Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik




Die menschliche Komödie
als work in progress


Zum 5-jährigen Bestehen ist
ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren
mit 176 Seiten, die es in sich haben.

 

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Ulrich Breth über die Metamorphosen des großen Rätselhaften mit 7 Songs aus der Tube

Glanz&Elend - Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:

Die menschliche Komödie als work in progress

»Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen«
Zu diesem Thema haben wir Texte von Honoré de Balzac, Hannah Arendt, Fernando Pessoa, Nicolás Gómez Dávila, Stephane Mallarmé, Gert Neumann, Wassili Grossman, Dieter Leisegang, Peter Brook, Uve Schmidt, Erich Mühsam u.a., gesammelt und mit den besten Essays und Artikeln unserer Internet-Ausgabe ergänzt. Inhalt als PDF-Datei
Dazu erscheint als Erstveröffentlichung das interaktive Schauspiel »Dein Wille geschehe« von Christian Suhr & Herbert Debes
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Herr Wu lacht
Chinesische Geschichten
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Mein Leben, meine Peanuts

Ein Lamento von Peter A. Bruns



Auf Hein ist Verlass.
Bei mir hat er, in den vergangenen Jahren, drei Stippvisiten gemacht. Immer auf dem Sprung, sozusagen, denn er ist, trotz seines sagenhaften Alters für seinen Arbeitgeber im Außendienst unverzichtbar und macht deshalb, mit wenigen Ausnahmen, nur Überraschungsbesuche. Aber sein Erscheinen, ist immer ein Gewinn. Auch ich habe mich stets wie befreit gefühlt, nachdem er gegangen war. Hein zieht keinen vor, er behandelt alle gleich.

Wenn andere, meines Alters (67), von ihren Plänen erzählen, die meist mit Geld verbunden sind, das ich nicht habe, kommt manchmal Hein überraschend vorbei und schaut meinem Gesprächspartner, ohne das der es bemerkt, lächelnd über die Schulter, blinzelt mir zu und nimmt mir so meine Furcht, die sich mit Altersarmut gut umschreiben lässt.
Hein grüßt mich nur mit einem Kopfnicken und ich vergesse ihn schnell, weil im Rest des Tages keine Zeit bleibt, für konkrete Auseinandersetzungen mit meiner Zuneigung zu ihm. Doch sein Lächeln schafft es immer wieder, dieses Gefühl der Armut zu verscheuchen, wenn es sich vor mir aufgebaut hat und aufdringlich winkt, wie jene Leute, die bei Reportagen immer hinter dem Reporter stehen, dümmlich in die Kamera grinsen, nicht ins Bild passen, aber bis zum Ende der Aufnahme nicht verschwinden. Da und doof.

»Das geht irgendwann vorbei«, sagte gestern ein gutsituierter Bekannter zu mir, als ich auf dem Markt, Kartoffeln und Radieschen kaufte, und kurz im Gespräch mit ihm, meinen Unmut darüber äußerte, dass ich im März nicht weiß, was mich im August erwartet, bzw. ganz simpel, wie ich dann Geld verdiene, mit meinen 67 Jahren und meiner winzigen Rente und wie ich dann die Zahnarztrechnung bezahlen soll, weil meine Genossenschaftsbank meinen Notgroschen verspielt hat, meine »Hilmar-Kopper-Peanuts«. Nicht viel, nur das Geld meiner kleinen Lebensversicherung. Dazu kommt noch die neue Krankenversicherungspflicht für jeden, die sich perfide Politiker ausgedacht haben und deren Beiträge mich zwingen könnten, Sozialhilfe zu beantragen, die ich nicht will. Ist das überhaupt verfassungsgemäß? Aber so gesehen: was gilt unsere Verfassung überhaupt noch? Eigentum verpflichtet. Wessen Eigentum?
»Mein Gott, was jammerst du«, mein Bekannter zeigte auf das Bund Radieschen, »dann schau sie dir doch von unten an«. Und sein Wohlstandsbauch zitterte, als er schimpfte, »das Risiko gehört doch zum Leben, denk doch an Afrika oder Indien und wie gut du es hier hast, du kannst zum Sozialamt gehen«, sagte er, der pensionierte Beamte, und wandte sich ab und ich konnte deutlich an seinem Gesichtsausdruck erkennen, dass er sich von mir und meinen Finanzsorgen nicht in sein Pensionärsdasein spucken lassen wollte.
Ein anderer Pensionär, ein ehemaliger Abgeordneter der SPD, der sich grad einen Mercedes der E-Klasse, samt Schnickschnack für 60.000 Euro bestellt hat, weil Mercedes auf die Abwrackprämie von 2.500 Euro nochmal 2.500 drauflegt, meinte ungehalten, und dabei stieß er mir nach jeder Silbe, seinen Zeigefinger vor die Brust,
»Sie sind genau der Typ Mensch, der kleine Scheinselbständige, der unserem System schon immer schadet und finanziell zur Last fällt«.
Da hatte ich nun mein Fett weg. Was sollte ich dazu sagen? Nicht ich, nicht meine Großeltern, nicht meine Urgroßeltern, haben vom Staat je einen Pfennig geschenkt bekommen. Ganz im Gegenteil. Meine Familie hat sich - alles fleißige Handwerker - seit eh und je krumm gearbeitet, und sich immer auf ihre eigenen Peanuts verlassen.
Seit ich diese arrivierten Bürger immer häufiger auf dem Marktplatz und anderswo treffe, sie in den Medien klugscheißen höre und sehe, wobei mir oft beides vergeht, habe ich immer meine Zukunft vor Augen, die noch nicht gefüllt ist mit einem oder mehreren Jobs, um meine Kredite abzuzahlen. Und die flimmern mir dann nervös vor Augen, denn so einen guten Job wie Johannes Heesters beim Autovermieter Sixt, singend
»ich brauche keine Millionen«, werde ich wohl nie ergattern. Und was ist wenn ich auch 100 Jahre alt werde? Eine Horrorvision! Einkaufswagen schieben bis zum Umfallen.

Und deshalb sehe ich ständig das Lämpchen im Armaturenbrett meines alten Wagens, das immer flimmert, wenn der Tank leer ist. Lange habe ich gehofft, dass sich mein Leben irgendwann mal so drehen lässt, dass ich wenigstens ab 65 bescheiden, aber unabhängig leben kann und diese beschissene kleine Lampe mal Pause hat.
Ein weiterer gut dotierter Pensionär vom Marktplatz meinte dazu,
»diese Sicht wäre ihm zu negativ, so zu denken sei ein Armutszeugnis.« Nun, dieses Zeugnis meiner Armut, habe ich schon als Kind erhalten. Dessen brauche ich mich nicht zu schämen. Schämen müssten sich die Reichen ihres Reichtums wegen. Auf deren Scham zu warten ist aber sinnlos.

Warten?! Ich habe in meinem Leben stets gerne auf Menschen gewartet, mit denen ich verabredet war. Es machte mir nichts aus, lange
»unter einer Normaluhr zu warten«. Ich sah mich währenddessen in der Gegend um, beobachtete die Passanten, die Dinge, den Himmel, die Sonne, den Wind, wie er die Blätter treibt, den Regen oder Schnee, nahm mir die Zeit, stillzustehen und zu schauen. Das war schön, das finde ich auch heute noch schön. Ich setze mir da kein Zeitlimit. Meine innere Uhr, mein Gefühl für den Menschen, sagt mir, wann ich lange genug gewartet habe. Gute Bekannte kamen schon, weit über die vereinbarte Zeit zu spät zur Verabredung, ganz außer Atem und waren erstaunt mich noch anzutreffen »was, du bist noch hier? Das hätte ich nicht gedacht«, während Hein ihnen plötzlich über die Schulter sieht, und mich anlächelt.

Es ist kein Warten auf Godot, nein. Mit vielen lieben Menschen kann ich aber keine Verabredungen mehr treffen, denn Hein hatte, meist ohne dass ich davon etwas ahnte, bereits eine Verabredung mit ihnen getroffen.
Sie kommen nicht wieder. Und ich denke,
»sieh mal an, sie kommen nicht wieder, es muss ihnen also dort, wo sie mit Hein hingegangen sind, gefallen«.

Das ist auch ein Grund, warum ich gelassen auf meine letzte Verabredung mit Hein warte. Ich warte gern und schaue mich derweil noch etwas in der Gegend um, denn gleich wie lange ich warten muss, auf Hein ist Verlaß, er wird seine Verabredung mit mir einhalten, mit jedem von uns. Das mag bitter sein, für die Reichen, aber für mich ist es, erhellend und schön zu wissen.

 



 


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