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Zeitgenössische Landser-Romantik
Gregor Keuschnig über Dexter Filkins Kriegsberichte »Der ewige Krieg«
Dexter Filkins, 1961
geboren, kam zum ersten Mal als Korrespondent der Los Angeles Times im April
1998 nach Afghanistan und berichtete von dort regelmäßig bis zum Sommer 2000.
Kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001, die er in New York erlebte,
ging er nach Afghanistan zurück und blieb dort bis Ende 2002. Von März 2003 bis
August 2006 lebte Filkins im Irak und berichtete von dort für die New York Times
aus deren Bagdader Büro. "Der ewige Krieg", ein in den USA vielfach prämiertes
Buch, verspricht, so der Untertitel, "Innenansichten aus dem 'Kampf gegen den
Terror'".
Wieder einmal ein irreführender und effekthascherischer Untertitel. Er ist in
doppelter Hinsicht irreführend. Zunächst existiert er im US-amerikanischen
Original gar nicht - das Buch heißt dort einfach nur "The Forever War". Zum
anderen suggeriert man durch den Gebrauch der Vokabel "Kampf gegen den Terror"
(der zudem noch eine falsche, verharmlosende Übertragung des "War on [against]
terror[ism]" darstellt) eine mindestens teilweise introspektive Analyse über
eine reine Schilderung des eigentlichen Krieges hinaus. Dies wird jedoch durch
Filkins nicht geleistet (was in anderer Hinsicht im Laufe des Buches zum Problem
wird).
(Interessant ist, dass "The Forever War" auf
Platz 2 der "New York Times"-Liste der besten "Non-fiction"-Bücher des Jahres
2008 steht, während auf Platz 1 Jane Mayers "Inside Story" über die Intentionen
der Bush-Regierung mit dem Titel "The Dark Side" steht.)
Von diesem Ballast erst
einmal befreit, kann das Buch als das gelesen werden, was es sein soll:
Reportage, Reise- bzw. Erlebnisbericht, gelegentlich auch selbstreferenzielle
Darstellung des Alltags eines amerikanischen Journalisten in einem kulturell
vollkommen fremden (und fremdbleibenden) Gebiet. Das Buch ist in zwei Teile
gegliedert – nach einem Epilog gibt es rd. 70 Seiten Schilderungen aus
Afghanistan. Der deutlich umfangreichere Teil umfasst dann fast 300 Seiten über
den Irak.
Streunende Hunde und Wodka in Strömen
Filkins arbeitet durchaus mit Schockelementen in seinen Reportagen, die den
Leser bannen sollen, was man gleich zu Beginn des Afghanistan-Kapitels
feststellt. So ist er Ehrengast einer Art "Gerichtstag" im Fußballstadion
zu Kabul im Jahr 1998. Zunächst wird einem vermeintlichen Dieb die Hand
abgehackt. Und danach wird ausführlich über die Exekution eines Mörders
berichtet. Gemäß der Scharia, so weiß Filkins, kann die Familie des Ermordeten
den Täter durch Verzeihen begnadigen. Die Familie macht jedoch in diesem Fall
keinen Gebrauch davon; ein Familienmitglied exekutiert den Delinquenten. Filkins
schildert jedoch nicht nur diesen barbarischen Akt als solches. Für ihn steht
dies repräsentativ für ein von ihm zutiefst verabscheutes System. Hier prallten,
so die Stereotype, zwei Jahrhunderte aufeinander. Aber wieso vergisst er
die Hinrichtungsprozeduren in den USA, die zwar nach außen "zivilisierter"
verlaufen – de facto jedoch mit dem gleichen Resultat? Das Prinzip der Rache,
welches er tief in der afghanischen (muslimischen?) Gesellschaft verankert sieht
(im Irak-Teil erzählt ihm jemand, wie aus Rache das Blut des Mörders tatsächlich
getrunken wurde), setzt er nicht im Kontext zum vermeintlich aufgeklärten
Westen.
Wenn man eine Reportage als bloßes Abbild des Geschehenen versteht, erscheint
dieser Einwand vielleicht als Beleg übermäßiger politischer Korrektheit. Aber
Filkins belässt es eben nicht bei der bloßen Schilderung der Ereignisse. Seine
Sprache ist immer auch schon implizit Urteil. Harmlos noch, wenn die
Straßenkinder von Afghanistan angelaufen kommen wie eine Herde Wildpferde.
Aber wenn er die Hand hebt, laufen sie weg wie streunende Hunde. Auf dem
Hinrichtungsplatz gibt es ein Gerangel wie bei einem Rugbyspiel (die
Vergleiche mit amerikanischen Symbolen ist natürlich für sein Publikum gedacht).
Die "Taliban" (er definiert diesen Begriff nicht) sind grundsätzlich
niederträchtig und finster (oder sind die finster Dreinschauenden
immer gleich "Taliban"?), strohdumm oder schlichtweg Mistkerle.
Er berichtet von Hotel-Angestellten, die sich wehmütig an die goldene Zeit Ende
der 1960er Jahre erinnern, und man sieht den Reporter nickend. Die Frauen trugen
Miniröcke, in den zahlreichen Bars des Hotels flossen Gin und Wodka in
Strömen und der Champagner wurde aus Frankreich eingeflogen. Dies ist
offensichtlich (s)ein Ideal für eine einstmals funktionierende Gesellschaft.
Dann seien die Dinge aus dem Ruder gelaufen zitiert er seinen
Gesprächspartner und es folgt eine äußerst knappe und naturgemäß unvollständige
Schilderung der historischen Ereignisse. Dem Leser, der nur Filkins als Augen-
und Ohrenzeugen hat, bleiben beispielsweise Grund und Ausmaß der Unterstützung
der USA und des Westens für die Mudschaheddin im Kampf gegen die Sowjetunion
verborgen. Immerhin erwähnt er, dass die Taliban-Regierung zunächst durchaus
beliebt war in der Bevölkerung, da sie den Bürgerkrieg beendete und Ordnung
schuf, freilich eine diktatorische.
Die verräterische Sprache
Bei der
Schilderung der Warlords, die Teile Afghanistans während der Zeit des
Bürgerkriegs abwechselnd beherrschten bzw. bekriegten, kann man an den
Attributen ablesen, wer ihm (und somit "den" Amerikanern) genehm ist und wer
nicht. Der im September 2001 ermordete Massoud sah mit seiner Wollmütze wie
ein Künstler aus und wird neutral als tadschikische[r] Kommandant
bezeichnet. Dostum dagegen ist ein usbekische[r] Schlächter (als er
später Kontakt mit Amerikanern aufnimmt, fällt das Urteil dann milder aus; eine
gelungene Reportage gelingt ihm von den inoffiziellen Kontakten der USA zu
Dostum) und Hekmatyar ein islamistische[r] Fanatiker. Es gehört zu den
Merkwürdigkeiten dieses Buches, wie Filkins die Saga von Mullah Omar wiedergibt
ohne auf dessen spätere Funktion als Oberhaupt der Taliban-Regierung
hinzuweisen, er bleibt der einäugige Omar.
Immer weiß der Reporter, wer gut und böse ist. In den Berichten aus dem Irak
wird dies noch offensichtlicher. Hier zeigt sich das Elend des "embedded"
Journalismus. So wird im Epilog die Schlacht um Falludscha im November 2004
beschrieben: AC/DC-Musik gegen Muezzin-Gesänge. Ein gelungenes Bild, aber
Filkins belässt es dabei nicht, sondern verfällt dem Schlachtengetümmel. Da
werden die Flüche amerikanischer Soldaten zitiert, die aus Dschihadisten
"verkackte Turbanträger" und "Wichser" machen und ganz schnell gerät
der Reporter in diesen Platoon-Sog, denen fast alle erliegen, auch diejenigen,
die vorgeben "Anti-Kriegs"-Bücher oder –Filme machen zu wollen oder gemacht zu
haben, weil sie vergessen, dass mit Schilderungen aus einer Perspektive genau
das erzeugt wird, was man zu verhindern sucht: ein archaisches Mitgefühl, ein
Mit-Fiebern; Parteilichkeit.
Filkins' Sprache ist entlarvend: Die amerikanischen Soldaten sind stets jung,
sehen meist noch aus wie Kinder, die es in eine Horrorwelt
verschlagen hat. Einer hat eine Stimme wir ein Junge vor dem Stimmbruch.
Die Jungs sind dennoch hart und findig, manchmal auch
entschlossen. Sie sind großgewachsen, gutaussehend und gesellig.
Einer hat ein kantiges Kinn wie Johnny Cash.
Dagegen stehen die Iraker. Ein Mann hat da nicht einfach nur einen Bart,
sondern es wird erwähnt, dass ihm dieser von einem Ohr bis zum anderen
reicht (Filkins ist aufgrund der Ereignisse in Afghanistan und der Bartpflicht
unter den Taliban sensibilisiert). Einer hat einen runde[n] Kopf, ein
anderer einen dicke[n] Hals. Manche sind rundlich; meist werden
ihnen eher langsame Bewegungsabläufe attestiert. Den irakischen Patrouillen
hing der Bauch über dem Gürtel. Grundsätzlich scheinen sie auch dort
finsterblickend. Für Physiognomien von "Einheimischen" werden ohne Ausnahme
negative Formulierungen verwendet. Nie ist ein Iraker schlank oder gutaussehend,
es sei denn er ist im Filkins-Tross, also Übersetzer, Fahrer, die sehen dann
schon mal aus wie "Dirty Harry" oder Hilfesuchender, denen er Stipendien oder
Arbeitsmöglichkeiten in den USA verschafft, wenn es möglich ist. Ausführlich
geht er auf die arabische Mentalität ein (bzw. das, was er dafür hält)
aber auch hier gilt, dass diejenigen, die in seiner unmittelbaren Umgebung
agieren von den sonst üblichen Dysphemismen "befreit" sind.
Pietà versus Computerspiel
Äußerst
suggestiv werden Ursache und Wirkung aufgehoben und immer mehr umgekehrt: Die
Invasoren werden zu Kinder[n] (Kinder wecken in uns fast instinktiv
Schutzgefühle), die fast wie tragische Helden agieren und von den undankbaren,
finsteren Einheimischen (die gar nicht gefragt wurden, ob sie diese Form der
Demokratie haben wollten) in einen Krieg verstrickt werden. Man kann dies leicht
an den den Metaphern illustrieren. So stirbt ein amerikanischer Soldat in den
Armen eines Kameraden (ein Pietà-Bild), aber die Turbanträger werden in
die Luft gesprengt (wie in einem Computerspiel; entsprechend schildert er auch
die Einzelheiten wie austretende Gehirnmasse). Und wenn ihm, wie in Afghanistan,
tatsächlich Kindersoldaten begegnen, beschreibt er diese mit seltsam
anerkennendem Gestus. Er bittet sie, sich von ihm fotografieren zu lassen (also
sich für ihn noch in Pose werfen) und lässt den Leser wissen, der habe dieses
Bild im Regal bei sich zu Hause stehen.
Filkins' Verständnis für die amerikanischen Soldaten ist schier grenzenlos;
seine Bewunderung gipfelt fast in Heldenverehrung. Er wird zum Sprachrohr
derjenigen, die – wie er sich ausdrücken würde – ihren Arsch auch für ihn
hinhalten, verliert dabei jegliche Distanz und macht sich gemein mit einer
Sache. Verständlich vielleicht, wenn einem die Kugeln um die Ohren pfeifen, aber
wo bleibt da die Professionalität, wenn man so etwas schreibt: Trotz der
überwältigenden Hitze gingen die Marines fast täglich raus, beladen mit
Ausrüstung und Waffen. Hinaus in die Nacht, hinaus in die Trümmer. Darauf aus,
Menschen zu töten. Manchmal rannten sie los und warfen dabei einen Kanister, der
grünen Rauch verströmte. Kein Wort, wer ihnen den Befehl für solche Aktionen
gab und worin ihr Sinn besteht.
Nur einmal (in der Mitte des Buches) verlässt er den selbstgebastelten
metaphorischen Schützengraben und dies kommt dann fast einem Befreiungsschlag
gleich: Es hatte keinen Zweck, die Jungs zu sentimentalisieren schreibt
er plötzlich von "seinen" Soldaten. [S]chließlich waren sie ausgebildete
Killer. Sie konnten einen Menschen zielsicher aus 500 m Entfernung erschießen
oder ihm die Kehle durchschneiden, von einem Ohr bis zum anderen (das
gleiche Bild wie beim ungeliebten Bartträger). Und sie stellten nicht viele
Fragen. Sie glaubten an das, was sie taten; sie taten, was ihnen gesagt wurde,
und sie töteten Menschen. Manchmal frustrierten sie mich; manchmal wünschte ich,
sie würden mehr Fragen stellen.
"Riesige Scheißhaufen" beim Abzug
Genau diesen Wunsch hat der Leser auch an den Autor.
Bestimmte Fragen stellt Filkins nämlich gar nicht. Etwa wenn ein Marine ein
Musikvideo schaut, in dem Parolen gegen Bush und den Irakkrieg skandiert werden,
dann hätte man es gerne gehabt, wenn der Reporter den Soldaten nach dessen
Meinung dazu befragt hätte. Die Hintergründe, die zu diesem Krieg führten,
thematisiert er nie. Die Rechtmässigkeit des Einsatzes wird nicht angesprochen.
Seine eigentlich gut gelungene Reportage über Ahmad Chalibi vermittelt
unterschwellig den Eindruck, die Bush-Regierung sei auf diesen Mann
hereingefallen, als er ihnen von Arsenalen von Chemie- oder Nuklearwaffen
erzählte.
Einmal schreibt Filkins,
die Marines redeten nie davon, dass man Herz und Verstand der Menschen
gewinnen müsse. Aber erstens ist dies primär keine Aufgabe der Marines,
sondern derer, die sie befehligen, und zweitens: Wie soll dies in Anbetracht der
Ereignisse geschehen? Er beschreibt die für die Bevölkerung äußerst
erniedrigende Vorgehensweise der amerikanischen Soldaten bei den nächtlichen
Hausdurchsuchungen, bei der Waffen oder Aufständische aufgespürt werden sollen.
Er spricht von der Strategie der eisernen Hand und unterschlägt die
Wankelmütigkeit der Besatzer, die mal eisern durchgreifen und dann wieder den
Dingen wochenlang ihren Lauf lassen.
Er berichtet über den Einmarsch von 6000 Marines in Falludscha. Da gab es unter
anderem ein Problem mit den Toiletten: Man konnte nicht einfach
irgendwo im Freien die Hose herunterlassen, auch nachts nicht, denn die
Aufständischen hatten extrem gute Scharfschützen. Die Toiletten funktionierten
nicht, weil es kein Wasser gab. (Warum brach eigentlich die Infrastruktur
nach Einmarsch der Amerikaner zusammen?) In der Großen Moschee, einem der
Orte, wo wir einen Tag blieben, benutzten die Marines den Raum für die
Aufbewahrung der Koranexemplare als Toilette – nicht aus Respektlosigkeit
gegenüber dem Koran, sondern weil man dort ungestört war. (Wurde die Moschee
ansonsten von Gläubigen noch benutzt?) Ein paar Pappkartons dienten als
Toilettenschüsseln, und wenn sie voll waren, wurden sie rausgetragen. Riesige,
tropfende Pappkartons, gefüllt mit Menschenscheiße. (Wohin wurden sie
verbracht?) Doch auf unserem Vormarsch benutzten wir hauptsächlich die
Toiletten in den Privathäusern. Wir brachen in die Häuser ein und kackten in die
Toiletten, und wenn die voll waren, machten wir auf den Boden. Bei unserem Abzug
hinterließen wir riesige Scheißhaufen. Fast entschuldigend dann: Im Irak
gab es tagtäglich sehr viel Schlimmeres als im Haus wildfremder (sic!)
Leute Fäkalien zu hinterlassen. Als sei es besser, im Haus von Bekannten
eine kollektive Notdurft zu verrichten. Pflichtschuldig folgt dann noch der
Satz: Trotzdem (sic!) hatte ich kein gutes Gefühl dabei.
Gibt es keine
Einzelanschauung wird grobschlächtig pauschalisiert: Der Irak sei ein
Irrenhaus, weiß er. Oder von Anfang an ein großes
Täuschungsmanöver gewesen, er meint ausdrücklich n i c h t das
Täuschungsmanöver der Bush-Regierung, um den Einmarsch zu legitimieren, sondern
die Angewohnheit der Aufständischen, sich zu ergeben, wenn sie ihre
ausweglose Lage erkennen, aber bei nächstbester Gelegenheit wieder angreifen. Zu
Beginn erscheint ihm der ganze Irak traumatisiert und voller
Verschwörungstheorien, was die Amerikaner angeht, von den amerikanischen
Verschwörungstheorien abermals kein Wort. Und konzediert er im Gespräch mit
Chalibi, dass der Irak ein säkulare[s], fortschrittliche[s] Rechtssystem
gehabt habe, er kann damit nur die Saddam-Zeit gemeint haben, so ist für ihn
2006 Bagdad in vorzivilisatorischem Zustand, beherrscht von einem
Ökosystem des Schreckens. Warum dies so ist – der Leser muss die Antwort
anderswo suchen, im vorliegenden Buch gibt es nicht einmal ein Bemühen darum,
diesen Punkt zu klären.
Befehl und Gehorsam
Dexter Filkins
ist natürlich kein Bushist. Und man ist zunächst durchaus dankbar, kein
wohlfeiles Bush-Bashing serviert zu bekommen. Aber die Ausklammerung jeglicher
politischer Implikationen folgt zu sehr dem Prinzip der "Neutralität" des
Militärs. Ein wesentlicher Faktor von Demokratien ist das Primat der Politik,
welches auch vom Militär nicht angetastet wird. Insofern ist die Armee eines
Landes ausführendes Organ eines demokratisch legitimierten politischen Willens,
was in diesem Fall ein Dilemma darstellt, aber auch das ist nicht das Thema.
Es ist das Prinzip von Befehl und Gehorsam, und zwar sowohl im Verhältnis
zwischen Politik und Armee als auch innerhalb der Armee. Der Armee steht es
demzufolge weder zu, die politischen Entscheidungen demokratischer Regierungen
zu kritisieren, geschweige denn sich diesen zu verweigern. Filkins übernimmt die
Rolle dieses Mikrokosmos der Armee, die losgelöst vom Rest der Welt auf ihre
Hierarchiestruktur baut und die Handlungsanweisungen umsetzt, als gegeben und
unabänderlich an, vielleicht auch, weil seine eigene physische Existenz direkt
davon abhängt. Damit einher geht jedoch - ob er will oder nicht - die implizite
Billigung genau der politischen Entscheidung(en), die ein Soldat als Soldat
nicht zu kritisieren hat. Ist die Befehlmaschinerie dem Soldaten eingedrillt
worden, so ist sie beim Reporter keineswegs von Beginn an präsent. Durch den
Umstand, in die Truppe "eingebettet" zu sein, mutiert Filkins, mindestens
zeitweise, zum Soldaten, der wie ein Soldat sieht, handelt und spricht; die
moral-ethischen Verwicklungen dieser Struktur streift Filkins natürlich
überhaupt nicht.
In dem Maße, wie die
Annäherung zwischen Amerikanern und der einheimischen Bevölkerung sichtbar
scheitert, nimmt diese unreflektierende Position noch zu. Damit wird aber auch
die notwendige oder mindestens erstrebenswerte Objektivität des Reporters immer
brüchiger. Auch in den Begegnungen mit den "einfachen" Menschen schwingt neben
Unverständnis auch jene neokoloniale Attitüde mit, die niemals einen Zweifel
über die Richtigkeit des eigenen Standpunkts aufkommen lässt. Die sprachlichen
und kulturellen Barrieren werden zementiert; es entsteht ein Gruppenverhalten
zwischen "uns" und "denen", welches irgendwann schon bei der flüchtigen
Betrachtung eines Irakers auf der Straße antizipiert wird. Eine objektive
Berichterstattung ist kaum noch möglich und wird später auch gar nicht mehr
angestrebt, da sie die eigenen Urteile befragen müsste und sich herausstellen
könnte, dass sie bestenfalls nur einen Teilausschnitt eines Ganzen sind. Der
eingebettete Journalist ist emotional in seiner "Gruppe" verstrickt.
Es bleibt nicht aus, dass
Filkins im Laufe des Buches über seine Empfindungen, seinen Alltag und die
Schwierigkeiten des Reporter-Daseins berichtet. Wir erfahren wann, wo und
wieviel er joggte, was er dabei trug und wie die irakischen Posten seine
Kleidung (Shorts) indirekt mißbilligten. Aals man ihm ein Trikot der irakischen
Fußballnationalmannschaft schenkt ist er zwar gerührt – er weiß natürlich über
die Fußballbegeisterung großer Teile der Bevölkerung – aber die knielange
Nylonhose [ein Wink mit dem Zaunpfahl, den er natürlich verstand] ignoriert er.
Wir lesen von der Hitze, den Problemen mit dem Satellitentelefon, der
rationierten Stromversorgung, die den Betrieb des Laptop erschwert. In den
besseren Momenten lesen wir von einer Art Gewöhnung an die irgendwann
alltäglichen Selbstmord-Anschläge und Filkins' kruden Theorien, bei
Selbstmordattentaten bildete sich immer weißer Rauch – bei Bombenanschlägen
schwarzer; den entstehenden Rauch vergleicht er mit der Hiroshima-Bombe und ist
vermutlich noch stolz auf diesen Vergleich. Und natürlich lesen wir ausführlich
von den Gefahren, die Filkins und die Crew (Übersetzer, Fahrer, Fotografen – die
Beschreibungen über "sein" Team ist stets sehr respekt-, ja liebevoll)
ausgesetzt waren und auf diese subtile Art soll natürlich eine Art "Wir"-Gefühl
auch beim Leser erzeugt werden.
Da kann jemand irgendwann nicht mehr aus seiner übergestreiften Haut. Nie
überlegt er, ob eine Wahl nach westlichen Kriterien für den Vielvölkerstaat und
dessen Proporz überhaupt sinnvoll ist. Nie überlegt er, warum die Iraker
einerseits amerikanische Hilfsgelder annehmen, andererseits jedoch keinerlei
"Liebe" zu den USA entwickeln (eher im Gegenteil). Dies mit einem Hinweis auf
die Mentalität abzutun, ist oberflächlich und niveaulos.
Durchaus gute Seiten
Aber dieses
Buch ist nicht ausschließlich schlecht. Es gibt sehr gute Berichte und
Portraits. Etwa wenn er die Pressekonferenz des "Tugendministers" der Taliban
beschreibt und dessen Kriterienkatalog nüchtern ausbreitet. Oder die kleine
Geschichte, als er beim Joggen in Bagdad einen Jungen trifft, dieser auf Saddam
Husseins Republikanischen Palast zeigt und dieser Junge dann sagt "Haus von
Saddam" […] "Jetzt Haus von Bush". Die Geschichte des Arztes in der
Kinderklinik, die ohne kontinuierliche Stromversorgung ist - dessen Rede rüttelt
auf. Auch die Schilderung, wie mit einem unglaublichen Material- und
Soldatenaufwand ein Heckenschütze in einem verlassenen Gebäude gejagt wird (er
flieht nachher mit Fahrrad) ist äußerst gelungen und zeigt in diesem Moment
überdeutlich den Wahnsinn dieses Krieges. Und immer wenn Filkins in den USA
Ehemalige trifft, die scheinbar alle nach Rückkehr ihren Dienst quittiert haben,
gelingen atmosphärisch-dichte Schilderungen.
Und zu Recht sieht Filkins den Irak längst im Bürgerkrieg. Die beteiligten
Parteien beschreibt er durchaus; fast gebetsmühlenartig erklärt er den
Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten, erklärt, warum die Schiiten von
Anfang an skeptisch gegenüber den Amerikanern waren (sie wurden im Golfkrieg
1991 von den Amerikanern zum Aufstand ermuntert, dann jedoch alleine gelassen),
erläutert die Zersplitterungen der einzelnen Gruppen eindringlich und zeigt in
einem sehr die Orientierungslosigkeit der amerikanischen Politik auf
(insbesondere Paul Bremer erscheint nicht in gutem Licht). Dennoch: Als sich
vieles bequemerweise auch auf al-Qaida zurückführen lässt, übernimmt er dies
gerne, vielleicht weil er dem Leser zu Hause irgendwann nicht mehr alle
Einzelheiten zumuten wollte.
Aber in dem er die
amerikanische Seite immer wieder heroisiert bzw. als Opfer darstellt, ist seine
Sicht parteiisch. Auch (oder gerade weil) er zugibt, dass der Irak seit 2004
verloren sei (was ihn prompt von sogenannten Patrioten Beschimpfungen
einbrachte), erstaunt die vollkommen fehlende Empathie für die, die er so
pauschal die Iraker oder, mehr Differenzierung ist aber nicht drin,
die Aufständischen nennt (in einer Fußnote auf Seite 379 erläutert Filkins
immerhin, wie er den Begriff des "Aufständischen" definiert und das diese
Pauschalisierung unumgänglich sei – warum es überhaupt Aufständische
gibt, versucht er erst gar nicht herauszufinden).
Unverständlich, warum die einzelnen Reportagen derart unstrukturiert abgedruckt
werden. Zwar gibt es Aufteilungen in Kapitel, aber die thematische Anordnung
überzeugt nicht. Übersichtlicher wäre es gewesen, die Texte chronologisch zu
ordnen, schon um Entwicklungen besser sichtbar zu machen. So ist der Leser mal
im Jahr 2003, dann 2006 und irgendwann wieder 2004.
Fazit
Es gibt sehr
viele überflüssige Wiederholungen, Skandalisierungen und auch Widersprüche.
Wobei niemand einen Vorwurf erhebt, wenn man die Lage im Irak 2004 anders
eingeschätzt hatte als 2006. Aber wenn von Falludscha als der feindseligste[n]
Stadt und wenige Seiten später von Samarra als der gefährlichsten
Stadt des Irak die Rede ist, so sind diese Attribute ob ihrer Subjektivität
schlichtweg überflüssig. Und einerseits wird die Brutalität im afghanischen
Bürgerkrieg hervorgehoben und einige Seiten später heisst es dann, Krieg in
Afghanistan war eine ernste Sache aber so ernst auch wieder nicht (darauf
anspielend, dass die Kriegsparteien zu bestimmten Jahreszeiten einen
stillschweigenden, partiellen Waffenstillstand einhielt). Schließlich: Was soll
man eigentlich von einem Journalisten halten, der Iraker bei der Betrachtung des
Fußball-WM-Spiels 2006 Portugal gegen Niederlande beobachtet und bemerkt, das
Spiel würde aus einem Stadion in Luxemburg übertragen (gemeint ist
übrigens Nürnberg)? Und richtig peinlich wird es, wenn sich Filkins am Ende als
Hündin "Laika" in einem Sputnik im Weltall sieht.
Wer etwas über
Terrorismus, deren Ursachen und Möglichkeiten der wirklichen Bekämpfung erfahren
möchte lese
Louise Richardson "Was Terroristen wollen".
Über die neuen Kriegsformen Ende des 20./Anfang des 21. Jahrhunderts erfährt man
sehr Interessantes in >Martin
van Crevelds "Gesichter des Krieges". Und wer
zeitgenössische Landser-Romantik des 21. Jahrhundert bevorzugt, ist bei Dexter
Filkins ziemlich gut aufgehoben. Gregor Keuschnig
Die kursiv gesetzten
Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.
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Begleitschreiben
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Dexter Filkins
Der ewige Krieg
Innenansichten aus dem Kampf gegen
den Terror
S. Fischer, Frankfurt 2009
ISBN 978 310 0282057
384 Seiten
22,90 €
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