hochadel, das keine Wünsche offen lässt.  2006 war Thomas Hettche mit seinem Roman »Woraus wir gemacht sind« ganz knapp, wie es die Verantwortlichen verraten haben, am Deutschen Buchpreis vorbeigeschlittert. Jetzt, mit seiner »Pfaueninsel«, könnte es klappen. Sollte es mit rechten Dingen zugehen, dann dürfte ihm nur Lutz Sailers »Kruso« noch im Weg stehen. Auf jeden Fall: sein neuer Roman ist ein Meisterstück.
Die »Pfaueninsel« ist eine kleine Insel zwischen Berlin und Potsdam, mitten in der Havel.  »Hier vermischen sich Vergangenheit und Zukunft … auf besondere Weise.« Friedrich Wilhelm II. baute dort 1794 für seine Mätresse, Gräfin Lichtenau, ein Schlösschen, ganz aus Holz. Doch schon nach drei Jahren stirbt der König, und nun verbringen sein Sohn und dessen berühmt schöne Frau Luise den Sommer auf der Insel. Die Königin spielt mit ihren Kindern ein aus England importiertes Spiel, als der Ball plötzlich im Dickicht verschwindet. »Die junge Königin stand einen Moment lang einfach da und wartete, daß ihre Augen sich an das Halbdunkel des Waldes gewöhnten.« Dann erblickt sie plötzlich Christian und erschrocken über sein Aussehen, »seine breite, irgendwie eingesunkene, tierhafte Nase. Die mächtig gewölbte Stirn … Dazu kurze, irgendwie maulwurfshafte Hände, die neben dem gedrungenen Leib pendelten«,  schreit sie laut auf: »Monster!«  Dieses Wort wird Christian nie vergessen, und es wird Maries Kindheit zerstören.
Die beiden Zwerge, Christian und seine Schwester Marie, aus deren Perspektive meist erzählt wird, kommen als Waisen, sie sechs, er zehn, auf die Insel. Sie wird Schlossfräulein, und beide werden, trotz ihres Zwergenwuchses, auf der Insel geschätzt und fast schon liebevoll aufgezogen. Dennoch bleiben sie Exoten, eine Art Ausstellungsstücke, mit denen man sich damals gerne umgab. Es gibt noch mehr davon, einen Neger, einen Riesen, einen Südseeinsulaner und eine riesige Menagerie von exotischen Tieren, Kängurus, Affen, Lamas, sogar einen Löwen und einen Bären. Die meisten dieser Tiere sterben jämmerlich schon bald nach ihrer Ankunft. Der Landschaftsarchitekt Lenné schafft einen, wie Hettche deutlich moniert, künstlich streng gehaltenen Garten. Die Natur wird umgestaltet, beschnitten und geordnet. Kein Wunder, dass Lenné Marie ein »Krüppelgeschöpf« nennt und sie hasst, denn sie zerstört durch ihre Hässlichkeit »die Schönheit seines Gartens«. Marie, die Hauptfigur und Heldin verliebt sich in Gustav, den Neffen des Gärtners, der auch an ihr Gefallen findet. Natürlich ist eine Heirat völlig ausgeschlossen. Dass sie, diese Zwergin, solche Hoffnungen hegt, findet man undankbar.
Das Leben auf dieser Insel verläuft scheinbar abgeschieden und beschaulich. Der Berliner Alltag scheint weit entfernt. Doch mangelt es keineswegs an dramatischen Ereignissen. Die exotische Umgebung, eine exzessive Erotik, Sex in allerlei Varianten, das erzeugt Spannungen und Konflikte. Marie und Christian haben ein inzestuöses Verhältnis. Gustav fühlt sich  auch noch zu Christian hingezogen. Später wird der Zwerg, der sich bei einem Fest der Mätresse des Königs obszön genähert hat, auf brutale Weise getötet. Marie bekommt von Gustav ein Kind. Es wird ihr weggenommen. Über diesen Verlust kommt sie nie hinweg. Seitdem  ist Marie innerlich abgestorben, sie »hat keine Tränen mehr«. Doch bleibt sie noch Jahrzehnte auf der Insel. Sie führt Besucher herum. »Alle Menschen, die ihr einmal etwas bedeutet hatten«, sind verschwunden. Als alte Frau macht sie sich einmal, mit Schiff und Eisenbahn auf den Weg nach Berlin, in der Hoffnung, einen Zipfel Glücks der neuen Zeit zu erhaschen. Aber auch dieser Ausflug endet tragisch.
Thomas Hettche hat mit diesem historischen Stoff einen großen gegenwärtigen Roman geschrieben. Er hat den Sieg der Moderne über die Natur beschrieben – und die Kosten, die dafür zu zahlen sind: »Wir sagen die Zeit vergeht, dabei sind wir es.«

Artikel online seit 05.11.14

Wir danken dem Strandgut - Das Kulturmagazin für Frankfurt & Rhein-Main
 

Thomas Hettche
Pfaueninsel
Roman
Kiepenheuer & Witsch, 2014
350 Seiten
19,99 €

 


Glanz & Elend
- Magazin für Literatur und Zeitkritik
Home   Termine   Literatur   Blutige Ernte   Sachbuch   Politik   Geschichte   Philosophie   Zeitkritik   Bilderbuch   Comics   Filme   Preisrätsel   Das Beste