Des
Teufels Haufen
Eine kurze Fußballgeschichte von Joe Bauer
Die Stadt war gut abgekühlt am Morgen nach dem Spiel. Wenn es kühl ist an einem
Sommermorgen und die Läden noch geschlossen sind, ist die Innenstadt erträglich.
Da stinkt sie noch nicht nach Imbissfett.
Ich war allein unterwegs, aber offenbar nicht der Erste, der in die Stadt
geritten war. In der Schlossstraße lag ein Haufen frischer Pferdeäpfel. Beinahe
hätte ich den Haufen übersehen. Die Pferde hatten ihren Haufen auf den Gehweg
vor der Börse gesetzt. Polizeipferde.
Die berittene Polizei ist eine Attraktion. In New York kommen bis heute
Touristen zu den Stallungen der Mounted Unit. Die reitenden Cops sind nicht ganz
so berühmt wie die Feuerwehrmänner, aber einige berittene Polizistinnen so
populär wie der Naked Cowboy, der Stadtmusikant von New York.
Bei der Stuttgarter Polizei gibt es heute mehr Reiterinnen als Reiter. Frauen
können besser mit Gäulen und Ochsen umgehen als Männer.
Es war der Morgen nach dem Spiel der Portugiesen. Portugal tat, was es immer
tut. Es trauerte. Die Portugiesen haben eine landeseigene Wehmut erfunden, die
Saudade, und sie haben eine eigene Trauermusik, den Fado.
Die meisten Länder haben eine eigene Wehmutsmusik. Die Amerikaner den Blues, die
Griechen den Rembetiko, die Franzosen das Chanson, die Argentinier den Tango,
die Österreicher Hansi Hinterseer.
Nur die Deutschen haben nichts. Die Deutschen haben Marsch und Techno. Marsch-
und Technomusik sind eng miteinander verwandt. Dreivierteltakt und Rumsdada.
Deutsche Fans im Wirtshaus sehen immer aus, als bliesen sie sich gerade selbst
den Marsch.
An einem deutschen Biertisch könnte Fußball nie in der Trauer des Fado, des
Blues oder des Rembetiko enden. Wenn der Deutsche trauert, beleidigt er
Polizeipferde. Ein beleidigtes Polizeipferd erkennt man an dem Haufen vor der
Börse. Musikalisch angeglichen hat sich der Deutsche nur beim Hupen. Da kann er
inzwischen mit den Türken mithalten.
Schwer zu begreifen, warum es die Autohupe zu einer so großen Popularität
gebracht hat. Viele Huper beginnen heute zu hupen, bevor das Fußballspiel
angepfiffen ist. Das Hupkonzert ist der Swingerclub der Eierlosen. Die
Waiblinger und Böblinger sitzen am Stuttgarter Stadtrand in ihren Autos und
warten, bis das Spiel aus ist. Sie sehen das Spiel nicht, und wenn es aus ist,
rasen sie mit ihren Autos los und hupen.
Manche Nationen haben eine eigene Hupmusik hervorgebracht. Die Amerikaner Honky
Tonk, die Schweizer Hupp Schwiiz, die Stuttgarter Hip-Hup von Max Herre. Das
deutsche Polizeipferd hupt nicht. Das Polizeipferd tänzelt, angespornt von
Frauenstiefeln, durch den Korso hupender Idioten. Und hupt das Polizeipferd doch
einmal, dampft ein Haufen Scheiße vor der Stuttgarter Börse. Geld stinkt so oder
so nicht.
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