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Glanz@Elend |
Medienkritik |
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Bericht, Beichte und Betrachtung Sympathisch, dass Luyendijk nicht mit dem so typischen Enthüllungsspathos daherkommt und seine Dekonstruktion (auf Kosten anderer) zelebriert, sondern besonnen schildert. Die Selbstbezichtigungen geraten nicht zu kokett; man nimmt sie ihm ab. Es zeigt sich sein Bonus; als Seiteneinsteiger (und –aussteiger) hat er in den fünf Jahren eben nicht vollständig die Diktionen und Wahrnehmungen seiner (ehemaligen) Kollegen übernommen. Dass er sich dabei in den Augen vieler sogenannter Nachrichtenprofis eine gehörige Portion Naivität bewahrt hat, spricht dabei nicht gegen, sondern für ihn.
»Hello everybody« Dabei geht es nicht darum, einer verkitschten Barackenromantik das Wort zu reden. Luyendijk illustriert hier, dass ganz verschiedene Geschichten über ein und dieselbe Situation möglich sind. Man kann diese Flüchtlinge als darbende, elende Gestalten schildern – oder aber als Menschen, die nie die Hoffnung aufgeben und trotz dieser katastrophalen Lage ihre Freundlichkeit nicht gänzlich verloren haben. Beides stimmt, aber meist wird nur eines berichtet.
Agenturbrei mit »Ortszeile« – die traurige Realität Früh erkennt Luyendijk, dass er nicht loszog, um irgendeiner Sache auf den Grund zu gehen. Das hatten andere längst erledigt. Ich zog nur los, um mich als Moderator an einen Originalschauplatz hinzustellen und die Informationen aufzusagen. Die Redaktion in der Heimat überblickt gar nicht die Welt – so begreift er. Sie überblicken die Presseagenturen, und aus deren Meldungen traf der Redaktionsleiter eine Auswahl. Oder sagen wir: Er traf eine Auswahl aus der Auswahl der Nachrichtenbüros. Als Kriterium gilt u. a. dabei, ob etwas "breaking news", "urgent news" oder nur "update" ist. Also nicht der Korrespondent entscheidet darüber, ob ein Beitrag zu [einem] Thema gemacht wird, sondern die Redaktion. Der Mann vor Ort kann zwar etwas vorschlagen, aber die Redaktion entscheidet, und ihr Blickwinkel ist massgeblich von der Themenauswahl durch die Presseagenturen und CNN geprägt. Und die Redaktion ist einem hohen Zeit- und Veröffentlichungsdruck unterworfen. In den besten Momenten des Buches schaut man förmlich bei der fortschreitenden Desillusionierung des jugendlichen Reporters zu. Schnell ist der Neue in diese Maschinerie eingebettet – ohne eigentlich genau zu sagen, warum. Sein Nasrallah-Interview beispielsweise, in der Heimat als eine Art "Durchbruch" gefeiert, ist nichts anderes als ein Monolog, der aus Versatzstücken besteht, die schon –zigmal anderswo publiziert wurden; Nasrallah lässt gar keine Fragen zu bzw. beantwortet sie erst gar nicht. Der entscheidende Punkt ist: Der Korrespondent, der also mehr Moderator ist, kann die Nachrichten, auf der seine Schilderungen beruhen, gar nicht kontrollieren und recherchieren. Er hat weder Zeit noch Gelegenheit dazu – schliesslich, und das wird ein wesentlicher Punkt in Luyendijks Argumentation – sind die Staaten der arabischen Welt allesamt Diktaturen. Selbst mit seinen arabischen Sprachkenntnissen (die ihm im Alltag aufgrund der Vielzahl der bestehenden Dialekte nicht unbedingt immer weiterhelfen – es gibt hübsche Beispiele dieser "Dialektverwirrung") kommt Luyendijk nicht immer an die Menschen heran. Grundsätze des Qualitätsjournalismus (check und double-check, Meinung und Gegenmeinung) sind nicht einzuhalten; repräsentative Umfragen oder andere Recherchemöglichkeiten unmöglich. Was er höchstens bieten kann, ist immer nur der kleine Ausschnitt von ein paar wenigen Strassengesprächen (die Bilanz in Form von etlichen regionalen Witzen lockern das Buch manchmal notwendig auf). Dies verleitet zu voreiligen, induktiven Verallgemeinerungen. Später erlebt Luyendijk, wie kontraproduktiv in diesem Zusammenhang das Fernsehen ist – die Menschen sagen erst recht nichts Kritisches in die Kamera (die, die es tun, sind dessen dann schon wieder verdächtig als Alibis für den Geheimdienst zu arbeiten), sondern warten, bis die Geräte abgeschaltet sind. Ein Grund mehr, den selbstrecherchierten Hintergrundberichten in Printmedien einen grösseren Stellenwert einzuräumen. Oft genug jedoch werden solche Berichte in den hinteren Teil der Zeitung "verschoben" (ähnliches natürlich vom Radio und Fernsehen); sie gelten meist als zu kompliziert.
Der marokkanische Korrespondent in Den Haag Hinzu kommt noch, um im oben genannten Bild zu bleiben, das natürlich der Niederländer weder typisch noch repräsentativ für den Nord-/Mittel-/Südeuropäer ist. Will sagen – auch das beklagt Luyendijk natürlich – das die allzu vereinfachende Bezeichnung "Araber" oder "Muslim" bereits den Keim für Missverständnisse, grobe Pauschalisierungen und problematische Subsummierungen in sich trägt. Für all diese Differenzierungen und Nuancierungen bleibt im Alltagsgeschäft des Korrespondenten kein Platz. Die Redaktionen wollen griffige Schlagzeilen.
»Tee
trinken«- Von der Unmöglichkeit journalistischen Arbeitens Immer häufiger bekommt Luyendijk den Eindruck, Inszenierungen aufzusitzen. Dies verstärkt sich noch, als er seinen Sitz von Kairo nach Beirut (und später Ost-Jerusalem) verlegt, und vermehrt vom Heiligen Land berichtet. Eine Frau betrauert ihr Kind; eine Familie ihren Sohn – die "Horde" der Reporter und Fotografen ist immer genau dann da. Manchmal wird die Trauer "verschoben" oder "wiederholt", wenn es nicht alle mitbekommen haben. Und dann Erlebnisse wie solche bei einem Spaziergang durch Ramallah: Ich war schon öfter dort gewesen, aber immer nur, wenn es zu "Zusammenstössen zwischen palästinensischen Demonstranten und der israelischen Armee" gekommen war. Jetzt war die Gegend menschenleer. Zu der Zeit durfte das israelische Militär nicht in Ramallah patrouillieren und das City Inn-Hotel stand an der Stadtgrenze. Ich weiss nicht mehr, wer zuerst da war, aber plötzlich tauchten sie aus allen Himmelsrichtungen auf: israelische Jeeps, die extra aus der Kaserne angerückt kamen, palästinensische Jugendliche, die den weiten Weg aus der Schule hierhergelaufen waren. Dann kreuzten einige Zuschauer, ein Krankenwagen, ein Falafel-Verkäufer und ein Kamerateam auf. Da fingen die Jugendlichen auf einmal an, Steine zu werfen. Die Israelis feuerten in die Luft. Die Jugendlichen wagten sich näher heran, und die Israelis feuerten wieder in die Luft. Die Jugendlichen wagten sich noch näher heran, da schossen die Israelis einen von ihnen nieder: heulendes Martinshorn, skandierende Jugendliche, laufende Kameras. Und Luyendijk fragt sich, ob die Kameras da waren, weil etwas passierte oder ob etwas passierte, weil die Kameras da waren. Szenen dieser Art gibt es reichlich im Buch. Bestimmte Situationen werden szenisch "aufbereitet". Das populärste Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist der Sturz der Saddam-Statue in Bagdad durch US-Truppen im April 2003. Luyendijk vergleicht am Fernsehen einfach die beiden Perspektiven: Auf CNN wird durch das Heranzoomen der Eindruck einer feiernden Masse vermittelt. Auf Al-Dschasira herrscht ruhiges Treiben; vielleicht 200 Menschen sind auf dem riesigen Platz; dort zeigt man das neue Symbol der Besatzung: die amerikanische Flagge, die kurzzeitig auf die Statue gelegt wurde (der "Spiegel" nahm es als Titelbild). Eine Nachricht, so stellt Luyendijk fest, ist nur eine Nachricht, wenn die Angelegenheit in Bewegung ist. Das macht es so schwer, so etwas wie Besatzung beispielsweise emotional zu vermitteln. Aber Bild geht über Ton. Ergo: Die Besatzung war nie eine Nachricht, aber jeder einzelne Anschlag.
Die Macht der Worte Nur Sophistereien? Träume eines Naiven, der einfach mit der rauen Wirklichkeit nicht klar kommt? Ich glaube nicht, dass das so ist. Luyendijk war insgesamt fünf Jahre in der Region und versuchte, sich vom Korrespondentensprech so lange wie möglich autark zu halten. Warum 2003 das Engagement beendet wurde, bleibt unklar; der Satz, er habe die Kündigung bereits in der Tasche gehabt, als die amerikanische Invasion des Irak 2003 losging, ist doppeldeutig. Ausdrücklich dementiert Luyendijk, dass es zu Verwerfungen zwischen seinem Arbeitgeber und ihm gekommen sei. Mehrfach aber schreibt er in seinem Buch vom Unbehagen.
Gutgeölte PR An zahlreichen Beispielen belegt er, wie die israelische PR inzwischen in der allgemeinen Berichterstattung kanonisiert ist - die Zahlen der zweiten Intifada beispielsweise oder die Fama, Barak hätte in Camp David 95% der "umstrittenen Gebiete" an die Palästinenser zurückgeben wollen. Ein Vorstoss der "Arabischen Liga" zur Lösung des Konfliktes wurde beispielsweise in der Presse kaum und nur marginal vermeldet. Das stärkste Bild in seinem Buch ist das vom Sportreporter, der über einen 8:1 Sieg einer Fussballmannschaft zu berichten hat. Als Journalist kann ich entscheiden: Wir zeigen die Tore, das war's. Hätten die Verlierer eben besser spielen sollen. Aber was, wenn sich herausstellt, dass der Platz abschüssig ist, ein Linienrichter mit der Siegermannschaft verwandt ist und manche Fouls nicht gesehen wurden, weil die Sieger den Schiedsrichter besser austricksen konnten? Was, wenn der Coach der Verlierermannschaft gegen den Willen vieler Fans auf der Trainerbank sitzt oder gar mithilfe des Gegners installiert wurde? Arafat jedenfalls hatte sich von Israel und dem Westen zum "Alleinvertreter der palästinensischen Volkes" küren lassen, auf Kosten demokratisch gesinnter Anführer der ersten Intifada. Europa, die USA und Israel hatten ihm jahrelang geholfen, seinen "Sicherheitsapparat" (allein das Wort!) aufzubauen, mit dem er alle anderen Trainer ins Abseits stellen konnte. Musste ein Korrespondent nicht über dem reinen Spielergebnis stehen und zeigen, warum diese Mannschaft so schwächelt, und wie sie spielen könnte, wenn andere Spieler aufgestellt würden? Ein Journalist, der lediglich serviert, was ihm aufs Tablett gelegt wird, ergreift im Grunde die Seite der Partei, die den Nachrichtenfluss am besten zu manipulieren versteht.
Diktaturen sind im Kern schwach Entscheidend aber: Die verfehlte Medienstrategie war eine direkte Folge der autoritären Organisation der Palästinensischen Autonomiebehörde. Und: Für Arafat bestand die erste und einzige Priorität darin, nicht gestürzt zu werden.. Daher gibt es beispielsweise keine friedlichen Massendemonstrationen gegen die israelische Besatzung – sie könnten in Proteste gegen die eigene Führung umschlagen. Entsprechend regierungstreue Nomenklatura wurde von der politischen Führung begünstigt. Nicht Leistung oder Qualität zählen also, sondern blinde Loyalität. Am Beispiel der eloquenten und klugen palästinensischen Politikerin und Literaturwissenschaftlerin Hanan Ashrawi, die irgendwann als "zu gefährlich" befunden wurde, weil sie im Westen als eine gewisse Gegenkraft zu Arafat empfunden werden konnte und auf eine unbedeutendere Position "verschoben" wurde, illustriert Luyendijk seine These sehr schön. Pluralistische Staatssysteme erweisen sich also dahingehend als überlegen, weil ihre primäre Ausrichtung nicht im Konservieren der Macht besteht, sondern in der Entwicklung einer bestimmten Politik für eine bestimmte, überschaubare Zeit. Der scheinbare Vorteil in bilateralen (Friedens-)Verhandlungen, dass eine Diktatur durch die Person des Diktators eine eindeutige Verhandlungsführung "verheisst", also eine Art Berechenbarkeit, erweist sich in Wirklichkeit als Achillesverse für die Position der Diktatur. Die Stimme des Diktators ist ab einem gewissen Punkt nicht mehr korrigierbar. Wenn er von einer Position abweicht, so droht sofort der Gesichtsverlust. Demokratische Regierungen können in Verhandlungen viel besser mit dem Hinweis auf entsprechende innenpolitische Rücksichten lavieren und dies aktiv einsetzen. Diese These klingt gut, läuft aber so ins Leere. Denn der Diktator vermag ebenfalls – wenn auch in begrenztem Mass – auf noch "radikalere" Strömungen hinweisen, die, sollte man ihn zu sehr zur Kompromissbereitschaft zwingen, ihn "wegputschen" würden. Das übersieht Luyendijk – wenigstens, was die kurzfristige Argumentation angeht. Es ist richtig, dass westliche Demokratien insbesondere im Nahen Osten (aber auch sonst) bevorzugt mit Diktatoren verhandeln und diese stützen, falls sie ihnen "wohlgesonnen" sind. Ein starker Mann lässt sich leichter kontrollieren und unter Druck setzen als ein demokratisch gewählter Regierungschef. Und Luyendijk hat natürlich Recht, dass das Primat der Aufrechterhaltung der Macht grosse Ressourcen bindet und auf Dauer sehr aufwendig ist. Ein Diktator lässt – s. o. – intelligente Köpfe kaum zum Zuge kommen, da er sie als Rivalen fürchtet, und muss sich Loyalität immer mehr erkaufen. Hinzu kommt der in Diktaturen häufige "Deckeleffekt", d. h. ethnische, religiöse oder soziale Minderheiten werden brutal unterdrückt und dies erzeugt geradezu dauerhaften Widerstand und Terrorismus; ein Phänomen, welches zwar in Demokratien durchaus auch auftritt, aber hier durch offene Formen behandelt werden kann. Vermutlich ist aber die These, dass Demokratien Diktaturen auf Dauer überlegen sind (und zwar nicht nur ökonomisch und/oder militärisch), richtig. Sie weist weit über die hier verhandelte Thematik hinaus und wäre eine separate Erörterung wert.
Radikal andere Art von Journalismus Warum er dann allerdings noch das Schlagwort von der amerikanischen "Israel-Lobby" verwendet und die speziellen Verbindungen der USA zu Israel ein bisschen verschwörerisch aufbereitet, ist nicht ganz klar. Es wäre schlichtweg nicht notwendig gewesen. Seine Analyse ist auch so treffend genug, obwohl er im zweiten Teil, was die Besatzung und deren Auswirkungen angeht, reichlich auf Erzählungen von Palästinensern rekurriert, obwohl er an anderem Ort im Buch von der Problematik solcher oft fiktiver, tradierter Geschichten hinweist. Seine Schilderungen über die schamlose PR-Maschine der Amerikaner im Jahre 2003 vor und während der Irak-Invasion wirkt ein wenig angeklebt. Die Rolle von Agenturen wie Hill & Knowlton und The Rendon Group, die in der Region seit Jahrzehnten für die unterschiedlichsten Auftraggeber tätig sind und u. a. die kuwaitische Propaganda 1990/91 organisierte und auch während der Jugoslawienkriege für die bosnische Seite tätig war, kommt klar zu kurz; weniger wäre hier mehr gewesen. Manchmal ist das Buch ein bisschen unpräzise, was der Sache natürlich im Einzelfall abträglich ist. Denn gerade der Medienkritiker muss noch genauer sein. Am Ende vermerkt Luyendijk noch, dass vieles im Buch aus seinem Gedächtnis rekapituliert sei – ein kleiner Hinweis? Und wenn am Schluss vom Journalisten mit Fleisch, Blut und Vorurteilen die Rede ist, so kann (oder muss?) man das sicherlich auch als ein bisschen Selbstkritik sehen.
Luyendijks Plädoyer
für eine radikal andere Art von Journalismus ist emphatisch. Er
knüpft wieder an das Bild vom Fussballspiel an: Alle kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.
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