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Das von Sabine Haupt und Stefan Bodo Würffel herausgegebene »Handbuch Fin de Siècle« erweist sich als passables Lese- und Nachschlagewerk mit einigen kleineren und einer größeren Schwäche Von Rolf Löchel Wohl nie zuvor dürften Literatur, Musik und bildende Künste, die gesamte Kultur inklusive der Wissenschaften so vielfältig, so innovativ gewesen sein wie in den Jahren um 1900. Dies spiegelt sich auch im von Sabine Haupt und Stefan Bodo Würffel herausgegebenen „Handbuch Fin de Siècle“ wieder. Das Gemeinschaftswerk von annähernd dreißig Forschenden und Fachleuten richtet sich nicht so sehr an die „gelehrte Zunft“ als vielmehr überhaupt an „interessierte Leserinnen und Leser“. Bekanntlich endete die Epoche nach gängigem Verständnis entgegen ihrer Bezeichnung nicht mit dem Ende des 19. Jahrhunderts, sondern reichte mehr als ein Jahrzehnt in das neue Dezennium hinein, bis hin zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Das sehen auch die HerausgeberInnen des vorliegenden Handbuchs so. Den Beginn des Fin de Siècle setzen sie in der Mitte der 1880er Jahre an und befinden sich damit ebenfalls in Übereinstimmung mit der allgemeinen Auffassung. Die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ machte die Epoche Haupt und Würffel zufolge zu einer „Sattelzeit, in der das als überlebt Empfundene noch nicht abgestorben, das als neu sich Ankündigende noch nicht prägend geworden war.“ Damit stehe sie am Beginn einer Zeit, die noch immer „die unsere“ ist. Der Band konzentriert sich nicht alleine auf Kultur und Wissenschaft, sondern bietet einen Überblick sowohl über Literatur, Kunst und Musik, die Geistes- und Naturwissenschaften wie auch über Politik und Geschichte dieser „vielgestaltigen“ Zeit. Dabei konzentriert er sich zwar auf den deutschsprachigen Raum, bettet dessen Entwicklung jedoch in einen europäischen Rahmen. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei natürlich Frankreich und vor allem Paris. Zwar durchdrangen die Stile der Zeit einander und bildeten somit eine „schillernde Vielfalt“, in der keiner von ihnen wirklich dominierte. Doch nennt Würffel in seiner Aufzählung „Naturalismus und Jugendstil, Impressionismus und Neuromantik, Symbolismus und Expressionismus“ den Naturalismus nicht zufällig an erster und den Expressionismus an letzter Stelle. Denn trotz ihres „Nebeneinander[s]“ und ihres „zuweilen verwirrenden Mit- und Gegeneinander[s]“ stand der Naturalismus in den 1880er Jahren „am Beginn dieser rasanten Entwicklung“, die unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg „mit den futuristischen und expressionistischen Tendenzen einen eindeutig nach vorne gerichteten, avantgardistischen Charakter an[nahm]“. Zwar bietet Würffels Einleitung einen konzisen Überblick über die Epoche, deren Einheit und Vielfalt in Literatur, Kunst und Kultur, sowie über „Wirtschaft und Gesellschaft im Zeichen des ‚Wilhelminismus’“ und über die „deutsche Politikgeschichte“ der Zeit. Manche Begriffe dürften heute allerdings nur noch Wenigen geläufig sein und hätten darum durchaus einer kleinen Erläuterung bedurft wie etwa die nur sieben Zeilen entnommen Stichworte „‚Platz-an-der-Sonne’-Rede des Jahres 1897“, „‚Hunnen’-Rede des Jahres 1900“, „Marokko-Krise 1905“ und „Daily-Telegraph-Affäre 1908“. Auch wählt Würffel seine Worte nicht immer mit Bedacht. Innerhalb der „festgefügten Sozialstruktur“ der Wilhelminischen Gesellschaft, „die zugleich die einer männlich dominierten Gesellschaft war, hatten es naturgemäß die Frauen besonders schwer, einen eigenständigen Weg zu gehen“, konstatiert der Autor etwa. Doch ist nichts, aber auch gar nichts ist an diesem restlos sozial determinierten Zusammenhang „naturgemäß“. Zutreffend ist hingegen, dass in Deutschland „von einer Frauenemanzipation nur mit Einschränkung, von einer Frauenbewegung hingegen mit größerem Recht gesprochen werden“ kann. Schaut man sich Würffels spärliche Ausführungen zu den frühen Frauenrechtlerinnen jedoch etwas genauer an, zeigt sich, dass ihm auch schon mal ein Irrtum unterläuft. Anita Augspurg und Hedwig Dohm wandten sich sehr wohl gegen „die Auffassung von der grundsätzlichen Wesensverschiedenheit der Geschlechter“ und hingen als führende Vertreterinnen des radikalen Flügels der Frauenbewegung Theorien an, die heute unter dem label Gleichheitsfeminismus firmieren würden. Auch ist zumindest nicht unstrittig, ob die „wenigen Beispiele weitgehend unabhängig lebender und bewusst eigenständig handelnder Frauen, die am Rande des bürgerlichen Lebens neue Formen der Selbstverwirklichung suchten und erprobten“ – Würffel nennt Lou Andreas-Salomé, Franziska zu Reventlow und Else Lasker-Schüler – tatsächlich „wichtiger“ waren als die Frauenbewegung. Um dies überhaupt entscheiden zu können, wäre zumindest zu erörtern, für wen und wofür sie wichtiger gewesen seien. Denn an sich ist gar nichts wichtig oder unwichtig, sondern immer nur für jemanden und zu einem bestimmten Zweck. Doch zu beidem schweigt Würffel. Nach der recht umfangreicher Einleitung gliedert sich das Handbuch in fünf Hauptabschnitte, deren Einteilung sinnvoll erscheint und die Suche nach einem bestimmten Thema auch im Inhaltsverzeichnis erleichtert. Weitere Hilfe bieten diesbezüglich ein Personenregister und ein Verzeichnis „wichtige[r] Gruppierungen“. Der erste Hauptabschnitt gilt dem „Europäische[n] Umfeld“ des deutschsprachigen Raums und bietet einen Abriss der Zeitgeschichte (von Volker Reinhard) sowie ein nach Nationen gegliedertes „Länderpanorama“ (Haupt). Besonders beleuchtet werden die „Geistigen Zentren des Fin de Siècle“ (Haupt und Würffel), „Mallarmé und der Symbolismus“ (Dominique Combe), sowie im Weiteren „Themen und Motive“ wie „Sprachzweifel und Sprachmagie“, „Nervenkunst“ oder „‚Moloch’ Stadt“ (jeweils Haupt). Die Hauptabschnitte zwei bis fünf widmen sich kulturellen Aspekten der „Gesellschaft“, „Literarische[n] Formen“, den „Künste[n]“ und den „Wissenschaften“. Abschließend informieren insgesamt nicht weniger als zweihundert Seiten umfassende „Bio-Bibliographien“ über „Lebensläufe um 1900“. Nun bietet ein derart umfassendes Handbuch eine Fülle von Beiträgen, Themen und Informationen, deren Anzahl und Vielfalt es unmöglich machen, auf sie alle einzugehen oder sie auch nur zu erwähnen. Weder der zumutbare Umfang einer Rezension noch die – auf bestimmte Gebiete beschränkten – Kenntnisse des Rezensenten erlauben dies. Darum kann hier nur auf einige wenige Punkte eingegangen werden. Und da erweist sich das vorliegende Buch oft als informativ, hilfreich und verlässlich. Wenngleich hier und dort auch etwas zu monieren bleibt. So bietet Sabine Haupt im Abschnitt zur „Femme fatale“ einen mehr als hinreichenden Überblick über das Motiv in Oper, Film, Literatur und bildender Kunst sowie eine treffende Charakterisierung der „imaginären Zerstörerin“. Die sich zur Figur der Femme fatale verdichtende „Vorstellung der männermordenden Nymphomanin“ ist allerdings nicht nur „hauptsächlich eine Männerphantasie“ sondern ausschließlich. Auch zeigt Rachildes Erzählung „Les vendanges de Sodom“ entgegen Haupts Auffassung keineswegs, „[w]ie gefährlich“ Franziska zu Reventlows Aufforderung an ihre Geschlechtsgenossinnen, „‚Mut zur freien Liebe’ [...] und zur ‚vollen geschlechtlichen Freiheit’ zu haben’“, sein konnte, „sobald eine Frau tatsächlich versuchte, sie in die Praxis umzusetzen“. Denn es handelt sich bei Rachildes Werk nicht um einen Tatsachenbericht, sondern um eine fiktionale Erzählung. Was es bedeutete, Reventlows Forderung in die Praxis umzusetzen, zeigt vielmehr deren eigenes Leben respektive ihr Tagebuch. Dass, wie Haupt und Würffel im Abschnitt über die Isar- und Fin-de-Siècle-Metropole München meinen, der Psychoanalytiker und Anarchist Otto Gross der „Mittelpunkt der Schwabinger Boheme“ gewesen sei, trifft schon alleine deshalb nicht zu, weil dieses sich aus zahlreichen Gruppen und Kreisen zusammensetzende Gebilde keinen Mittelpunkt hatte. Sollte man dennoch einen ausmachen und personifizieren wollen, lägen andere Namen näher, Stefan George vielleicht und von den Frauen eventuell Franziska zu Reventlow. Ulriche Linse hat seinen gut vier Seiten umfassenden Abschnitt über den Anarchismus allzu sehr auf Gustav Landauer zugeschnitten, dessen GesinnungsgenossInnen fast ausnahmslos unterschlagen werden. Selbst Erich Mühsam, Landauers inneranarchistischer Gegenspieler, der sicher nicht weniger originell und ebenso einflussreich war als dieser, muss sich mit einer beiläufigen Bemerkung abspeisen lassen. Peter Kampits befasst sich im Abschnitt „Philosophie“ zwar kurz mit der „Lebensphilosophie“, noch kürzer mit dem Neukantianismus Marburger und südwestdeutscher Provenienz sowie etwas ausführlicher mit den „neuen Aufbrüchen“ doch vergisst er fast völlig den seinerzeit erfolgreichsten, nicht ganz zu unrecht als Modephilosoph verschrienen Schopenhauerschüler Eduard von Hartmann, dessen Werke sich um 1900 besser verkauften als die Nietzsches und sämtlicher anderer Philosophen und besser als die der Philosophinnen sowieso. Nur einmal, in einem Zitat W. Schmid-Kowarziks, wird er gemeinsam mit Wilhelm Dilthey und Hermann Cohen ein aller Beiläufigkeit erwähnt. Nicht sehr viel anders ergeht es Rudolf Eucken, einem heute zwar weithin vergessener Philosoph der 1908 aber immerhin mit einem Nobelpreis geehrt wurde. Er hat nicht einmal Eingang in den bio-bibliographischen Anhang gefunden. Dass nicht alle Lesenden – und so auch nicht der Rezensent – alle Urteile und Wertungen der zahlreichen AutorInnen teilen können, versteht sich bei einem solchem Mammutunternehmen wie dem vorliegenden Handbuch von selbst. Auch lassen sich kleinere Fehler und Irrtümer prinzipiell nicht ausnahmslos vermeiden. Manche allerdings schon. Zu diesen zählt, dass das Handbuch noch im neuen Jahrtausend einen aus dem 19. Jahrhundert stammenden Irrtum über das Geburtsjahr Hedwig Dohms fortschreibt, der zwar von Dohm selbst nie korrigiert wurde, von späteren ForscherInnen jedoch sehr wohl. Dohm erblickte bereits 1831 die Lichter der deutschen Hauptstadt und nicht erst zwei Jahre darauf. Neben diesen und anderen Mängeln, bei denen es sich eher Quisquilien handelt, muss allerdings auch ein grundsätzliches Manko angesprochen und moniert werden. Es betrifft, die Rolle die Frauen als Kulturschaffenden, namentlich als Literatinnen zugesprochen wird, nämlich so gut wie kein. So stellt Helmut Koopmann im Abschnitt über die Romane der Zeit zwar fest, dass es in der Literatur „vor allem Frauen [sind], die die Schattenseiten der Gesellschaft sichtbar machen“, spricht dabei aber nicht etwa von Autorinnen sondern den weiblichen Figuren männlicher Autoren. Schreibende Frauen kommen – abgesehen von Marie Herzfeld, von der Koopmann ein Essay zitiert, und Ricarda Huch, der er fünf Zeilen gönnt – in seinem Beitrag hingegen gar nicht erst vor. Und gerade mal zwei Autorinnen werden in einer nicht weniger als eine halbe Seite umfassenden Reihung von Reto Sorg genannt, der sich mit „Kurze[r] Prosa“ befasst. Ansonsten herrscht auch hier Stillschweigen vor. Und dies obwohl er zu Beginn seines Beitrages konstatiert, „dass schreibende Frauen um die Jahrhundertwende neben Tagebuch, Briefroman, Autobiographie und Reisebeschreibung vornehmlich die kleinere Form der Erzählprosa pflegen“. Nicht viel anders sieht es auch im von Rémy Charbon verfassten Beitrag über das Drama aus; und gerade mal eine Hand voll Autorinnen erwähnt Uwe Spörl im Abschnitt über „Literarische Gebruchsformen“, doch werden von ihnen kaum mehr als die Namen genannt. Nur Maria-Christina Boerner und Harald Fricke kamen im Abschnitt über Lyrik nicht umhin, sich zumindest mit dem Schaffen einer Frau ein wenig näher zu befassen. Die Rede ist von Else Lasker-Schüler. Nun ist es zwar nicht so, dass Literatinnen in dem Buch überhaupt nicht angesprochen würden, doch wurden sie ins Ghetto „Schreibende Frauen“ abgeschoben. Unter diesem Titel steht ein von Irmgard Roebling verfasster Artikel. Dass die schreibenden Frauen allerdings nicht um ihrer Werke willen, sondern nur als gesellschaftliches Phänomen erwähnenswert seien, signalisiert und insinuiert schon der Umstand, dass sich der Artikel nicht etwa im der Literatur gewidmeten Hauptteil befindet, sondern der Rubrik „Gesellschaft“ zugeschlagen wurde. Hingegen fehlt dort wie überhaupt ein Artikel zur damals sehr vitalen Frauenbewegung. Immerhin hat Roebling einen insgesamt informativen Beitrag geschrieben. Auch hat sie die einzelnen Autorinnen und ihre Werke nachvollziehbar gewichtet, wenngleich man die eine oder andere Wertung vielleicht nicht ganz teilen mag. Bedauerlich ist allerdings, dass sie sich allzu sehr auf die behandelten Themen und das Geschehen in den Werken konzentriert und darüber deren literarische Gestaltung, mithin also die Kunst der Autorinnen vergisst. Nicht nur in den Kapiteln zur Literatur bleiben die Frauen weithin unsichtbar. Das gleiche Schicksal erleiden im von Bernd Urban verfassten Abschnitt zur Psychoanalyse etwa Lou Andreas-Salomé, die dort kurz als Schriftstellerin vorgestellt wird, die Freud in ihrem ersten Brief mitteilte, dass sie das Studium der Psychoanalyse nicht mehr loslasse. Sabina Spielrein bleibt gänzlich unerwähnt. Beide werden von Forscherinnen wie Inge Stephan zu den „Gründerinnen“ der damals neuen Lehre gezählt. Im Abschnitt über die „Künste“ muss man wiederum die Bildhauerin Camille Claudel vergeblich suchen. Nun ließe sich dies damit erklären, dass sie nicht im deutschsprachigen Raum arbeitete, auf den der vorliegende Band ja seinen Schwerpunkt legt. Dem steht allerdings entgegen, dass ihr Geliebter August Rodin ausführlich behandelt und sogar mit einigen Abbildungen seiner Werke gewürdigt wird.
Ein
Fazit ist schnell gezogen: Sähe man von den beiden zentralen Mängeln, der
Geringschätzung weiblichen Schaffens und der weitgehenden Absenz der
Frauenbewegung, ab (was man allerdings durchaus nicht tun sollte), so wäre das
vorliegende Buch zwar nicht rundum, aber doch im Ganzen empfehlenswert. So
bleibt es doch immerhin passabel. |
Sabine Haupt und Stefan
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