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Dreh und Angelpunkt der Moderne

Thomas Körbers »Nietzsche nach 1945«
über den Einfluss des Denkers auf die deutschsprachige Literatur der Nachkriegszeit

von Marcus A. Born

Friedrich Wilhelm Nietzsche wurde nach dem zweiten Weltkrieg oftmals zum Wegbereiter des Faschismus herabgesetzt, wobei ihm häufig eine geistige Vorreiterrolle zugeschrieben wird. Für die Instrumentalisierung einiger Schlagworte Nietzsches zu Zeiten des dritten Reichs war in großem Maße die Verfälschung seines Werkes durch seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche verantwortlich. Trotz der Bemühungen von Karl Schlechta und anderen, auf diesen Zusammenhang aufmerksam zu machen, wurden und werden Nietzsche protofaschistische Tendenzen unterlegt – meist ohne sich vorher sonderlich mit der Lektüre seiner Texte aufzuhalten. Seine Wirkung auf die deutschsprachige Literatur nach 1945 scheint sich unter anderem aus diesem Grunde zumindest in Maßen zu halten.

Dennoch ist es nicht zu leugnen, dass Nietzsche für einige deutschsprachige Schriftsteller eine eminente Rolle gespielt hat, worauf Thomas Körber in seiner Abhandlung unter dem schlichten Titel
Nietzsche nach 1945. Zu Werk und Biographie Friedrich Nietzsches in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zu Recht hinweist. Die Erwähnung der Biographie im Titel mag unliebsame Assoziationen wecken, da das Leben Nietzsches in der Forschung nicht selten dafür hinhalten muss, sein Denken aus persönlich-psychologischen Motivierungen heraus abzuleiten. Das Verschmelzen von Werk und Biographie erscheint in Körbers Arbeit aber gerechtfertigt, da in der Literatur nicht nur das Denken, sondern auch das Leben Nietzsches eine enorme Wirkung gezeitigt haben – man denke an Thomas Manns Faustus, in den auch Nietzsches Leben einmontiert wurde.

Der Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt die klare Struktur der dreigeteilten Arbeit, in der zunächst „Nietzsche und die Folgen“, dann die „Autoren der älteren Generation“ und zuletzt „Nietzsche nach 1945“ diskutiert werden. Der erste Teil bereitet den Boden, auf dem die weiteren beiden Teile fußen.  In einem kurzen Abriss wendet sich Körber den für seine Abhandlung wesentlichen Punkten von Nietzsches Werk und Denken zu, wobei er seine intensive Beschäftigung mit letzterem  auch an gegenwärtigen Problemen der philosophischen Nietzsche-Forschung ausweist. Daraufhin wird die These aufgestellt, „dass Nietzsche so gut wie keinen Einfluss auf die Ideologie des Nationalsozialismus ausgeübt hat“ (S. 50). Wenn Nietzsche nach dem 2. Weltkrieg als Wegbereiter des Faschismus abgelehnt wird, so reproduzieren seine „Kritiker“ die Fehlinterpretationen der nationalsozialistischen Ideologie und es findet ebensowenig eine Auseinandersetzung mit ihm statt, wie vor dem Ende des Krieges.

Im zweiten Teil wird die Nietzscherezeption von Thomas Mann, Gottfried Benn und Ernst Jünger erarbeitet, den drei Schriftstellern, die auf der Schwelle der Zeit stehen, sich sowohl vor, als auch nach 1945 mit Nietzsche beschäftigten und deren Bild des Denkers sich in der Zeit gewandelt hat. Körber gelingt es hierbei insbesondere, Doppelportraits zu zeichnen, nicht nur die Nietzscherezeption, sondern ausgehend von dieser auch den Schriftsteller zu zeigen, der Nietzsche liest. Wenn er sich im Mittelteil der Bedeutung von Leben, Krankheit und Erkennen bei Nietzsche im Ausgang von Thomas Mann zuwendet, so gerät damit auch Thomas Mann selbst mit in den Blick, sodass mit dessen Nietzschelektüre auch das eigene Werk beleuchtet wird. Dasselbe gilt für Gottfried Benns Lesart eines ästhetizistischen Nietzsches, durch den er selbst als Ästhetizist in den Vordergrund tritt. Ähnlich wird bei Jünger herausgearbeitet, dass die Punkte, die bei seinem Nietzsche im Vordergrund stehen – Macht und Nihilismus – auch als Selbstinterpretationen dienen können.

Der dritte Teil wendet sich endlich den Autoren zu, die definitiv der Nachkriegszeit zuzurechnen sind: Friedrich Dürrenmatt und die Gottlosigkeit der Welt, die Vielfältigkeit der Wirkung auf Heiner Müller, Thomas Bernhard und die Krankheit (sowohl die seiner Charaktere, als auch die eigene und die Nietzsches), Hans Wollschläger und die ewige Wiederkehr. Körber – der noch weitere Autoren streift – leistet mit seiner gut lesbaren und klar formulierten Arbeit einen Beitrag für einen vernachlässigten Bereich der Nachkriegsliteratur. Dabei greift er auf eine Vielzahl von Primär- und Sekundärtexten zurück, die dem Lesefluss trotz ihrer Fülle nicht im Wege stehen und zuverlässig eingesetzt werden.

Ziel Körbers ist nicht, eine Gesamtdarstellung der Nietzsche-Rezeption in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 zu leisten, sondern zu zeigen, „dass die Rolle Friedrich Nietzsches als geistiger Dreh- und Angelpunkt der Moderne nicht mit dem zweiten Weltkrieg abgeschlossen ist“ (S.12). Dies gelingt ihm, wobei klar wird, dass seine Arbeit nur einen Schritt in die intendierte Richtung darstellt.
Marcus A. Born
 

Thomas Körber
Nietzsche nach 1945

Zu Werk und Biographie Friedrich Nietzsches in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.
Königshausen & Neumann
168 Seiten; 24,80€
ISBN 3826032209

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