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Bilder aus anderen Welten

In der Berliner Nationalgalerie treffen derzeit moderne Kunst und Architektur aufeinander. Der Mies-van-der-Rohe-Bau beherbergt bis zum 10. Januar 2010 mit der Privatsammlung Pietzsch eine der imposantesten Privatsammlungen moderner Kunst. 

Von Thomas Hummitzsch

„Ich wünschte, dass der Surrealismus dafür gelte, als habe er nichts besseres versucht, als eine Konduktion zwischen den allzu getrennten Welten des Wachens und des Schlafens herzustellen, zwischen der äußeren und der inneren Wahrheit, zwischen der Vernunft und der Torheit, zwischen der Ruhe der Erkenntnis und der Liebe, zwischen dem Leben und des Lebenswillen und der Revolution.“ Derart versuchte der bis heute einflussreichste Theoretiker des Surrealismus André Breton das Wesen dieser faszinierenden Kunst zu beschreiben. Angelehnt an diese Worte ist in Berlins Neuer Nationalgalerie die Schau einer der reizvollsten Privatsammlungen moderner Kunst unter dem Titel „Bilderträume“ zu Gast. In der Präsentation der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch werden Surrealisten der Klassischen Moderne, wie Max Ernst, André Masson, René Magritte, Paul Delvaux, Pablo Picasso, Yves Tanguy, Salvador Dali, Joan Miro ebenso gezeigt, wie die Werke zeitgenössischer Künstler surrealistischer Prägung, darunter Neo Rauch, Joan Mitchell, Mark Rothko, Jackson Pollock und Willem de Kooning.

Die Sammlung, die das Ehepaar Pietzsch in jahrelanger Arbeit zusammengetragen hat, ist von unschätzbarem Wert, die eine Reise durch einen Teil der modernen Kunstgeschichte ermöglicht. Der Surrealismus und seine angrenzenden Strömungen sind in der Privatkollektion eindrucksvoll erfasst. Dabei haben sich die Pietzschs keineswegs auf die surrealistischen Maler und Zeichner beschränkt – von denen es ausreichend Nennenswerte gibt, um mit diesen ein Sammlerleben zu verbringen – sondern sind über die Grenzen des klassischen Kunstgenres der Malerei weit hinausgegangen. Die zahlreichen Bilder werden ergänzt mit Installationen, Plastiken und Fotografien. Auch literarische Beiträge, wie die des französischen Lyrikers Paul Éluard oder Texte von André Breton sind vertreten.

Ebenso wie die Künstler, deren Werke sie sammeln, haben sich Ulla und Heiner Pietzsch nie mit Stillstand zufrieden gegeben. Retrospektivisch scheint es kein Zufall gewesen zu sein, dass das erste erworbene Kunstwerk Gerhard Altenbourgs „Die Schaukel“ war. Denn wie das Mädchen auf diesem abstrakten Bild schaukeln die Pietzsch seither hin und her zwischen ihren beiden Polen, dem Surrealismus und dem Abstrakten Expressionismus. In geliebter Zuneigung haben Ulla und Heiner Pietzsch diese beiden Kunstrichtungen in ihrer Sammlung zusammengeführt.

Erstmals sind im Rahmen der Ausstellung auch die gesammelten Fotografien der in der Kollektion vereinten Künstler zu sehen. Dieser Bereich der Sammlung ist darauf ausgelegt, alle gesammelten Künstler nicht nur durch ein Kunstwerk, sondern auch durch ein fotografisches Porträt zu repräsentieren. Bei einigen Abzügen handelt es sich um fotografische Selbstporträts, bei einem Großteil aber um Aufnahmen einiger Legenden der Fotografie, wie André Kertész, George Brassaï, Henri Cartier-Bresson, Man Ray, Josef Breitenbach oder Arnold Newman. Allein diese Auswahl spricht für sich. Nahezu alle Fotografien besitzen eine tautologische Aussagekraft, da sie nicht nur die Künstler ikonisch als abbilden, sondern auch wie Ikonen für die Arbeit ihrer Macher stehen. Den Stellenwert der Fotografien in der Sammlung macht Ludger Derenthal in seinem klugen Essay zum Ausstellungsband deutlich. Dort schreibt er, dass sich die Porträtaufnahmen der Surrealisten in der Sammlung Pietzsch „zu einem imaginären Gruppenbild“ zusammenfügen.

Der sehr sehenswerte Katalog zur Ausstellung, der alle Exponate einschließlich der Fotografiensammlung enthält, widmet sich ausgiebig der Rolle des Surrealismus in der Berliner Kunst. Zwar ist die deutsche Hauptstadt im Gegensatz zu Paris zu keiner Zeit das Mekka der Surrealisten gewesen, aber der Kurator der Ausstellung Dieter Scholz hat in seinem Textbeitrag beeindruckende Fakten zum Surrealismus in Berlin zusammengetragen. Zwar bot das großstädtische Berlin der 20er und 30er Jahre ausreichend Gegensätze und Brüche zur Inspiration, doch war Berlins geordnetes Chaos nicht geeignet, um die Gedanken schweifen zu lassen. Dies war für die surrealistischen Pioniere in Paris, der Stadt der Flaneure, ganz anders möglich. Nur wenige, wie die Berliner Künstlerin Hannah Höch, konnten sich in dieser Zeit der rationalen Kunst der Neuen Sachlichkeit entziehen. Scholz schlägt in seinem Aufsatz das große Rad und umfasst in seiner Zeitreise nahezu sämtliche Genres der praktizierenden Künste in Berlin, vom Literaturkritiker bis zum Schriftsteller, vom Regisseur bis zum Schauspieler, vom Künstler bis zu den Kunstfreunden. Und gerade weil er dies auf wenigen Seiten leisten kann, kommt er auch zu dem Schluss, dass der Surrealismus in Berlin historisch „immer in einer Außenseiterposition“ war.

Die Sammlung Pietzsch in der Berliner Neuen Nationalgalerie rückt den Surrealismus in den Mittelpunkt der Berliner Kunstszene. Erstmals war sie vor neun Jahren in Dresden, Pietzschs Heimatstadt, zu sehen. 2005 und 2006 folgte noch jeweils eine Ausstellung der Sammlung in Venedig und in Wien. Der Neid der Berliner war beträchtlich. Daher scheint es geradezu folgerichtig, dass die Sammlung Pietzsch nun zumindest zeitweise auch einem größeren Berliner Publikum zugänglich gemacht worden ist. Die Präsentation der Sammlung im Bau Mies van der Rohes ist auch deshalb richtig, weil das Ehepaar dem Haus schon seit Jahrzehnten eng verbunden ist; Heiner Pietzsch hatte mehrere Funktionen im Verein der Freunde der Nationalgalerie.

Darüber hinaus können erstmals drei Versionen von Max Ernst’s Skulptur „Capricorn“ zusammengeführt werden. Während die Pietzschs über die Zementoriginale verfügen, besitzt die Neue Nationalgalerie seit Jahren die Gipsvorlage und den Bronzeabguss. Nun sind erstmals alle drei Modelle gemeinsam zu sehen. Auch Joan Mirós Skulptur „Moon Bird“ (Oiseau lunaire) ist erstmals in Deutschland zu sehen. Das Ehepaar hatte sie erst im Frühjahr 2009 von einem privaten Sammler gekauft.

Wie es mit der Sammlung weitergehen wird, ist noch unsicher. Eines ist aber klar. Heiner und Ulla Pietzsch geben ihre geliebte Sammlung nicht einfach in bestehende Archivbestände. Solange es kein Haus gibt, das die Sammlung dauerhaft präsentiert, werden die Werke wohl weiterhin nur das Wohnhaus Pietzsch zieren und einer breiten Öffentlichkeit verborgen bleiben. Aus der Sicht der Sammler ist das nur allzu verständlich. Der Kunstinteressierte kann dies nur mit Bedauern hinnehmen. Über eine solche Kollektion verfügen nur noch die großen Museen der Modernen Kunst. Berlin kann eine solche Sammlung moderner Kunst nur gut tun. Sie würde dazu beitragen, zwischen den Dauerexponaten der Neuen Nationalgalerie und der florierenden zeitgenössischen Kunstszene der Hauptstadt eine Lücke zu schließen. Sollte sich in Berlin jedoch tatsächlich kein Objekt finden, in dem diese Sammlung langfristig gezeigt werden kann, ist das ein Armutszeugnis der Kulturschaffenden dieser Stadt. Solange dies noch nicht ausgeschlossen ist, sollte man die Gunst der Stunde nutzen und sich die Sammlung in der Neuen Nationalgalerie ansehen. Sie wurde erst kürzlich bis zum 10. Januar verlängert.
 

Anke Daemgen, Dieter Scholz & Udo Kittelmann (Hrsg.)
Bilderträume
Die Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch
Verlag Prestel. München 2009
292 S.
ca. 180 Abbildungen mit allen Werken der Ausstellung
49,95 €. ISBN: 379134370X.

Homepage der Ausstellung



 


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