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Jan Faktor überlässt in
seinem zweiten Roman seiner Hauptfigur Georg das Feld des Erzählers. Ohne
falsche Scheu nimmt dieser die Einladung an und beschreibt sein Leben im
Schatten seiner Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. Eine irrwitzigeniale
Zeitreise durch das sozialistische Prag und ein (verbal-)erotischer
Findungsroman auf höchstem sprachlichem Niveau. Erinnerungen und Rückblicke auf das eigene Leben und Erleben haben in der Literaturgeschichte Tradition. Die Liebe spielt dabei stets keine unwesentliche Rolle, egal ob es sich um Casanovas „Geschichte meines Lebens“, Jean-Jacques Rousseaus „Bekenntnisse“ oder Catherine Millets Beichte ihres Liebeslebens „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ handelt. Jan Faktors zweiter Roman „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“ ist völlig anders und passt dennoch mit in diese Reihe (verbal-)erotischer Lebensbeichten. Faktor lässt darin Georg von seiner Vergangenheit erzählen, um die er sich von Anfang an sorgt. Denn sie ist es, die auf ihn in der Gegenwart einwirkt und sein alltägliches Leben prägt. Von diesem erzählt er jedoch kaum, sondern seine Vergangenheit ist es, die nahezu den gesamten Roman einnimmt. Georg erzählt von seinem Aufwachsen in einer Art Prager Frauenkommune, in der neben ihm nur noch sein tyrannischer Onkel ONKEL als einziger männlicher Vertreter lebt. Aufgrund des akuten Männermangels – ein Resultat des 2. Weltkriegs – ist die Frauen-WG aber vor allem ein vor sexueller Aufladung summender Bienenstock. Die gesamte weibliche Linie seiner Familie hat sich die riesige Familienwohnung mit Vorhängen in kleinere Wohneinheiten aufgeteilt, so dass jede der Damen ihren Rückzugsraum besitzt und dort ihrem mehr oder minder ausschweifendem Liebesleben nachgeht. Privat bleibt unter solchen Verhältnissen natürlich nichts, so dass Georg nicht nur Zeuge jeder libidinösen Begegnung seiner vom Krieg traumatisierten Tanten oder der bildschönen Mutter mit den zahlreichen Liebhabern wird, sondern auch selbst der Überwachung der immer anwesenden Omas, Großtanten, Tanten, Cousinen und nicht zuletzt auch seiner Mutter ausgeliefert ist. Egal ob es um seinen täglichen Stuhlgang oder erste Annäherungen zum weiblichen Geschlecht geht – nahezu öffentlich wird sein Leben ausgewertet. Die Männlichkeit des kleinen Georg droht abhanden zu geraten. Unter diesen Bedingungen bleibt nur eines: die Flucht nach draußen, die zugleich eine Aneignung der Welt und des Lebens ist. Georg bricht aus der familiären Überwachung aus und erobert in Kinder- und Jugendcliquen die Gärten und Parkanlagen der Goldenen Stadt. Das dabei die ein oder andere erotische Begegnung – je nach Alter und Erfahrungsstand in unterschiedlicher Intensität – nicht ausbleibt, versteht sich von selbst. Sind Georgs Erinnerungen zunächst vor allem von den unmittelbaren und direkt auf ihn einwirkenden Ereignissen geprägt, treten mit zunehmenden Ater auch die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den Vordergrund. Vom stalinistischen Terror der 50er Jahre angefangen über die sozialistische Misswirtschaft und die marode Bausubstanz Prags bis hin zum gewaltsam niedergeschlagenen Prager Frühling – die Wahrnehmung des älter werdenden Georg verschiebt sich vorsichtig zu einem ausgewogenen Panorama der Verhältnisse im tschechischen Realsozialismus – ohne nachgereichte Besserwisserei, frei von Häme und Wehmut. Allein das ist bereits ein Qualitätsmerkmal des Romans. Recherchefleiß allein reicht nicht aus, um eine solche biografisch-epochale Erzählung vorzulegen. Jan Faktor konnte von seinen eigenen Erfahrungen zehren. Der 1951 in Prag geborene Schriftsteller verbrachte die ersten 27 Lebensjahre in der Tschechoslowakei, bevor er 1978 zu seiner Frau nach Berlin übersiedelte. Offensichtlich hat er in dieser Zeit gelernt, genau hinzusehen und zu verstehen. Anders sind seine zahlreichen haargenauen Beschreibungen des Lebens hinter dem Eisernen Vorhang nicht zu erklären. Kenner dieser Verhältnisse werden sich immer wieder lächelnd zurücklehnen und denken „Stimmt, so war’s, das hatte ich schon vergessen.“ Faktors Roman ist geschrieben mit Herz und Verstand. Und damit hat Faktor mit seinem sich sorgenden Georg mindestens den Willen zum genauen Hinschauen gemeinsam. Symbolische eine Szene in der Mitte des Romans, in der Georg seinen Verwandten eine Beobachtung schilderte: „Wenn sich M. nach etwas umdreht, hebt er immer den Kopf leicht nach oben, dabei spannt sich sein Hals irgendwie an – und diese Spannung zieht sich bis zu seinem Augenwinkel. Er sieht dann plötzlich so überheblich aus.“ Von dieser alles berücksichtigenden und sensiblen Beobachtungsgabe ist das Erzählen Georgs im gesamten Roman geprägt. Selten gleitet diese in Plauderei ab. Zumeist amüsiert genau diese Achtsamkeit der Personen- und Weltbetrachtungen Georgs. Mit der Erzählperspektive, die Faktor mit Georg als subjektivem Erzähler gewählt hat, hat er auch eine richtunggebende Entscheidung getroffen. So ist dieser Roman auch irgendwie ein Schicksalsroman, in dem der Leser nur erfährt, was Georg selbst wahrnimmt. Dies ist aber derart ereignisreich, dass es ausreichte, um zwei Romane draus zu machen. Zugleich begegnet dem Leser mit Georg eine Stimme von seltener Authentizität, die gesprächig ist, ohne dabei zu langweilen. Seine Sprache ist dabei von einer wohltuenden Leichtigkeit geprägt, ohne dabei der Erzählung Ernst und Tiefgang zu entziehen. Man vergisst recht schnell, dass man liest und nicht einer mündlichen Erzählung lauscht. Und so vergehen die auf mehr als 40 Kapitel verteilten 636 Seiten, auf denen Georg durch sein von Anfang an sexuell aufgeladenes Leben bis ins heute fliegt, in Windeseile.
Faktors
Shortlist-Nominierung für den Literaturpreis der Leipziger Buchmesse war nur
folgerichtig, ebenso wie die Tatsache, dass er lange Zeit als Favorit gehandelt
wurde. Kein Wunder, denn Jan Faktors „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im
Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“ ist wie eine Busreise durch Zeit
und Raum, in der der Reisebegleiter einen verdammt guten Job macht.
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Jan Faktor |
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