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Zeitkritik
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Jerzy Jedlicki Jerzy Jedlicki, Jahrgang 1930, Historiker an der Polnischen Akademie der Wissenschaften und spezialisiert auf Ideengeschichte, hat mit der Aufsatzsammlung "Die entartete Welt" ein aufschlussreiches Buch vorgelegt. Sein detailreicher, aber nie erdrückender Blick auf die Ideengeschichte des 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, speziell auf die Degeneration d'anglaise, deren Schilderung mehr als die Hälfte des Buches ausfüllt, ist erfrischend unaufgeregt. Da wird nicht in jedem dritten Satz eine Kontinuität in das 20. Jahrhundert hinein konstruiert, behauptet oder nachgewiesen. Jedlicki baut auf die geschichtsbewusste Kompetenz des Lesers und dessen Fähigkeit, Fäden aufzunehmen und ggf. weiterzuspinnen oder zu verwerfen.
Der "Diskurs über die Krise" beginnt mit der Aufklärung
Die Zitate, die
Jedlicki von den nachfolgenden Katastrophisten und Utopisten, den
Apokalyptikern mit ihren negativen Obsessionen, den Kritikern von
Ökonomie und Industrialisierung bringt, sind teilweise derart "aktuell",
dass sie – mit kleinen Abänderungen – auch heute noch mühelos in
kapitalistisch-kulturkritische Feuilletons übernommen werden könnten. Ein
Höhepunkt dieser Ideengeschichte ist natürlich Oswald Spengler und dessen
"Untergang des Abendlandes". Hier verband sich das schwülstige,
großsprecherische Pathos der deutschen Geschichtsromantik – deren harter,
nietzscheanischer Variante jegliche Sentimentalität abging – mit dem
prophetischen Grössenwahn eines Mannes, der absolut davon überzeugt schien,
sein Werk löse alle Rätsel der Menschheitsgeschichte. Jedlicki greift
hier eine der wenigen Male wertend ein. Er sieht den (kurzzeitigen
[wirklich?]) Erfolg des Buches sowohl in dem Moment der ersten
Veröffentlichung (der erste Band erschien 1918) als auch in einer Mischung
eines Mythos vom Untergang des Abendlandes, einer Beschwörung
preussische[r] Härte und mitreissende[m] Stil – kann aber mit dem
Resultat wenig anfangen und hält das Buch letztlich für eklektizistisch an
alte Thesen andockend, die entsprechend pointiert vorgebracht wurden.
Weiter: Dieser kontinuierliche Disput über die Gebrechen des Jahrhunderts, die moralischen Mängel der Moderne, die geistige Leere der technologischen Gesellschaft [mag] zwar gelegentlich monoton, naiv, voller Klischees und Stereotype sein, ist jedoch – laut Jedlicki – ein kultureller Wert in sich. Freilich verwirft er eine Regression in einen "Hoffnungsglauben" aus Religionen. Das wäre erst recht der Tod der europäischen Kultur, zu deren schönsten und hoffentlich unveräusserlichen Eigenschaften ihre unablässige Selbstkritik gehört.
Und in dem Essay "Das
negative Stereotyp des Westens", in dem Jedlicki die Interdependenzen
zwischen der englischen und französischen Moderne auf der einen Seite und
der Ablehnung dieser durch grosse Teile der polnischen Intelligenz auf der
anderen Seite untersucht (man bekommt hier und in dem Beitrag "Der Prozeß
gegen die Stadt" sehr schön auf knappstem Raum eine Übersicht über die
polnische Gemütslage rekurrierend aus den historischen Traumata und gipfelnd
noch heute in zyklisch auftretenden antimodernistischen und
nationalistischen Phasen) steht am Ende, dass unablässige Selbstkritik
und Selbstzweifel konstante Merkmale der westlichen Kultur sind. Seit
fast dreihundert Jahren (hier widerspricht sich der Autor ein wenig) nehmen
die Zeitgenossen (und nicht nur die Historiker) ihre Zeit auch als eine
Epoche der Krise, der fundamentalen Erschütterung der gesellschaftlichen
Ordnung und der moralischen Werte wahr. Man kann sagen, so
Jedlicki, dass die permanente Krise der Aggregatzustand der neuzeitlichen
wissenschaftlich-technischen Zivilisation ist, die niemals einen Zustand des
Gleichgewichts oder der Stabilisierung ihrer Institutionen, Theorien und
Praktiken erreicht.
Da gab es diejenigen,
welche die Arbeiter als entwürdigt und degradiert betrachten (was dann
später im Marxismus gipfelte); die (diesem Denken verwandten) Ängste der
Philosophen; die Kritik eines William Morris, der die Wissenschaft
(gemeint sind die Naturwissenschaften im weitesten Sinn) zur Sklavin
eines widerlichen Buchhalter-, Drill- und Zwangssystems sah; die
unterschiedlichen Interpretationen des Darwinismus (inklusive der Ablehnung
desselben und der "Weiterentwicklung" zum "Sozialdarwinismus"); der
Vorbehalte selbst honoriger Philosophen, Politiker und Intellektueller gegen
das allgemeine Wahlrecht (die Ängste vor dem "Pöbel"; der Masse und deren
Mitbestimmung); die teilweise hellsichtigen Prognosen von John Stuart Mill
in Bezug bezüglich Massenkultur und Journalismus (das Aufkommen der
Boulevard-Presse!); Aldous Huxleys Kritik eines ethischen Darwinismus; die
Anfänge dessen, was man später als "Eugenik" bezeichnete – der Begriff, der
damals jedoch eine ganz andere Konnotation hatte – kurz: Jedlicki fächert
all die divergierenden Strömungen, Tendenzen und Ängste auf, widmet sich
auch ausführlich der Bedeutung des Prozesses gegen Oscar Wilde und dessen
Leiden an der Gesellschaft, referiert über Toynbees "neuem Liberalismus"
(der das Gegenteil dessen ist, was wir heute darunter verstehen), zeigt die
Dekadenz und die gefühlte Degeneration Frankreichs seit 1870 und streift den
aufkommenden Anarchismus (und diese kursorischen Aufzählungen sind abermals
nur ein Ausschnitt). Man ist schon geneigt, dieses Machwerk in den Orkus zu verbannen, aber Nordau schloss seine Ausführungen mit einem furiosen Manifest, das ihn als Liberalen alten Stils zeigt: "Wir besonders, die es uns zur Lebensaufgabe gemacht haben, alten Aberglauben zu bekämpfen, Aufklärung zu verbreiten, geschichtliche Ruinen vollends niederzureißen und ihren Schutt wegzuräumen, die Freiheit des Individuums gegen den Druck des Staates und der gedankenlosen Philister-Routine zu vertheidigen, wir müssen uns entschlossen dagegen wehren, daß elende Streber sich unserer theuersten Losungsworte bemächtigen, um mit ihnen Bauernfängerei zu treiben. Die 'Freiheit' und 'Modernität', der 'Fortschritt' und die 'Wahrheit' dieser Bursche[n] sind nicht die unsrigen [… ] Daran mag Jeder die echten Modernen erkennen und von den Schwindlern, die ich Moderne nennen, sicher unterscheiden: wer ihm Zuchtlosigkeit predigt, der ist ein Feind des Fortschritts und wer sein Ich anbetet, der ist ein Feind der Gesellschaft. […] Die Emanzipation, für die wir wirken, ist die des Urtheils, nicht die der Begierden".
Nordaus Buch galt
vielen damals als eines der wichtigsten Dokumente des europäischen "Fin de
siècle" – und ist heute vergessen, allerdings aus einem Grund: Es ist eben
gerade nicht "gängig" fortschrittskritisch, vielfach strukturkonservativ und
individualismusfeindlich und dadurch nicht eindeutig "zuzuordnen".
Einhundert Jahre später waren die von Nordau kritisierten Künstler und
Schriftsteller kanonisiert – und der Kritiker widerlegt. Jerzy Jedlickis zitiert aus vielen unterschiedlichen Schriften, ohne erhobenem Zeigefinger (ausser – gelegentlich einmal - bei denen, die schon damals alles besser wussten), so dass der Leser manchmal das Gefühl einer Art Zeitreise hat. Eines der (vielen) kleinen Pretiosen in seinem Buch ist die Analyse des Romans "Die Zeitmaschine" des heute noch bekannten Romanciers H. G. Wells. Und fast am Ende dieses Essays heisst es: Der alte Traum der Liberalen, die Massen durch Bildung und Verbesserung der Lebensbedingungen schrittweise auf die Teilhabe an Kultur und Bürgerrechten vorzubereiten, [ging] auf ironische Weise in Erfüllung: in Form einer vom Kommerz entwerteten Kultur und einer von Demagogie korrumpierten Politik. Selbst der Sport […] unterlag der Kommerzialisierung […]. Die Propheten des Niedergang hatten ihre bittere Genugtuung – hatten sie es doch schon immer gewusst. Alleine Jedlickis kurzer Aufsatz über Geschichte und Ausblick des europäischen Intellektuellen würde schon die Anschaffung des Buches lohnen. Insgesamt ist "Die entartete Welt" lehrreich, klug und verständlich geschrieben, dabei aber keinesfalls trivial. Wohltuend, dass der Autor jedem affektierten Alarmismus abschwört, aber im Zweifel für den Zweifel Partei ergreift. Jeder, der seine Weltuntergangsprophezeiungen noch "perfektionieren" möchte, sollte hier erst einmal nachschlagen – es gibt fast nichts, was nicht schon vor einhundert oder einhundertfünfzig Jahren prognostiziert wurde. Gregor Keuschnig Alle kursiv gedruckten Stellen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.
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