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Beinharte
Familiengeschichten
Lothar Struck über einen Irrtum und Gerbrand Bakkers literarisches Erstlingswerk
»Birnbäume blühen weiß«
Von
"Spiegel-Online" über "ZEIT" bis zu "F.A.Z." war zu lesen: "Oben ist es still"
sei ein beeindruckendes Debüt des niederländischen Schriftstellers Gerbrand
Bakker. Und auch ich war der Mär aufgesessen und bezeichnete
Juni als Bakkers "zweites Buch".
Aber
diese Aussage ist nicht korrekt. Es sei denn, man unterscheidet zwischen
"Jugendbuch" und "Roman" (aber selbst dann wäre es falsch). "Oben ist es still"
war nicht Bakkers Debüt. Ein Blick auf
seine
Webseite hätte dies schnell klären können. Bakker schrieb 1999 sein erstes
fiktionales Buch. Es erschien 2001 in deutscher Sprache unter dem Titel
"Birnbäume blühen weiß". Der Suhrkamp-Verlag hat das Buch nun erneut als
Taschenbuch herausgebracht ("Oben ist es still" und "Juni" sind ebenfalls bei
Suhrkamp erschienen) und offensichtlich einige Jahreszahlen dem neuen
Erscheinungsdatum angepasst (eine eigentlich überflüssige Maßnahme).
"Birnbäume blühen weiß" ist nicht nur ein beeindruckendes Buch. Es ist auch
interessant zu lesen, wie hier bereits Motive ausgebreitet werden, die in den
weiteren Büchern Bakkers fortgeschrieben und variiert werden. Da spielen
beispielsweise Zwillinge eine Rolle (Klaas und Kees), die Bakker hier in einem
ungewöhnlichen "wir" erzählen lässt (welches sich jedoch bei passender
Gelegenheit durchaus in "neutrale" Klaas- bzw. Kees-Erzähler aufspalten kann).
Oder es gibt einen Hund, der anthropomorphe Züge bekommt (am Ende sogar für
einen kurzen Moment zu Wort kommt) und - wie in "Juni" - einmal ganz einfach ins
Wasser geschmissen wird und für eine gewisse Zeit beleidigt reagiert. Später
wird ein Grabstein (und dessen Inschrift) eine gewisse Bedeutung erlangen. Und
eine abwesende Figur, die in den vermeintlich turbulentesten Handlungsabläufen
auf eine hintergründige Weise omnipräsent ist, spielt eine prominente Rolle.
Klaas und Kees (im Suhrkamp-Buch sind sie Jahrgang 1987) leben zusammen mit
ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Gerson und ihrem Vater Gerard (ob die
Ähnlichkeit zwischen Gerard und Gerbrand zufällig ist?) in der niederländischen
Provinz. Der Vater arbeitet in einem amerikanischen Konzern. Es beginnt in den
Sommerferien 2004. Die Kinder spielen "Schwarz" (eine Art "blinde Kuh"), der
Hund ist abwechselnd träge und arrogant und der Vater fährt immer noch sein
uraltes Auto. Die anfängliche Idylle, die sich beim Leser einrichten droht, wird
schnell durch das plötzliche Verschwinden von Gerards Frau vor einigen Jahren
ein wenig relativiert. Sie schickt aus Italien fünf Postkarten im Jahr.
Ansonsten gibt es keine Kommunikation. Insbesondere Gerson kann sich mit der
Mutter im Ausland immer noch nicht abfinden. Die Söhne versuchen stets
aufs Neue den Poststempel auf den an Geburtstagen (und Neujahr) eintreffenden
Karten zu entziffern - was nie gelingt und zu wüsten Theorien Anlass gibt.
Birnbäume oder Apfelbäume? [Spoiler 1]
Die fast
elegischen Reflexionen auf das Kinderspiel lassen für später Schlimmes erwarten:
Wir wurden nicht besser. […] Es war jeden Tag anders. Immer wenn wir Schwarz
spielten, fingen wir sozusagen von vorne an. Als wenn die Zeit, die wir mit
offenen Augen verbrachten, das Spiel störte. Hier geht Bakker ein bisschen
zu deutlich vor; vertraut dem Leser zu wenig. Und auch die Einschübe von Wehmut
(die positive Seite der Traurigkeit) wirken wie eine Vorwegnahme einer
heraufziehenden Katastrophe. Tatsächlich ist man ja auch das von Bakker gewöhnt:
immer gibt es ein Ereignis, welches das Leben unwiderruflich verändert. So auch
hier. Als die vier zu dem Grosseltern (väterlicherseits) fahren wollen, gibt es
ein Wortgefecht im Auto zwischen Gerson und seinem Vater. Die letzte Impression
sind jene weißen Birnbäume, die der Junge für Apfelbäume hält und Anlass für den
kleinen Disput geben. Dann geschieht es Schreckliche: Ein Verkehrsunfall. Gerson
ist auf der Beifahrerseite am Schlimmsten betroffen. Ihm muss die Milz entfernt
werden. Nicht genug: er fällt ins Koma. Niemand weiß, wann er wieder aufwachen
wird. Harald, der schwule (warum eigentlich?) Pfleger, rät ihnen mit dem
leblosen Körper zu reden, ihn zu berühren. Am Ende küssen sie Gerson sogar und
tatsächlich erwacht er nach ein paar Tagen. Aber es wird nie mehr so werden wie
vorher. Denn Gerson wird blind bleiben; die Augen sind zerstört. Der Anblick der
leeren Augenhöhlen muss schrecklich sein. Später straft der Junge manchmal seine
Familie damit und verweigert die verdeckende Sonnenbrille. Das Kinderspiel
Schwarz wird schreckliche, dauerhafte Realität. Aber es ist natürlich ein
anderes Schwarz.
Gerson hat sich verändert; ist launisch, selbstmitleidig, verzagt. Die älteren
Brüder kümmern sich um ihn und betrachten dies schon bald als ihre
Lebensaufgabe. Dazwischen der rationale Vater, der von Gerson Ideen,
Perspektiven, Vorschläge für seine weitere Zukunft hören will - und ihn damit
überfordert, ohne es zu merken. Ich werde nichts sagt er einmal trotzig.
Sogar zum Braille-Lernen ist er nicht bereit; die Vorstellung sei furchtbar.
Der Hund Daan, eine Promenadenmischung, wird zum Blindenhund. Früher war Daan
Gersons Hund, jetzt war Gerson Daans Mensch. Aber die Zwillinge spielen
wieder das Spiel mit ihm, wollen Gerson gewinnen lassen, aber er merkt das
natürlich. Sogar jetzt, wo er nichts sah, durchschaute er uns. Klaas und
Keen bekommen immer mehr Achtung und Respekt vor ihrem Bruder. Und alles gepaart
mit ein wenig Furcht.
Selbstmitleid und Verweigerung [Spoiler 2]
Der Junge
eifert seinem Vater nach, der bei Problemen einfach schlafen geht. Nur die
Begründung ist eine andere: "Wenn ich schlafe, träume ich, und wenn ich
träume, sehe ich wenigstens noch was." Grandios wie Bakker das zögernde der
"Normalen" im Umgang mit dem erblindeten Jungen erzählt. Anfangs will die
Familie ihn schonen und vermeidet alle Wörter, die im weitesten Sinn mit "sehen"
zu tun haben. Gerson reagiert auf die Mitleidsbekundungen und Unsicherheiten der
Mitmenschen in einer Mischung aus Härte, Zynismus und Selbstmitleid. Die
komischen Situationen spart Bakker auch nicht aus, etwa wenn sich Gerson ein
T-Shirt falsch herum anzieht oder seine Unterhose schneller verdreckt, weil er
nicht mehr sehen kann, wann er sich den Hintern sauber gewischt hat. Gerson
macht es seinen Mitmenschen nicht leicht, weil er selber es nicht mehr leicht
hat. Ich weigere mich, froh zu sein. Aber als sie die Strecke wieder
fahren um die Grosseltern zu besuchen, gibt es auch das großzügige Verzeihen:
"Du konntest nichts dafür" sagt er zum Vater.
Seit
dem Koma des Jungen fügt Bakker Passagen ein, in denen Gerson erzählt. Anfangs
glaubt man, hier mehr zu erfahren. Dann stellt sich heraus, dass dies eigentlich
überflüssig ist, so luftig, leicht und liebevoll erzählen die Zwillinge diese
Geschichte. Die Figur Gerson überzeugt auch ohne diesen Kniff; der Leser
entwickelt Empathie, ohne dass ihm diese aufgeschwatzt wird.
Merkwürdig, dass das Mitfühlen mit diesem Jungen auch bei dem fürchterlicheren
Schluss, den Bakker nach gut zwei Dritteln schon vom Resultat her vorwegnimmt,
nicht in falsche Rührseligkeit kippt. Kurz nach seinem 14. Geburtstag, im
August, beim Aufenthalt bei den Großeltern, kommt Gerson bei einem Spaziergang
aus ungeklärten Umständen ums Leben. Man findet seine Leiche im See (auch Daan,
der als einziger dabei war, vermag dem Leser keine Erklärung zu geben und klagt
nun, sich mit den Stöckewerfern [den Zwillingen] zufrieden geben
zu müssen).
Einige Monate später, im kalten Dezember, beschließt der Vater, die Mutter
seiner Kinder zu suchen. Zum ersten Mal fällt der Name der Frau wieder, die
immer nur "Mutter" genannt wurde. Marian. Notfalls werden wir uns in so einem
Fernsehprogramm lächerlich machen, wie 'Vermisst'. Dann ist das Buch aus.
Schade. Denn man möchte gerne wissen, ob sie Marian gefunden haben. Lothar
Struck
Die
kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.
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Gerbrand
Bakker
Birnbäume blühen weiß
Aus dem Niederländischen
von Andrea Kluitmann
suhrkamp taschenbuch 4170,
Broschur, 141 Seiten
7,00 €
ISBN: 978-3-518-46170-9
Leseprobe
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