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Inszenierte Zivilisationskrankheiten

Die Koreanerin In Sook Kim hat in einem Fotoprojekt das Drama des gesellschaftlichen Nebeneinanders reinszeniert und so der modernen Gesellschaft in die Seele geblickt.


Von Thomas Hummitzsch

Am Anfang steht die Nachtaufnahme der Fassade eines Düsseldorfer Hotels, dessen Name an dieser Stelle keine Rolle spielt. Das Hotelgebäude besteht aus sieben Stockwerken. Im Erdgeschoss befinden sich wahrscheinlich Empfang und Restaurant, auch das ist an dieser Stelle unerheblich. Entscheidend sind die sechs darüber liegenden Stockwerke, die aus elf identischen Wohnzellen bestehen. Die Panoramafenster der einzelnen Appartements – so die neudeutsche Begrifflichkeit für Hotelzimmer in der globalen Gesellschaft – geben den Blick in die Zimmer frei, die allesamt von gedämmtem, farbigem Licht mehr oder weniger illuminiert sind. Hübsch, denkt der Betrachter im ersten Moment und angesichts der starren Strukturen leuchtet vor dem inneren Auge kurz Andreas Gurskys „Paris, Montparnasse“ von 1993 auf.

Überhaupt gibt es einige parallelen zu Gursky. Ähnlich wie dessen Werke ist die Fotografie, von der hier die Rede ist, eine großformatige. 3 mal 4,7  Meter misst das Gesamtkunstwerk, in das In Sook Kim 66 Zimmeransichten in die Fassade des Hotels eingefügt hat. Ähnlich wie bei Gursky entsteht so der Eindruck eines Einzelfotos, welches aber vielmehr eine Komposition aus zahlreichen Einzelbildern ist. Was in den 66 sequentiell angeordneten Hotelräumen genau passiert, zeigen die einzelnen Szenerie-Aufnahmen. Der gleichnamige Bildband „Saturday Night“ eröffnet nun die Möglichkeit, diese Bildmontage Szene für Szene zu entdecken.

In Sook Kim hat in „Saturday Night“ die seelischen und für manchen auch moralischen Abgründe der Gegenwart abgebildet und zugleich ein ergreifendes Zeugnis unserer Zeit geschaffen. Denn die auf dem Bild zu sehenden Situationen entsprechen den Lebensumständen und Realitäten, mit denen das einsame Großstadtwesen konfrontiert ist. Markus Brüderlin, der Direktor des Wolfsburger Kunstmuseums, in dessen Ausstellung „Interieur/Exterieur – Wohnen in der Kunst“ In Sook Kims Werk eines der meistbeachteten war, spricht in seinem Vorwort zurecht von einem „globalen Sittenbild“, welches der Koreanerin mit ihrem Werk gelungen ist. Sie reinszeniert darin die Zustände, in die das normale Metropolentier am Wochenende entflieht, raus aus der bürgerlichen Scheinwelt hinein in die gewünschte oder ausweglose Realität des Seins. Das Hotel dient dabei als Metapher, ist die Realität gewordene Heimstatt fernab der eigenen vier Wände, in denen die bürgerliche Fassade gewahrt bleiben muss.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich zahlreiche Situationen in dem anonymen Nebeneinander finden, in denen eine Vielzahl an Möglichkeiten des sexuellen Doppellebens in der Moderne inszeniert wurde. In Sook Kim zeigt uns das Hotel aber nicht nur als Ort der Triebe, sondern auch als Drogenumschlagplatz, als Kammer der Gewalt, als Raum der Exzesse. Mit jeder Inszenierung hat die Koreanerin reale Situationen oder gesellschaftliche Lagen dargestellt, die uns das Leben in der Moderne mit all seinen Grenzerfahrungen vor Augen führen. Das Hotel dient als Bienenstock der Wirklichkeit, in dem sich das ebenso anonyme wie geordnete Chaos des Schwarms vollzieht.

Die Umsetzung der seriellen Betrachtung der einzelnen Szenen auf dem Großbild in dem vorliegenden Bildband ist einerseits gelungen, entlarvt aber andererseits auch die Schwächen mancher Inszenierung. Denn der Grad, auf dem sich die sichtbaren Unterschiede emotionaler Zustände wie Einsamkeit, Trauer, innerer Leere und Enttäuschung befinden, ist ein schmaler – und so gleichen sich die Szenerien in ihrer Stimmung. Zugleich aber ist es den Buchmachern des herausgebenden Verlags gelungen, die sequentielle Betrachtung – die sich beim Betrachten der einzelnen Zimmer auf dem Großbild ähnlich wie bei einem Comic einstellt – in ansprechender Weise umzusetzen. Um in die nächste Sequenz zu gelangen, muss der Betrachter umblättern. So wird die räumliche Abfolge gewahrt. Die zeitliche Sequenz hat die Künstlerin in den Fotos selbst angelegt, deren Aussage über den Moment hinausgeht. Denn den Ausgang der Szenerie kann der Betrachter erahnen, auch wenn die Fotografie nur den Moment festhält.

In Sook Kims „Saturday Night“ ist ein außergewöhnliches Bild, dessen Bildsprache keine Zweifel offen lässt. Die moderne Architektur des Hauses mit den bis zum Boden reichenden Panoramafenstern spiegelt die gesellschaftliche Transparenz und Veröffentlichung alles Privaten wieder. Zugleich macht dieses gleichberechtigte Nebeneinander der privaten Tragödien die individuelle Gleichgültigkeit und das gesellschaftliche Desinteresse am Wohlbefinden des Anderen deutlich. Nicht das die Neugier fehlen würde. Was fehlt ist Empathie. Der Betrachter der Bilder wird zum anonymen Mitwisser der Dramen und Tragödien, die sich dort Seite an Seite abspielen. Er wird Teil des Gleichgültigkeitsnetzwerkes, hier in die Metapher eines Hotels gekleidet, das die moderne Gesellschaft prägt.
 

In Sook Kim
Saturday Night
Vorwort von Claudia Jansen. Mit Texten von Markus Brüderlin & Sabine Schnakenberg (Deutsch, Englisch)
Hatje Cantz Verlag. Ostfildern 2009
296 Seiten, 197 farbige Abbildungen
39,80 €. ISBN: 3775724478

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