Glanz@Elend
Magazin für Literatur und Zeitkritik
© by Herbert Debes & Kurt Otterbacher

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Glanz&Elend
Die Zeitschrift

Großformatige Broschur in einer limitierten Auflage von 1.000 Ex. 176 Seiten, die es in sich haben: »Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen« Dazu exklusiv das interaktive Schauspiel »Dein Wille geschehe«

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Wie das Schachspiel seine Unschuld verlor
Zum Tod des ehemaligen Schachweltmeisters Bobby Fischer

Am 17. Januar dieses Jahres meldeten die Agenturen den Tod von Robert James Fischer, dem 11. Weltmeister der Schachgeschichte, der in der isländischen Hauptstadt Reykjavic an Nierenversagen gestorben war. Das Foto, welches von den Agenturen dazu herumgereicht wurde, und sich nun als letzter Eindruck von der ehemaligen Schachlegende in unseren Köpfen festsetzen soll, zeigt einen nachlässig gekleideten, alten Mann mit dicht wucherndem Haar- und Bartwuchs. Es eignet sich sehr gut zur Illustration der Behauptung, Fischer sei in den letzten Jahren zu einem verwirrten Amerika- und Judenhasser mutiert und letztlich nicht mehr zurechnungsfähig gewesen.

»Ich glaube nicht an Psychologie, ich glaube an gute Züge.«
Bobby Fischer (links) und sein damaliger Trainer
John W. Collins (rechts) in den 1950er Jahren

Die Frage, wer an der medialen Vermittlung dieses desaströsen Pesönlichkeitsbildes interessiert ist, läßt Überlegungen zu, die, wenn auch nicht beweisbar, so doch gestattet sind.
Sie reichen zurück ins Jahr 1972, in dem der junge, gutaussehende Amerikaner Robert James Fischer in einem »Jahrhundertkampf« den damals amtierenden russischen Weltmeister Boris Spassky mit 12,5:8,5 besiegte. Mit guten Zügen - und mit Psychoterror.
Spätestens bei dieser Weltmeisterschaft hat das Schachspiel seine Unschuld verloren. Es wurde sowohl von den Sowjets als auch den Amerikanern zu einer medienwirksamen Waffe im Kalten Krieg mißbraucht, Fischer und Spassky zu Kriegern im Kampf der Weltanschauungen instrumentalisiert.
Daß Spassky sich diesem Zwang nur schlecht hätte widersetzen können, liegt auf der Hand, und kann in dem u. a. Buch nachgelesen werden. In wieweit Fischer zu dieser Rolle (und von wem?) »überredet« werden mußte, bleibt unklar. Fraglich bleibt auch, ob Fischers Eskapaden lediglich spontaner Ausdruck seines Temperaments waren, oder wohlkalkulierte Inszenierungen eines Strategieteams, dem es darum ging, die jahrzehntelange sowjetische Dominanz im Schachspiel zu beenden.
Fakt ist, daß Fischer nach seinem Triumph gegen Spassky keine offiziellen Turniere mehr spielte. Er verlor seinen Titel 1975 kampflos an Anatoli Karpow, nachdem er der FIDE einen 179 Punkte umfassenden, inakzeptablen Forderungskatalog vorgelegt hatte, und lebte 20 Jahre zurückgezogen in Pasadena (Kalifornien). Bemerkenswert ist allerdings eine 1982 von Fischer im Selbstverlag veröffentlichte Broschüre »I was tortured in the Pasadena jailhouse!« (dt. Wie ich im Gefängnis von Pasadena gefoltert wurde) In ihr erhebt er Foltervorwürfe gegen US-amerikanische Polizisten, die ihn aufgrund einer »Verwechslung« mit einem Bankräuber für zwei Tage inhaftiert hatten.
Bis, ja bis er 1992 während des Bosnienkrieges verbotenerweise zu einem Revanchekampf gegen seinen alten Rivalen Boris Spassky antrat. Das Duell fand auf der montenegrinischen Adria-Insel Sveti Stefan statt, die dem Chef der yugoslawischen Privatbank Jugoskandik, Jezdimir Vasiljević, gehört.
Fischer gewann den offenbar fair ausgetragenen Wettkampf mit 17,5:12,5 und erhielt das Preisgeld von 5,5 Mio. US-Dollar. Und das, obwohl ihm das amerikanische Handelsministerium zuvor in einem Brief mit 10 Jahren Haft gedroht hatte. Auf einer denkwürdigen Pressekonferenz am 1. September holte Fischer dieses Schreiben hervor und spuckte verächtlich darauf. Damit hatte er demonstrativ gegen das damals geltende US-Embargo verstoßen, konnte nicht mehr in die USA zurückkehren und war weltweit per Haftbefehl zur Fahndung ausgeschrieben.
Erst nachdem die Isländer ihm 2005 ihre Staatsbürgerschaft zum Geschenk machten, fand er dort, nach einer Odysee über die Fränkische Schweiz, die Philippinen und Japan, von weiteren Nachstellungen durch die US-Behörden sicher, sein letztes Exil.
Welche Gründe Fischer zu den ihm vorgeworfenen antijüdischen und antiamerikanischen Äußerungen bewegt haben, ist schwer nachzuvollziehen. Als gesichert gilt mittlerweile allerdings, daß der gern als »Paranoiker« abgestempelte ehemalige Volksheld über 30 Jahre lang von der amerikanischen Bundespolizei FBI bespitzelt wurde. Die gut 750 Seiten umfassenden Akten belegen, daß besonders seine Mutter verdächtigt worden war, eine sowjetische Agentin gewesen zu sein. Die Bundesbehörde hatte Geburtsurkunden überprüft, andere Schachspieler ausgehorcht, die Post von Fischers Mutter gelesen, ihre Nachbarn ausgefragt, und die Konten kontrolliert. Ich denke, da kann man schon mal böse werden.
Fischers Grab bei Selfoss ©Einar S. Einarsson
Robert Fischer litt bereits seit einigen Jahren an renalem Nierenversagen, einer chronischem Form von Niereninsuffizienz, bei der die Nieren aufgrund einer Infektion nur noch eingeschränkt arbeiten. Ein Dialyse-Gerät hat er abgelehnt. Er starb am 17. Januar. Vor seinem Tod hatte Fischer gebeten, auf dem kleinen Friedhof der Laugardalurkirche (Laugardælakirkja) bei Selfoss, etwa 60 km südlich von Reykjavik, begraben zu werden. Herbert Debes

ps. Einen sehr schönen Beitrag mit Fotos, die Bobby Fischer in seinem isländischen Exil zeigen finden Sie in den Chessbase News

Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann
Reykjavik, 11. Juli 1972.
Am Schachbrett sollen sich der amerikanische Schachgroßmeister Bobby Fischer und der amtierenden russischen Weltmeister Boris Spasski messen. Noch bevor die Partie beginnen kann, macht der exzentrische Fischer seinem Ruf alle Ehre: Erst nach einem Anruf Henry Kissingers und einer Verdoppelung des Preisgelds durch einen englischen Millionär nimmt er das Spiel auf – und gewinnt.
Was die Begegnung Fischer-Spasski zu einer einzigartigen Konfrontation werden ließ, hat jedoch wenig mit der eigentlichen Partie zu tun. Reykjavik war zu einem Schauplatz des Kalten Krieges geworden, wo der Meister der freien Welt im Namen
der Demokratie gegen den Vertreter der Sowjetdiktatur kämpfte.
Gut recherchiert und kriminalistisch aufbereitet wird hier die Geschichte des wohl spektakulärsten Schachwettkampfs des 20. Jahrhunderts erzählt, dessen Spannungspotential so manchen Thriller in den Schatten stellt.
Leseprobe

Bobby Fischer interview



Bobby Fischer - The match with Spassky

 

DAVID EDMONDS, JOHN EIDINOW
Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann

Die ungewöhnlichste Schachpartie aller Zeiten
Originaltitel: Bobby Fischer Goes to War
Aus dem Englischen von Klaus Timmermann, Ulrike Wasel
Gebundenes Buch, 432 Seiten, 13,2 x 20,5 cm
DVA / 38 s/w Abbildungen / ISBN: 978-3-421-05654-2 / € 22,90

 

 


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