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Glanzlichter der Reportagefotografie
Robert
Lebeck dokumentierte Anfang der 60er Jahre den Aufbruch der frisch in die
Unabhängigkeit entlassenen afrikanischen Staaten und fotografierte die
Verhältnisse in der Sowjetunion auf dem Höhepunkt der Kubakrise. Kein anderer
deutscher Fotograf brachte den Deutschen die Welt nach dem Krieg so nahe, wie
Robert Lebeck. Zugleich reflektierte kaum einer derart kritisch die Verhältnisse
im eigenen Land.
Von
Thomas Hummitzsch
Elvis Presley, Jayne Mansfield, Louis Armstrong, Lyndon B. Johnson und Jackie
Kennedy. Konrad
Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl, Oskar Kokoschka, Andy Warhol und Joseph
Beuys, Klaus Kinski, Wolf Biermann und Max Ernst, Sophia Loreen, Maria Callas
und vor allem unvergessen Romy Schneider. Er hatte sie alle vor der Kamera und
dazu beigetragen, dass sie zu Ikonen ihrer Zeit werden konnten. Robert Lebeck.
Im Berliner Martin-Gropius-Bau, der sich immer mehr zu einem Fotografiemuseum
erster Güte entwickelt, hat kürzlich die Werkschau des wohl größten und
bedeutendsten deutschen Pressefotografen ihre Pforten geschlossen. Zu seinem 80.
Geburtstag wurde die gesamte oberste Etage des Martin-Gropius-Baus für die Werke
aus über fünfzig Jahren zur Verfügung gestellt, um der bisher umfangreichsten
Ausstellung* seiner Werke Platz zu schaffen.
Aus heutiger Perspektive betrachtet setzte Lebeck im zerstörten und sich im
Wiederaufbau befindenden Nachkriegsdeutschland die von Erich Salomon, Martin
Munkácsi und Alfred Eisenstaedt gegründete Tradition der Reportage- und
Dokumentarfotografie fort. Für Lebeck waren die Werke dieser Granden der
Fotografie maßgebend für sein Handeln. Es ist also kein Zufall, wenn heute sein
Name neben diesen genannt wird.
Auch Lebecks Bilder sind
inzwischen Ikonen der Fotografie. Seine berühmteste Bilderserie entstand 1960,
als sich die europäischen Kolonialmächte aus ihren afrikanischen Gebieten
zurückzogen und eine Welle der Unabhängigkeit den Kontinent erfasste. Sie zeigt,
wie ein Kongolese dem belgischen König Baudouin während einer Parade zur
Machtübergabe den Säbel entwendete und anschließend von den kongolesischen
Polizisten festgenommen wurde. Als einziger aller anwesenden Fotografen hielt
Lebeck diesen Augenblick fest. Es war eine Fügung des Schicksals, dass er in
diesem symbolischen Moment nur wenige Meter von der Szenerie entfernt stand,
denn er blieb länger als seine Fotografenkollegen in einem belgischen Restaurant
– weil er nicht auf das köstliche Dessert verzichten wollte. Also nur Glück
gehabt? Nicht nur, aber auch. Glück gehört zu seinem Metier, wie Lebeck selbst
einräumt. Dieses alles entscheidende und bis heute meistgedruckte Bild
„Degendieb“ entstand aber vor allem aus zwei Gründen: Weil Lebeck ein geradezu
instinktives Gefühl für die Situation und dessen Symbolik hatte und ihn seine
professionelle Haltung davor bewahrt hat, sich der mit Bedeutung überladenen
Situation – schließlich nimmt der junge Kongolese das Symbol der Macht an sich,
als sei er selbst das unabhängige Kongo – auszuliefern.
Lebecks Karriere ist eine typische Selfmademan-Karriere. Dabei war er vom ersten
bis zum letzten Tag seiner fotografischen Laufbahn ein absoluter Autodidakt. Die
Gebrauchsanweisung seiner Retina 1a mit 50 mm-Objektiv, die ihm seine erste Frau
(es sollten noch drei folgen) zu seinem 23. Geburtstag schenkte, sei die einzige
Fotoschule gewesen, die er je genossen habe, kann man im Vorwort des
Ausstellungskatalogs „Robert Lebeck. Fotoreporter“ lesen. Die Lektüre dauerte
lediglich zehn Minuten. Ansonsten habe er einfach nur das gemacht, was
anspruchsvolle Fotografen grundsätzlich tun sollten – die Werke der Großen
seiner Zunft studiert, schreibt der Chefredakteur der renommierten Leica-World
Hans-Michael Koetzle.
Gelegenheit zu einem
solchen Werksstudium hatte Lebeck direkt nach dem Krieg, aus dem er als einer
der wenigen seiner Einheit körperlich unversehrt zurückkommt. Sein Onkel lud ihn
nach New York ein. Lebeck zögerte nicht, packte einige wenige Sachen und zog zu
dem als künstlerischen Leiter arbeitenden Bruder des verstorbenen Vaters. Dort
verfiel er den amerikanischen Magazinen Life, Look und Fortune
und den darin abgedruckten Abzügen. Lebeck begann, in die Welt der Fotografie
einzutauchen.
1951 kehrte er nach Deutschland zurück und fing selbst an, erste Bilder zu
machen. Wurden seine Abzüge in den Redaktionen anfangs noch belächelt, erschien
schon im Sommer des darauf folgenden Jahres sein erstes Bild auf dem Titel der
Rhein-Neckar-Zeitung: Konrad Adenauer auf dem Rosenfest in Baden-Baden.
Anschließend hielt er sich noch mit Auftragsarbeiten über Wasser, doch schon
bald ging es rasant aufwärts. Robert Lebeck wurde Redaktionsfotograf bei der
Revue, wechselte anschließend zu Kristall, ging dann zum Stern,
um noch einmal zu Kristall zurückzukehren. 1966 engagierte ihn der
Stern für sein festes Reporterteam. 1977/78 hatte er ein kurzes Gastspiel
als Chefredakteur des GEO-Magazins (neben Klaus Harpprecht), bevor er ab
1979 wieder für den Stern arbeitete.
Deutlich mehr als fünfzig Jahre reiste Lebeck, ob im Auftrag oder auf eigene
Faust, um den Globus und brachte den Deutschen die Welt nach Hause. Die Bilder,
die er von diesen Reisen mitbrachte, füllten ganze Magazine und sind nun in dem
dreiteiligen Band Tokyo – Moscow – Leopoldville versammelt. Die drei
erstklassigen Bände präsentieren eine Auswahl der besten Aufnahmen des
Fotografen, die er in Asien, der Sowjetunion und Afrika gemacht hat.
Leopoldville
Sein
bekanntestes Bild „Degendieb“ nahm er während seiner drei afrikanischen Monate
auf. Doch es ist bei Weitem nicht die einzige symbolträchtige Fotografie, die er
im unabhängigen Afrika machte. „Weiße Dame mit schwarzer Jugend am Strand von
Lagos“ besitzt eine ähnlich ikonische Kraft. Auf der Fotografie sieht man einen
schwarzen Jungen mit stolzgeschwellter Brust im Vordergrund stehen, der
neugierig, aber entschlossen auf das Meer schaut, als blickte er in eine bessere
Zukunft. Nur wenige Meter dahinter sitzt eine ältere weiße Dame im Sand und
stützt sich ab, als sei sie auf ihr Gesäß gefallen. Sie schaut skeptisch und
nachdenklich, als würde sie das Straucheln der Weißen in den ehemaligen
Kolonialstaaten gerade am eigenen Leib erleben und begreifen müssen.
Von März bis Juni 1960
reiste der damals 31-Jährige in den Diensten von Kristall durch Mali,
Senegal, Guinea, Ghana, Togo, Nigeria, Mosambik, Rhodesien, Malawi,
Belgisch-Kongo und Südafrika. Es war die Zeit der Hoffnungen, der Träume, der
Illusionen, als die europäischen Kolonialmächte die meisten ihrer Überseegebiete
in die Unabhängigkeit entließen. „Für einen jungen Journalisten wie mich bot
dieser plötzlich so selbstbewusste Kontinent ein ideales Reportagefeld“,
schreibt Lebeck dazu in seinem Kurzkommentar des Ausstellungskatalogs.
Lebeck
machte in den knapp 100 Tagen etwa 15.000 Aufnahmen, jede mit einer neuen und
aufregenden Geschichte. Er brachte zahlreiche Fotografien der hart arbeitenden
Afrikaner mit, die in zerschlissenen Kleidern für ihre nun unabhängigen Staaten
schufteten. Menschenströme verlassen am Abend die Fabriken; Straßen und
Universitäten werden gebaut; zentnerschwere Säcke von Schiffen und Lastwagen
abgeladen. Er zeigt die beginnende Euphorie einer aufstrebenden afrikanischen
Mittelschicht und die Eroberung des Kontinents durch das Automobil. Er zeigt
aber auch die Sorgen und Nöte der einfachen Menschen – Armut, Krankheit, Tod und
Trauer. Zugleich erschreckt der Kontrast, den die Abzüge der ehemaligen
Befreiungskämpfer und jungen Staatsführer deutlich machen, die sich inzwischen
in Edelkarossen herumkutschieren lassen, als hätten sie ihre Wurzeln und Ideale
vergessen.
Tokyo
Nur ein Jahr
nach seiner Afrikareise brach Lebeck auf nach Japan. Die Bilder, die er aus dem
Land mitbrachte, erzählen von einem Land, das einerseits in seiner Tradition
tief verwurzelt und andererseits auf dem Sprung in die Moderne ist. In seinem
Bild „Alter Mann vor einem Schuhgeschäft im Zentrum Tokios“ ist dieser Zustand
eingefroren. Ein alter Mann in Konfuzius-Gestalt hockt vor dem Schaufenster
eines Schuhgeschäfts voll moderner Damenschuhe und schaut zweifelnd in die
Auslage, während im Hintergrund der japanische Mittelstand zur Arbeit eilt. Ein
ähnlich symbolisches Bild fing er in Hongkong ein. Auf der Fotografie „Slum mit
selbstgebauten Hütten am Hang zur Autobahn“ drängen sich die heruntergekommenen
Verhaue einer Armensiedlung Hongkongs in den Vordergrund, während sich am
rechten Bildrand schon die Neubauten für die aufstrebende Schicht Hongkongs
ausbreiten.
Auch
auf dieser Reise nimmt Lebeck unzählige Eindrücke des Aufbruchs und Aufschwungs
mit und hält deren positive wie negative Errungenschaften fest. Man muss
unweigerlich an Gursky denken, betrachtet man Lebecks Schwarz-Weiß-Bilder der
japanischen Wohnzellen. Man fühlt sich an Robert Doisneau und Henri
Cartier-Bresson erinnert, betrachtet man sein Bild der Cafészenerie im „Champs
Elysées“. Lebecks Fotografien der Industrien und Fabriken, der Produktion und
Innovation bezeugen still den Beginn des unaufhaltsamen Aufstiegs des Landes zu
einer führenden Wirtschaftsnation. Das traditionelle Japan, das Lebeck auch
zeigt – die Geishas, das Sumo-Ringen, die Zen-Gärten –wirkt unter diesen
Bedingungen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs wie ein
sicheres Fundament.
Zugleich wirft er die alte
Ordnung durcheinander, zerschlägt sie und dringt in die Abgründe dieser
lächelnden Gesellschaft vor. Seine Fotografie des Hiroshima-Opfers erschüttert
bis ins Mark. Das Foto der barbusigen Obdachlosen, nur mit einem Leinentuch um
die Lenden bedeckt, macht fassungslos. Die Serie der stets lächelnden
Nachtclubtänzerinnen, die ihre Kinder mit zur Arbeit bringen müssen, lässt das
Lachen der Japaner in einem völlig anderen Licht erscheinen.
Moscow:
Eine seiner ersten großen Reportagen Lebecks galt den aus der Sowjetunion
zurückkehrenden Kriegsgefangenen Mitte der fünfziger Jahre. Nur sieben Jahre
später bereiste er im Auftrag des Stern, nur mit einem Touristenvisum
ausgestattet, den ideologischen Erzfeind. Von Moskau reiste er nach Leningrad,
Tiflis, Jalta, Eriwan und Sotschi. Wie schon von seinen Reisen durch Afrika und
Asien brachte er Fotografien aus einer anderen Welt mit nach Deutschland.
Lebecks Bilder ließen erstmals einen umfassenden Blick hinter den Eisernen
Vorhang zu.
Seine
Fotografie „Am Ufer der Moskwa im Hintergrund eines der berühmten
Stalin-Hochhäuser“ spiegelt geradezu exemplarisch die sowjetischen Verhältnisse.
Eine fast menschenleere und autofreie Straße mit gigantischen Ausmaßen dominiert
die gesamte untere Hälfte des Bildes. An den Straßenrändern ein matschgraues
Gemisch aus Schnee und Schmutz. Der Winterhimmel ist bedeckt, graue Rußwolken
ziehen über die eiskalte Moskwa. Die obere Bildhälfte beherrscht eines der
Stalin-Hochhäuser, das sich in dem vereisten Fluss spiegelt. Die Kälte und
Menschenfeindlichkeit sowie der irrsinnige Größenwahn des Systems drängen sich
dem Betrachter dieser Fotografie unweigerlich auf.
Seine Bilder aus den
sowjetischen Staaten sprechen nahezu alle dieselbe Sprache. Sie erzählen davon,
wie ein Regime seine Kinder zerstört. Lebeck konnte von dem Untergang des realen
Sozialismus noch nichts wissen, auf seinen Bildern sind seine Vorboten aber
schon zu erahnen. Lebecks Fotografien zeigen ein Land, dem die Pflicht, zu
blühen und zu wachsen, den Takt vorgibt und es zugleich zugrunde richtet. Lebeck
führt den gnadenlosen Raubbau an Natur und Mensch vor Augen, den der Aufbau des
Landes in wilder Entschlossenheit forderte. Beweis dieses zerstörerischen
Größenwahns ist Lebecks Aufnahme des 52 Meter hohen Stalin-Monuments in Eriwan,
das über der Industriestadt thront und zugleich fast hinter dichtem Smog
verschwindet.
Nur selten traf Lebeck
unbeschwerte Menschen an. Auf den meisten seiner Bilder wirken sie in sich
gekehrt und verschlossen. Nur wenige Aufnahmen finden sich, auf denen Menschen
offen und neugierig in seine Kamera schauen.
Die Sowjetunion, wie sie Lebeck erlebt hat, war ein Land, das zum Sprung
ansetzte und in der Hocke verharrte. Der Wunsch der Oberen, doch noch zu
springen, der sozialistische Impuls, durch Fleiß in die Höhe zu schnellen und es
der Welt zu zeigen, führte nur dazu, die Sowjetvölker zu zermürben. So blieb
diese Sowjetunion bis zuletzt eine kafkaeske Erscheinung, deren Anspruch bei
Weitem das übertraf, was sie zu leisten im Stande war.
Fotoreporter:
Wer nun aber
meint, dass Lebecks Gabe im Einfangen des Anderen, des Fremden und des
Unbekannten liegt, der sieht sich getäuscht. „Ich bin viel gereist in meinem
Fotografenleben, doch um ein spannendes Foto einzufangen, brauchte ich
eigentlich nur vor die Haustür treten“, kommentiert Lebeck in dem
Ausstellungskatalog sein Aufsehen erregendes Stern-Porträt „Deutschland im
März“.
1983 erhielt er den Auftrag des Magazins, sein Land am Vorabend der
Bundestagswahlen zu porträtieren. Statt einer fotografischen Eloge hielt er der
Nation schonungslos den Spiegel vor. Sterbende Wälder, das Ende der Stahlkocher
im Saarland und Abfall durchwühlende Obdachlose. Ein Aufschrei ging durchs Land,
doch letztlich wusste die Republik, dass ihr Recht geschah.
Lebecks Bilder wurden in den wichtigsten deutschen Magazinen abgedruckt. Seine
Innenansichten aus anderen Ländern haben den Lesern oft die Welt eröffnet. Für
Viele bestand im Betrachten der Fotografien von Robert Lebeck die einzige
Möglichkeit, andere Kulturen und Völker kennen zu lernen.
Neben den zahlreichen nationalen und internationalen Reportagen und
Dokumentationen präsentiert der Ausstellungsband auch eine Auswahl der
unzähligen Portraits, die Lebeck im Laufe seiner Karriere von den Stars aus
Politik, Gesellschaft, Film, Kunst und Musik machte. Unvergessen seine Bilder
von Willy Brandt. Einzigartig auch seine Aufnahmen der großen Romy Schneider,
die die weltberühmte Schauspielerin ganz natürlich einfingen und sie umso heller
strahlen ließen.
Es ist ein unglaublicher erstklassiger Fundus, den die Berliner Ausstellung
zugänglich gemacht hat. Denjenigen, die es nicht in den Gropius-Bau geschafft
haben, ist der Ausstellungsband „Robert Lebeck. Fotoreporter“ zu empfehlen. Er
kann zwar nicht das Wandeln durch die Räume des Museums ersetzen, aber er macht
auf beeindruckende Weise das vielfältige Schaffen Robert Lebecks auf höchstem
fotografischem Niveau deutlich.
2007 erhielt er als erster und bisher einziger Fotograf den renommiertesten
Journalistenpreis, benannt nach seinem einstigen Chef beim Stern Henri
Nannen. Beide waren sich immer einig. Ein Foto ist ein gutes Foto, „wenn es auf
Doppelseiten abgedruckt wird.“ Robert Lebeck, ein Fotojournalist erster Güte.
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Robert Lebeck
Fotoreporter
Herausgegeben von Gisela Kayser & Cordula Lebeck
Mit einem Essay von Hans-Michael Koetzle
Steidl-Verlag. Göttingen 2008
240 Seiten, Mit 286 Abbildungen
12,00 €.
ISBN 3865218733
Robert &
Cordula Lebeck
Tokyo – Moscow – Leopoldville
Text: Harald Wilenbroch (deutsch/englisch)
Steidl-Verlag.
Göttingen 2008
580 Seiten (Band 1: Tokyo – 168 S.; Band 2: Moscow – 208 S.; Band 3:
Leopoldville – 200 S.).
Mit 380
SW-Fotografien in Tritone.
65,00 €.
ISBN 3865215270.
Homepage des
Fotografen:
www.lebeck.de
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