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© Diogenes Verlag
Wieder
im Dienst
Simenons
»Maigret«-Romane
Der
Diogenes Verlag, an sich für Bücher und nebenbei auch ein bißchen für Wein
zuständig, hat in diesem Frühjahr ein Riesen-Ei gelegt.
Ein Osterpräsent für alle Krimi-Leser.
Ab April erscheinen, in monatlicher Folge, je vier Bände. Der ganze Maigret,
in chronologischer Folge, so wie er geschrieben wurde, in elegantem
Papp-Einband. Die Übersetzungen sind überarbeitet. Das Ergebnis: ein
zeitgemäßes Deutsch.
Simenon ist der
meistgelesene und meistübersetzte Autor des 20. Jahrhunderts. Er hat, noch
immer, eine riesige Fangemeinde, und nun hofft der Verlag, noch neue
Süchtige zu verführen.
Das Bekannte wird zur Attraktion: Mit jedem neuen Maigret betreten wir eine
vertraute Welt. Wir kennen den Typ, erleben ihn ebenso wie die Opfer und die
Täter in ihrer alltäglichen Umgebung. Maigret rekonstruiert in jedem seiner
Fälle auch noch die Lebensverhältnisse der Toten, um dem Geheimnis ihres
Lebens auf die Spur zu kommen.
Und am Ende siegt (fast) immer das Recht, auch wenn die Gerechtigkeit dabei
(manchmal) auf der Strecke bleibt.
Simenon schrieb seinen allerersten Maigret mit sechsundzwanzig Jahren in nur
fünf Tagen. Er schrieb immer und alles wie im Rausch.
Später erinnert er sich: »Ich saß etwas schläfrig nach drei Genevern in
einem Cafe und plötzlich zeichnete sich vor mir die mächtige, unbewegliche
Statur eines Mannes ab, der mir einen rechten Kommissar abzugeben schien«.
(Die älteren Leser werden sich an Jean Gabin erinnern, in dessen kantigem,
groben Gesicht sich Maigrets Härte und Mitleid zugleich eingegraben hatte.)
Maigret erhielt »dichtes, kastanienbraunes Haar, in dem sich lediglich an
den Schläfen einige weiße Fäden abzeichneten«, einen »dicken schwarzen
Mantel«, »Melone« und eine »Pfeife, die zwischen die Zähne genietet war«.
Wenn er sie nicht im Mund hatte, dann hatte er sie in der Hand. Ohne Pfeife
war er nicht denkbar.
Simenon gab ihm noch weitere Markenzeichen mit, zum Beispiel sein Bedürfnis
nach Wärme. Deshalb legte er größten Wert darauf, daß seinem Kanonenofen im
Büro immer kräftig eingeheizt wurde.
Schon bei seinem ersten Auftritt ist der Mann voll da.
Als
Kriminalkommissar Maigret, bereits fünfundvierzig Jahre alt, per Telegramm
seinen Auftrag erhält, stopft er sich erst einmal in aller Ruhe seine
Pfeife, setzt dann seine Melone auf und begibt sich zum Bahnhof, um dort den
international gesuchten Gauner, Pietr, den Letten, unauffällig in Empfang zu
nehmen, und weiter zu beschatten. In einem Abteil liegt allerdings bereits
eine Leiche, die verblüffend dem gesuchten Letten ähnlich sieht. Der Tote
hat eine Haarlocke in der Hosentasche.
Die Spur führt Maigret zu einer Frau in der Normandie. Dort trifft er wieder
auf Pietrs Doppelgänger. Er verfolgt ihn bis nach Paris, in ein
heruntergekommenes Hotel, das zwielichtigen Gestalten, »Polen, Juden,
Russen« (wie man 1929 noch bedenkenlos schreiben durfte) Unterkunft bietet.
Überhaupt greift Simenon weit aus. Wir begegnen vielen Menschen
unterschiedlicher Herkunft, aus aller Herren Länder.
Maigret
ist oft Tag und Nacht unterwegs, meist ohne seine Frau über seine Recherchen
zu informieren. Das waren die guten alten Zeiten für unsere Ehemänner.
Maigret wußte, daß sie ihn bei seiner Rückkehr zufrieden lächelnd empfangen,
ihm einen Kuß geben und »einen Teller mit duftenden Ragout füllen würde«.
Selbstverständlich ohne weitere Fragen zu stellen. Hin und wieder grollte
sie ein wenig: »Es lohnt sich wirklich nicht, die Frau eines
Kriminalkommissars zu sein. Wenn irgend etwas geschieht ...dann erfahre ich
es von der Concierge ..., sie hat einen Neffen, der Journalist ist.«
Seine Frau weiß trotzdem, wie weit seine Ermittlungen gediehen sind. Oft
kann sie es schon an seiner Miene ablesen.
Maigret wird nicht recht schlau aus diesem Letten. Er ist eine schillernde
Figur. Er erlebt ihn zuweilen als eleganten Mann mit besten Manieren, dann
als einen runtergekommenen kokssüchtigen Absinth-Säufer, der als zitterndes
Nervenbündel vor ihm steht. Das Ganze wächst sich auch zu einer spannenden
Zwillingsstudie, mit vielleicht überraschendem, sicher aber konsequentem
Ende aus.
Maigret hat eine besondere Art zu ermitteln. Langsam, bedächtig und sehr
sorgfältig geht er vor. Mit viel Feingefühl sucht er die Beweggründe der
Menschen herauszufinden. Er sucht »den Riß«, den Augenblick also, in dem
hinter dem Spieler, dem Trinker, ja dem Mörder »der Mensch zum Vorschein
kommt.« Er versucht also, aus seinen Informationen, Beobachtungen und
Eindrücken eine Art Psychogramm zu erstellen. Erst dann sucht er nach
möglichen Motiven, sowohl bei den Tätern wie bei ihren Opfern.
Mit Maigret war ein neuer Typus des Kommissars auf der Bildfläche
erschienen. Die Kollegen folgten: Mrs. Marple (Agatha Christie) ging ihrer
Arbeit in London nach. Phlilip Marlowe (Raymond Chandler) war an der
amerikanischen Westküste zu Hause. Als letzter in dieser langen, langen
Reihe machte sich unser Freund Marthaler an seine Ermittlungsarbeit.
Sigrid Lüdke-Haertel
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Georges Simenon
Maigret und Pietr der Lette.
Aus dem Französischen von Wolfram Schäfer,
Diogenes Verlag, Zürich 2008
192 S., 9,oo Euro |