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Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik

Die menschliche Komödie
als work in progress


Ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit Texten von:
Balzac, Hannah Arendt, Fernando Pessoa, Nicolás Gómez Dávila,
Stephane Mallarmé, Gert Neumann, Wassili Grossman,
Dieter Leisegang, Peter Brook, Uve Schmidt und Erich Mühsam u. a.


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Es war wie in Vietnam

Klaus-Jürgen Bremm über Dexter Filkins' Kriegeberichte: »Amerika hat eine falsche Armee an einen falschen Ort geschickt.«

Im Krieg ist die Wahrheit stets das erste Opfer. Für keinen anderen Konflikt scheint dieser dem griechischen Dichter Aischylos zugeschriebene Satz mehr Gültigkeit zu besitzen als für den so genannten Kampf gegen den Terror. Der Irak sei ohne Saddam ein besserer Ort, verkündete noch mit hilflosem Trotz der ehemalige US-Präsident George W. Bush als bereits im Monatsrhythmus zu Dutzenden die Zinnsärge mit toten GIs aus den Schlachten im sunnitischen Dreieck in Arlington angeliefert wurden und die Militärhospitäler sich mit verbrannten und verstümmelten Invaliden füllten. Da waren dem Präsidenten und seiner zweifelhaften Administration schon die meisten ihrer dreist vorgebrachten Kriegsgründe um die Ohren geschlagen worden.
Dass auch diese letzte präsidiale Lüge von der angeblichen Befreiung des Irak auf den Müllhaufen der Illusionen geworfen werden kann, verdankt sich nicht zuletzt dem unerschrockenen Einsatz professioneller Kriegsreporter wie dem US-Amerikaner Dexter Filkins. Als Leiter des Büros der Los Angeles Times in Neu Dehli verfolgte er bereits hautnah den überraschenden Aufstieg der Taliban und Al Quida in Afghanistan, suchte die verwilderten und oft grotesk verstümmelten Mudschaheddin in ihren primitiven Verstecken auf und war Augenzeuge der berüchtigten Talibanjustiz im Stadion von Kabul.

Drei Jahre verbrachte er nach dem Sturz von Saddam Hussein in Bagdad, begleitete die Marines von Oberstleutnant Nathan Sassaman bei ihren zermürbenden Einsätzen im sunnitischen Dreieck, reiste mit dem US-Beauftragten Paul Bremer zu den schiitischen Hochburgen im Süden und sprach mit Scheichs und hasserfüllten Bewohnern des von den Amerikanern mit Stacheldraht eingezäunten Dorfes Abu Hishma im Norden Bagdads.

Es sind nicht die großen strategischen Analysen, die sich zu einem ungeschminkten Bild der verzweifelten Lage im Irak fügen, sondern seine unzähligen Detailansichten, die Filkins mit einem ausgeprägten Sinn für das Absurde und Ausweglose präsentiert. Da sind die abgerissenen und fort geschleuderten Köpfe von Selbstmordattentätern, die eigenartiger Weise oft so unversehrt blieben, dass auf einigen noch die gleichsam in Erstaunen hochgezogenen Augenbrauen zu erkennen waren. Da ist der feindliche Scharfschütze in Falludscha, der seelenruhig mit dem Fahrrad entkommt, nachdem er drei US-Soldaten ausgeschaltet hatte. Eine ganze Kompanie Marines, unterstützt von Artillerie und Luftwaffe, konnte es nicht verhindern, obwohl sie das Gebäude, in dem sich der Al-Quida-Kämpfer verschanzt hielt, buchstäblich pulversiert hatte.

Da ist auch das zufällig abgegebene Infrarotsignal, das dieselbe Kompanie kurz darauf davor bewahrte, durch das Feuer der eigenen Luftwaffe in Stücke geschossen zu werden. Ein lächerlich winziges Detail, das Dutzende von Marines vor Tod und Verstümmelung rettete. Vorerst jedenfalls, denn die Liste der Katastrophen und Beinahe-Desaster in Dexters Buch ließe sich noch beliebig fortsetzen. Sie alle führen zum selben Resümee: Amerika hat eine falsche Armee an einen falschen Ort geschickt.

Als der Lichtbildner Roger Fenton im Jahre 1854 zur Krim aufbrach, um über die Belagerung von Sewastopel zu berichten, soll ihn das britische Königspaar mit der Ermahnung: No dead Bodies“ entlassen haben. Fenton nahm sich das zu Herzen und aus dem Krimkrieg wurde in der englischen Heimat „The Picknick War“. Genau anderthalb Jahrhunderte später, nach der verlustreichen Schlacht von Falludscha, hätten amerikanische Kriegsreporter nur zu gern die Leichen des Gegners gezählt und abgelichtet. Mit Mühe fand man eine einzige. Es war wie in Vietnam.
Klaus-Jürgen Bremm

 

Dexter Filkins
Der ewige Krieg
Innenansichten aus dem Kampf gegen den Terror,
S. Fischer, Frankfurt 2009
ISBN 978 310 0282057
384 Seiten
22,90 €



 


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