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Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:

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Schnipseljagd in »Hamastan«

Die palästinensische Gesellschaft steht in einem permanenten Krieg mit sich selbst. Das ungeschriebene Gesetz dabei lautet, dass keine Untat für sich allein existiert. Dies muss auch Omar Jussuf in seinem zweiten Fall feststellen, in dem er sich durch den Filz der palästinensischen Schattenwelt kämpft.


Von Thomas Hummitzsch

Der Gazastreifen ist nicht erst seit dem jüngsten nahöstlichen Krieg zwischen Israel und der Hamas ein besonders abscheulicher Flecken des in drei ungleiche Teile gestückelten Heiligen Landes. Auf dem etwa 35 mal 10 Kilometer kleinen Landstrich an der Grenze zu Ägypten fristen etwa 1,5 Millionen Palästinenser ein kümmerliches Dasein, eher schlecht als recht alimentiert von der internationalen Gemeinschaft. Auf diesem hoffnungslos überbevölkerten Territorium wird tagtäglich jede nur denkbare Form des kleinen innerpalästinensischen Krieges ausgetragen. Nachbarschaftskonflikte, Familienfehden, Stammeskämpfe, Bandenkriege und politische Auseinandersetzungen werden mit einer rücksichtslosen Waffengewalt ausgetragen und fordern ihre zahlreichen, meist unschuldigen Opfer. Den Höhepunkt der innerpalästinensischen Auseinandersetzungen in Gaza fand nach der israelischen Räumung des Gazastreifens im Sommer 2006 statt, als ein regelrechter Krieg zwischen den politischen Fraktionen der PLO-Nachfolgerpartei Fatah und der islamistischen Hamas tobte. Die Hamas ging siegreich aus diesem Bruderkampf hervor, die Fatah wurde ins Westjordanland vertrieben. Seitdem wird die palästinensische Exklave nur noch als Hamastan bezeichnet.
Matt Beynon Rees versetzt den Leser in seinem zweiten Nahostkrimi zurück in die Zeit dieses Bruderkampfes. Der Alltag Gazas ist geprägt von brutalen Milizionären, korrupten Polizisten und eigensinnigen Regierungsbeamten, von denen jeder einzelne sein eigenes Heil im Verbrechen sucht. Mitschwimmen heißt die Devise in den Fluten des Übels.
Im Mittelpunkt von „Ein Grab in Gaza“ steht wieder der nicht mehr ganz junge, jedoch umsichtig agierende Direktor einer Bethlehemer UN-Schule Omar Jussuf. Während einer Inspektionstour mit seinem schwedischen Vorgesetzten Magnus Wallender im Gazastreifen kommt Jussuf zu seinem zweiten Fall, wie die Jungfrau zum Kinde. Einer der Lehrer einer UN-Schule in Gaza-Stadt, Ejad Maschawari, ist unter dubiosen Umständen verhaftet worden. Die beiden Schulinspektoren finden den Lehrer schwer misshandelt in einem Gefängnis der palästinensischen Sicherheitskräfte. Er berichtet ihnen, er habe entdeckt, dass die Al-Azhar-Universität in Gaza-Stadt akademische Abschlüsse an die Sicherheitskräfte verkaufe. Nachdem er den Direktor der Universität mit dem Vorwurf der Korruption konfrontiert habe, sei er festgenommen worden. Doch foltert man jemanden wegen gefälschter Diplome? Und was haben der Machtkampf zweier Mitglieder des palästinensischen Revolutionsrats und eine Sammlung alter Knochen mit all dem zu tun?
Ein seltsamer Auftakt zu einer umso atemberaubenden, verwirrenden, brutalen und nicht selten makaberen Verbrecherjagd im Chaos des Gazastreifens. Maschawari ist natürlich nicht das einzige Opfer. Der erste Tote ist der palästinensische Geheimdienstoffizier Fathi Sallah, der angeblich bei einer Festnahme erschossen wurde. Sein vermeintlicher Mörder, Bassam Odwan, ist ein Kämpfer der privaten Saladin-Miliz, der die Tat jedoch bestreitet. Um ihn freizupressen, entführt die Miliz Jussufs schwedischen Vorgesetzten Wallender. Die Wahrscheinlichkeit, ihn lebend wieder zu sehen, wird umso geringer, als Jussuf Odwans Leiche in Gazas einziger Pathologie entdeckt und der UN-Sicherheitsbeauftragte James Cree bei einem Anschlag ums Leben kommt. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt und die undurchsichtigen Verhältnisse in Gaza geben Omar Jussuf einige Rätsel auf. Geradezu metaphorisch fegt während der Romanhandlung ein Sandsturm über den Gazastreifen,

Mit „Ein Grab in Gaza“ ist dem ehemaligen Nahost-Korrespondenten des Time-Magazins Matt Beynon Rees ein nicht minder spannender Nachfolgekrimi zu seinem erstklassigen Debüt „Der Verräter von Bethlehem“ gelungen. In diesem versuchte Omar Jussuf als erster palästinensischer Ermittler der Literaturgeschichte die Unschuld eines ehemaligen Schülers nachzuweisen, dem die Märtyrerbrigaden Spionage für die Israelis vorgeworfen haben. Kollaboration, der Fluch des Nahen Ostens. In seinem neuen Roman ist es Mascharawi, dem Kollaboration mit dem amerikanischen Geheimdienst vorgeworfen wird. Na warum auch nicht. Und er bleibt im Laufe des Romans nicht der einzige, dem Spionage, Verrat oder Vertrauensmissbrauch vorgeworfen wird, was auch kein Wunder ist, bei den zahlreichen kämpfenden Einheiten und Milizen, deren Loyalitäten ambivalent und undurchschaubar sind. Etliche Graben- und Machtkämpfe sich gegenseitig rivalisierender und doch irgendwie gemeinsam kämpfender Gruppen prägen den mörderischen Alltag im inzwischen von der Hamas regierten Absurdistan namens Gazastreifen, der jeder rationalen Grundlage entbehrt. Die besondere Unlogik der palästinensischen Gewaltspirale skizziert er dabei wie folgt: „Je mehr Ärger die Saladin-Brigaden machen, desto mehr muss der Präsident sie auf seine Seite ziehen. Wenn man vom Präsidenten Geld will, besteht der erste Schritt darin, in Gaza viel Ärger zu machen und hin und wieder ein paar Israelis umzubringen. Schlussendlich wird einen der Präsident dann dafür bezahlen, dass man den Deckel wieder drauflegt.“
Matt Beynon Rees kennt das Metier, über das er schreibt. Der 41-jährige Brite leitete viele Jahre das Jerusalemer Büro des New Yorker Time-Magazins. Und noch heute lebt und schreibt er in Israels Hauptstadt, die das Herz für Juden, Moslems und Christen zugleich ist. In seiner Zeit als Büroleiter lernte er nahezu jeden in Israel und den palästinensischen Gebieten kennen, der mit seinen Entscheidungen die Situation zwischen Israel und Palästina und innerpalästinensisch beeinflussen konnte. Von den Präsidenten über die religiösen Führer bis hin zu den Radikalen und Privatmilizen. Er erhielt einen einzigartigen Einblick in das kaum zu durchschauende Netz aus Kampfgruppen und Sicherheitsdiensten, Stämmen und Clans und den damit in Verbindung stehenden Machtspielen. Während seiner Zeit als Korrespondent hat sich Rees durch dieses Wirrwarr an Verantwortlichkeiten und Loyalitäten gearbeitet – allein das ist bemerkenswert. Als Romanautor gelingt es ihm nun, dieses besondere nahöstliche Durcheinander einerseits nachzuzeichnen und andererseits zu entschlüsseln und dem Leser zugänglich zu machen. Und dabei wird eines deutlich: Nicht die Israelis sind das größte Problem der Palästinenser, sondern die Palästinenser selbst stoßen sich Tag für Tag gegenseitig in den Abgrund von Elend und Gewalt.

Wer allerdings hofft, in Rees’ Roman etwas über das aktuelle Gaza lernen zu können, weiß nicht, wie schnell im Nahen Osten die Uhren ticken. Das Gaza, das Israel in den vergangenen Wochen bombardiert hat, hatte nicht mehr viel gemein mit dem Gaza vor zweieinhalb Jahren. Die Verhältnisse des Bruderkampfes zwischen Hamas und Fatah gibt es nicht mehr. Was geblieben ist, sind die mafiösen Verhältnisse der unzähligen bewaffneten Brigaden und Kampftruppen, die die 1,5 Millionern Palästinenser im Gazastreifen terrorisieren. Einzig gemein ist diesen Kampfverbänden, dass sie ab und an einen Israeli ermorden müssen, um zum nationalen Widerstand gezählt werden zu können. Und dennoch, über allem schwebt die Macht der Hamas, Gaza ist inzwischen fest in den Händen der palästinensischen Islamisten.
In Jussufs zweiten Fall greift der Autor wieder geschickt die großen und kleinen Linien des innerpalästinensischen Kampfes auf und lässt sie unauffällig in seinen Roman einfließen. Spalier stehen dabei die Kennzeichen eines zerfallenden Pseudostaates, wie der unaufhörliche Machtkampf in den regierenden Institutionen, die archaischen Gewalttraditionen oder der absurde Luxus der Potentaten in einer Umgebung voller Armut und Existenznot. Omar Jussuf bringt diese Zustände auf den Punkt: „Dieses Land wird nach den Regeln des Mittelalters regiert.“ Und auch die Internationalen kommen nicht gut in Rees Krimis weg. Seiner Ansicht nach begreifen sie die Besonderheiten des Nahen Ostens nicht, haben eine „zu einfach Sicht“ auf die Dinge, die dort geschehen. Zu  oft glaubten sie, „das Gute müsse über das Böse siegen“, aber zugleich unterstützen sie die Verbrecher, wenn es politisch opportun erscheint. 
Neben dem politischen Hintergrund steht in Rees’ Romanen stets die außergewöhnlich Geschichte des jahrtausende Jahre alten Kampfes um das Heilige Land. Die Kombination dieser beiden Aspekte mit den eindringlichen, ja fast spürbaren Beschreibungen des palästinensischen Alltags zwischen Stolz und Scham machen die Yussuf-Krimis zu einzigartig realen Lese- und Erfahrungs-Reisen in den Nahen Osten. Mehr als einmal wähnt sich der Leser inmitten eines arabischen Suq’s oder Restaurants, in dem ihm der Duft frischen arabischen Kaffees förmlich aus den Buchseiten in die Nase steigt.

Die Verhältnisse im Nahen Osten sind hochkomplex. Als Times-Journalist stieß Rees immer wieder an die Grenzen der Berichterstattung, denn die Grabenkämpfe in den dunklen Gassen und Hinterzimmern finden in der Tagespresse keinen Platz. Aber sie sind ein wesentlicher Teil der Wahrheit, die Rees nun in seinen Palästina-Romanen nachreicht. So ist seine Fiktion ironischer Weise realistischer als die journalistische Dokumentation, da sie erlaubt, in die palästinensische Seele zu schauen. Mit Omar Yussuf bekommt der Leser außerdem einen wirklichen Charakterkopf als Ermittler präsentiert, der gegen Autorität immun scheint und hauptsächlich seinem menschlichen Verstand dient. Yussuf hasst alles Radikale, egal auf welcher Seite es sich abspielt. Von um sich schießenden jüdischen Siedlern hält er genauso wenig wie von fanatischen Palästinensern mit Märtyrerabsichten. Die Erfahrung, unschuldig in einem jordanischen Gefängnis eingesessen zu haben, hat seinen Gerechtigkeitssinn entfacht und macht ihn zu einem der kleinen Kämpfer für eine bessere Welt. Dass man im Kampf für eine solche Welt auch mal gesetzliche oder moralische Linien überschreiten muss, versteht sich von selbst. Das war so in seinem ersten Fall im Jahrtausende alten Bethlehem, dieses Mal im palästinensischen Moloch Gaza und wird auch in Nablus so sein, wo Jussufs dritter Fall spielen wird. Man darf gespannt sein.

Omar Jussuf ist dieser kleine Teil von uns allen, der tief in unseren Gehirnwindungen unaufhörlich pocht, wenn wir Zeuge einer Ungerechtigkeit werden. Er ist unser wahr gewordener Aufschrei gegen Willkür und Gemeinheit, gegen Schlechtigkeit und Verderbnis. Omar Jussuf ist das verkörperte palästinensische Gewissen! Thomas Hummitzsch
 

Matt Beynon Rees
Ein Grab in Gaza

Aus dem Englischen von Klaus Modick
Verlag C.H.Beck. München 2009.
18,90 €.
ISBN 3406582419

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