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Südafrikas dunkle Seite

Der Brite Roger Smith hat bisher zwei Südafrika-Thriller geschrieben. Beide spielen in der düsteren Welt der Townships. Spannend sind sie jeder für sich. Die Erzählstrukturen sind allerdings so ähnlich, dass spätestens die Lektüre des zweiten Thrillers gähnende Langeweile hervorruft.

Von Thomas Hummitzsch

Wahrscheinlich wird in den kommenden Wochen während der Fußball-Weltmeisterschaft vorwiegend „the sunny side of life“ von Südafrika zu sehen sein. Das sonnige Südafrika wird die Diskussionen um die Sicherheit von Zuschauern und Spielern, die Verlässlichkeit der Südafrikaner beim Bau der Stadien oder die zuweilen chaotische Organisation dieses Großereignisses schnell beenden. Und dann können sich Kommentatoren und Korrespondenten zu Beginn des größten Fußballfests der Welt der globalen Begeisterung und dem epidemischen Fußballfieber hingeben. Bilder von Ausgelassenheit und Freude werden die Bildschirme dominieren. Die Welt wird wieder ganz im Zeichen des runden Leders stehen und Südafrika im Licht des Fußballs strahlen.

Vielleicht werden sich dennoch einige Zuschauer fragen, wie es hinter den blendenden Kulissen aussieht, die für die Fußball-WM vor das echte Südafrika geschoben wurden. Der britische Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Roger Smith, der seit Jahren in Südafrika lebt, liefert dieses echte Bild in seinen beiden bisher erschienenen Thrillern nicht. Zu klischeebehaftet sind die Personen, die er in „Kap der Finsternis“ und „Blutiges Erwachen“ auftreten lässt. Smith zeigt aber ein anderes Bild von Südafrika, fernab von Reichtum und Sicherheit. Er führt seine Leser hinab in die Townships von Kapstadt, die von ihren Bewohnern schlichtweg cape flats oder einfach nur flats genannt werden. Diese Gebiete sind die schrecklichen Überreste des südafrikanischen Apartheid-Regimes und galten in der dunklen Vergangenheit Südafrikas als Abladeplatz der schwarzen Bevölkerung. Die nicht-weiße Bevölkerung Südafrikas wurde unter der rassistischen National Party aus dem Stadtzentrum in diese tief-liegende Region zu Füßen des weltberühmten Tafelgebirges vertrieben. Die schwarze Bevölkerung wurde dort, soweit sie mit ihren politischen Aktionen nicht die weiße Bevölkerung bedrohte, sich selbst überlassen. Seither herrschte in den flats das Diktat der Gewalt. Die Schwachen gerieten hier stets unter die Räder der Stärkeren, die Rücksichtsvollen erlagen den Skrupellosen.

Armut, Aids, Drogen und Kriminalität bilden den Cocktail, den die Bewohner dieser Stadtviertel schon mit der Muttermilch aufsaugten. Selbst die großzügigen Sanierungsprogramme der neunziger Jahre konnten Kapstadts Townships nicht von ihren Erblasten befreien. Auch heute noch leben die Bewohner dieser Stadtviertel an der untersten Grenze der Gesellschaft – wirtschaftlich und soziologisch gesehen. Was in diesen Gebieten stattfindet, ist nicht Ver- sondern Entgesellschaftung. Hier wird nicht mit- sondern gegeneinander gelebt. Zwangsweise arrangieren sich die Bewohner der Townships mit den blutigen Machtkämpfen der rivalisierenden Banden, die meist in den flats beginnen, dann in den Gefängnissen Kapstadts fortgesetzt werden und schließlich wieder in die flats zurückkehren. Es gilt dabei das Motto: Jeder ist sich selbst der nächste. Ob die Menschen nebenan bedroht, ausgeraubt, vergewaltigt oder ermordet werden, spielt keine Rolle, solange man nicht selbst betroffen ist. Im besten Fall profitiert man sogar noch davon. „Falls die Cape Flats jemals einen Wappenvogel hätten, dann müsste es der Aasgeier sein.“ So klingt das dann bei Smith.

Einen Großteil der inneren Handlung seiner beiden Thriller hat Roger Smith in diesen Townships verankert. In beiden Romanen ist die Personenkonstellation nicht nur zum verwechseln ähnlich, sondern weist auch nahezu identische Schemata auf: Am Hang des Tafelbergs lebt jeweils ein auf den ersten Blick gut situiertes weißes Pärchen – der Mann stets Dreck am Stecken, die Frauen mehr oder weniger unzufrieden mit ihrer Beziehungssituation –, die durch einen Zufall in einen Strudel der Gewalt geraten und von diesem in den Abgrund der Townships gezogen werden. In beiden Fällen gibt es einen good cop – im Sinne von nicht korrupt und in Maßen rücksichtsvoll – und einen bad cop, der den Antipoden zu Ersterem darstellt. Sie bilden die Brücke in die Townships. Der „gute Polizist“ ist meist dort aufgewachsen, ist also farbig, und hat ein traumatisches Ereignis hinter sich, welches ihn schließlich bewogen hat, von der dunklen zur etwas helleren Seite der Macht, sprich von der Bande zur Polizei, zu wechseln. Der „Böse“ hat die Gegenbewegung hinter sich und seine schleimigen Tentakeln in den flats verankert. Dort sitzt er mit am Pokertisch des organisierten Verbrechens, welches wiederum seinen Teil zu diesen Verbrecherstories beiträgt. Schnell entspinnt sich ein Kampf um Leben und Tod für alle Beteiligten. Am Ende gibt es etwa ein Dutzend Tote, meist auf grausamste Weise umgebracht, und kaum überlebende Protagonisten. Von den Wenigen stehen dann aber am ehesten die weißen Frauen als Gewinner dar. Alle anderen Romanfiguren, einschließlich der (ebenfalls in beiden Thrillern) involvierten Kinder, sind als Verlierer zu betrachten. Kurz: Hat man „Kap der Finsternis“ gelesen, kennt man „Blutiges Erwachen“ und umgekehrt.[1]

Was Smith jedoch zweifelsohne in beiden Romanen gelingt, ist Spannung aufzubauen. In kurzen Blenden wechselt er zwischen Orten und (Innen- wie Außen-)Perspektiven, baut beim Leser Erwartungshaltungen auf und verwirft diese umgehend durch neue Eindrücke. Zugleich lässt er mehrere Handlungsstränge parallel verlaufen, um sie im Laufe der Geschichte unverhofft zusammenzuführen – sei es über Motivlagen oder Personenkonstellationen direkter oder indirekter Art.

Warum ihm dies aber gleich den 2. Platz beim Deutschen Krimipreis in der Kategorie Krimi International eingebracht hat, bleibt rätselhaft. Denn über all dem durchaus lobenswerten thrill schwebt eine laxe Mischung aus Klischee, Effekthascherei und trügerischem Lokalkolorit. Sicher zeigt Smith in seinen Thrillern auch einige wichtige und vor allem unbequeme Tatsachen über Südafrika und seine Gesellschaft auf. Diese gehen aber in den erwartbaren Personen- und Handlungszeichnungen unter. Außerdem übernimmt er die derbe und vulgäre Sprache der Townships eins zu eins und zelebriert diesen Gossenjargon geradezu bis zum Fetisch. Da treten seine Protagonisten permanent in „eine Welt voll Scheiße“ und wenn dabei ein paar Unschuldige „draufgehen“, interessiert das auch keinen „Furz“. Man muss schon Liebhaber des Groben und Vulgären sein, um solche und andere Formulierungen zu mögen. Die möglichst realitätsnahe Schilderung abgrundtief mieser Gewaltköpfe und ihrer Hirngespinste macht noch keinen guten Krimi aus.

Schätzen kann man zumindest einen der beiden Romane von Roger Smith dennoch (Die geneigte Leserschaft suche sich einen aus. Beide sind für sich genommen solide Thriller.) – als Korrektiv zu den Südafrika-Bildern, die in den nächsten vier Wochen en masse über unsere Bildschirme flimmern werden. Die südafrikanische Realität jedoch liegt irgendwo zwischen Roger Smith’s klischeelastiger Hölle des Verbrechens und der WM-Euphorie, die das Elend im Gastgeberland zur Seite schieben wird.


[1] Die identische Seitenzahl beider Romane ist dann nur noch eine ironische Randnotiz wert.


 

Roger Smith
Kap der Finsternis
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger und Peter Torberg
Verlag Tropen bei Klett-Cotta. Stuttgart 2009
356 Seiten
21,90 Euro
ISBN: 3608502025

Leseprobe

Roger Smith
Blutiges Erwachen
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger und Peter Torberg
Verlag Tropen bei Klett-Cotta. Stuttgart 2010
356 Seiten
19,90 Euro
ISBN: 3608502068

Leseprobe

Homepage des Autors www.rogersmithbooks.com



 


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