Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik


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Die menschliche Komödie
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Zum 5-jährigen Bestehen ist
ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren
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Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:

Die menschliche Komödie als work in progress

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Fürstendämmerung

Wie Deutschlands gekrönte Häupter 1918 den Abgang machten. Michael Knoll über Lothar Machtans Buch »Die Abdankung«

Revolutionen sind in der Regel blutig. Das Volk, die unterdrückte Klasse oder wer auch immer fegt die Regierenden mit Gewalt von ihren Thronen und Amtssesseln. So etwa die Franzosen ihren König 1789 oder die Revolutionäre Arbeiterklasse Russlands den Zaren 1917. Sind die Erhebungen nicht gewalttätig, werden sie „Friedliche Revolution“ genannt, um das Besondere der Revolution wiederzugeben. So wie die der Jahre 1989 und 1990 in der ehemaligen DDR, auch wenn diese Revolution zwar friedlich endete, aber keineswegs stets gewaltfrei war. Schließlich gibt es eine dritte Art von Revolution, auch die deutschen Ursprungs. Ein revolutionärer Sturz der Mächtigen ohne Aufhebens. So im November und Dezember des Jahres 1918. Bis die adeligen Häupter ahnen konnten, wie es um sie geschehen sollte, waren sie schon gestürzt. Hier und da mit ein wenig Druck, dann und wann mit dem Schwenken von Gewehren, letztlich aber fielen die gekrönten Häupter Deutschlands relativ lautlos von ihren Thronen. Und die Geschehnisse davor und danach zeigten, dass sie nicht vermisst wurden.
Wir haben diese Geschichte der Abdankung des deutschen Kaisers, der Könige von Preußen, Bayern, Württemberg und Sachsen und der sonstigen Großherzöge, Herzöge, Fürsten, Grafen etc. nach dem Ersten Weltkrieg dem Bremer Historiker Lothar Machtan zu verdanken, dem damit ein wichtiges und höchst lesenswertes Buch gelungen ist. Allerdings, das sei kritisch bemerkt, ist die Lektüre nicht immer ein Genuss.

Gerd Krumeich, der deutsche Doyen der Geschichte des Ersten Weltkriegs, wies in einer Rezension in der Süddeutschen Zeitung vom 24. Dezember 2008 auf Machtans Fragestellung hin, wie es eigentlich kommen konnte, dass die deutschen Kaiser, Könige und Fürsten im November 1918 nicht etwa revolutionär weggefegt beziehungsweise aufgehängt oder füsiliert wurden, sondern schlicht weggehen, sich in Luft auflösen, auswandern konnten? Wie das ganze System fast lautlos implodieren konnte? Dass sich dafür zu lange niemand interessiert hat, hängt wohl auch mit dem diffusen Gefühl zusammen, dass einen beschleicht, wenn man das letzte Jahr, die letzten Monate vor der endgültigen Niederlage betrachtet. Die Herrschenden des langen 19. Jahrhunderts hatten abgewirtschaftet, sie waren in einen Krieg hineingestolpert bzw. hatten nicht die Kraft aufgebracht, vorgebliche militärische Automatismen zu stoppen. Sie wollten ihren Militärs und deren Gerede von den vermeintlichen leichten Siege glauben, ohne zu wissen, auf was sie sich da einlassen werden. Den Siegern blieb der Sieg, den Verlierern die moralische Kapitulation. Weil man das immer ahnte, war eine Studie, wie denn der Sturz des deutschen Hochadels denn tatsächlich vonstatten ging, so schien es, überflüssig. Lothar Machtan sei Dank, dass wir nun genauer wissen, wie die Könige und Fürsten die letzten Wochen, Tage und Stunden ihrer Macht erlebten.

Dabei hatten die sich einige Jahre zuvor noch quicklebendig und auf der Höhe ihrer Macht gewähnt. Sie unterstrichen in der Vorkriegszeit ihre Bedeutung mit pompösen, repräsentativen Festen wie etwa das 25-jährige Thronjubiläum von Kaiser Wilhelm II. oder mit der Feier des hundertsten Jahrestags der Freiheitskriege von 1813. Dass der Schein wenig mit Sein zu tun hatte, ahnen wir oft, im Verlauf des Weltkrieges wurde es aber besonders deutlich. Zum einen zeigte sich ein mangelndes Verantwortungsgefühl der Bundesfürsten gegenüber ihren Untertanen an der Front, zum anderen deren tatsächliche Bedeutungslosigkeit.

Militärisch und politisch war auch Kaiser Wilhelm II., immerhin Oberster Kriegsheer des Deutschen Reiches, seit Kriegsbeginn bedeutungslos. Seine Rolle schilderte im November 1914 folgendermaßen: „Wenn man sich in Deutschland einbildet, dass ich das Heer führe, so irrt man sich sehr. Ich trinke Tee und säge Holz und gehe spazieren, und dann erfahre ich von Zeit zu Zeit, das und das ist gemacht, ganz wie es den Herren beliebt.“ Was die militärischen Leistungen des deutschen Hochadels angeht, so gibt Machtan ihm die Note „ungenügend“. Er bezeichnet sie als „Schlachtenbummler“ und „Kriegstouristen“. Die wenigen, die tatsächlich militärische Verantwortung an der Front übernahmen, lassen sich an einer Hand abzählen. Große Aufmerksamkeit richteten die deutschen Fürsten und Grafen auf die Frage, wie denn die annektierten und die noch zu erobernden Gebiete zu verteilen seien. Mit dieser Frage setzten sie sich gerne auseinander, dies oft auch im heftigen Clinch untereinander. Realitätsferne war ein Signum der Jahre 1914 bis 1918 in Deutschland.
Als der Krieg verloren ging, erinnerten sich die adeligen Führer daran, dass auch das Volk beteiligt werden könnte. In einem Demokratisierungsprozess von oben herab gab Kaiser Wilhelm folgende Losung aus: „Ich will, dass in dieser Schicksalsstunde Deutschlands das deutsche Volk mehr als bisher an der Bestimmung der Geschicke des Vaterlandes mitwirkt.“ Leider war es da aber bereits zu spät. Wichtige Institutionen des Deutschen Kaiserreichs hatten längst begonnen sich zu emanzipieren und die Gesellschaft zu demokratisieren. Z.B. das Parlament, das seine Mitbestimmung einklagte, die Presse, die zusehend sich als neue Gewalt in der politischen Auseinandersetzung etablierte. Der Versuch Wilhelms II. lief ins Leere. Ob das Reich vor der Niederlage gerettet hätte werden können, scheint dahin gestellt, die militärische Malaise war zu offensichtlich. Als die Oberste Heeresleitung die Brocken hinwarf, liquidierte Prinz Max von Baden, Anfang Oktober 1918 zum Reichskanzler ernannt, die deutsche Monarchie unbeabsichtigt und widerwillig.
Wie die Abdankung in den Königreichen und Fürstentümern konkret ablief, schildert Machtan anschaulich, unterhaltsam und lehrreich im letzten Teil seines Buches. In allen Teilen des Reiches lief die Entmachtung ruhig, sachlich und ohne größeren Aufhebens ab. Die adeligen Führer der deutschen Untertanen hatten einfach keine wichtige oder entscheidende Rolle mehr inne, die ihnen größere Aufmerksamkeit eingebracht hätte. Entmachtung und Abdankung waren nichts weiter mehr als notarielle Prozesse. So wichtig eben, wie der Gang zum Notar beim Hauskauf erforderlich ist: unangenehm, aber dennoch nötig. König Friedrich August III. von Sachsen drückte die Hilflosigkeit seiner Standesgenossen treffend aus. Den Revolutionären rief er zum Abschied zu: „So, so – na da macht euern Drägg alleene!“

Obwohl Machtans Studie spannend, unterhaltsam und für das Verständnis der gesellschaftlichen Prozesse des Wilhelminischen Deutschlands außerordentlich erhellend ist, gibt es den einen oder anderen Punkt, der kritisch betrachtet werden sollte. Der wichtigste, auf den näher eingegangen werden soll, ist Machtans Sicht auf Kaiser Wilhelm II. Man muss wahrlich kein Freund dieses Kaisers sein, nein ganz bestimmt nicht. Man kann auch den Thesen von John C.G. Röhl zustimmen, der Wilhelm als die „Nemesis der Weltgeschichte“ bezeichnete.[1] Allerdings ist es dann für ein historisches Buch, das in extenso auf diese Person eingeht, doch schade, dass Machtan auf geschichtswissenschaftliche Kontroversen um Wilhelm II. nicht eingeht. Schade, weil Christopher Clark doch erst kürzlich eine kritische Auseinandersetzung mit den Thesen Röhls lieferte.[2] Machtan kennt dieses Buch, im Verzeichnis der verwendeten Literatur ist es erwähnt. Aber es scheint auch für einen Universitäts-Professor wie für Studierende zu gelten, dass in Bibliographien das eine oder andere nicht rezipierte Werk zu finden ist. Schade, denn Machtan hätte von Clark viel lernen können. Clark gelingt es in seiner Studie anschaulich, die Konflikte aufzuzeigen, worauf die unterschiedlich verlaufenden politischen wie gesellschaftlichen Prozesse in Wilhelms Kaiserzeit hinausliefen. Wilhelm versuchte, sich politische Spielräume zu erobern, die seine Vorgänger nicht eingenommen hatten. Konflikte waren damit vorprogrammiert. Diese Versuche, meist im Sinne und im Geiste der Verfassung, kollidierten häufig mit dem Erbe Bismarcks oder mit Demokratisierungs- und Emanzipationsprozessen anderer politischer Institutionen. Wilhelm war trotz seiner reaktionären Ansichten im politischen Bereich in anderen Bereichen sehr progressiv. Der Wandel der Medien, ein wesentliches Signum und Teil der Modernisierungsprozesse, die um 1900 ganz Europa veränderte, griff er offensiv auf. Er wollte mit Hilfe von Zeitungen, Zeitschriften und den aufkommenden Medien wie Funk und bewegten Bildern seinen Bürgern nahe sein, sich und seine Politik erklären. Dass dies oft genug in die Binsen ging, wissen wir. Dass er sich diesen gesellschaftlichen Veränderungen aber stellte, hätte Machtan einige grundsätzlichere Überlegungen wert sein sollen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass er dies zu Beginn seiner Studie thematisiert. Dass der Bremer Historiker dem gängigen, aber veralteten Bild des tumben, reaktionären Kaisers, des „gemeingefährlichen Wirrkopfs“, wie er schreibt, ist bedauerlich. Leider verschenkt er damit die Chance, Fragen und Probleme aufzureißen, die die politische wie gesellschaftliche Rolle des Adels im Ausgang des 19. Jahrhunderts hätte betreffen können. Warum funktionierten die Herrschaftsmechanismen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges? Warum brachen sie erst danach in sich zusammen? Was wäre denn mit den Königen, Fürsten, Grafen etc. passiert, wenn es keinen Ersten Weltkrieg gegeben hätte? So folgt Machtan einer teleologischen Geschichtsschreibung, die um das Ende wissend den Anfang zurechtbiegt. Den Untergang der Monarchie lediglich durch die Unfähigkeit der Regenten zu erklären, ist eindeutig zu kurz gegriffen. Insofern ist dieses wichtige Buch leider nur in Teilen auch ein gutes. Michael Knoll

[1]  Vgl. zur Rolle Wilhelms II. aus dieser Perspektive John C.G. Röhl: Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund 1900-1911, München (C.H. Beck) 2008.

[2] Christopher Clark: Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers, München (DVA) 2008.

Lothar Machtan
Die Abdankung
Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen
Propyläen Verlag
432 Seiten
Gebunden
€ 24,90 [D], € 25,60 [A], sFr 44,90
ISBN 9783549073087



 


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