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Das Gottvertrauen der Chinesen

und der Unsinn der Chinesischen Küche

von Ma Ping Zuo

Gottvertrauen spielt in diesem atheistischen Land eine Rolle wie wohl kaum noch in einer christlichen Region dieser Welt. Den tagtäglichen Gefahrensituationen steht der chinesische Bürger mit einer Gelassenheit gegenüber, die ohne den Glauben an eine höhere Macht, die es schon irgendwie regeln wird, schon als eindeutige Indolenz bezeichnet werden müßte. Da ist es egal, ob es sich um den Handwerker handelt, der Lampen und elektrische Leitungen bei voller Stromzufuhr repariert und Gasherde stets mit brennender Zigarette auf Funktionsfähigkeit prüft oder um Menschen aller Art, die einfach über die Straße laufen, ohne sich um irgendwelche heranrasenden Autos zu scheren. Und die dann wiederum in den eigenen Autos losbrausen, ohne je nach rechts oder links oder gar nach hinten zu schauen, ob sie nun emsig telefonierend auf der Hauptverkehrsstrasse dahinrasen oder gerade eine SMS lesend, aus einer unübersichtlichen Kleinst-Ausfahrt herauspreschen.

Praktisch alle Fahrräder in China fahren ohne Licht und sind im Dunkeln mehr oder weniger unsichtbar. Manchmal gewarnt durch wildes bis panisches Klingeln, rettet sich der Fußgänger dann mit einem verzweifelten Sprung vor das nächste heranrasende Auto vor den aus dem Dunkel hervorschießenden Klappergestellen. Die offenbar den allgemeinen Verkehrsvorschriften entsprechende Lichtlosigkeit hindert natürlich auch keinen der offensichtlich ebenfalls recht glaubensfrohen Radfahrer daran, des Nachts mit den unübersichtlichsten Manövern die von lauter automobilen Autisten befahrenen Straßen zu kreuzen.
So scheint sich jeder Verkehrsteilnehmer, wie von einer höheren Macht geleitet, durch den chaotischen Verkehr zu bewegen. Ja, es wirkt manches mal, als fühle man sich gerade als Fußgänger im brüllenden Gebrause geradezu geborgen, so mitten auf der sechsspurigen Fahrbahn stehend, während zentimeterknapp am Körper die Autos, die Lastwagen und die Busse vorbeidonnern, natürlich ohne auch nur im geringsten die Geschwindigkeit zu reduzieren. Ebenso wild geht es zu an den sinnlos auf den Asphalt gepinselten Zebrastreifen, wo alle Kraftfahrzeuge gewohnheitsmäßig wild hupend vor und hinter und mitten durch Fußgängerpulks brettern und riesige Busse mit wildem Getöse und Lautsprechergekreisch brutal durch die Menschenmengen walzen. Doch unerschütterlich in seiner glaubensfesten Aufgehobenheit, nimmt ein jeder Fußgänger sein Schicksal hin. Hauptsache, man kann mitten im tobend lärmenden Chaos noch ins Handy schreien oder wenigstens eine SMS eintippen. Eine derartige Festigkeit im Glauben an das persönliche Überleben in diesem gnadenlosen Krieg, den die chinesischen Verkehrsteilnehmer tagtäglich gegeneinander führen, deutet doch sehr auf ein fest implementiertes, wenn wohl auch überwiegend unbewusstes Vertrauen auf eine höhere Macht, die gnädig das Schicksal lenkt. Der Herr also wird es richten. Und meist tut er es ja auch.

Manchmal allerdings auch nicht. Die durch das Versagen der höheren Mächte - wodurch wohl sonst - hervorgerufenen knapp 10.000 Verkehrstoten pro Jahr in Peking sind, gemessen an der Menge der Überlebenden, ja letztendlich auch wohl eher marginal. Wahrscheinlich mangelte es den Dahingeschiedenen sowieso am rechten Glauben. Es zählen als Verkehrstote in China übrigens nur die, die direkt an der Unfallstelle versterben. Wer erstmal im Krankenwagen oder gar Krankenhaus liegt und von dort ins Jenseits hinüberwechselt (wahrscheinlich erfolgt dieser Wechsel unter heftigstem Posaunengetöse und lautestem Harfengezirp, während man als frisch Gewechselter auf den überfüllten himmlischen Heerstraßen immer gerade noch den um haaresbreite eilig vorbeisausenden Engeln ausweichen kann, die wild in ihre himmlischen Diensthandy´s schreien oder hektisch eine SMS an ihre vorgesetzten Seraphimen und Cherubimen eintippen. Die Wege der einfachen Engel sind zuparkt mit Hunderten von chromblitzenden, schwarzlackierten Merkaba, deren Besitzer aus den oberen himmlischen Adminstrationsebenen von Dominationes und Virtutes, sich in die bevorzugten Manna-Restaurants drängeln), der muss dann eine ganz andere Statistik bevölkern. Administrativ eine bewundernswert kluge Maßnahme, so die Zahl der Verkehrstoten zu reduzieren, ohne etwas am kombattanten Gesamtkonzept verändern zu müssen.

Das Lieblingsthema der Chinesen: Essen

Foto:
© hawkeye
Das unbewußte, aber tatsächlich doch hervorragend funktionierende Gottvertrauen der chinesischen Konsumenten findet man natürlich auch bei einem der Lieblingsthemen - oder vielleicht sogar dem Lieblingsthema - der Chinesen, dem Essen. China gehört global zu den erfolgreichsten Nationen bei der Implementierung von fantastischen Behauptungen über das eigene Land in die Köpfe glaubensfroher Ausländer aus dem Westen, die Bürger anderer asiatischer Nationen sind da wesentlich skeptischer. Diese wichtige Vorbemerkung, die in ihrer Konsequenz weit über das Kulinarische hinausgeht und die für die stahlharte und gnadenlose Betrachtung verschiedenster sinopathogener Phänomene - heute und auch in Zukunft - für den Leser hilfreich sein wird, sei mir in diesem Zusammenhang gestattet.

Foto: © hawkeye
Geradezu beispielhaft in ihrer implementiven Heimtücke, aber auch im durchschlagenden Erfolg, zeigt sich diese Strategie am steten Vordatieren des chinesischen Kulturstarts auf inzwischen sagenhafte 5000 Jahre. Als ich 2001 zum ersten Mal in China einreiste, waren es noch 4500 Jahre. In Aufzeichnungen aus dem frühen 20. Jahrhundert ist noch von 3000 oder 3500, dann irgendwann schon von 4000 Jahren die Rede. Aus üblicherweise gut informierten Quellen wurde mir zugetragen, dass man in Erfüllung der Vorgaben des staatlichen 5 Jahresplans auf Seiten der einschlägigen Forschungsinstitute für Geschichtsfälschung und historische Desinformation bereits die Zahl 6000 anpeilen würde. Eventuell unter Weglassung einiger weniger, unerfreulicher Jahre des 20. Jahrhunderts, so etwa zwischen 1949 und 1979.

Foto: © hawkeye
Ein ähnlicher Unsinn wie die sogenannten 5000 Jahre Kultur, ist auch die uns Westlern - von interkulturellen Seminaren mental sowieso schon schwer geschwächt - eingehämmerte Behauptung, die chinesische Küche sei die beste der Welt. Natürlich, es ist die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, dass es auch hier einmal gute Köche gab oder eventuell sogar noch gibt. Doch nehmen wir nur einfach einmal die unverfroren so behaupteten 5000 Kulturjahre als gegeben an, dann wären das immerhin mehr als 1,8 Millionen Kulturtage bis dato. Man sollte vielleicht noch wissen, daß in China jeder Tag offiziellerweise so meterhoch mit sogenannter Kultur angefüllt und verkleistert ist, die, vorzugsweise bestehend aus tanzenden und singenden ethnischen Minderheiten in farbenfrohen Kostümen (gern verwendet werden auch fröhlich Volksliedhaftes oder Patriotisches herausquäkende Kinder), alles auf beste vernebelt und verblödet, so daß man, beim Versuch darüber hinweg zu schauen, kaum noch Wirkliches zu erkennen vermag.

Foto: © hawkeye
O.K. Lassen wir das. Von der Funktion der Kultur als patriotischer Zuckerwatte bei nächstbester Gelegenheit. Zurück zu den wirklich wichtigen Dingen. Zur Kulinarik. Oder was man dafür hält. Da in China 3x am Kulturtag warm gegessen werden muß, also selbstverständlich auch gekocht wird, wären das schon mal mehr als 5,4 Millionen zubereitete Essen. Selten beschränkt man sich in China beim Kochen auf nur ein Gericht. Nehmen wir also nur ein Minimum von 8 Gerichten (2 am Morgen und jeweils 3 zu Mittag und Abend) pro Kulturtag, liegen wir bei cirka 43 Millionen.
Eine durchschnittliche Zahl von, sagen wir mal, 500 Millionen Essern über die letzten 5000 Kulturjahre angenommen, erhalten wir eine Zahl von minimal 35.000.000.000.000.000 (Trillionen) Gerichten, die von den Chinesen in den letzten 5000 Kulturjahren eingeschaufelt wurden.
Logischerweise werden da ja wohl schon mal einige hervorragend gekochte Gerichte dabeigewesen sein. Betrachtet man nun diese, großzügig gerechnet, vielleicht 10%, kulinarisch akzeptabler Mahlzeiten, einmal unter dem oben angeführten Implementierungsvorbehalt, kann man leicht erkennen, wie solche Fantastereien à la "Beste Küche der Welt" zustande kommen und wie fragwürdig all dies überhaupt ist.

Foto: © hawkeye
In China ist man im Grunde ja nur an Spitzenleistungen interessiert. Wer beim Schwimmen keine Goldmedaille holt, muß dann halt eben den Besen holen, zum Becken schrubben. Und wenn schon nicht Spitze in der Qualität, dann wenigstens in der Zahl. Man arbeitet daher sicher inzwischen mindestens an der hundertsten Trillion mehr oder weniger fragwürdig zubereiteter Mahlzeiten. So wird deshalb wohl auch zukünftig bei den zu erwartenden Milliarden von Kochvorgängen im Land gewiß einiges an genießbaren bis guten Gerichten aus Topf und Wok auf dem Teller landen, vor allem wenn wir toleranterweise die oben erwähnte 10%-Positiv-Hürde zugrunde legen.
Doch - einmal abgesehen von den verbleibenden, erst einmal nur kulinarisch
zweifelhaften 90%, was ja auch eine Frage persönlichen Geschmacks und Vorlieben wäre - eines kommt erschwerend hinzu: In diesem ganzen
, riesigen Land gibt es inzwischen praktisch keine giftfreien Nahrungsmittel mehr. Egal wie nett die Formulierungen der Speisekarten auch klingen, sei es "Der Mönch der über 8 Mauern springt" oder  "Der Kampf zwischen Tiger und Drache" oder "Buddhas Fastenspeise" -  es ist doch alles einfach nur ein gigantisches Schwindelunternehmen zur globalen Täuschung Gutgläubiger.

Foto: © hawkeye
Denn wo sind wir heute tatsächlich: Millionenfach werden Schweine in China heutzutage mit zweimal 15 Litern Wasser aufgespritzt. Eine Tätigkeit, die in vielen Provinzen des Landes übrigens bereits als anerkannter Ausbildungsberuf bewertet wird. Das Fleisch dieser Schweine enthält zudem oft noch Blei und Zink in abbauwürdigen Mengen. Hühner und Enten werden mit einem Overkill an Antibiotika produziert. Fische und Krabben werden in Pharmaseen mit unbestimmbarem Frischwasseranteil gezüchtet. Gurken haben tödliche Mengen DDT in der Schale. Milch wird mit dem Industrieklebemittel Melamin gestreckt. Reis tränkt man zur Konservierung tonnenweise mit chemischen Abwässern.

Die Gewässer und damit auch der Fischbestand des Golfs von Bohai und große Teile des Gelben Meeres sind mit Dioxinen, Furanen, giftigen Schwermetallen und Abwässern aller Art verseucht. Wer Salat und Gemüse ißt, hat sowieso selber Schuld.
Wird dann einmal doch, überwiegend aus Gründen der Öffentlichkeitsarbeit, eine solche giftige Angelegenheit (ein Skandal wäre es ja nur, wenn es außergewöhnlich wäre und nicht der Normalfall) aufgedeckt, dann findet sich schnell ein smarter Abfallunternehmer, der gegen Gebühr die giftige Lebensmittelware übernimmt und sie schnell in die ahnungslosen Nachbarprovinzen verkauft. Ein bis zwei mehr oder weniger verantwortliche Herren werden dann vielleicht noch schnell mal zum Tode verurteilt. Dazu addiert man noch ein paar Gefängnisaufenthalte. Und dann macht man weiter wie bisher.
Doch gerade im hier und jetzt des bekannten und unbekannten Sondermülls, der in diesem Land zunehmend gern als Lebensmittel verkauft wird, siegt das den Chinesen offensichtlich unbewußte, inhärente Gottvertrauen. Genau wie man im Straßenverkehr eben gern einfach losläuft oder losfährt, ungeachtet aller Gefahren, so ißt und schlürft man in diesem Land die giftigsten Dinge vertrauensvoll und rücksichtslos in sich hinein. Man hat ja schließlich die beste Küche der Welt. Genau! Und Gott ist auf unserer Seite! Sowieso! Selbst wenn es ihn gar nicht gibt.

Die Parteispitze allerdings scheint schon weit weniger Gottvertrauen zu besitzen. Die Lebensmittel für die oberste Führungsschicht des Landes und deren Familienangehörige werden, dem Vernehmen nach, unter aus Deutschland entwickelten, streng biologisch dynamischen Prinzipien, auf speziell bewachten Staatsfarmen angebaut. Das Schöne dabei ist, dass auch für die Bauern der umliegenden Felder weiträumig ein Verbot von Düngemitteln und Pestiziden gibt. Es also in China eventuell doch auch Gegenden geben muss, deren Bevölkerung für vergleichende empirische Tests mit den inzwischen klassisch chinesischen landwirtschaftlichen Anbaumethoden des Überdüngens und des pestiziden Overkills zur Verfügung stünde.
Der klassische chinesische Restaurantbesucher bringt natürlich neben seinem Gottvertrauen auch noch sein Handy und seine Zigaretten mit ins Lokal. Vor dem Essen, während des Essens und nach dem Essen raucht er dann pausenlos und telefoniert. Dabei schüttet möglichst viel Baijiu (Schnaps) und Pijiu (Bier) in sich hinein. 
Im Zusammenhang mit den Fantastereien um die Weltgeltung der chinesischen Küche, die von den Bürgern dieses sagenreichen Landes natürlich als gegeben hingenommen wird, stellt sich hier dann dem Beobachter doch manches mal die Frage, wie die solchermaßen vergifteten, schnaps- und colatrinkenden und pausenlos qualmenden Bewohner dieser Nation denn überhaupt wissen wollen, was gutes Essen ist?
Darüberhinaus hat ja auch kaum einer dieser, eigentlich ja doch auch wieder grundsympathischen, Kulinarik-Chauvies jemals über seinen Tellerrand hinaus irgend etwas außerhalb des chinesischen Küchenuniversums in sich hineingeschlürft oder geschmatzt. Man würde es denn auch sicher schnell wieder neben den Teller spucken.

Andererseits scheint diese Reaktion der vorbeugenden Betäubung wiederum recht vernünftig, wenn es um das seltene Wissen oder die ansatzweise vorhandene Ahnung darum geht, wie giftig das Essen hier nun mal ist. Die offensive Individual-Sedierung mit Schnaps und Tabak (beides höchstwahrscheinlich ebenfalls schon in der Herstellung als Sondermüll klassifiziert) und Cola (junge Damen brauchen wohl keine stärkeren Gifte - es genügt die Aussicht auf einen Ehemann mit Kreditkarte, um auch das dioxinverseuchteste Dinner zu überleben), hilft mit dem Unausweichlichen fertig zu werden.
Abgesehen davon ist es natürlich auch schwierig, einer hunderte Millionen von Menschen umfassende Gruppe, die in ihrer Kindheit und Jugend unter dem Kommunismus schwersten Hunger und sonstigen Terror erlitten hat, dazu anzuhalten, die angebotenen Lebensmittelqualitäten zu hinterfragen.

Aber ich denke, all diese Überlegungen sind etwas zu kurz gegriffen. Da offene Diskussionen in diesem Land nicht gewünscht, oft verboten, manchmal gefährlich und fast immer sinnlos sind, ist das rein reaktive Konsumentenverhalten weitverbreitet.
Wer immer sich in China mit dem Essen beschäftigt, beschäftigt sich gleichzeitig mit dem Innersten und Innerlichsten dieser Gesellschaft. Tiefer und innerlicher geht es kaum. Und was wünscht sich diese Gesellschaft seit neuestem zu sein? Eine "Harmonious Society" möchte sie sein. Will sie sein. Muß sie sein. So will es die Partei. So will es die Regierung. Und kaum etwas ist den Prinzipien der gewünschten "Harmonischen Gesellschaft" abträglicher als Kritik. Vor allem an den festgelegten Werten der Gesellschaft. Und es wäre sehr unpatriotisch an der Qualität der chinesischen Küche zu zweifeln und damit einen tragenden Wertepfeiler kultureller Überlegenheit anzupinkeln.

Aber genauso abträglich ist es für den Bürger auch, auf Dauer loben zu müssen, wo vielleicht Kritik angebrachter wäre. Und da greift sie, die friedvolle Kritikvermeidung auf chinesische Art, genial schlicht und einfach: Wenn man vor lauter Schnaps, Tabaksqualm, Handyschreierei und Cola nichts mehr schmeckt, muß man, kann man, braucht man nichts mehr zu kritisieren. Die chinesische Regierung hat das in ihrer Weisheit und Bürgerfreundlichkeit erkannt. Und so raucht und trinkt und telefoniert man sich durch das Essen, muss nichts mehr schmecken und kann so ohne moralische Nöte der chinesischen Küche und damit stellvertretend der Nation und ihres harmonischen Gesellschaftskonzepts huldigen und erfreulicherweise weiterhin auch selbst noch an die kulturell-kulinarische Überlegenheit Chinas glauben.

Nicht, dass es in meiner freundlich langweiligen Heimatprovinz Niedersachsen zum Beispiel, nun besser schmecken möchte. Gott bewahre. Die höchsten kulinarischen Ehren genießt dort übrigens nicht eine feste, sondern eine flüssige Nahrungsspezialität, die sogenannte "Lüttje Lage", eine Kombination aus einem kleinen Korn und einem Bier, gleichzeitig durch oberglasiges Zugießen des Schnapses ins Bier während des Trinkprozeßes gemischt. Ich durfte einmal vor vielen Jahrzehnten erleben, wie im damals sagenhaften Bonner Lokal "Kessenicher Hof" ein inzwischen verstorbener Bundesminister und eine ebenfalls bereits verstorbene höhere Parlamentabgeordnete darin wetteiferten, diese niedersächsische Spezialität im Liegen zu konsumieren. Ich denke, das hätte auch viele Chinesen beeindruckt. Zumal damals in Deutschland noch ungehemmt geraucht werden durfte. Das Essen dort im Lokal hätte die Chinesen sicher weniger begeistert.

Nebenbei: Es bleibt dem chinesischen Esser ja auch noch der, mit einem gewissen exaltierten Fanatismus gepflegte Glaube an die innere Wirksamkeit, ja Weisheit von Lebensmitteln. Hier eröffnet sich bei näherem Hinschauen eine weitere quasi-religiöse Welt, in der noch stärker als beim Glauben an die Überlegenheit der eigenen Kulinarik, der Wunsch nach Orthodoxie und letzten quasi-göttlich legitimierten Wahrheiten sich äußert. Eine Glaubensvariante die, wie man hört, bereits beim deutschen TCM- und Esoterikfan höchstes Ansehen genießt, der ja auch gern endgültige Wahrheiten verkündet.
Wahrheiten, die unter anderem besagen, dass Käse den Körper verschleimt, Rotwein Blutstauungen beseitigt und schöne Haut macht, während grüne Peperoni gut sind gegen Leberbeschwerden, Pilze wiederum krebsvorbeugend und Walnüsse gut für den Haarwuchs (hätt ich das bloß früher gewußt!). Gestocktes Entenblut nun wieder ist gut für die Reinheit des Blutes und Hundefleisch kühlt prima bei Fieber.
Auch Schlange, Skorpion, Ratte, Ochsenfroschgebärmutter, gesottenes Schweinearschloch, das alles hat so seine tiefgründig kulinarisch-medizinische Bedeutung, die im Grunde doch nur ungeprüftes Nachplappern jahrhundertealter (Aber)Glaubenslehren ist, deren auch nur ansatzweises Anzweifeln allerhöchste Mißbilligung hervorruft.

Die Frontlinien des Glaubens in diesem vielleicht eminentesten Lebensbereich des chinesischen Bürgers, tief gestaffelt liegen sie, sind bomben- und bunkerfest bewehrt. Durch nichts konnten diese Festungen des kulinarischen Aberglaubens bislang erstürmt oder auch nur erschüttert werden. Doch nun geschieht es vielleicht doch - durch das superschnell vorrückende Infanteristen-Fußvolk, gebildet aus den millionenfachen MacDonalds und Kentucky Fried Chicken Burgerarmeen, die an nichts glauben, außer an den Umsatz und an das stets gleiche, stets enttäuschungslose und geschmacksfreie Sättigungserlebnis. Die sagenumwobene chinesische Küche - besiegt nicht durch die Skepsis, sondern durch das kulinarische Nichts mit Ketchup.
 



 


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