Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik


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Die menschliche Komödie
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Zum 5-jährigen Bestehen ist
ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren
mit 176 Seiten erschienen, die es in sich haben.

 

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Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:

Die menschliche Komödie als work in progress

»Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen«
Zu diesem Thema haben wir Texte von Honoré de Balzac, Hannah Arendt, Fernando Pessoa, Nicolás Gómez Dávila, Stephane Mallarmé, Gert Neumann, Wassili Grossman, Dieter Leisegang, Peter Brook, Uve Schmidt, Erich Mühsam u.a., gesammelt und mit den besten Essays und Artikeln unserer Internet-Ausgabe ergänzt. Inhalt als PDF-Datei
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Vignetten der Wehmut

Christiane Pöhlmann über Wassili Grossmans Erzählungen

Nach dem überraschenden Erfolg der Neuauflage von Leben und Schicksal hat der claassen-Verlag nun mit Tiergarten eine Sammlung von fünfzehn Erzählungen Grossmans nachgeschoben. Verständlich, zumal diese Art von Erinnerungsliteratur seit einiger Zeit Konjunktur zu haben scheint, man denke nur an die Tagebücher von Gelfand und Anonyma, an Littells Die Wohlgesinnten oder an Filme wie Der Untergang und Operation Walküre. Andererseits dürfte die leicht sperrige Lektüre von Grossmans Texten der beste Schutz gegen eine allzu wohlfeile Vermarktung sein.

Meine erste Begegnung mit diesem Autor fand vor rund zwanzig Jahren statt, mit Alexander Askoldows Film Die Kommissarin, der auf Grossmans früher Erzählung "In der Stadt Berditschew" basiert. Es ist einer der wenigen Fälle, wo die Verfilmung die literarische Vorlage hinter sich lässt. Weit hinter sich. So beklemmend und verstörend der Film war, dessen Bilder mir noch heute vor Augen stehen, so wenig Nachhall fand die karge Erzählung in mir, die Grossman seinerzeit auf Anhieb in die erste Liga junger Autoren katapultiert hatte. Insofern, zugegeben, stand ich Tiergarten misstrauisch gegenüber: Als einen Meister der kurzen Form hatte ich Grossman wahrlich nicht in Erinnerung.

Um es gleich vorwegzunehmen: Tiergarten ist literarisch kein großer Wurf – was ja nicht heißt, dass die Texte nicht doch lesenswert wären, schließlich gibt es zwischen den herausragenden und den richtig schlechten Geschichten immer noch die guten, und von denen finden sich hier einige. Womit dieser Band indes wirklich besticht, ist ein Verdienst außerliterarischer Art: Er vervollständigt das Bild von Grossman als Zeitzeugen und stellt ein leidenschaftliches Plädoyer für Mitmenschlichkeit und Freiheit dar.

Die Erzählungen umspannen einen Zeitraum von knapp fünfundzwanzig Jahren, was thematisch bedingt ist, aber auch dadurch, dass Grossman mitunter sehr lange an einzelnen Texten gearbeitet hat. Sie berichten vom Krieg und Kriegsende, vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima, den frühen Weltraumflügen und immer wieder vom Alltag in stalinistischer Zeit. Wie auch schon in seinem Roman Leben und Schicksal wechselt Grossman häufig die Perspektive – doch meint er in der Regel die sowjetischen Verhältnisse immer mit. Wenn er in "Abel" die amerikanischen Flieger stolz darauf sein lässt, dass sie nicht schlechter funktionierten als Maschinen, dann klingt hier sozusagen russischer Propagandaton im Original an: Gerade im Produktionsroman wurde dieses Ideal hochgehalten. Und wenn in "Tiergarten" ein Deutscher darüber nachdenkt, ob Hitler selbst vielleicht von seinem ganzen Geheimdienst- und Schreckensapparat nichts wisse, könnte man getrost auch Stalin sagen. Wir erleben Grossman hier auf dem Weg zu seiner immer entschiedener vertretenen Auffassung, in "wölfischer Zeit" zu leben, in der sich die Unterschiede zwischen der stalinistischen Sowjetunion und dem faschistischen Deutschland unter Hitler verlören – eine Steilvorlage für den Historikerstreit, avant la lettre.

Am besten ist Grossman jedoch immer dann, wenn er direkt von der Sowjetunion spricht. Hier sind seine Helden oft genug einfache Menschen, die keine Karriere in der Nomenklatura oder in ihrem Beruf gemacht, sich aber – gerade deshalb? – ihre Integrität und Güte bewahrt haben. Es liegt jedoch eine "sozialistische Karriere" hinter ihnen, sie sind aus der Provinz gekommen, um in Moskau zu studieren, sind ungeachtet ihrer musischen Begabung glücklich in einem Arbeiterheim und sehnen sich nicht nach der Musikhochschule. Diese Menschen gestaltet er überzeugend, sympathisch und einnehmend. Wenn sie Opfer des Systems werden, wenn sie sich über den Druck der Repression hinwegsetzen, wirken sie in höchstem Maße aufrecht. Gleichwohl darf man eines nicht übersehen: Es sind nicht die feinsinnigen Menschen, die Intelligenzler, die, von offizieller Seite gern misstrauisch beäugt, zu solch menschlicher Geste fähig sind. Hier dürfte der Nährboden für die offizielle Ankerkennung liegen, die Grossman in der Sowjetunion eben auch genossen hat. Er war ja nicht nur der unveröffentlichte Schriftsteller, sondern auch der gedruckte, Mitglied im Schriftstellerverband, in den letzten zehn Lebensjahren – als Pasternak ausgeschlossen, als Leben und Schicksal beschlagnahmt wurde – sogar in dessen Vorstand.

Wenn ihm diese einfachen Menschen dennoch nicht zu klischeehaften Helden des sozialistischen Realismus verkommen, dürfte das an zwei Momenten liegen, einem literarischen und einem außerliterarischen. Grossman setzt seine literarischen Mittel äußerst sparsam ein, schrammt meist knapp am Essay vorbei, hat die Schwächen aus "Berditschew" allerdings überwunden. Nun gelingt ihm eine ebenso lakonische wie differenzierte Zeichnung von Personen, auch wenn es mitunter noch immer im Aufbau hapert. Seine vielleicht beste Geschichte ist auch die kürzeste: "Die Mieterin". Wie hier mit ungeheurer Suggestivkraft von Rehabilitationsgesuchen erzählt wird, denen zwar stattgegeben wurde, die aber trotzdem – da die Opfer inzwischen tot sind – ohne Nachhall in den Zeitläuften untergehen, ist beispielhaft.

Und Grossman kann seine Figuren lebensecht gestalten, weil er weiß, wovon er spricht. Er hat sie selbst durchlitten, die Hoffnung auf die lichte Zukunft im Kommunismus. Deshalb weiß er, wie leicht es ist, den Glücksversprechungen aufzusitzen, selbst im Angesicht zunehmenden Terrors. Deshalb diskreditiert er die Generation der alten Bolschewiki nicht vom Status quo aus. Wobei: Im Grunde ist dieses Deshalb falsch. Diese Erfahrung haben viele gemacht, Grossman ist jedoch einer der wenigen, der sie nicht vergisst, nicht verdrängt. Ebendas verlangt seiner Zeitzeugenschaft solchen Respekt ab. Er vermag den Schmerz auszuhalten, vermag sich neben der tiefen Gewissheit, in "wölfischer Zeit" zu leben, das Vertrauen auf das "Menschliche im Menschen" zu bewahren. Diesen Schmerz verströmen seine Geschichten. Es sind Miniaturen der Aufrichtigkeit, unerbittlich jedwedem Staat, nachsichtig dem Einzelnen gegenüber. Christiane Pöhlmann

Wassili Grossman
Tiergarten
Erzählungen
Aus dem Russischen von Katharina Narbutovič
Mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein
Claassen
320 Seiten, € 24,90




 


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