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Alle Macht geht vom Volke aus

Als die Truppen des Warschauer Paktes am 21. August 1968 in Prag einmarschieren, zeigte der Realsozialismus einmal mehr seine repressive Fratze. Josef Koudelkas Fotografien aus dem umkämpften Prag beweisen eindrucksvoll, dass der Sozialismus nicht im Stande war, Vernunft und Menschlichkeit der Prager Bürger zu zerstören.

© 2008 Josef Koudelka / courtesy Schirmer/Mosel
Was schrieb noch einst Karl Marx, der Vater alles Kommunistischen in seinem Manifest? Die Kommunisten sollten sich um die Verbindung aller »demokratischen« Parteien bemühen, um ihre Zwecke durch einen »gewaltsamen Umsturz« erreichen zu können. »Mögen die herrschenden Klassen vor der kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.« Als jedoch im Prag des Jahres 1968 die schlauer gewordenen Reformkommunisten die starren Ketten des sowjetischen Urkommunismus abstoßen wollten, waren es die eigenen kommunistischen Brüder und Schwestern in den Ostblockstaaten, die ins Zittern gerieten. Mit der Absicht, die demokratischen Bestrebungen des tschechoslowakischen Volkes niederzuschlagen, fielen die Truppen des Warschauer Paktes am 21. August 1968 aggressiv und rücksichtslos in das Land des Brudervolkes ein. Dort trafen sie zu ihrer Überraschung auf ein, angesichts des Überfalls, zutiefst einiges, stolzes und friedliches Volk. Der Warschauer Pakt hingegen zeigte sich einmal mehr als ängstliches und wütendes Tier, das in der gefühlten Bedrohung wild um sich schlägt.

© 2008 Josef Koudelka /
courtesy Schirmer/Mosel

Am 21. August 1968 um 3.55 Uhr rollten russische Panzer ins Zentrum der tschechischen Hauptstadt, wo sich seit einer knappen Stunde Prager Bürger auf dem Altstädter Ring versammelten. Kurz nach fünf Uhr besetzten bereits polnische Fallschirmjäger das Gebäude des tschechoslowakischen Rundfunks. Um halb sechs meldete ein Verkehrspolizist den ersten offiziellen Toten in Prag. Zwischen sechs und sieben Uhr rückten Panzerfahrzeuge auf das Rundfunkgebäude zu, fuhren dabei rücksichtslos in demonstrierende Menschen hinein. Soldaten schossen, noch nur warnend, in die Luft. Im Laufe des Tages kam es zu zahlreichen Schießereien und Explosionen rund um das Rundfunkgebäude, die bis in den späten Abend andauerten. Um 12.31 Uhr meldete eine Autostreife erste Schüsse auf dem Wenzelsplatz. Immerhin bis elf Uhr abends dauerte es dann, bis auch auf dem Karlsplatz geschossen wird, kurz vor Mitternacht dann auch auf dem Altstädter Ring. So gibt es das Protokoll der städtischen Polizeiverwaltung vom 21. August 1968 wieder. Nicht einmal 24 Stunden hatten die Truppen des Warschauer Paktes benötigt, eine Stadt in Flammen zu setzen und machten der tschechischen Reformpolitik, bekannt geworden unter dem Schlagwort »Prager Frühling«, ein Ende.

© 2008 Josef Koudelka /
courtesy Schirmer/Mosel

Begonnen hatte die Zeit der tschechoslowakischen Reformen bereits am 25. Juni 1967 auf dem vierten Schriftstellerkongress, wo der Literat Milan Kundera seine Vorstellungen der landeseigenen »Unerträglichen Leichtigkeit des Seins« skizzierte. Unter Beifallsstürmen forderte er Rede- und Pressefreiheit sowie die Herausgabe aller verbotenen Bücher. Es kam zum Bruch einer Verbindung, wie sie enger in keinem der anderen Ostblockstaaten bestand – der Verbindung zwischen der Kommunistischen Partei (KP) und den Intellektuellen. Als die Prager Polizei eine spontane Studentendemonstration zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution 1967 niederknüppelte, sorgt sie damit zur endgültigen Spaltung der tschechischen KP. Der Slowake Alexander Dubček löste den bisherigen Parteichef Antonín Novotný ab. Dubčeks »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« machte ihn landesweit zur tschechischen Ikone, setzt aber zugleich die Blockstaaten unter Druck. Einer Warnung der versammelten Parteichefs des Ostblocks zum Trotz billigte das ZK-Plenum im April 1968 das neue Aktionsprogramm der Partei unter Dubčeks Führung. Der entscheidende Punkt in dem Programm: Die Rede- und Versammlungsfreiheit wurde in dem neuen Programm verankert. Und auch wenn das »Manifest der 2000 Worte“ vom Juni 1968 die bisherigen Reformbemühungen als nicht ausreichend kritisierte, erkannten die Verfasser doch die tschechoslowakische Lehre aus den Fehlern des Sozialismus und sicherten der tschechischen Regierung ihre Unterstützung zu, falls es zu einer Bedrohung von außen kommen könnte: »Wir können aber der Regierung versichern, dass wir hinter ihr stehen werden, wenn nötig mit Waffen.«

Von dieser Vorgeschichte findet sich nicht ein Bild in Josef Koudelkas Fotosammlung »Invasion Prag 1968«, doch schwebt sie in jedem seiner Fotografien. Heimlich schmuggelte er diese außer Landes, so dass sie nach New York gelangten. Um seine Familie zu schützen lancierte die weltweit bekannteste Fotoagentur Magnum die Bilder anonym in der Weltpresse. Koudelka wurde für die Bilder, zunächst anonym, mit dem Robert Capa Award, einem der wichtigsten Fotografenpreise weltweit, ausgezeichnet. Die in seinem Fotoband zum Teil erstmals veröffentlichten Abzüge Koudelkas zeugen von einem zutiefst einigen Volk, das trotz aller Widrigkeiten hinter seiner Staats- und Parteiführung steht. Und dies nur, weil Dubčeks KP den Mut aufbrachte, längst überfällige Veränderungen auf den Weg zu bringen. Diese Reformen bargen jedoch enormes Gefahrenpotential für die Regierungschefs der anderen Satellitenstaaten, so dass diese gemeinsam mit der sowjetischen Führung Mitte Juli in Warschau eine Warnung an die tschechische KP formulierten, in der sie Dubček aufforderten, weitere Liberalisierungen zu unterlassen. Intern einigte man sich zugleich auf eine militärische Invasion in die Tschechoslowakei, hielt nur zum Schein die friedlichen Absichten noch einen Monat lang aufrecht. So kam es schließlich dazu, dass die »Bruderstaaten« in der Nacht vom 20. zum 21. August fast 400.000 voll ausgerüstete Soldaten in die Tschechoslowakei entsandten. Erst im November wurde die Invasion durch die später als Breschnew-Doktrin bekannt gewordene Formulierung der »beschränkten Souveränität« nachträglich legitimiert.

Am Morgen des 21. August begann die gewalttätige Niederschlagung der samtenen Revolution der Prager Bürger, die Koudelka mit seinen Fotografien in allen Facetten und Nuancen festgehalten hat. Er zeigt die Entschlossenheit und den Stolz in den Blicken der Protestierenden, die sich ihrer Mission und ihrem gemeinsamen Willen sicher sind. Er zeigt aber auch die Verzweiflung, die Trauer und den Schmerz, die die zahlreichen Toten und Verletzten unter den Prager Bürgern ausgelöst haben. Zahlreiche Augenzeugenberichte geben darüber hinaus einen zusätzlichen Einblick in die individuellen dramatischen Schicksale der Prager Bürger in den Augusttagen des Jahres 1968.

Doch es ist vor allem die Symbolik, die Koudelkas Bilder so einmalig repräsentativ für die kollektive tschechische Vernunft machen. Immer wieder taucht auf seinen Bildern die mit dem Blut eines erschossenen Pragers befleckte tschechoslowakische Nationalflagge auf, die Demonstration um Demonstration mahnend anführte. Man sieht Prager Bürger aus allen Gesellschaftsschichten und allen Alters, wie sie versuchen, friedlich mit den einmarschierenden Soldaten ins Gespräch zu kommen, um diese von der Torheit ihres Vorgehens zu überzeugen. »menschen, die vor den schüssen geflohen waren und sich auf die erde gelegt hatten, kehrten nach beendigung des feuers wieder zu den sowjetischen panzerfahrzeugen zurück und sprachen mit den soldaten« lautete es in einer Tickermeldung der tschechischen Presseagentur ČTK. Die Ereignisse im August 1968 in Prag erzählen viele Geschichten, die Koudelka einzigartig festgehalten hat. Seien es die abgeschraubten oder unkenntlich gemachten Straßen- und Namensschilder in Prag, die die Invasoren orientierungslos machen sollten. Oder die jungen Prager Frauen, die mit kurzen Röcken bekleidet die in den Panzern sitzenden Soldaten des Warschauer Paktes in Verlegenheit bringen wollten. Oder einfach nur die Menschenmassen, die mit ihrer bloßen Anwesenheit Panzerfahrzeuge zum Stillstand brachten und Soldaten zum Ausharren zwangen.

Koudelka selbst war kein 68er. Er war, wie so viele, gefangen zwischen 1938 und 1968. Aufgewachsen mit dem tschechischen Trauma des Münchener Abkommens, mit dem ein Großteil der Tschechoslowakei an Deutschland abgetreten wurde, erlebte er die Invasion der Truppen des Warschauer Paktes als einen erneuten Überfall einer wahnsinnig gewordenen Großmacht. Und wie Koudelka ging es einem ganzen Land. Die Bürger Prags und der gesamten Tschechoslowakei fühlten sich durch die Invasion der Ostblock-Truppen an den Einmarsch deutscher Soldaten ins Sudetenland 1938 erinnert. Parolen wie »Breschnew = Hitler« »München 1938 – Moskau 1968« oder »Die Deutschen wollten uns für tausend Jahre, die Russen auf ewig« zierten ebenso zahlreich Häuserwände wie Hakenkreuze die russischen Panzer. Und dennoch ging den Pragern dabei nicht abhanden, dass sie »bei Weitem nicht die ersten Opfer jener perfiden sowjetischen Politik« waren, »die schon mehrfach in der Geschichte über die Interessen des proletarischen Internationalismus die Machtinteressen des großrussischen Imperiums gestellt hat.« Eine umfangreiche Sammlung an Pressemeldungen, Zeitungsartikeln, Zeitzeugenaussagen und Parolen machen Koudelkas Fotoband zu einem historischen Dokument der reflektierten Prager Realität im August 1968. »Wir bewegen das Gewissen der Welt, über uns weiß man das Meiste. Auch deshalb müssen wir durchhalten, ohne das geringste Anzeichen dafür, dass wir uns damit abgefunden hätten, ein – vornehm ausgedrückt – weiteres Gubernium zu sein.«, zitiert der Fotoband einen Artikel aus dem tschechoslowakischen Magazin »Mladý svět«.

Und das ist wohl das Faszinierendste an den Ereignissen im August 1968 – die Prager bewahrten zu jeder Zeit die Übersicht, Ruhe und Besonnenheit, zu der sie ihre Regierung immer wieder aufrief. Sie bewahrten sich so den Blick für das große Ganze, so wie es auch Josef Koudelka mit seinen eindrucksvollen und aufklärenden Fotografien getan hat. Fast 250 Bilder seiner Serie über das Ende des Prager Frühlings sind nun in dem opulenten und erstklassig erweiterten Fotoband »Invasion Prag 1968« versammelt. Sie hinterlassen einen imposanten und nachhaltigen Eindruck der Geschehnisse und Atmosphäre im Prag des August 1968 und geben einen Eindruck dessen wieder, wie es 1989 auch in der ehemaligen DDR hätte enden können. Diese Bilder lassen den Betrachter von der Willenskraft des tschechischen Volkes schwärmen, machen aber auch zu sehr deutlich, wie machtlos der Wille  eines Volkes im Angesicht eines martialischen bewaffneten Gegners ist. Thomas Hummitzsch
 



Josef Koudelka
Invasion Prag 1968
Verlag Schirmer/Mosel, München 2008, 295 S.
Mit 250 S/W-Fotografien, 49,80 €,
ISBN 3829603592

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