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Die erste Retrospektive
zum Werk von Lillian Bassman und Paul Himmel lädt ein zur Wiederentdeckung
zweier grandioser Fotokünstler. Künstlerpaare sind in der Kunstgeschichte keine Seltenheit. Ob Camille Claudel und Auguste Rodin, Frida Kahlo und Diego Riviera oder Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely – es war bei weitem keine Seltenheit, wenn zwei Kunstschaffende aneinander und an des anderen Werk eine tiefe Faszination fanden und sich gegenseitig inspirierten. Oftmals konnte sich in solchen Künstlerbeziehungen einer der Partner nur auf Kosten des anderen komplett entfalten. Nur selten fanden die Künstler in ihren Beziehungen ein Gleichgewicht von Dauer. Meist trennten sie sich nach einigen Jahren der Gemeinsamkeit. Bis zum Februar des vergangenen Jahres widmete das Kölner Wallraf-Richartz-Museum dreizehn solcher Künstlerpaare eine eigene Ausstellung. Die Kuratorin dieser Ausstellung Barbara Schaefer hatte anlässlich der Schau insgesamt 170 Künstlerpaare seit der Renaissance gezählt. Ob Sie dabei auch das Fotografenpaar Lillian Bassman und Paul Himmel bedacht hat, ist nicht bekannt. In der Kölner Ausstellung kamen beide nicht vor.
Beide Fotografen haben jüdische Wurzeln. Die Eltern beider lernen sich als Neueinwanderer in Amerika kennen und schätzen. Die Kinder Paul und Lillian verlieben sich im Sommer 1932 ineinander, er gerade 18 Jahre alt, sie noch drei Jahre jünger. Ihr gemeinsamer Sohn Eric Himmel schreibt in seinem sehr lesenswerten, weil in den privaten und künstlerischen Alltag Einblick bietenden Beitrag zum Ausstellungsband: „Sie (Lillian, A.d.A.) erinnerte sich, dass sie am Abend ihrer Ankunft im Wohnzimmer den Teppich zusammenrollten und tanzten, und dass sie Paul den restlichen Sommer lang nicht mehr aus den Augen ließ.“ Beide begannen früh, sich mit der Welt der Kunst auseinanderzusetzen. Während sich Paul Himmel von der gesellschaftlich-politischen Seite an die Fotografie annäherte, beschäftigte sich Lillian Bassman vor allem mit Mode und Modemalerei. Sie arbeitete schon bald nach ihrem Studium für Alexey Brodovitch, den legendären künstlerischen Leiter von Harpers Bazaar. Himmel versuchte sich derweil als Reportagefotograf, nach einem Sommerjob als Assistent bei Vogue wand er sich dann der Modefotografie zu. Hier treffen sich erstmals Bassmans und Himmels künstlerische Linien, doch sie sollten sich noch oftmals auseinander entwickeln, um sich dann doch immer wieder anzunähern oder zu kreuzen.
Paul Himmel sollte schon
bald für seine faszinierende Momentfotografie bekannt werden, in der er
Bewegungen nicht einfach nur einfror, sondern durch lange Belichtungszeiten
überhaupt erst sichtbar machte. Seine Aufnahmen aus dem Zirkus und dem Ballett
zeigen, welche Gespür Himmel bereits als junger Fotograf für Zeit und
Lichtverhältnisse hatte. Auf faszinierende Art und Weise konnte er die
Inszenierung in der Zeit auf die Fotografie übertragen. Seine Bilder erinnern
zuweilen an die verwischten Aufnahmen eines Eugène Atget, nur dass Himmel seine
Protagonisten in den permanenten Kreislauf der modernen Metropole versetzt.
Während Atget oftmals die Ruhe der städtischen Landschaft durch die Bewegung
seiner menschlichen Objekte auflöst, dreht Himmel diesen Effekt um und macht die
Unruhe seiner Zeit durch den Stillstand seiner Objekte deutlich, die, wie bei
seinen Modeaufnahmen in der Grand Central Station in New York, von einer
drängenden und verschwimmenden Masse umgeben sind. Insofern sind Himmels Bilder
der ausgehenden vierziger Jahre von frappanter Aktualität.
Bassmans Fotografie hat
ihre Wurzeln in der Modefotografie der vierziger und fünfziger Jahre. Als
Assistentin bei Harpers Bazaar arbeitete sie mit Fotografen wie Richard
Avedon oder Martin Munkácsi zusammen. Als Art Director konfrontierte sie die
Modefotografie in Harpers Bazaar mit sozialen und gesellschaftlichen
Fragen. Unter ihrer Führung als künstlerische Leiterin hatte sich in dem Magazin
eine dynamische, lebensnahe und innovative Modefotografie entwickeln können.
Hier nahmen ihre eigenen Fotoarbeiten ihren Ausgang, im Experiment mit Farben
und Formen, im Überschreiten der bislang bekannten Grenzen und im Brechen von
Gewohntem. Sie nahm ungewöhnliche Perspektiven ein, inszenierte Kleidung auf
neue Art und Weise und ermöglichte so einen frischen Zugang zur Mode.
Die besondere Beziehung
dieses Künstlerpaars erfährt nun ihre Hommage in dieser einzigartigen
Ausstellung und einem attraktiven Ausstellungsband. Auf mehr als 400 Seiten
setzt sich dieser mit in die Tiefe gehenden Texten und Fotografien kenntnisreich
und detailliert mit dem Leben und Schaffen für und mit der Kunst von Lillian
Bassman und Paul Himmel auseinander, ohne sich dabei in Marginalien oder
Anekdoten zu verlieren. Mit der ersten Retrospektive von Lillian Bassman und
Paul Himmel erhält das Œuvre von zwei völlig zu Unrecht fast vergessenen
Fotografiekünstlern die Würdigung, die ihnen gebührt. |
Ingo Taubhorn & Brigitte Woischnik (Hrsg.):
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