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»Durch Kunst verherrlichte Gegend«

Das ganze Land ist ein Garten Gottes, und die Gegenden um Dessau ein wahres Paradies.

Von Stefan Möller


Der Kontrast konnte für den Reisenden des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts kaum größer sein. Von Preußen kommend, durch weite Flächen Ödland, musste ihm das kleine Fürstentum Anhalt-Dessau wie ein Wunder vorkommen. Das ganze Land ist ein Garten Gottes, und die Gegenden um Dessau ein wahres Paradies. Mit diesen Worten beschrieb Andreas Riem, Berliner Theologe, seine Eindrücke im Jahr 1796. Goethe fand für das Gartenreich die Worte unendlich schön, nannte es an anderer Stelle ein wohladministriertes und zugleich äußerlich geschmücktes Land, […] durch Kunst verherrlichte Gegend.

Einzigartig war die Kulturlandschaft Anhalt-Dessau und Vorbild für Landschaftsgestaltung weit über die Grenzen der anhaltinischen Fürstentümer hinaus. Eine konsequentere Symbiose zwischen wirtschaftlicher Nutzung und ästhetischen sowie philosophischen Prinzipien als im Gartenreich Dessau-Wörlitz lässt sich bis heute nicht finden. Die Idee, die Grundlage für die Gestaltung der Landschaft gewordenen Aufklärung war, erschließt sich dem Besucher bis zum heutigen Tag, auch wenn der Aspekt der (land-)wirtschaftlichen Nutzung im Laufe der Zeit durch zunehmende Verstädterung an Bedeutung verlor.
Hört man den Begriff Gartenreich, dann denkt man als erstes an die Parklandschaft in Wörlitz, mit Gotischem Haus, der Felseninsel Stein mit ihrem rauchenden Vulkan, an die Kanäle und die – für uns als Kinder besonders reizvolle – Kettenbrücke.
Wörlitz aber ist nur ein Teil der gesamten Landschaft. In ihrer Gesamtheit erschließen die Autoren Hansjörg Küster und Ansgar Hoppe Landschaft und Geschichte des Gartenreichs. Und sie spannen dabei einen weiten Bogen, der im Tertiär beginnt und mit einem Ausblick auf zukünftige Nutzung endet.

Küster, Professor für Pflanzenökologie an der Leibniz Universität Hannover, hat in zahlreichen Publikationen die Entwicklungsgeschichte von Landschaften aufgezeigt. Ansgar Hoppe ist Biologe und Landschaftsforscher, ebenfalls an der Universität Hannover. Die Autoren entwerfen im vorliegenden Band ein beeindruckendes Gesamtbild, aus unterschiedlichsten Blickwinkeln entsteht eine Landschaft als Gesamtkunstwerk. Im Vorwort legen Küster und Hoppe dar, wie sie den Begriff Gesamtkunstwerk definieren.
Ein Kunstwerk entsteht nicht allein durch Menschenhand, so wie ein Edelstein nicht erst durch den Schliff edel wird. Er ist auch seiner Natur nach kostbar. Landschaftskunst nimmt demnach das geographisch und ökologisch Vorhandene und wandelt es, ohne seine ursprüngliche ‚Natur’ grundlegend zu verändern.

Großen Raum nimmt dann auch die geographische Entstehungsgeschichte der Landschaft ein, die heute vor allem die kreisfreie Stadt Dessau-Rosslau und Teile des Landkreises Wittenberg umfasst.
Die prägenden Elemente der Landschaft waren Eis und Wasser. In den Eiszeiten entstand das Urstromtal, durch dass sich die Elbe ihren Weg bannte – nicht etwas durch Täler, die sie selbst geschaffen hat, sondern durch gewaltige Sandablagerungen in eine Senke gedrängt, die sich am nördlichen Rand des Urstromtals befindet. Die regelmäßig wiederkehrenden Elbehochwasser beeinflussten die Nutzung der Elbgebiete durch den Menschen, der Schutz vor Überschwemmungen war und ist eine stetige Aufgabe. In den Überschwemmungsgebieten und ausgeprägten Auenwäldern findet sich eine Pflanzenwelt, die sich so nur unter diesen speziellen Bedingungen entwickeln konnte, darunter Stromtalpflanzen wie Wiesenalant oder Brenndolde, die nur an wenigen großen Flüssen zu finden sind.

Vor rund 200.000 Jahren begann der Mensch, in dieser Gegend zu jagen, später entstanden die ersten Siedlungen, die nur für einen kurzen Zeitraum bewohnt und dann andernorts wiedererrichtet wurden. Damit begann auch der Eingriff des Menschen in die Landschaft. Im 10. nachchristlichen Jahrhundert entstehen mit den slawischen Siedlungen Kühnau und Sollnitz die ersten festen Siedlungen, die auch heute noch, als Stadteile Dessaus, existieren.

Vor allem im 12. Jahrhundert werden zahlreiche Siedlungen gegründet, die später Bestandteil Anhalt-Dessaus werden sollten, darunter auch Dessau selbst, das 1213 erstmals urkundlich erwähnt, wohl bereits Jahre vorher besiedelt wurde. Die besondere Lage Dessaus führte dazu, dass die Stadt wirtschaftliches Zentrum der Region wurde und später auch Sitz des Fürstengeschlechts der Askanier.

Die Stadt liegt an zwei Flüssen, Elbe und Mulde, letztere fließt bei Dessau in die Elbe. Dadurch ergaben sich zwei Nutzungsmöglichkeiten. Die Elbe als schiffbarer Fluss ließ Handel zu, die Mulde ließ sich stauen, um Fischfang zu betreiben. Wehre und Mühlen werden wichtige Faktoren der Siedlungsgeschichte. Die landwirtschaftliche Nutzung des Gebiets war geprägt vom ständigen Kampf gegen Überschwemmungen und der Aufgabe zahlreicher Ortschaften. Mit dem Mittelwald und seinem ausgeprägten Eichenbestand und den Hainbuchen entstand ein frühes nachhaltiges Forstkonzept. Die Eicheln dienten in Mastjahren der Schweinemast, die Hainbuchen wurden in Abständen zur Holzgewinnung geschlagen und trieben danach neu aus. Dieser Mittelwald lässt sich in der Umgebung Dessaus immer noch finden.
Jede Besiedlung durch den Menschen wird von den landschaftlichen Gegebenheiten beeinflusst und führt wiederum zur Beeinflussung der Landschaft. Hansjörg Küster und Ansgar Hoppe gelingt es, die Wechselwirkungen am Beispiel Anhalt-Dessau dem Leser zu veranschaulichen. Die Einzelteile fügen sich zusammen und faszinieren. Diese Faszination wird auch durch den souveränen und durchaus unterhaltsamen Erzählstil der Autoren gefördert.

Der zweite Teil des Bandes widmet sich dann dem Gartenreich selbst. Ausgangspunkt für die Gestaltung waren die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs, der auch Anhalt-Dessau stark beeinträchtigte und der auch Reformen der wirtschaftlichen Nutzung notwendig machte.
Als erste Anlage wird das Schloss Oranienbaum mit seinem Park und der Orangerien errichtet, im holländischen Stil. Den Namen Oranienbaum erhielt der Ort zu Ehren der Fürstin Henriette Catharina von Oranien-Nassau, die im Zuge der Verbindungen protestantischer Fürstenhäuser, mit Johann Georg II. von Anhalt-Dessau verheiratet wurde. In Oranienbaum zeigen sich erste Spuren einer ganzheitlichen Verbindung von Ästhetik und wirtschaftlichen Belangen.

Unter Leopold I., dem Alten Dessauer, kam es im Fürstentum zu einer umfassenden Landreform, in deren Zuge der anhaltische Landadel weitestgehend enteignet und vertrieben wurde, sodass dem Fürsten nichts an den geplanten Reformen hindern konnte. Intensiviert wurden Trockenlegung und Hochwasserschutz, zahlreiche Straßen wurden im Fürstentum angelegt, die Wirtschaft auf dauerhafte Ertragssteigerung ausgerichtet. Leopold I. schuf damit die Voraussetzungen dafür, dass sein Enkel, Leopold III. Friedrich Franz, zusammen mit Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff die Landschaft schaffen konnte, über die Jean Paul schrieb O wie wenig fehlt mir zur höchsten Seeligkeiten.

Beschreibungen der landschaftlichen Ausformungen und der errichteten, symbolisch aufgeladenen Gebäude werden durch zahlreiche Fotografien garniert. Überhaupt sind die Fotos eine weitere Stärke des Buches. Durch kluge Auswahl liefern sie Anschauung gerade da, wo sie der Leser benötigt.
Das Gartenreich Dessau-Wörlitz wurde als Vereinigung des Schönen und des Nützlichen konzipiert und so wurden in die Gartengestaltung landwirtschaftliche Nutzfläche als konzeptioneller Bestandteil integriert – ein Bestandteil, der anders als die Parkanlagen, weitestgehend verschwunden ist.
In das Gesamtbild fügen sich zahlreiche Ausformungen und Bauten ein, die weniger prominent als die Anlagen in Wörlitz und Dessau sind, die aber nicht vom Wesen der Gegend zu trennen sind. Küster und Hoppe sind bemüht, dem Rechnung zu tragen und umfassend zu beschreiben. An dieser Stelle wird dann auch der Leser zum einzigen Mal, zumindest bei fortlaufender Lektüre, etwas überfordert. Überfordert nicht durch die Beschreibung, sondern durch die schiere Fülle.

Anhalt-Dessau wurde zum agrarischen Musterstaat, ein kleines Land, in dem erstmals, und in der Konsequenz auch nie wieder erreicht, ein allumfassendes Gestaltungs- und Nutzungskonzept entwickelt und umgesetzt wurde, das sich über ein beachtliches Gebiet erstreckt, das in seinen einzelnen Fixpunkten durchweg (kultur-)landschaftlich miteinander verbunden ist. In der fehlenden Größe lag die Chance zur umfassenden Gestaltung. In einem kleinen Fürstentum, die Autoren weisen darauf hin, konnten Reformen weit widerstandsloser umgesetzt werden als dies in den angrenzenden Flächenstaaten Preußen und Sachsen möglich war. Anhalt-Dessau wurde zum Vorbild für Landschaftsgestaltung.
Diese Entwicklung zog sich über einen langen Zeitraum und wurde erst im 19. Jahrhundert weitestgehend abgeschlossen. In den letzten Jahrzehnten wurden unter anderem Sichtachsen wieder freigelegt und Traditionen wie das alljährlich Drehbergfest unweit von Vockerode wiederbelebt. Abschließend wagen die Autoren einen Blick in die Zukunft. Unweit Dessaus kann man die Entstehung einer neuen Landschaft erleben. Die aufgelassenen Tagebaue zwischen Gräfenhainichen und Bitterfeld erfuhren in den letzten Jahren eine Umwandlung zu einer Mischung aus Naherholungsgebiet und Industriedenkmal. Dessau grenzt ebenfalls an das Biosphärenreservat Mittelelbe.

In der Vernetzung und Verbindung dieser drei jeweils einzigartigen Räume sehen die Autoren die Chance für die zukünftige Ausrichtung.

Mit dem bei C.H. Beck erschienenen Band liegt eine reiche Quelle vor, aus welcher der Leser und der Besucher des Gartenreichs zahlreiche Möglichkeiten der Erschließung einer Region schöpfen kann, die trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten und den damit verbundenen Begleiterscheinungen ihre Besucher verzaubern kann. Hansjörg Küster und Ansgar Hoppe haben den idealen Begleiter für eine Reise ins Gartenreich Dessau-Wörlitz verfasst.
 

Hansjörg Küster und Ansgar Hoppe
Das Gartenreich Dessau-Wörlitz. Landschaft und Geschichte.
224 Seiten mit 96 Farbabbildungen,
1 Zeichnung und 1 Karte
C.H. Beck Verlag
19,95 €
ISBN 9783406598593

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