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Historikerstreit reloaded? Es ist gewiss nur Zufall, dass auf den Tag 25 Jahre nach Erscheinen von Jürgen Habermas' Essay »Eine Art Schadensabwicklung« in der ZEIT Timothy Snyders Buch »Bloodlands« auf deutsch erscheint. Zur Erinnerung: Die innerdeutsche Debatte des Sommers 1986 war geprägt von Habermas' Kritik an den Kollegen Michael Stürmer, Andreas Hillgruber und Ernst Nolte. Ihnen hielt er eine Verzerrung der historischen und politischen Vergangenheit vor, weil sie die Exklusivität des nazistischen Terrors in den Vernichtungslagern infrage stellten und einer Relativierung des Massenmords an den europäischen Juden zuarbeiteten. Darin sah Habermas »apologetische Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung« aufscheinen. Sein Eingriff war, so Robert C. Holub später, »ein entschlossener Versuch, die universalistischen Grundlagen der alten Bundesrepublik zu verteidigen.« Streng genommen hätte Habermas vor einem Vierteljahrhundert auch die 1975 verstorbene Denkerin Hannah Arendt in seine Kritik miteinbeziehen können. Denn bereits 1951 unterzog sie Hitler und Stalin in ihrem Totalitarismusbuch einem Vergleich und beschrieb beide als »Ideologen allerersten Ranges, die allen mit ihnen konkurrierenden nichttotalitären Ideologen völkischer oder kommunistischer Gesinnung weit überlegen waren.« Die Originalität der beiden Diktatoren habe darin bestanden, »daß sie ideologische Aussagen buchstäblich ernst nahmen und dadurch in Konsequenzen jagten, von denen sich der gesunde Menschenverstand … nichts hätte träumen lassen.« Mache man damit Ernst, so Arendt weiter, »daß im Kampf der Klassen es immer absterbende Klassen geben muß, so folgt daraus, daß man immer neue Gruppen der Gesellschaft ausrotten muß. Macht man damit Ernst, daß es im Leben der Völker ebenso wie im Leben der Natur Parasiten gibt, so folgt daraus, daß man mit ihnen so umspringen darf, wie mit Wanzen und Läusen, die man bekanntlich mit Giftgas ausrottet.« Waren das also »Parallele Leben« zweier Barbaren, wie es der Untertitel von Alan Bullocks 1991 erschienenen Studie zu Hitler und Stalin suggeriert? Oder ging es doch eher um ein »Schlachtfeld der Diktatoren«, wie Dietrich Beyrau vor gut zehn Jahren behauptete? Timothy Snyder greift die Diskussion in seinem Buch mit dem ein wenig manierierten Titel »Bloodlands« erneut auf und verlagert zugleich den Blickwinkel: »NS- und Stalin-Regime müssen verglichen werden, weniger, um das eine oder das andere zu verstehen, sondern um unser Zeitalter und uns selbst zu verstehen.« Das bedeute zu verstehen, »was im Holocaust und in den Bloodlands allgemein geschah.« Zu den »Bloodlands« zählt Snyder den wesentlichen Teil Polens in den Grenzen von heute, die baltischen Staaten, Weißrussland und die Ukraine sowie den Westrand Russlands, sprich das Gebiet von Sankt Petersburg bis Odessa und von Posen bis Kursk. In Anbetracht der Gräuel in diesem Gebiet sei, so wirft er gegen Arendt ein, »Europas Epoche des Massenmords übertheoretisiert und missverstanden«. Denn allein derjenige, der bereit sei, die Ähnlichkeiten zwischen beiden Diktaturen anzuerkennen, könne auch ihre Differenzen verstehen. Und nur das Zusammenspiel von Nazismus und Stalinismus habe für das Elend und den Tod von etlichen Millionen Menschen, in der Hauptsache Zivilisten, in den »Bloodlands« gesorgt. Eine Interaktion beider menschenverachtender Systeme und der kriegerische Zusammenstoß der deutschen und sowjetischen Gesellschaft sei maßgeblich verantwortlich für die Barbarei und den Vernichtungswahn, der bereits Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt hat.
Snyder präsentiert dem
Leser auf rund 500 Seiten auf profunder Quellenlage einen gut recherchierten
Bericht über die Verbrechen Hitlers und Stalins im Zeitraum zwischen 1933 und
1945 in Europa und der Welt. Wir lesen noch einmal über die Aktionen von NKWD
und SS, über den Hunger in der Ukraine und die Massaker an der polnischen
Bevölkerung. Snyder stellt den Antisemitismus beider Systeme vor, rekapituliert
die Gewalt an Kindern und Säuglingen, den Großer Terror 1937/38, den Generalplan
Ost und die Ausweglosigkeit im Warschauer Ghetto. »Bloodlands« ist ein Bericht
über die Todesfabriken und Massengräber, den Hitler-Stalin-Pakt, und ebenso über
die Verbrechen der Soldaten und der Einsatzgruppen im Osten Europas. Snyder
schreibt über Häutungen, Erschießungen, Vergewaltigungen, Verbrennungen,
Vernichtungen und Vergasungen; über Kannibalismus und das Blut, die Exkremente,
die schwarzen Gesichter, das Urin der ineinander verkeilten Leichen in den
Gaskammern, die Desinfektionen für die nächste Gruppe von Juden, die nicht
wissen soll, dass nichts als ein grausamer Tod auf sie wartet. Es ist ein Buch
über das immer noch kaum Verstehbare, über Treblinka, Auschwitz und Babi Jar.
Nicht zuletzt bietet Snyder eine gut geschriebene Zusammenschau jahrzehntelanger
Forschungen zu den Geschehnissen zwischen 1933 und 1945, die in einer neuen
europäischen Erinnerungskultur münden soll. Stefan Troebst hat bereits nach
Erscheinen der englischen Originalausgabe diesbezüglich moniert, der damit
einhergehende Anspruch geschichtswissenschaftlicher Innovation müsse relativiert
werden. Der Leipziger Historiker verlangt zu Recht ein wenig mehr »Respekt
gegenüber dem vorgefundenen Stand der internationalen Forschung«, auf dem
Snyders Buch basiert. Das schmälert den Stellenwert von »Bloodlands« nicht,
erdet das Buch allerdings genau dort, wo es notwendig scheint. Denn eine Debatte
wie 1986 wird das Buch kaum auslösen, weil es der Erforschung Europas zwischen
Hitler und Stalin nichts wesentlich Neues hinzufügt und deshalb seine
theoretische Rahmung mitunter ein wenig strapaziert. |
Timothy Snyder
Orlando Figes |
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