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Eine Studie in Anachronismus
Robert Littell zeigt sich mit seinem neuen Roman »Die Söhne Abrahams« als legitimer Erbe Bertolt Brechts
Von Walter Delabar

Dass sich die Extreme mehr gleichen, als sie es wahrhaben und eingestehen wollen, ist eine Binsenwahrheit und nicht einmal neu. Wenn wir aber nun für einen kurzen Moment annehmen wollten, dass sich radikale Muslime und radikale Juden weder in ihrem grundsätzlichen Habitus noch in der Basis ihrer religiösen Anschauung unterscheiden, dann ist es die Mühe wert, sie einmal nicht durch Waffen, Mauern, Macht und Geschichte zu trennen, sondern einigermaßen unvermittelt aufeinander treffen zu lassen. Robert Littell unterzieht sich dieser Mühe, und das äußerst erfolgreich.
Da haben wir den radikalen Islamisten Dr. Ishmael al-Shaath, der als Abu Bakr einer der berüchtigsten palästinensischen Terroristengruppen leitet und höchstselbst 24 Kollaborateure mit einem Pistolenschuss hingerichtet hat. Dieser Abu Bakr entführt einen radikalen Rabbiner, Isaac Apfulbaum (bitte korrekt schreiben), der nicht nur eine der israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet gegründet hat, sondern insgeheim selber eine terroristische Vereinigung leitet, die Attentate auf Palästinenser verübt.

Zwar erklärt Abu Bakr, er wolle den Rabbiner gegen Palästinenser austauschen, die in israelischer Haft sind. Aber im Grunde genommen ist allen Beteiligten klar, dem Entführer, dem Opfer wie denjenigen, die sich daran machen, beide aufzuspüren, dass es am Ende niemanden geben wird, der überleben wird. Die Israelis verhandeln nicht, und Abu Bakr will niemanden freipressen, denn die Inhaftierten sind Märtyrer, denen das Paradies winkt, wenn sie für die Sache sterben. Und eigentlich sollen nur die Verhandlungen zwischen Palästinensern und Israeli, die in der Unterzeichnung eines Friedensplans münden sollen, zum Scheitern gebracht werden.

Eine verfahrene Situation also, aus der es ein wirkliches Entkommen nicht geben kann. Aber das Friedensabkommen ist nicht einmal das Zentrum dieses eindrucksvollen Thrillers Robert Littells. Das wird von jenem merkwürdigen Paar aus Entführer und Entführtem gebildet, aus dem radikalen Zionisten Apfulbaum und dem radikalen Islamisten al-Shaath.

Beide erheben Anspruch auf das Land, das sich seit Jahrzehnten Palästinenser und Israeli teilen und auf dem sie einen Modus Vivendi finden müssen. Beide berufen sich auf den einen und wahren Gott, bis in die Formulierungen hinein. Beide wollen den anderen vernichten. Beide sind bereit, es nicht allein bei Worten zu belassen, sondern auch tätig zu werden, gewalttätig sogar. Beide sind sich ihres Glaubens mehr als sicher. Sie glauben, dass sie einen göttlichen Auftrag erfüllen, der alles legitimiert. Sie bestrafen, sie morden. Alles mit der Aussicht auf das gelobte Land, auf ein Leben nach dem Tode, und darauf, dass die Friedensbemühungen der Realpolitiker scheitern.

Littells Ziel ist es offensichtlich, die beiden Exponenten der Extreme so nah zueinander zu bringen, wie es nur möglich ist. Dafür wendet er einen inszenatorischen Trick an, die Entführung des einen durch den anderen und das nachfolgende Verhör, das schnell in ein Glaubensgespräch mündet. Auftakt ist die Frage des Entführers, wer der Führer der jüdischen Terroristengruppe ist (auch wenn er den Rabbi eh im Verdacht hat). Dieses Interesse aber bewegt ihn dazu, sich auf ein intensives Glaubensgespräch einzulassen, bei dem die beiden mehr oder weniger gleich blinden Männer erkennen müssen, dass sie aus demselben Holz geschnitzt sind. Beide leiten sich, ihren Glauben und ihre Ansprüche direkt von Abraham ab (was die Christen aus der Ringparabel Littellscher Façon von vorneherein ausschließt, sind sie doch offensichtlich keine wirklichen Monotheisten). Sie sind Brüder und das nicht nur im extremistischen Geiste, sondern im wahrsten Sinn des Wortes. Ihre Konkurrenz, ihr Kampf gegeneinander, die Grausamkeit und Unerbittlichkeit, mit der er geführt wird, ist nur zwischen Ihresgleichen denkbar. Und er ist so gnadenlos, dass am Ende nur eines aus diesem Lehrstück erkennbar wird: Wie wenig diese beiden in der Lage wären, in einer zivilen Gesellschaft und dann auch noch friedlich und miteinander zu leben.

Dass sie sich schließlich in dem gemeinsamen Ziel in der Tat verbrüdern, erscheint den Repräsentanten des Systems nur als Ausdruck des Wahnsinns (der ihnen freilich auch schon für die Zeit zuvor attestiert wird). Dabei ist diese Wendung nur konsequent. In der Konstruktion dieser sozialen Figur, in der Präsentation der intensiven Gespräche und Denkfiguren der beiden Erz-Terroristen, in der Einsicht, dass der Thriller (als Variante des Kriminalromans) Aufschluss über das Funktionieren von Gesellschaften gibt, ist Littell ein – offensichtlich intelligenter – Erbe des Altmeisters Brecht.

Littell führt damit zu einer politischen These, zu der sich die Leser stellen mögen und aus denen sie Haltungen und Entscheidungen ableiten können, nämlich was die Basis des Nahostkonfliktes ist und wie man zu den nicht immer sauberen Bemühungen stehen kann, diesen Konflikt doch irgendwann zu lösen. Zu wünschen wäre es beiden Völkern, dass sie sich von dem abrahamitischen Konflikt lösen könnten, um dessen humane Basis wieder nutzten zu können.
Walter Delabar
 

Robert Littell
Die Söhne Abrahams

Roman
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Scherz Verlag
349 Seiten
ISBN 978-3-502-10179-6
Euro 17,90.

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