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Die
Zukunft Israels
Avraham Burgs ergreifendes Plädoyer für eine Befreiung Israels vom Trauma des
Holocaust als Voraussetzung für ein Leben in Freiheit und Frieden
Ein Buch wie eine Hilfeschrei. Hier schreibt einer, der getrieben ist von einer
besseren Welt. Getrieben von dem Aufsprengen eines Teufelsreises mit den Mitteln
der Einsicht, des Arguments – und der Empathie. Der Autor ist Avraham Burg, 1955
geboren, ehemaliger Offizier in einer Fallschirmjägereinheit, ehemaliger
Vorsitzender der "Jewish Agency" und ehemaliger Knesset-Sprecher (ein vielfach
"Ehemaliger" also). Burg ist Sohn eines "Jeckes", eines Dresdner
Universitätsprofessors, der in Deutschland blieb so lange es eben ging,
für eine Unterorganisation des Mossad in Paris illegale Einwanderer
herausschmuggelte und dafür sogar mit NS-Offizieren verhandelte und später
Minister in mehreren israelischer Regierungen wurde und einer arabischen Jüdin,
die als Kind nur mit Glück und Hilfe (ihres arabischen Vermieters) dem
Hebron-Massaker 1929 entkam. Dieses Buch will er auch verstanden wissen als
Gespräch mit seinem (verstorbenen) Vater und als Dialoggrundlage für seine
Kinder (uns es gibt berührende Momente der Annäherung und der Bewunderung seinen
Eltern gegenüber).
* * * * *
Von Johannes Rau
stammt der Satz: "Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein
Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet." Genau um
diese Differenz geht es in dem Buch "Hitler besiegen": Burg ist ein Patriot, der
sich gegen das nationalistisch werdende, sich isolationistisch gebärdende und
dabei mehr und mehr in Paranoia verfallende Israel positioniert und stattdessen
seine, die Werte seiner Familie, die Werte der Gründerväter, die Werte eines
modernen, neuen Judentums, setzen möchte.
Burgs These: Israel hat in den 60er Jahren eine mentale Kehrtwendung seiner
Identität vollzogen. Die Shoah, der millionenfache Mord der Nationalsozialisten
an den Juden, wurde zum Gründungsmythos des Staates Israel mystifiziert und
bestimmte immer mehr weit über das normale Gedenken hinaus die politischen
Entscheidungen des Staates. Zwar gibt auch Burg zu: Israel entstand aus der
Asche und ohne die Shoah hätte es – so die These - den Staat Israel in
dieser Form (und in dieser Historie) nicht gegeben. Aber es gab nie den Versuch
einer historischen Aufarbeitung dieses ungeheuerlichen Vorgangs, der sich
jenseits vorher festgelegter Rituale abspielte. Stattdessen entwickelte
Israel sich zu einer multitraumatischen Gesellschaft, einer Koalition aller
ihrer Opfer, die ihre schlimmsten Erlebnisse zu ihrer zentralen existenziellen
Erfahrung machten.
Eichmann-Prozess als Initiationsritual
Ausführlich beschreibt Burg diesen Prozess und dringt dabei tief in die
Gründungsgeschichte des Staates Israel ein. Es gibt einen kleinen Überblick der
Geschichte der Juden im 20. Jahrhundert. Zwei Ereignisse der 60er Jahre waren
letztlich für die heutige Situation bestimmend: Der Prozess gegen Adolf Eichmann
1961 und der Sechs-Tage-Krieg 1967 (der zu einem militärischen Triumph für
Israel wurde).
Der
Eichmann-Prozess war ein Initiationsritual, in dem Israel sich als Opfer
bestätigte. Er
begründete die israelische Viktimation. Burg vertritt die Meinung, der
Prozess hätte damals als internationales Tribunal internationalisiert werden
müssen und zitiert in diesem Zusammenhang Hannah Arendts Polemik von Ben-Gurions
"Schauprozess". Ausführlich setzt sich Burg mit der damals diskutierten
Möglichkeit auseinander, Eichmanns Todesurteil in eine Begnadigung zu
überführen. Er zitiert aus Mitschriften von Regierungssitzungen (in denen unter
anderem auch sein Vater, Josef Burg, zu Wort kommt [als Mann der Mitte]).
Der Autor vertritt die These, Eichmanns Todesurteil hätte in eine lebenslange
Gefängnisstrafe überführt werden sollen (es gab sogar Diskussionen darüber, ihn
nach der Verurteilung freizulassen und ihn mit seiner Schuld leben zu lassen).
Obwohl strikter Todesstrafen-Gegner versteht Burg durchaus, warum es zu einer
Begnadigung nicht gekommen ist, denn Eichmanns Tod sollte das Ende der Shoah
und den Beginn der Post-Shoah-Periode symbolisieren. Aus Gründen, die
ausführlich behandelt werden, ist dann klar: In Wirklichkeit passierte das
Gegenteil. Stattdessen entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine Art
Shoah Establishment, welches anderslautende, bedächtige und
kritisch-analytische Thesen wie beispielsweise die von Hannah Arendt zum
Eichmann-Prozess weder zur Kenntnis nahm, geschweige denn sie seinerzeit in
Israel überhaupt publizierte.
Der
großartige militärische Erfolg des Sechstagekrieges war das zweite
einschneidende Ereignis; eine Art Pyrrhus-Sieg, den Burg da erkennt. Von nun an
schritt die Militarisierung des israelischen Politik voran; nur unterbrochen von
einer kurzen Phase des Oslo-Prozesses in den 90er Jahren (dem
Übergangsjahrzehnt), die brutal durch die Ermordung Yitzhak Rabins beendet
wurde.
Davor und danach wurde die Gefahr einer permanent virulenten zweiten Shoah als
Drohpotential implementiert. Die Shoah ist unser Leben, wir wollen sie nicht
vergessen und lassen nicht zu, dass jemand uns vergisst. Wir haben die Shoah aus
ihrem historischen Kontext gerissen und zur Entschuldigung und Triebkraft
jeglichen Handelns gemacht. Alles wird mit der Shoah verglichen, erscheint neben
ihr zwergenhaft klein und ist daher erlaubt: seien es Zäune, Belagerungen,
Einkesselungen, Nahrungsmittel- und Wasserentzug oder ungeklärte Tötungen. Alles
ist erlaubt, weil wir die Shoah durchgemacht haben und niemand uns sagen darf,
was wir zu tun haben. Nachträglich bürgerte Israel die 6 Millionen
Tote[n] ein Jegliches Handeln wird nun durch die Shoah bestimmt und
legitimiert. Burg fasst diese Haltung zusammen: Die Shoah ist einmalig, sie
ist nur uns zugestoßen; kontaminiert unsere Shoah nicht mit den Problemen
anderer Völker.
Außenpolitik und ritualisiertes Gedenken
Außenpolitisch sieht Burg Israel in einer durchaus besonderen Rolle, gerade
wenn man die Geschichte Ernst nehmen würde. Ein apathisches Israel und ein
passives jüdisches Volk tragen mehr Verantwortung als andere, die sich der
Untätigkeit schuldig machen. Auch hier zeigt die Realität eher das
Gegenteil. Israels Außenpolitik unterstützte das südafrikanische
Apartheid-Regime bis zu dessen Zusammenbruch. Im Streit zwischen der Türkei und
Armenien um die Bewertung der türkischen Massaker der Jahre 1915-17 als Genozid
sprang man der türkischen Regierung bei. Burg macht Israel auch als
Milošević-Unterstützer während der jugoslawischen Sezessionskriege aus. Mit
dieser Art von Politik isolierte sich Israel von tiefgreifenden Weltprozessen
und wurde zum Leugner des Holocausts an anderen Völkern. Düster der Schluss
aus dieser Art von Arroganz und Geschichtsvergessenheit, die nur sich
selber als Opfer geriert und kalte Interessenpolitik betreibt: Wer den
Holocaust an anderen verleugnet, wird letztlich erleben, dass sein eigener
Holocaust verleugnet wird. Ein Satz, der naturgemäss verstört, aber ohne
Zweifel aus einer grossen Verzweiflung resultiert.
Harte Worte findet er auch, was die ritualiserte Gedenk- und Feierkultur in
Israel angeht. Sie ist vollkommen geprägt von der Shoah; selbst einst religiöse
Feste werden entsprechend "aufgeladen". Wir stutzten unsere grauenvolle
Holocaust-Erfahrung zurecht, bis sie in einige der traditionellen jüdischen
Muster passte, und fügten ihr unseren eigenen Symbolismus hinzu. Burg
behauptet, dass die Shoah im israelischen Leben inzwischen präsenter als Gott
sei. Ausländische Staatsbesucher werden zum Besuch nach Yad Vashem verpflichtet,
dieser Pfahl, an den wir unsere Gäste stellen, um ihnen unsere exklusiven
Shoah-Werte einzutrichtern, in Wahrheit sei Yad Vashem, so wie es benutzt
wird, das größte Monument nationaler Ohnmacht, ein Denkmal der moralischen
Taub- und Stumpfheit gegenüber anderen. Eindrücklich plädiert er für eine
Neuausrichtung: Yad Vashem soll Sitz des internationalen Strafgerichtshofs
werden und es sollen dort Prozesse gegen potentielle Völkermörder stattfinden.
Burg
bilanziert den Status quo des Landes mit einer Mischung zwischen Erschrecken und
Verzweiflung: Wir haben die Shoah aus ihrer heiligen Position geholt und in
ein Instrument gewöhnlicher und sogar abgedroschener Politik verwandelt. Wir
haben die Shoah zu einem Mittel im Dienste des jüdischen Volkes gemacht. Der
Schuldkomplex es Nichterkennens der Gefahr einer sich abzeichnenden Verfolgung
wurde überführt in einen Opfermythos. Dies führte zu absurden, teilweise
geschichtsverbiegenden Wahrnehmungen. Burg fragt in diesem Zusammenhang
warum…Israel die Warschauer Rebellen posthum [adoptierte], obwohl es vor der
Staatsgründung so wenig unternommen hatte – soweit sich überhaupt etwas hätte
tun lassen -, um ihnen gegen die Kräfte der Vernichtung und des Todes zu helfen?
Der Aufstand im Warschauer Ghetto wurde als "israelisch" deklariert, weil er
gut in die Shoah-Vereinnahmung passte. Die heutige israelische Gesellschaft
bemerkt dabei gar nicht, so Burg, wie noch mehr als 60 Jahre nach seinem Tod,
Hitler und seine Schergen Reaktionen und Verhaltensweisen bestimmen (Burg
konstatiert dies übrigens auch in Bezug auf die amerikanischen Juden). Die
Folgen sind katastrophal nicht nur für das Selbstverständnis einer Nation,
sondern auch für das Zusammenleben mit den Nachbarn, die nur als Feinde
wahrgenommen werden: In Israel wie auch in Amerika führte der Schuldkomplex
über die Shoah zu einer nationalen Besessenheit von überzogener
Sicherheitspolitik, zu einem Machtstreben, das oft in primitive Kriegslust
übergeht.
Fatale Mischung von Militär und Religion
Unverblümt konstatiert Burg: Wir müssen zugeben, dass das heutige Israel
und seine Politik zum wachsenden Hass auf Juden beitragen, unter anderem
weil Juden und Israelis…zu Schlägern geworden sind. Natürlich
lehnt Burg den Vergleich des israelischen Besatzungspolitik mit den
Nationalsozialisten vehement ab; nichts wäre unhistorischer als solch ein
Blödsinn. Aber ein gedemütigtes, verfolgtes Volk [kann] seinen schlimmsten
Peinigern ähnlich werden. Und überdeutlich heißt es dann: Vergangene
Unterdrückung verleiht dem befreiten Volk keine moralisch weiße Weste, eher im
Gegenteil. Keinen Gedanken verschwendet Avraham Burg daran, dass diese Sätze
als Antisemitismus ausgelegt werden könnten (Zitate in falsche Kontexte stellen
und/oder Beifall von der "falschen Seite" erhalten – das ist immer ein Risiko.)
Tabuisierungen aus falscher Zurückhaltung, die vermutlich selber zu lange
praktiziert hat, lehnt er ab. Burg nutzt diese die "Freiheit" des "Ehemaligen",
endlich nicht nur in verbalen Placebos reden zu müssen (wobei dieses
Verständnis eines Amtsträgers durchaus ambivalente Gefühle zurücklässt und allzu
leicht als wohlfeile Ausrede gelesen werden könnte).
Hart
geht Burg mit den orthodoxen Juden ins Gericht (insbesondere und exemplarisch
mit Rabbi Yitzhak Ginzburg), die Israel mehr und mehr – auch politisch –
beeinflussen. Für ihn sind es …grausame Kidnapper dieser wunderbaren Kultur
und nicht ihre authentischen Repräsentanten. Aber noch schlimmer als der
schleichende politische Bedeutungsgewinn dieser radikalen Minderheit ist die
Durchdringung der diskursiven Intoleranz der israelischen Gesellschaft. Burg
veranschaulicht dies an einer fiktiven Diskussion mit seinem verstorbenen Vater.
In Punkten, in denen wir unterschiedlicher Meinung wären (besonders was sein
Eintreten für den religiösen Charakter des Staates angeht), würde er mit mir wie
ein Jude diskutieren, nicht wie ein Israeli. Der Israeli würde die Hand wie zum
Schlag heben und zischen: "Wofür hälst du dich eigentlich?", und sobald er mich
(durch sein persönliches Veto) disqualifiziert hätte, würde er sich von meinen
Fragen nicht mehr betroffen fühlen. Der talmudische Jude würde dagegen zu
verstehen versuchen: "Worum geht es dir hier eigentlich?" Er würde mir auf den
Grund meiner Argumentation folgen und sich entscheiden, ob er meine Vorschläge
annimmt und seine Meinung ändert, oder ob er zu seinem Standpunkt zurückkehrt.
In Wahrheit, so Burgs These, verraten die Orthodoxen und Hardliner die
Werte, für die vermeintlich suggerieren einzutreten. Burg bekennt sich zu seiner
Angst vor einem Israel der Rabbis und Generäle und erkennt durchaus
erschreckende Elemente von Rassismus in der aktuellen israelischen
Gesellschaft (interessant seine Ausführungen zum Attribut "arabisch").
Mit einem neuen Judentum aus dem 'mentalen Gefängnis'
Selbst bei den eigenen Kindern beobachtet Burg Veränderungen, sobald sie von
den Pflichtreisen von europäischen Konzentrationslagern wiederkehren. Die
Infiltration scheint perfekt zu sein; er dokumentiert dies auch. Sie führt zu
einer Wagenburgmentalität und zu emotionaler Verhärtung. Burg setzt dem seine
politische Sicht entgegen: Es droht keine weitere Shoah; Israel ist eine
ökonomisch, militärisch und außenpolitisch gefestigte Größe mit den USA als
sicheren Bündnispartner. Er verlangt ein Zugehen auf die Nachbarn. Die Araber
müssten von der Nazi-Rolle…die wir ihnen zugewiesen haben befreit werden.
Heute sind wir nicht nur Richter, sondern auch Herren über das Land, aber
unser Urteil ist hart, ungerecht und erbarmungslos. Zwar sei es unmöglich,
nach Jahrzehnten die palästinensischen Flüchtlinge in ihre Häuser und Gebiete
wieder zurück kommen zu lassen, aber sie müssten entsprechend entschädigt
werden, so dass ein Neuanfang möglich ist.
Statt ewig zurückzuschauen, muss nach vorne geblickt werden. Ich bin zutiefst
überzeugt, wenn wir die moderne israelische Identität nicht auf Optimismus,
Glauben an die Menschen und volles Vertrauen in die Völkerfamilie gründen, haben
wir auf lange Sicht keine Existenz- und Überlebenschance – nicht als
Gesellschaft in einem Staat, nicht als Staat in der Welt und nicht als Nation in
der Zukunft. Die Palästinenser müssten eine Umarmung des Friedens
spüren. Burg plädiert für eine Spirale des Fortschritts und Gedenkens, eine
Synthese aus Kreis und Linie, aus Veränderung und Kontinuität. Israel müsse
endlich Auschwitz verlassen, da es ein mentales Gefängnis sei. Erinnerung
zwar bewahren, aber in der Gegenwart leben und die Zukunft gestalten. Und
statt einer eindimensionalen Fahrt in eine Zeit und an einen Ort des Schmerzes,
der Demütigung und Vernichtung - Burg spricht hier die Fahrten von
israelischen Schülern in Konzentrationslager an - möchte ich eine
mehrdimensionale Reise zu Hoffnung und Vertrauen vorschlagen. Hier entwirft
er eine ganz neue Reiseroute durch Europa, beginnend im spanischen Andalusien,
um hier die Hochkultur des Islam aus dem Mittelalter zu studieren über die
Ballungszentren muslimischer Einwanderer in Europa; eine Rundreise durch
die von Konfrontation geprägte Geschichte der Juden und Araber.
Burg schreibt große Worte, aber wichtige Details bleiben leider unkonkret. Wie
soll beispielsweise der Gesinnungswandel in der israelischen Gesellschaft
entstehen? Er stellt kristallklare Diagnosen, während die Therapien eher
allgemein bleiben. Er bemüht sich redlich, tritt für die Neuerfindung und
Erneuerung eines Pluralismus der jüdischen Religion ein, die in ein
Judentum der Liebe münden und das genetische Judentum ersetzen soll.
Burg entwirft neue Feiertage, die Gedenken und Zukunftserwartung miteinander in
Einklang bringen sollen und nicht nur in bedeutungslose[n]…Ritualen und
obsessiven Vorschriften "abgefeiert" werden. Er plädiert für einen
interreligiösen Dialog (durchaus angelehnt an Ideen von Hans Küng, auch wenn
er ihn nicht namentlich nennt). Hier scheint Burg die Innovationskräfte von
Religionen deutlich zu überschätzen.
Parallelen zum Bismarck-Deutschland?
Zu großen Konfrontationen in Israel führten die Ausführungen Burgs, in dem
er das aktuelle Israel mit dem deutschen Kaiserreich von 1870 (hier wie dort
begründet ein kruder, Teile der Bevölkerung systematisch ausschließender
Militarismus eine Nation) und der Weimarer Republik (eine Art Entgrenzung der
politischen Kultur auf niedrige Instinktappelle, beispielsweise festgemacht an
der Beschimpfung der sogenannten "Novemberverbrecher"
in der Weimarer Republik Deutschlands gegen die provisorische Regierung, die den
Waffenstillstand im ersten Weltkrieg aushandelte – und der adäquaten
Denunziation als sogenannte "Osloverbrecher" im radikalen Milieu Israels gegen
die
Friedensunterhändler 1993-95) vergleicht und Parallelen feststellt. Im
Vorwort zur deutschen Ausgabe erläutert er noch einmal seine Gründe dafür. Die
Parallelen sind gewagt, aber interessant. Dennoch bleibt die Frage, ob man das
Buch nicht besser exakt um diesen Exkurs hätte reduzieren und die historischen
Analogien separat und vielleicht ein wenig eindringlicher erläutern sollen.
Weniger wäre hier vielleicht mehr gewesen.
Und
eine Allegorie bleibt besonders haften: Als Burg mit einem seiner Söhne in
Berlin ist, und da unser Rückflug sich verzögerte, hatten wir, Vater und
Sohn, unverhofft ein paar Stunden Zeit und gingen in den Berliner Zoo. Während
Noam um die Habitate exotischer Tiere strolchte, saß ich da und schaute den
gefangenen Affen zu. Alle sprangen lebhaft und verspielt von einem Ast zum
anderen. Mit einer Hand hielten sie sich fest, streckten die andere nach dem
nächsten Ast aus und hangelten sich weiter. Ein Affe saß allein abseits und
mischte sich nicht unter die anderen. Ich erkundigte mich bei einem
vorbeigehenden Tierpfleger, was das Tier habe. "Er ist anders", antwortete er.
"Er kann nicht klettern, weil er Angst hat, den Ast loszulassen. Wenn man sich
mit beiden Händen an dem Ast festhält, kann man nicht klettern. Das ist sein
Schicksal. Er sitzt den ganzen Tag auf dem Boden wie ein Trauernder, der vom
Leben um ihn herum isoliert ist."
* * * *
*
Burgs Buch ist
keine derbe Polemik, keine wutschnaubende Abrechnung mit politischen Gegnern
oder wohlfeile Philippika gegen den israelischen Zeitgeist. Wer genau liest,
stellt fest, wie behutsam er die Akzente zu setzen versucht. Zwar ist die
Sprache in der Diagnose des Zustands Israels deutlich, aber gleichzeitig so
gewählt, dass sie nicht verletzt, es sei denn, man betrachtet bereits die
Feststellung des beschriebenen Zustands als Sakrileg. "Hitler besiegen" ist ein
sehr lesenswertes, ein aufrüttelndes Buch. Burg gibt zu, dass seine Meinung
derzeit eine Minderheitenmeinung in Israel ist. Gerade deshalb bewundert man
seinen Optimismus: Wir werden es schaffen steht da einmal fast trotzig.
Er hat dieses Buch trotz der zu erwartenden feindseligen Reaktionen geschrieben,
trotz der verbalen Anarchie, die er derzeit in Israel ausmacht - weil er
letztlich doch der Kraft des Argumentes vertraut. Man hat nach der Lektüre das
Gefühl, dass man dieses Vertrauen bitter nötig haben wird. Gregor Keuschnig
Die
kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.
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Begleitschreiben
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Avraham Burg
Hitler besiegen
Warum Israel sich endlich vom
Holocaust lösen muß
Übersetzt von Ulrike Bischoff
Campus Verlag
280 Seiten
EAN 9783593390567
€ 22,90
Leseprobe
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