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de BalzacBalzacs Vorrede zur Menschlichen Komödie Die Neuausgabe seiner »schönsten Romane und Erzählungen«, über eine ungewöhnliche Erregung seines Verlegers Daniel Keel und die grandiose Balzac-Biographie von Johannes Willms. Leben und Werk Essays und Zeugnisse mit einem Repertorium der wichtigsten Romanfiguren. Hugo von Hofmannsthal über Balzac »... die größte, substantiellste schöpferische Phantasie, die seit Shakespeare da war.« Anzeige Edition
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Mit dem Piraten assoziiert man nach wie vor Augenklappen, Papageien und Rumbuddeln – letztere im Kontext von Saufgelagen ebenso wie von Schatzkarten –, bisweilen auch die Betreiber unlizensierter Radiosender, Raubkopierer und Gründer politischer Parteien, und neuerdings des Öfteren die neben den Bordwänden des Welthandels auftauchenden Schlauchboote somalischer Seewegelagerer. In den Badewannen des Binnenlands plantschte die Generation Golf – einige aus dieser „Kohorte“ taten es wirklich, weiß der Rezensent – mit dem Playmobil-Piratenschiff. Im Ostfriesischen Landesmuseum Emden lag lange Zeit ein Paar gut erhaltener Pantoffeln, die Klaus Störtebeker zugeschrieben wurden (leider ergab Anfang 2009 eine Analyse, dass die Schlappen aus dem 16. Jahrhundert stammen), und in manchen Aquarien müssen sich bis heute viele Zierfische das ohnehin knappe Stück Unterwasserwelt mit lächerlichen Nachbildungen von Schatztruhen und Totenschädeln teilen. Das Piratische ist nicht nur im Kinderzimmer oder im Karneval präsent. Es begegnet einem in derart vielen Zusammenhängen, dass zur Kulturgeschichte des Piraten längst ganze Regalborde theorie- und exempelreicher Bände geschrieben worden sein müssten – jedoch gibt es nach wie vor nur wenige Bücher, die aus kulturhistorischer Perspektive fundiert und lesenswert das Epochen und Räume übergreifende Phänomen des Piraten analysieren. Diese Kulturgeschichte hat auch der aus Kanada stammende und seit 2000 an der Princeton University Vergleichende Literaturwissenschaft lehrende Daniel Heller-Roazen nicht geschrieben. Doch seine Auseinandersetzung mit dem „Feind aller“ bereichert die Pirateriegeschichte um einen nicht minder lesenswerten Baustein. Unter Verweis auf die aktuell hohe und weiter zunehmende Relevanz und Komplexität des Themas will Heller-Roazen den „Pirat[en] als Paradigma“ beschreiben. In 16 Kapiteln entfaltet er die „Genealogie“ der „Idee eines ‚Feindes der Menschheit’“, die er zum ersten Mal in Marcus Tullius Ciceros politischer Ethik „Vom rechten Handeln“ definiert sieht. Ciceros Ordnung der menschlichen Gemeinschaft bindet das Individuum an Pflichten, die nicht zur Diskussion gestellt werden können – es sei denn, im Kontakt mit dem Piraten, dessen Verhältnis zu jener Gemeinschaft notwendig diffus ist, weil er, obgleich Mensch, keine Pflichten kennt. Daraus folgt, dass der Pflichtbewusste seine Treue zur Gemeinschaft eher bestätigt als in Frage stellt, wenn er gegenüber dem Piraten keine Pflicht gelten lässt; damit befindet sich der Pirat in einem Raum außerhalb der Ordnung. Er wird zur Negativfolie einer durch unveräußerliche Pflichten zusammengefügten Menschheit, zum Feind aller. Diese Eigenschaft bleibt die bestimmende Konstante in der Geschichte der Piraterie. Entlang dieser Konstante beleuchtet Heller-Roazen abwechselnd chronologische Abschnitte und thematische Aspekte. Die im zweiten Kapitel skizzierten „Gerüchte über einen Todesfall“ – gemeint sind Stimmen aus dem 19. Jahrhundert, die mit dem Ende des transatlantischen Sklavenhandels auch das der Piraterie verkündeten – dienen ihm in erster Linie dazu, ebendiesen Nachruf mit Blick auf die gegenwärtige Piraterie zu konterkarieren. Im Verlauf des Buches geht er der Etymologie der „Prise“ nach, erörtert den römisch-rechtlichen Umgang mit der Grenze zwischen Land und Meer, die juristische Unterscheidung legitimer und illegitimer Formen von Seeraub in Altertum und Mittelalter, die zunehmende Verrechtlichung der See durch frühneuzeitliche Rechtsgelehrte wie Hugo Grotius, den Piraterie-Diskurs vor dem Hintergrund der U-Boot-Kriege des 20. Jahrhunderts und Carl Schmitts Diskussion um das Verhältnis von Pirat und Partisan. Bei aller Komplexität des Gegenstands gelingt ihm dies, immer schlüssig und ausführlich aus den Quellen zitierend, auf bemerkenswert verständliche Weise. Einen Schwerpunkt bildet die Debatte im römischen Senat um die lex Gabinia, mit der Gnaeus Pompeius Magnus 67 v. Chr. ungewöhnlich umfassende Vollmachten zur Bekämpfung der Piraterie im Mittelmeer übertragen wurden. Niedergeworfen werden sollten nicht einzelne Abenteurer, die durch gelegentliche spektakuläre Aktionen das Image der sonst so siegreichen Republik beschädigt hatten, sondern eine bedrohliche Anzahl von Marodeuren, die mit großangelegten Raubzügen sogar die Getreideversorgung der Stadt bedrohten. Pompeius erreichte sein Ziel überraschend schnell: Antike Geschichtsschreiber wie Plutarch waren der Ansicht, Pompeius habe viele Feinde durch das Angebot milder Bestrafung bei vollständiger Unterwerfung unter die römische Herrschaft zur raschen Aufgabe bewegt. Nach dieser Deutung entsprach die Piratenbekämpfung der späten Republik einem vorherrschenden Muster des römischen Imperialismus. Dazu gehörte auch die politische Instrumentalisierung des Begriffs „Pirat“ in der römischen Politik. Sie konnte zur Brandmarkung politischer Gegner und zur Legitimierung von Feldzügen dienen, womit bereits der antike Pirat begrifflich eine dem heutigen Terroristen analoge Bedeutung besaß. Diese Analogie greift Heller-Roazen schließlich in Kapitel 15 noch einmal direkt auf. Für das ausgehende 20. und das beginnende 21. Jahrhundert konstatiert er das Ausgreifen der Rechtsfigur „Pirat“ als „Feind aller“ auf das Land und nennt etwa Flugzeugentführungen oder den Krieg in Afghanistan als Beispiele für Ereignisse „jenseits der Grenze“ und im Raum zwischen Verbrechen und staatlich sanktioniertem Handeln. Mit diesem Schritt vollzieht sich die Trennung des Piraten vom Meer, wird der ursprüngliche und über Jahrhunderte konstante Bedeutungsinhalt der Figur reduziert und der „Pirat“ zum beliebig einsetzbaren politischen Schlagwort. Naturgemäß kann Heller-Rozen hier noch nicht in gewohntem Maße aus gelehrten Quellen, sondern nur einzelne zeitgenössische Äußerungen zitieren, doch erwartet er „in wiederkehrenden Ereignissen und Vorfällen, die gewiss veränderlich, erschreckend und zunehmend unbeherrschbar sein werden“, die buchstäblich globale Ausdehnung jenes Raumes, auf den bis dato der Pirat beschränkt war. Damit einher gehe die Gefahr, dass „die rechtlichen und politischen Prinzipien, die die rechtmäßige Behandlung von Bürgern und Feinden, Zivilisten und Militärs regeln, […] außer Kraft gesetzt werden.“ Diese Prognose scheint realistisch, doch führt sie weit weg von der historischen Piraterie, und so weist die Genealogie des „Feindes aller“, der bei aller Instrumentalisierung stets eine Verbindung zum Seeraub besaß, an dieser Stelle ihren einzigen befremdlichen Bruch auf.
Daniel Heller-Roazens Buch
macht eines deutlich: Die Personalisierung der abstrakten Figur des Piraten in
historischen und leinwandtauglichen Individuen, in namentlich bekannten
räuberischen Abenteurern, ist vor allem eine Erscheinung des Spätmittelalters
und mehr noch der Frühen Neuzeit. An ihr orientieren sich seit jeher die
Spielzeughersteller ebenso wie die Verleiher von Karnevalskostümen oder die
Filmindustrie. In den Epochen davor und danach wird dagegen – zumal aus
rechtshistorischer Perspektive – umso deutlicher, dass der Pirat als
überpersönliche historische Konstante ein Gegenbild jeglicher gesellschaftlichen
und politischen Ordnung darstellt, dass er der Selbstvergewisserung aller
Pflichtbewussten dient – wobei diese nicht immer selbst das Gute im Schilde
führen müssen. Zwar bleibt diese Funktionalisierung des Piraten relativ, weil er
in seinen verschiedenen historischen Erscheinungsformen durchaus fassbar und in
seinen historischen Kontexten konkretisierbar wird. Doch unterhalb der von
Heller-Roazen beschrittenen abstrakten Ebene steht der Geschichtswissenschaft im
Wege, dass aus allen Epochen nur wenige Quellen aus piratischer Perspektive
erhalten sind. Die Analyse des Piraten erfolgt so fast immer aus Sicht der
anderen Seite – aus der Sicht der recht handelnden Menschheit, deren Feind er
ist. Hierzu leistet Daniel Heller-Roazens Buch einen konsequent gedachten
Beitrag. |
Daniel Heller-Roazen |
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