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Durch Haltung zum Wesentlichen
Die Stadt ist ein Mythos.
Die Mitglieder der renommierten Fotoagentur OSTKREUZ sind diesem auf den Grund
gegangen. Ihre entlarvenden Bilder sind aktuell in der Berliner C|O Galerie zu
sehen. Irgendwann im Jahr 2008 war es soweit, als erstmals mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land lebten. Nach jahrtausendelanger Siedlung in kleineren Gruppen im ländlichen Raum haben im vorletzten Jahr die Metropolen die Führungsrolle der Vergesellschaftung übernommen. Dabei reicht die Geschichte der Stadt mehrere tausend Jahre zurück, in eine unbestimmte Zeit und an einen unbekannten Ort, wo erstmals ländliche Siedlungen zu einer Stadt zusammenwuchsen. Es ist nicht dokumentiert, wo die erste Stadt entstand, aber das Modell des Zusammenlebens vieler auf engem Raum hat sich durchgesetzt. Ob das gut ist oder schlecht, wird jeder anders bewerten. Aber sicher ist, dass sich in der Stadt die Zukunft der Menschheit entscheidet. Das Schicksal der Städte ist das Schicksal der Menschen. Oder: „Was der Stadt geschieht, das geschieht auch uns“, wie es der Journalist und Reporter Marcus Jauer dem Ausstellungsband zu einer Ausstellung voranstellt, die derzeit in Berlins renommierter C|O Galerie gastiert.
Betrachtet man die Ansprüche der OSTKREUZ’ler, werden die Parallelen offensichtlich. OSTKREUZ-Fotografen definieren sich über die Haltung zu ihrer Fotografie. Denn OSTKREUZ heißt, „eine Haltung entwickeln zur Wirklichkeit und diese an ihr überprüfen, ohne dass sich das eine dem anderen unterordnen muss.“ Dazu braucht es einiges an Selbstreflexion. Das tun die Mitglieder der Agentur aber mit Verve, geradezu als historische Verpflichtung gegenüber den Gründungsvätern und -müttern, die zu DDR-Zeiten eindrucksvolle Fotoreportagen schufen und den Staatsapparat immer wieder mit den vordergründig harmlosen Aufnahmen der ostdeutschen Wirklichkeit konfrontierten, in deren Tiefe die unbequemen Wahrheiten schummerten.
Dieses Programm spiegelt sich auch in der aktuellen Bilderschau der Agentur in der C|O Galerie wieder. Darin beleuchten alle 18 Agentur-Fotografen das Entstehen und Verfallen städtischer Landschaften und beweisen mit ihren unterschiedlichen Herangehensweisen und Perspektiven das reichhaltige Portfolio der Agentur. Die einzelnen Studien stellen dabei jeweils in sich geschlossene Untersuchungen sozialer Wirklichkeiten dar, die im Zusammenspiel eine spannende, soziologische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Stadt in all ihren Belangen ergeben. So untersuchen bspw. Maurice Weiss und Thomas Meyer, wie Städte aus dem Nichts gestampft werden. Noch in der Ödnis stand Maurice Weiss mit seiner Kamera, als er Kreidelinien, Fundamente und leere Liftanlagen in Ordos fotografierte, einer in der chinesischen Steppe gerade entstehenden Millionen-Stadt, die die Flucht der Landbevölkerung aufhalten soll. Ordos soll eines Tages das kleine Dubai am Rande der Wüste Gobi werden; ein Magnet, der die Menschen anzieht und sie zugleich in ihrer Provinz verankert. In Maurice Bildern klingt bereits an, was Thomas Meyers Dubai-Aufnahmen bestätigen – nämlich das solche Projekte technisch funktionieren können, das Füllen mit Leben aber schwer ist. Denn Dubai ist eine solche Metropole, die aus dem Nichts in die Höhe geschossen ist, nun aber darauf wartet, mit Leben gefüllt zu werden. Seine Aufnahmen schwanken daher in einem ungewissen Umbruch. Sie zeigen fertige Paläste ohne Gäste sowie die zahlreichen Baustellen und vorbereiteten Brachen, auf denen die nächsten Bauten in die Höhe schießen sollen. Seine Bilder sind dabei von einer klaren Struktur geprägt, fliehende Linien hat er fast komplett gemieden – möglicherweise eine Bildmetapher, da Dubai nicht zum Fliehen, sondern zum Kommen einladen soll. Mit dem unbändigen Wachstum der Städte ist aber insbesondere in den schwach und schlecht entwickelten Staaten das Phänomen der Slums und Townships entstanden. Der norwegische MAGNUM-Fotograf Jonas Bendiksen zeigte im vergangenen Jahr den täglichen Kampf um die eigene Würde der dort lebenden Menschen und ihre damit verbundene Anpassungsfähigkeit. Sein Landsmann Espen Eichhöfer hat das „Leben am Rand“ nun für OSTKREUZ dokumentiert und er hat dabei ähnlich Beeindruckendes, Bewundernswertes, Erschütterndes und Erschreckendes festhalten können, wie Bendiksen. Seine Fotos aus einem Slum in Manila zeigen ein Leben am Limit in allen nur denkbaren Bezügen. Und auch unter Städten gibt es primus inter pares. Das untergegangene Atlantis ist eine solche Stadt der Städte, ein Mythos, der weltweit gepflegt wird. Anette Hausschild machte sich für OSTKREUZ auf die Suche nach der verlorenen Stadt und fand sie wieder an Orten, die sich mit diesem Namen völlig überfrachtet haben. Orte, denen die Sehnsucht nach einer Legende über die Realität ihrer tristen Existenz hinweghelfen soll, egal ob es sich dabei um einen heruntergekommenen Second-Hand-Laden, einen „Hispanic Gay Club“ oder um ein Hostel in Krakau handelt. Heruntergewirtschaftet, marode, im Zerfall begriffen – Zustände, die auf Städte wie Detroit, Pripyat oder Gaza City ebenso zutreffen. Vielleicht erfüllen sie damit den Mythos des versunkenen Atlantis am ehesten. Dawin Meckel (Detroit), Andrej Krementschouk (Pripyat) und Heinrich Völker (Gaza) haben sich deshalb aufgemacht und die dort existierenden Wirklichkeiten untersucht. So zeigt Dawin Meckel mit seinen Fotografien aus Detroit Downtown nicht nur, dass die Stadt als Heimat von Chrysler und Co. einst die Hauptstadt der Automobilindustrie in den USA war, sondern dass sie sich zu einer rassistisch aufgeteilten Stadt entwickelt hat. Während die mittellose, vorwiegend schwarze Bevölkerung in den maroden Wohnungen und Industrieruinen der Innenstadt lebt, sind diejenigen, die es sich leisten können, längst in die gutbürgerlichen Wohnparks an den Stadträndern gezogen. Die politische Aufmerksamkeit hat Detroit Downtown längst verlassen. Wie ein gesellschaftliches Sinnbild fallen die dem Zahn der Zeit überlassenen Straßenzüge und Industriekomplexe zunehmend in sich zusammen. Sich selbst überlassen wurde auch das ukrainische Pripyat, die dem Tschernobyl-Reaktor am nächsten liegende Stadt, die kurz nach dem Reaktorunglück evakuiert wurde. Seither findet in der Isolation des Sperrgebiets die Rückeroberung des verseuchten städtischen Raums durch die langsam nachwachsende Natur statt. Wer hier die Regeneration der Natur vermutet, sieht sich getäuscht. Das erste Gras über den verseuchten Ruinen kann deren Strahlung nicht mindern. Krementschouk hat diese Geisterstadt besucht und eindrucksvolle Dokumente über den Zustand der Infrastruktur mitgebracht, die deutlich machen, dass bei allem Schaden und trotz der Natur, die durch die Steine dringt, die Stadt nicht in sich zusammenfallen will. Als sei sie sich ihrer mahnenden Rolle bewusst. Der Zusammenbruch der Häuser ist in Gaza nicht mehr zu verhindern, sondern harte Realität. Seit dem Gazakrieg ist die Stadt nur noch ein Trümmerhaufen, der teilweise surrealistische Eindrücke hinterlässt. Und eben diese hat Heinrich Völker festgehalten. Den Ein-Tier-Zoo in Gaza City, in dem man dem einzigen Reh einige andere Tiere wenigstens auf die Gehegewand gemalt hat. Oder einen Ventilator an einer zerschossenen und rußigen Häuserdecke, durch die das Sonnenlicht scheint. Man hat den Eindruck, die Lüfterflügel hingen direkt am Sternenhimmel. Nicht fehlen darf in einer Fotodokumentation des Urbanen die typische Stadtfotografie, wie sie Eugene Atget gegründet hat. Die Aufnahmen der Altmeister der Agentur Harald Hauswald und Sibylle Bergemann erinnern am ehesten an Atgets Situationsfotografie, aber auch Jörg Brüggemanns Reportage von der südlichsten Stadt der Welt Ushuaia ist in ihrem Ansatz ähnlich wie Atgets Momentaufnahmen. Zwei andere Mitbegründer der Agentur Werner und Ute Mahler überzeugen mit ihren Vorstadt-Monalisen, die mit ihrer Mimik und Haltung eine Menge über ihren Wohn- und Lebensraum aussagen.
Die Geschichte, die die
Fotografien der OSTKREUZ-Fotografen erzählen, ist aber nicht nur eine des
Urbanen, sondern auch eine des Menschen. Denn Menschen sind es, die die Stadt
mit Leben füllen oder sie damit dem Verfall überlassen, die sie aufbauen oder
zerstören. Menschen sind es, die ihr einen Sinn und Mythos geben.
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Markus Jauer &
Wolfgang Kiel (Autoren)
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