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Alle Macht geht vom Volke aus
© 2008 Josef
Koudelka / courtesy Schirmer/Mosel
© 2008 Josef
Koudelka / Von dieser Vorgeschichte findet sich nicht ein Bild in Josef Koudelkas Fotosammlung »Invasion Prag 1968«, doch schwebt sie in jedem seiner Fotografien. Heimlich schmuggelte er diese außer Landes, so dass sie nach New York gelangten. Um seine Familie zu schützen lancierte die weltweit bekannteste Fotoagentur Magnum die Bilder anonym in der Weltpresse. Koudelka wurde für die Bilder, zunächst anonym, mit dem Robert Capa Award, einem der wichtigsten Fotografenpreise weltweit, ausgezeichnet. Die in seinem Fotoband zum Teil erstmals veröffentlichten Abzüge Koudelkas zeugen von einem zutiefst einigen Volk, das trotz aller Widrigkeiten hinter seiner Staats- und Parteiführung steht. Und dies nur, weil Dubčeks KP den Mut aufbrachte, längst überfällige Veränderungen auf den Weg zu bringen. Diese Reformen bargen jedoch enormes Gefahrenpotential für die Regierungschefs der anderen Satellitenstaaten, so dass diese gemeinsam mit der sowjetischen Führung Mitte Juli in Warschau eine Warnung an die tschechische KP formulierten, in der sie Dubček aufforderten, weitere Liberalisierungen zu unterlassen. Intern einigte man sich zugleich auf eine militärische Invasion in die Tschechoslowakei, hielt nur zum Schein die friedlichen Absichten noch einen Monat lang aufrecht. So kam es schließlich dazu, dass die »Bruderstaaten« in der Nacht vom 20. zum 21. August fast 400.000 voll ausgerüstete Soldaten in die Tschechoslowakei entsandten. Erst im November wurde die Invasion durch die später als Breschnew-Doktrin bekannt gewordene Formulierung der »beschränkten Souveränität« nachträglich legitimiert. Am Morgen des 21. August begann die gewalttätige Niederschlagung der samtenen Revolution der Prager Bürger, die Koudelka mit seinen Fotografien in allen Facetten und Nuancen festgehalten hat. Er zeigt die Entschlossenheit und den Stolz in den Blicken der Protestierenden, die sich ihrer Mission und ihrem gemeinsamen Willen sicher sind. Er zeigt aber auch die Verzweiflung, die Trauer und den Schmerz, die die zahlreichen Toten und Verletzten unter den Prager Bürgern ausgelöst haben. Zahlreiche Augenzeugenberichte geben darüber hinaus einen zusätzlichen Einblick in die individuellen dramatischen Schicksale der Prager Bürger in den Augusttagen des Jahres 1968. Doch es ist vor allem die Symbolik, die Koudelkas Bilder so einmalig repräsentativ für die kollektive tschechische Vernunft machen. Immer wieder taucht auf seinen Bildern die mit dem Blut eines erschossenen Pragers befleckte tschechoslowakische Nationalflagge auf, die Demonstration um Demonstration mahnend anführte. Man sieht Prager Bürger aus allen Gesellschaftsschichten und allen Alters, wie sie versuchen, friedlich mit den einmarschierenden Soldaten ins Gespräch zu kommen, um diese von der Torheit ihres Vorgehens zu überzeugen. »menschen, die vor den schüssen geflohen waren und sich auf die erde gelegt hatten, kehrten nach beendigung des feuers wieder zu den sowjetischen panzerfahrzeugen zurück und sprachen mit den soldaten« lautete es in einer Tickermeldung der tschechischen Presseagentur ČTK. Die Ereignisse im August 1968 in Prag erzählen viele Geschichten, die Koudelka einzigartig festgehalten hat. Seien es die abgeschraubten oder unkenntlich gemachten Straßen- und Namensschilder in Prag, die die Invasoren orientierungslos machen sollten. Oder die jungen Prager Frauen, die mit kurzen Röcken bekleidet die in den Panzern sitzenden Soldaten des Warschauer Paktes in Verlegenheit bringen wollten. Oder einfach nur die Menschenmassen, die mit ihrer bloßen Anwesenheit Panzerfahrzeuge zum Stillstand brachten und Soldaten zum Ausharren zwangen. Koudelka selbst war kein 68er. Er war, wie so viele, gefangen zwischen 1938 und 1968. Aufgewachsen mit dem tschechischen Trauma des Münchener Abkommens, mit dem ein Großteil der Tschechoslowakei an Deutschland abgetreten wurde, erlebte er die Invasion der Truppen des Warschauer Paktes als einen erneuten Überfall einer wahnsinnig gewordenen Großmacht. Und wie Koudelka ging es einem ganzen Land. Die Bürger Prags und der gesamten Tschechoslowakei fühlten sich durch die Invasion der Ostblock-Truppen an den Einmarsch deutscher Soldaten ins Sudetenland 1938 erinnert. Parolen wie »Breschnew = Hitler« »München 1938 – Moskau 1968« oder »Die Deutschen wollten uns für tausend Jahre, die Russen auf ewig« zierten ebenso zahlreich Häuserwände wie Hakenkreuze die russischen Panzer. Und dennoch ging den Pragern dabei nicht abhanden, dass sie »bei Weitem nicht die ersten Opfer jener perfiden sowjetischen Politik« waren, »die schon mehrfach in der Geschichte über die Interessen des proletarischen Internationalismus die Machtinteressen des großrussischen Imperiums gestellt hat.« Eine umfangreiche Sammlung an Pressemeldungen, Zeitungsartikeln, Zeitzeugenaussagen und Parolen machen Koudelkas Fotoband zu einem historischen Dokument der reflektierten Prager Realität im August 1968. »Wir bewegen das Gewissen der Welt, über uns weiß man das Meiste. Auch deshalb müssen wir durchhalten, ohne das geringste Anzeichen dafür, dass wir uns damit abgefunden hätten, ein – vornehm ausgedrückt – weiteres Gubernium zu sein.«, zitiert der Fotoband einen Artikel aus dem tschechoslowakischen Magazin »Mladý svět«.
Und das ist wohl das
Faszinierendste an den Ereignissen im August 1968 – die Prager bewahrten zu
jeder Zeit die Übersicht, Ruhe und Besonnenheit, zu der sie ihre Regierung immer
wieder aufrief. Sie bewahrten sich so den Blick für das große Ganze, so wie es
auch Josef Koudelka mit seinen eindrucksvollen und aufklärenden Fotografien
getan hat. Fast 250 Bilder seiner Serie über das Ende des Prager Frühlings sind
nun in dem opulenten und erstklassig erweiterten Fotoband »Invasion Prag
1968« versammelt. Sie hinterlassen einen imposanten und nachhaltigen Eindruck
der Geschehnisse und Atmosphäre im Prag des August 1968 und geben einen Eindruck
dessen wieder, wie es 1989 auch in der ehemaligen DDR hätte enden können. Diese
Bilder lassen den Betrachter von der Willenskraft des tschechischen Volkes
schwärmen, machen aber auch zu sehr deutlich, wie machtlos der Wille eines
Volkes im Angesicht eines martialischen bewaffneten Gegners ist. Thomas
Hummitzsch |
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