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Zen und die Kunst Apfelwein zu trinken

Stefan Geyer über die Geschichten aus Frankfurter Wirtschaften

Besonders ausgeprägt ist die Kunst des Apfelweintrinkens bekanntermaßen im Großraum Frankfurt. Viel weiter hat sich dieser Brauch auch nicht vorgewagt. Der Frankfurter bleibt in der Regel gerne da, wo er ist. Vielleicht auch, weil es sonst nirgendwo das »Stöffche« gibt, ohne das der Frankfurter nun mal nicht auskommt.

Der Apfelwein hat im Laufe der Geschichte eine einmalige gastronomische Kultur entstehen lassen, nur vergleichbar mit Münchner Biergärten oder Kölner Braustuben. Dieser Kultur ist nun ein opulenter Band gewidmet, der unlängst im B3 Verlag erschienen ist. 31 Orte, an denen die Kunst des Apfelweinstrinkens zelebriert wird, werden von Frankfurter Autorinnen und Autoren in diesem Buch vorgestellt. Schön und anschaulich illustriert ist dieses aufwendig gestaltete Buch mit Fotografien von Anika und Alexander Kempf, Michael Rühl, Rainer Rüffer und Norbert Rojan.

Der gemeine Apfelweintrinker verfügt über ein stoisches Gemüt. Sein Platz am Stammtisch ist ihm gewiss, der Wirt oder die Wirtin ihm wohlgesonnen, die Jahreszeiten vergehen und nichts ändert sich. Schwieriger hat es da der Apfelweinnovize, der Zugezogene, der Tourist. Wer etwa, mit den Maßeinheiten nicht vertraut, einen »1 Liter Bembel« bestellt, kann folgende Antwort erhalten: »Dess isn Vierer.« »Na, gut, dann nehmen wir den.« Gibbs net. De klaanste isn Fünfer.« Dann nimmt man demutsvoll einen Fünfer. Auch der wird leer. Man kann sich schließlich glücklich schätzen, überhaupt bedient worden zu sein, denn: »Als ich neu in der Stadt war, dachte ich übrigens, Wirtshäuser wie der Apfelwein Wagner (seit 1931 im Familienbesitz) seien etwas für Leute, die sich ein Domina-Studio nicht leisten können.« (Alexander Marguier / Apfelweinwirtschaft Adolf Wagner). Bestätigt wird diese Annahme durch ein Schild im Riwweler: »Die Abbelwoiwert sin net nur rau, die maane des auch so.« (Henner Drescher / Zur Krone »Riwweler«)

Vorbei sind allerdings die Zeiten, in denen man Gefahr lief des Lokals verwiesen zu werden, sobald man nach einem Bier verlangte. Es kann dem Gast heutzutage höchstens passieren, das der Wirt mit einem missmutigen »Mir sinn a Äppelweilokal!« die Bierflasche auf den Tisch knallt. Tatsächlich warten viele Apfelweinlokale heute mit ausgesuchten Bierspezialitäten auf. Jürgen Roth, »genetischer Biertrinker«, singt das Hohelied auf das fränkisches Dunkelbier der Brauerei Krug aus Breitenlesau, das er gerne verkostet, so er denn mal seine angestammte Gegend verlässt und sich in Richtung Sachsenhausen verfügt. Wo sonst, außer in Breitenlesau, gibt es dieses Bier? In einer alteingesessenen Frankfurter Apfelweinwirtschaft! (Jürgen Roth / Fichtekränzi). Kurz, es ist heutzutage möglich, seinen »Akutdurst« (Stefan Gärtner / Dax) in einer Apfelweinkneipe zu löschen, mit Apfelwein oder mit Bier. Es sei denn, man versucht es, wie Michael Tetzlaff, im Weida, dem Bielefeld der Apfelweinwirtschaften. Der Autor hat fünf Anläufe gemacht, alle vergeblich. Aber er hat nicht aufgegeben. »Irgendwann aber, liebe Weida, kriegen wir dich. Aber dann! Schraub schon mal den Turbo an den Bembel.« (Michael Tetzlaff / Weida im Blauen Bock).

Selbst Karin Caballos Betancour (»Ich hasse Apfelwein.«) greift zum Schobbe, so sie denn am rechten Ort ist. Es ist also, wie immer, alles eine Frage von Raum und Zeit. Und was andernorts neudeutsch »Coffee to go« heißt, nennt sich in ihrem Ort »Apfelwein über die Straße«. (Karin Caballos Betancour / Zur Stalburg). Katja Kupfer besucht weiterhin ohne Gram das Lokal, in dem ihr Vater einst, selig im Apfelweinrausch, ihre Geburt verpasste. Lehrreich ist dort eine Tafel, die die Apfelweinpreise im Jahre 1923 anzeigt. Es fing an im Januar mit 50 Mark. Im November war man bereits bei 200 000 000 000 Mark. Zahlen, die man heute allenfalls aus Simbabwe kennt. (Katja Kupfer / Zur Buchscheer).
Uve Schmidt hofft, durch seine Eloge auf die Wirtschaft seines Herzens abschreckend auf potientielle Gäste gewirkt zu haben, »... um unser kulinarisches und geselliges Altenteil abzusichern.« (Uve Schmidt / Kanonesteppel).
Der einzige Text, der nicht extra für dieses Buch verfasst wurde, stammt von Michi Herl. Er besingt eine leider längst vergangene Frankfurter Institution, Oma Rink. Und verflucht in deftigen Worten die »Nachfolger«, die mit dem Namen von »Lulu« Schindluder treiben.
Es sind alles traditionelle Wirtshäuser, die in »beim apfelwein« vorgestellt werden. Die Ausnahme bildet das Klabunt, einem relativ jungen, neuen, wilden Gewächs der Frankfurter Gastronomie. Herzhaft verbunden mit der Titanic, wird die Gaststätte standesgemäß auch von Hauck und Bauer portraitiert, jenem Cartoonistenpaar, das u. a. sonntäglich die Cartoonkolumne »Am Rande der Gesellschaft« in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung beisteuert. Sie nehmen uns die Angst vor dem »Schwarzen Mann«, der dort gelegentlich die köstlichen Speisen serviert. (Hauck und Bauer / Im Klabunt).
Im Vorwort betont Herausgeber Jürgen Lentes, es handele sich bei diesem Buch nicht um einen »klassischen Kneipenführer«. Vollständigkeit sei nicht geplant gewesen, »viele Geschichten werden nicht erzählt«. Das stimmt uns froh, denn dann ist noch Platz für einen weiteren Band »beim apfelwein«. Er erzählt uns dann aber schon noch »Eine sentimentalische Erinnerung“ von der schönen Linde und dem sonntäglichen Licht über Frankfurt gegen 13:30 Uhr, nach dem Genuss diverser mit Calvados verlängerter Schoppen. (Jürgen Lentes / Zur Eulenburg).
Das wir uns nicht völlig ahnungslos dem Stöffche hingeben, dafür sorgt Silke Wustmann, die mit »Kleine Geschichte der Apfelweinwirtschaften« für den nötigen historisch-theoretischen Überbau sorgt.

Nach dem mehrfachen Durchblättern und Lesen dieses schönen Buches überfällt uns der dringende Wunsch, das Apfelweinlokal unseres Vertrauens aufzusuchen, einen Schoppen zu trinken und einen Handkäs zu essen. Denn »Hier kann man nicht nur gut trinken, hier ist überhaupt gut sein.« (Oliver Maria Schmitt / Apfelweinwirtschaft Frank). Auch wenn der Brezelmann mittlerweile nicht mehr sein Gebäck in eine Tüte mit dem unvergesslichen Reim packt »Was in Japan ist der Tenno, ist in Frankfurt Brezel Benno!« Stefan Geyer
 

beim apfelwein
Geschichten aus Frankfurter Wirtschaften
Herausgegeben von Jürgen Lentes
B3 Verlag, Frankfurt am Main 2008
ISBN 978-3-938783-51-1
€ 26,-

 

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