Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik




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Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:

Die menschliche Komödie als work in progress

»Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen«
Zu diesem Thema haben wir Texte von Honoré de Balzac, Hannah Arendt, Fernando Pessoa, Nicolás Gómez Dávila, Stephane Mallarmé, Gert Neumann, Wassili Grossman, Dieter Leisegang, Peter Brook, Uve Schmidt, Erich Mühsam u.a., gesammelt und mit den besten Essays und Artikeln unserer Internet-Ausgabe ergänzt. Inhalt als PDF-Datei
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Zunder, Zaster und Zitronen

Warum sechs Kriminalromane das deutsche Geistesleben erschüttern

Von Alf Mayer

Der Deutsche Krimi-Preis 2009 hat den amerikanischen Autor Richard Stark ereilt, als er gerade zwei Wochen tot war. Früher ging es nicht. Ehrlich. Ich weiß es ziemlich genau, denn ich bin Mitglied dieser Jury, und sein im Zsolnay-Verlag erschienener Hardboiled-Roman »Fragen Sie den Papagei« war seit 1980 das erste in Deutschland von ihm aufgelegte Buch.
Wenn Sie meinen Papagei fragen: Es ist nicht unbedingt Richard Starks bester seiner insgesamt 28 Romane über den Berufsverbrecher Parker. Eine Jury muß manchmal mit kleiner Beute Flagge zeigen. Für Richard Stark ist es eine große schwarze Piratenflagge, sind es so viele Salven wie die Krimi-Jury Mitglieder hat (33).
Richard Stark war das Pseudonym von Donald E. Westlake, der im Alter von 75 starb. Am Silvesterabend. Auf dem Weg zum Dinner. An einem Herzinfarkt. Im Urlaub. In Mexiko. Sein morbides Schicksal wurde im letzten Monat an dieser Stelle gewürdigt. Heute ein erneutes Lesezeichen als Grabkreuz für Parker, den härtesten Helden der Pulp-Literatur: Gerade ist von Richard Stark »Keiner rennt für immer« im Zsolnay-Verlag erschienen.
Es lohnt sich auch, nach den alten Stark-Romanen zu fahnden. Die haben geile Titel wie »Harte Zeiten – weiche Knie«, »Ich bin die dritte Leiche links«, »Kein Rum in Puerto Rico«, »Mädchenraub in Mexiko« oder »Zunder, Zaster und Zitronen«. Bei meinem letzten Klick zu zvab.com, dem Verzeichnis antiquarischer Bücher, waren ganze elf alte übersetzte Parker-Romane lieferbar. Bei Amazon werden für die vergilbten Taschenbücher aus den Siebzigern utopische Preise aufgerufen. Also nichts wie hin zu Frankfurts wunderbarer Krimibuchhandlung, zur Wendeltreppe in Sachsenhausen, und alle Parker-Paperbacks beschlagnahmen.
Vielleicht sollte Albert Sellner, der mit den Bleisatz-Raritäten aus Enzensbergers »Anderer Bibliothek« handelt, auch eine Tauschbörse für alte Parkers einrichten. Hm.
Oder Suhrkamp? Wie wäre es mit einer Parker & Pulp-Reihe? Der Ruf ist eh ruiniert. Die Kritiker können sich gar nicht einkriegen, was denn noch schlimmer und schockierender sei – der Umzug nach Berlin oder die skandalöse Absicht, daß Suhrkamp ab Mai 2009 auch Kriminalromane veröffentlicht. Sechs Bände sind bisher angekündigt. Das macht zwar nur knapp ein Prozent aller jährlich neuen Suhrkamp-Titel aus, ist aber Giftstoff genug für die ganze Kultur der Republik. Die aufgeschäumten Reaktionen des deutschen Feuilletons zeigen, wie weit Kriminalromane auch 2009 noch von der Hochkultur entfernt gehalten werden. Immer noch sind sie Schmutz und Schund, ein Vergnügen nur der niedrigen und dümmeren Stände.

»Unternehmen Mimikry« titelte »Die Zeit« und warnte in der Unterzeile: »Der Suhrkamp Verlag schleicht sich auf den Krimimarkt.« Fazit: »Todsicher war bisher, daß der Suhrkamp Verlag für hohe Literatur steht. Das soll sich jetzt ändern.« In der »Süddeutschen« konstatierte Buchkritiker Lothar Müller, Jurymitglied für den Deutschen Literaturpreis 2009: »Der Main wird kälter«. Sein Verdikt: »Wer die sechs Pilot-Bände auch nur von ferne« betrachte, erkenne in der »grellen Reihe ... die Sehnsucht nach Erlösen ... jenseits der eigenen Backlist«. Suhrkamp sieht er künftig »in den Buchabteilungen der großen Kaufhäuser und an den Tankstellen«. Igitt, Herr Müller, vor solchen Feucht- und Sumpfgebieten seien aber die Wachhunde des Feuilletons vor. Auch 2009.
Die Diktatoren-Tradition der Sittenwacht lebt munter weiter in den ach so liberalen Feuilletons. Beim Einzug der Demokratie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg fürchteten solche Leute, »daß die Freihandausleihe in den Bibliotheken die Leser überfordert«. Ein Bibliothekar namens Wilhelm Müller (Lothar, ich hör dich trapsen), der mit seinen Gesinnungsgenossen gegen den Einzug von Kriminalromanen in die Büchereien kämpfte, warnte 1951 in der Zeitschrift »Bücherei und Bildung« vor der »Unteren Grenze« mit diesen ewigen Worten: »Das Labyrinth des Büchermarktes ist keine so harmlose Gegend, daß wir uns den Respekt als Ariadnefaden wählen können; und an der Grenze, vor allem an der unteren, werden wir gewiß nichts damit ausrichten. Da nützen nur scharfe Waffen und eine strenge Kontrolle. Von der Waffe Gebrauch zu machen, dazu muß sogar der Pazifist entschlossen sein; es gibt in diesem Fall kein billiges ›Ohne mich‹ oder eine respektvolle Neutralität. Denn wir stehen einem bis an die Zähne bewaffneten Gegner gegenüber. Wir sind von einem tiefen Mißtrauen erfüllt gegen alles ›Literarische‹, das sich in der Massengesellschaft großer Beliebtheit erfreut, und wir dürfen zu keinen Konzessionen bereit sein, wenn es gilt, unsere untere Grenze diesseits der Dschungellandschaft des Thrillers zu legen.«

Wer trotzdem Kriminal-Literatur tanken möchte, sei beispielhaft verwiesen auf den Deutschen Krimi-Preis, den es seit 25 Jahren gibt.

Die Preisträger 2009

Bester ausländischer Autor:
1. Richard Stark: Fragen Sie den Papagei
2.
Jerome Charyn: Citizen Sidel
3.
Deon Meyer: Weißer Schatten

Bester deutscher Autor:
1. Linus Reichlin: Die Sehnsucht der Atome
2. Bernhard Jaumann: Die Augen der Medusa
3. Heinrich Steinfest: Mariaschwarz
Lese- und Tankhinweise zuhauf finden sich bei all den Preisträgern der letzten 25 Jahre unter www.deutscher-krimipreis.de

Rezensionen für all diese kulturellen Giftstoffe finden sich nicht unbedingt in den Feuilletons. Aber wir arbeiten daran, Herr Müller, Frau Berkéwicz, lieber Richard Stark.
Meine ausdrückliche Hochachtung gilt diesen Monat dem Verlag Liebeskind.
Der hat den Erstlingsroman des pulp writers Edward Bunker aus den späten Sechzigern aufgelegt - als Hardcover und mit Retro-Titelbild. Der von Jürgen Bürger präzise übersetzte »Lockruf der Nacht« (Originaltitel »Stark«) könnte als Taschenbuchausgabe dann ja bei sure camp erscheinen. Heiliger Strohsack. Alf Mayer



 


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