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Guangzhou
am Sonntagmorgen Natürlich arbeitet man trotz aller Abneigungen zum gegenseitigen eigenen Vorteil zusammen. Chinesen sind Pragmatiker. Das haben sie tatsächlich fast alle gemeinsam. In geliebten und ungeliebten vergangenen Zeiten, inzwischen immer wieder in Filmen und Fernsehserien verklärt, haben praktisch alle Chinesen gelernt, sich mit den Dingen abzufinden wie sie sind, und möglichst das Beste daraus zu machen. Wobei das Beste schon häufiger auch nur mal das nackte Überleben war. Besonders die Zeit der kommunistischen Herrschaft zwischen 1949 und 1976, dem Ende der sogenannten Kulturrevolution, hat mit geschätzten 60 Millionen Bürgern, die man ums Leben brachte, mit der einen oder anderen Kampagne, mit so schönen Namen ausgestattet wie »Laßt Hundert Blumen blühen« oder dem dynamisch letalen »Großen Sprung nach vorn«, in diesem weiten Feld ganz besondere Erwähnung verdient. Inzwischen hat sich die Kommunistische Partei Chinas aus dem mörderischen Geschäft mit der ideologischen Reinheit so ziemlich zurückgezogen und konzentriert sich auf die Akkumulation des Kapitals. Des eigenen natürlich. Und da Land und Staat ja der Partei gehören, ist diese neue Geschäftsidee natürlich für die Partei und ihre führenden Mitglieder auch individuell lukrativer und angenehmer, als sich und die eigene Bevölkerung zu dezimieren. Geschätzte 70% aller börsennotierten chinesischen Unternehmen gehören Söhnen, Töchtern oder diversen anderen Verwandten von chinesischen Partei- und Staatsfunktionären. Die erfreuen sich an den meist steigenden Kursen und Gewinnen. Und wenn´s mal nicht so gut läuft: die Schulden dieser Unternehmen gehören natürlich überwiegend den staatlichen Banken. Wenn das nicht Pragmatik in reinster und schönster Form ist. Guangzhou am Sonntagmorgen bietet für eine 8 Millionen-Stadt überraschend viele Bilder voll Entspannung und Ruhe. In den Seitenstraßen sitzen die Bewohner vor ihren Häusern, trinken Tee und finden immer wieder ein Gesprächsthema. Die Luft ist noch frisch und klar. Stolze Eltern auf dem Sportplatz feuern ihre Fußball spielenden Kinder an. Ein paar Alte machen nebenan ihre Tai-Chi Übungen. Nur auf wenigen Baustellen wird gearbeitet. Es ist wunderbar still in der Stadt. Junge Paare flanieren in den Straßen, stehen Hand in Hand vor den Schaufenstern der Hochzeitsfotografen, in China ein beliebtes und lukratives Gewerbe. In einem Land, in dem die Verpackung mehr zählt als der Inhalt, ist natürlich auch die opulente fotografische Dokumentation des startenden Eheglücks wichtiger als das Eheglück selber. Und so marschieren vor allem am Wochenende Zehntausende von jungen Paaren, begleitet von leicht genervt wirkenden Fotografierteams, in idyllisch wirkende Parks oder zu anerkannten Sehenswürdigkeiten, um sich in einem guten Dutzend von Standardeinstellungen fotografieren zu lassen. Diesem finalen Ereignis des Fotografierens geht natürlich eine tagelange Vorbereitung voraus. Meist befinden sich Massen von Fotostudios in einer bestimmten Straße. Das Brautpaar - angeführt natürlich von der Braut - betritt eines dieser Geschäfte und trifft auf die Fotografierberaterin. Der Bräutigam hat meist schon jetzt keine Lust mehr und sehnt sich nach seinen Kumpels oder wenigstens einem Videospiel. Meist blickt er verzweifelt auf sein Handy, das ihm aber auch nicht wirklich helfen kann. Stundenlang diskutiert währenddessen die junge Braut mit der Beraterin über das Kleid, das während der Fotosession getragen werden soll. Das Fotografiergeschäft bietet dafür einen Fundus, der einem klassischen deutschen Staatstheater jederzeit Paroli bieten kann. Auch für den immer noch verzweifelt Interesse heuchelnden Gatten stehen diverse Verkleidungen bereit. Von der üppigen, goldgewirkten Admiralsuniform bis zum André Rieu Frack in weiß oder kanariengelb. Ist die Kleiderfrage nun geklärt, gehts eigentlich erst richtig los. Die Gestaltung der bräutlichen Frisur muss intensiv besprochen werden. Die Beraterin zeigt dicke Mappen mit Beispielfotos. Natürlich kann auch alles neu kombiniert werden. Die einzige Kombination, die den immer wieder einnickenden Bräutigam jetzt wohl überhaupt noch interessieren würde, wäre sicher ein opulentes Abendessen und ein paar Flaschen warmes Bier. Mitleidige Bräute haben nun ein Einsehen und machen einfach einen neuen Termin. Dann ohne Bräutigam. Andere junge Damen zeigen weniger Mitgefühl, sondern bereits jetzt die kaum noch kaschierte gnadenlose Härte, mit der sie die gemeinsame eheliche Zukunft zu bestimmen gedenken. Doch es scheint, die meisten der jungen Galane haben sich bereits in ihr Schicksal gefügt, das sie zu Heirat, Kind, Eigentumswohnung, Auto und letztlich in den Friseursalon (eine grosse Zahl dieser Etablissements sind allgemein akzeptierte Mini-Bordelle) treibt, während die Gattin zum Shopping geht oder mit ihren Freundinnen bei warmer Cola (kalte Cola gilt als schwer gesundheitsschädigend), über den Ehemann herzieht. Aber noch ist es ja nicht soweit. Die eine oder andere erfreuliche Minute steht noch ins Haus, bevor die normative Kraft des Unerfreulichen auch in China seine Macht beweist. Die Zeit im Fotostudio allerdings gehört für den Bräutigam eindeutig nicht dazu. Nach tagelangen Vorbereitungsgesprächen kommt dann der große Tag des Fotografierens. Parks und andere anerkannte Sehenswürdigkeiten sind den lieben langen Tag über eine sehnsuchtsvolle Ansammlung von jungen, sonnenerhitzten Gesichtern, rüschenberauschten Hochzeitsroben - unter denen die Blue Jeans hervorschimmern - geplagten bräutlichen Füssen in schmalen weissen Highheels; von schwitzenden Bräutigamen im weissen oder himmelblauen Smoking, Stresemann oder einer der opulenten Phantasieuniformen. Besonders idyllische Bäume und Plätze sind belagert von Paaren, deren einziger Wunsch es ist, jetzt endlich fotografiert zu werden. Wartezeiten für die Schmusefotos sind unvermeidlich. Ebenso Konflikte zwischen den Wartenden, die lautstark ausgetragen werden. Meist zwischen den Bräuten, die sich gegenseitig verbal nichts schenken. Die dazu gehörenden Ehemänner in spe sehen nach wie vor so aus, als wären sie gerade jetzt lieber woanders. Die vollkommen indolent wirkenden Fotografierteams ignorieren einander soweit es geht und machen immer die gleichen Fotos, unentwegt, mit der Routine einer Metzgersgattin, die einem einhundert Gramm »Cervelatwurst fein« herunter schneidet und aufs Papier klatscht, ohne überhaupt noch hinzusehen. Im Studio werden die Fotos ja sowieso noch aufgehübscht mit rosaroten oder himmelblauen Hintergründen und hübsch nachkolorierten Gesichtern.
Das umfangreiche Fotoalbum
schließlich, entstanden aus all dem, steht mit einigen anderen buchähnlichen
Gegenständen in den Regalen der Wohnzimmerschrankwand. Und hübsch gerahmt, hängt
das vergrößerte Foto des Paares im vollen Ornat dann im Schlafzimmer über dem
rüschigen Ehebett.
RIP. |
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Glanz@Elend
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