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Appartments in
Peking
DER HUND IST WEG
Chinesische Skizzen
von Ma Ping Zuo
Der Hund ist weg. Heute
erst ist es mir aufgefallen. Eine große verlassene Baustelle oder, vielleicht
besser, eine Investitionsruine aus 2 halbfertigen Hochhäusern und ebenso
unfertigen Betongußpavillions bietet mir seit Jahren schon aus meinen südlichen
Fenstern einen Blick auf enttäuschte Träume vom Wohnen im Eigenen. Nun schon
fast erwachsene Bäume beschatten die unteren Geschosse im Sommer. In den
Baustellenbaracken wohnte bis zu den Olympischen Spielen eine Gruppe
Wanderarbeiter.
Irgendwo im Hintergrund leben auch noch einige Familien dauerhaft in Stein- und
Bretterhütten, die sich als Gegenleistung wohl ein wenig um die Baustelle
kümmern. Auf einem kleinen Stück Land hinter den Baracken, direkt an der
Grundstücksmauer, ziehen sie Gemüse. Die Wanderarbeiter sind nun weg. Aus den
Baracken sind Büros geworden, mit Klimaanlagen, Computern, Kunstledersofas.
Belebt und bewohnt von kräftigen, deftigen, stark rauchenden Herren mittleren
Alters in schwarzen Lederjacken und ebensolchen Mittelklasse-Limousinen.
An
Sommersonntagen allerdings liegt eine wunderbar stille Trägheit über dem Platz.
Elstern und Spatzen, die einzigen Vögel wohl, die hart und smart genug waren,
der organisierten Massenvernichtung aller Vögel durch die Kommunisten in den
60er Jahren zu entgehen (in die Seltsamkeiten und Geheimnisse dieses Landes
besser Eingeweihte, könnten hier vielleicht interessante Paralellen zum
derzeitigen Personal des Zentralkomittees der herrschenden Partei entdecken),
wiegen sich, nur gedämpft lärmend, auf den Ästen und suchen den Schatten der
leidlich grünen Blätter unter der schon brennenden Sonne.
Wenig passiert an einem solchen Sonntag auf der Baustelle, die sich vom aktiven
Leben zurückgezogen hat. Grünblättriges vom Gemüsebeet wird am frühen Morgen
gezupft, für die erste Mahlzeit des Tages. Gekocht werden muß! Auch für das
Frühstück! Dann Haarewaschen über einer Plastikschüssel auf dem noch schattigen
Hof. Die erste Ahnung der aufsteigenden Hitze. Für die Männer die erste
Zigarette des Tages. Viele werden noch folgen.
Der
Hund gehörte dazu, gehörte zur vertrauten Besatzung der dem öffentlichen Blick
verborgenen, kleinen Bauruinenidylle. In der zweiten Reihe liegt sie, die ja
eigentlich gar nicht so kleine, viel zu früh pensionierte Baustelle, hinter den
mehr oder minder exklusiven Wohnanlagen dieser Gegend.
Sicher wäre sie auch gern einmal eine solche Wohnanlage geworden, mit
besitzerstolzen Eigentümern, schreienden Kindern auf dem Spielplatz vor dem
Haus, bewacht von ihren Ayis, den Kindermädchen, die aufpassen, daß die Kleinen
nicht ohne Hilfe und Überwachung so etwas Gefährliches starten wie schaukeln
oder die Kinderrutsche heruntersausen. Doch der Bauträger zog es wohl vor, mit
den, wie üblich in China, im voraus gezahlten Geldern der glaubensfrohen
Wohnungskäufer ins Unbekannte zu verschwinden. So wird sie statt dessen langsam
immer staubiger, häßlicher und verfallener.
Der Hund lag am Sonntag
meist dösend im Schatten der Baracken. Gemischt war er. Sicherlich. Ein bißchen
Schäferhund war bestimmt dabei. Und einiges Andere. Er hatte etwas fröhlich
Freches, Ungesetztes, doch auch Verletzliches, Wärme und Zärtlichkeit Suchendes.
Müsste man den Hund mit einem Schauspieler besetzen, es wäre wohl James Dean
geworden. Und mager war er, sehr mager. Regelmässig gefüttert wurde er sicher
nicht, obwohl er tagsüber begeistert wedelnd Kontakt mit allen suchte und nachts
seine Pflicht als Wachhund tat. Manche der Wanderarbeiter gaben ihm morgens und
abends ihre Essensreste.
Die meisten jedoch ignorierten ihn, und vor allem den Jüngeren machte es
Vergnügen, ihm einen Tritt zu geben und mit Steinen nach ihm zu werfen. Aber
auch der Hund war noch jung und er tat sein Bestes, die Tritte und Steine als
Aufforderung zum Spielen zu nehmen. Einen Freund hatte er, der mit ihm manchmal
spielte und ihm auch mal das Fell bürstete. Doch der Junge musste von seinen
Kumpels so allerhand Spott ertragen, sich um einen wertlosen Hund zu kümmern und
ließ es dann auch irgendwann einmal bleiben.
Vor dem Supermarkt auf der
anderen Straßenseite saß der Hund manchmal, dann schaute er hungrig die Käufer
an. Die Würstchen schnappte er schnell und gierig, suchte sofort den Abstand,
als könnte man sie ihm wieder wegnehmen und schluckte alles, ohne zu kauen.
Im Sommer tötete er die Katze des kanadischen Nachbarn auf den Gemüsebeeten
hinter den Baracken. Eine gut genährte Perserkatze, die keine Chance gegen
den hungrigen Baustellenhund hatte. Sie war nicht schnell genug, konnte die
Mauer nicht mehr erreichen. Er spielte mit ihr, stundenlang. Sie fauchte und
schrie, wie nur Katzen schreien können - wie Kinder, denen schreckliches
passiert. Der Hund schüttelte sie schließlich, bis sie still war, riß ihr den
Bauch auf und fraß.
Zum letzten Mal sah ich den Hund aus meinem Wohnzimmerfenster, wie er freudig
einige der gerade frisch etablierten Herren in den schwarzen Lederjacken
begrüsste. Die hatten nun noch nicht einmal mehr Fußtritte für ihn übrig. Das
war im letzten Herbst. Vielleicht hat er ja nur die Baustelle gewechselt.
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2010 ist das Jahr des Tigers

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