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Bücher & Themen Artikel online seit 22.01.13 |
Wie Richard Yates den Weg
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»Dies ist das Rätsel um Richard Yates: Wie kann ein Autor, der bei seinen Kollegen derart anerkannt und sogar geliebt war, ein Autor, der fähig ist, seine Leser so tief zu bewegen, praktisch vergriffen sein, und das in so kurzer Zeit? Wie ist es möglich, dass ein Autor, dessen Arbeiten die Verlorenheit des Zeitalters der Angst veranschaulichen, genauso treffend wie die Arbeiten von Fitzgerald es mit dem Jazz-Zeitalter getan haben, ein Autor, der Ikonen der amerikanischen Literatur wie Raymond Carver und Andre Dubus beeinflusst hat, ein Autor, der in seiner Prosa und der Wahl seiner Charaktere so gerade und direkt ist – wie kann es sein, dass ein solcher Autor jetzt nur noch über Sonderbestellungen oder am staubigen hinteren Ende im Erdgeschoss der Antiquariate, wo die Belletristik-Abteilung sich versteckt, gefunden werden kann?« Richard Yates war Zeit seines Lebens zwar ein geachteter und gewiss nicht gänzlich vergessener Autor, jedoch galt er vielen als der typischer writers writer – also als ein Autor, der zwar von Kollegen geschätzt und bewundert wird, dem jedoch die sonstige, breite Leserschaft fehlt. Sein heutiger Stellenwert hingegen wurde ihm erst posthum zuteil. Gewissermaßen dem Dornröschenschlaf entrissen wurde sein Werk durch den Artikel »Die verlorene Welt des Richard Yates. Wie der große Schriftsteller des Zeitalters der Angst aus dem Buchhandel verschwand« des amerikanischen Schriftstellers Stewart O’Nan, dem auch das obige Zitat entlehnt ist. Zunächst 1999 in der Boston Review veröffentlicht (und dankenswerterweise auch 2004 auf Deutsch in der Zeitschrift »Krachkultur« erschienen) folgte dem Essay eine neue Yates-Rezeption, die rasch auch Deutschland erreichte. Hierzulande widmet sich die Deutsche Verlags-Anstalt seit nunmehr zehn Jahren der allmählichen Publikation des Yates’schen Gesamtwerks. Jüngst erschienen sind in diesem Unterfangen die beiden Romane »Ruhestörung« und »Eine gute Schule« sowie, im Vorfeld des 20. Todestages Yates’ am 7. November 2012, die erste deutschsprachige Biografie: »Der fatale Glaube an das Glück« von Rainer Moritz.
Die realhistorische Ebene hinter diesen fiktionalen Schicksalen legt schließlich Rainer Moritz offen. Richard Yates’ Leben selbst reiht sich nahtlos in die Heimsuchungen seiner Figuren, problemlos könnte auch er eine Figur in einer Yates-Geschichte darstellen. Trotz des Debüt-Erfolges von »Zeiten des Aufruhrs« brachte er es zu Lebzeiten nie zu dem gewünschten Erfolg und blieb ein Suchender – was nicht zuletzt auch seinen persönlichen Eskapaden geschuldet war: Er trank exzessiv wie sein John Wilder und durchlebte selbst infolgedessen mehrere Klinikaufenthalte, ruinierte sich durch das Kettenrauchen die Gesundheit, lebte in zwei Wheeler-gleichen Ehen und war als Kind Schüler an einer Akademie, die der »guten Schule« Dorset frappierend gleicht. Diesen Parallelen zwischen Realität und Fiktion geschuldet, geht auch Moritz, der seit 2005 das Hamburger Literaturhaus leitet, seine Biografie sehr werkorientiert an. Durch die ausgiebigen Hinweise auf Stellen im Werk Yates’ macht er die realen Ereignisse hinter den Figuren Stück für Stück sichtbar und zeigt, »dass sich Yates in all seinen Werken an den Widrigkeiten seiner Existenz abarbeitete«. Zwar dürfen die Romane nicht als rein autobiografische Bekenntnisschriften gelesen werden, doch Moritz’ kluge und kenntnisreiche Analyse weist auf die erstaunlichen Gemeinsamkeiten hin. Er arbeitet ein genialistisches janusköpfiges Doppelwesen im Jekyll-Hyde-Stil heraus: hier der geniale Schriftsteller, dort der autodestruktive und zu Aggressionen neigende Trinker. Nicht nur für seine Figuren, auch für Yates selbst gab es »einfach keinen Frieden auf der Welt, keine Schönheit, keine Luft zum Atmen, gar nichts«, wie es in »Eine gute Schule« heißt. Mittlerweile ist Richard Yates’ Bedeutung als Protokollant des »Zeitalters der Angst« bekannt. Für seine Bücher könnte wohl kaum ein Motto treffender sein, als das Diktum F. Scott Fitzgeralds, das Yates seinem Roman »Eine gute Schule« vorangestellt hat: »Rück mit dem Stuhl heran / Bis an den Rand des Abgrunds / Dann erzähle ich dir eine Geschichte.« Sein von einem ebenso bedrohlich-unausweichlichen wie beeindruckenden Fatalismus getragenes Werk wird bleiben – im Buchhandel wie auch im Bewusstsein der Leser. Dass die Bücher Yates’ nun auch auf Deutsch publiziert werden, dafür ist der DVA nachdrücklich zu danken – und man darf gespannt warten auf die Übersetzungen der letzten beiden Romane »Young Hearts Crying« und »Cold Spring Harbor«. |
Rainer Moritz |
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