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Glanz@Elend |
Soziologie
-Gesellschaftliche
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»Diese
Gesellschaft ist insofern obszön, als sie einen erstickenden Überfluss an Waren
produziert und schamlos zur Schau stellt, während sie draußen ihre Opfer der
Lebenschancen beraubt.« Vierzig Jahre nach 1968 sollte im Zentrum der in allen Medien stattfindenden Debatte doch die Frage stehen, inwiefern die damaligen Thesen und Annahmen heute noch Relevanz besitzen. Erst durch die Suche nach der aktuellen Bedeutung der zuweilen auch sehr radikalen Mutmaßungen der 1968er Bewegung kann ihre Wichtigkeit für die Gegenwart deutlich gemacht werden. Die Denker der so genannten Frankfurter Schule (u.a. Horkheimer, Löwenthal, Adorno, Marcuse, Habermas) haben mit ihren Theorien die sechziger Jahre soziologisch nicht nur begleitet, sondern der linken Intellektuellen ihre Orientierungspunkte gegeben. Während Horkheimer, Adorno und Habermas noch heute weite Teile der Soziologie mit ihren Schriften prägen, ist Herbert Marcuse als Soziologe und Philosoph etwas in Vergessenheit geraten. Ein Grund mehr, noch einmal nachzulesen. Herbert Marcuse, Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten, fand seine geistigen Anregungen in den Schriften George Lukács’ und Martin Heideggers. Ausgerechnet Heidegger, der den deutschen Nationalsozialismus zutiefst verehrte, sollte dem deutsch-jüdischen Bildungsbürger Marcuse das Handwerkszeug des soziologischen und philosophischen Arbeitens nahe bringen. Marcuse kritisierte aber schon weit vor dem moralischen Niedergang des Nationalsozialismus Heideggers Arbeiten in ihrer wissenschaftlichen Grundanlage (Nicht in ihrem nazistischen Gehalt, der ohnehin erst ex post in Heideggers Arbeiten nachgewiesen wurde.). Dass er die wesentlichen Fragen nicht unter den Bedingungen der Gegenwart behandelt habe, war der Kern seiner Kritik an Heidegger. „Was ist konkret eigentliche Existenz? Wie ist und ist überhaupt konkret eigentliche Existenz möglich?“, zitiert ihn Rolf Wiggershaus in seinem 1988 erstmals erschienenen Standardwerk „Die Frankfurter Schule“. Ihm fehlte die Verortung der Heidegger’schen Thesen in der konkret erlebbaren Gegenwart. Marcuse stand vielmehr in der Tradition des Marx’schen Credos, dass die materialistischen Bedingungen einen Einfluss auf die entstehenden Ideen besitzen. Die Dialektik von Sein und Bewusstsein ist bei Marcuse daher ganz in marxistischer Treue entschieden: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
Herbert Marcuse selbst hat
seine Kritik an Heideggers wissenschaftlicher (nicht politischer!) Ausrichtung
seiner Arbeiten berücksichtigt und immer wieder einen historischen Bezug in den
eigenen Arbeiten und Schriften hergestellt. Besonders eindrucksvoll geschieht
dies in seinem 1969 veröffentlichten „Versuch über die Freiheit“, einem Essay
über das Wesen des Industriekapitalismus und seine gesellschaftlichen
Auswirkungen. Dieser Zustand sozialer Differenzierung liegt nach Marcuse im Wesen der kapitalistischen Gesellschaft begründet, da diese nicht mehr nach der persönlichen und individuellen Befreiung strebt, sondern sich von den verlockenden Angeboten des Kapitalismus blenden lässt. Die kapitalistische Gesellschaft begibt sich in eine freiwillig gewählte Knechtschaft – eine „sozial gesteuerte Lähmung des Bewusstseins“, wie es Marcuse nennt – die in alle Lebensbereiche ausstrahlt. Dabei nimmt die Technisierung des Arbeitsprozesses eine entscheidende Rolle ein, denn das „ungeheure Wachstum der Arbeitsproduktivität“ erzwingt nach Marcuse „die immer ausgedehntere Produktion von ‚Luxusartikeln’.“ Das gesellschaftliche System, welches sich mit dem Kapitalismus etabliert, führt laut Marcuse schließlich dazu, dass das Aufbegehren gegen existierende Ungerechtigkeiten unterdrückt wird, indem der Mensch „libidinös und aggressiv“ zum Teil des Ganzen wird. „Das Bedürfnis, technische Gebrauchsartikel, Apparate, Instrumente und Maschinen zu besitzen, zu konsumieren, zu bedienen und dauernd zu erneuern, Waren, die den Leuten angeboten und aufgedrängt werden, damit sie diese selbst bei Gefahr ihrer eigenen Zerstörung gebrauchen, ist zu einem ‚biologischen’ [vitalen, A.d.A.] Bedürfnis im eben definierten Sinne geworden."
Starker Tobak, mag der
Leser im ersten Moment glauben und an die verbalen Ausfälle von so manchem
Globalisierungsgegner denken. Aber behält der philosophische Soziologe nicht
Recht, betrachtet man die Unmengen an Produkten, die zum Leben absolut unnötig
sind, aber in unserer Gesellschaft dennoch reißenden Absatz gewinnen? Parolen
wie „Geiz ist geil!“, „Alles außer teuer!“ oder „Zwanzig Prozent auf alles!“
prägen die allgegenwärtige blinde Jagd nach dem Neuesten, Größten und vor allem
Günstigsten. Ob der Konsument das braucht, steht nicht mehr zur Debatte. Angebot
bestimmt die Nachfrage ohne Bedarf. Die Offerten des Marktes haben in den
westlichen Gesellschaften des Industriekapitalismus längst die definitorische
Hoheit über die Richtigkeit und Vollkommenheit des Lebens übernommen (Schöne
Grüße von Herbert Grönemeyer. Jahr: 1983. Album: Gemischte Gefühle. Song:
Kaufen. Dort heißt es markant: „Ich hab schon alles, ich will noch mehr. [...]
Ich kauf, ich kauf, was ist egal.“). An den Warenkapitalismus schließt sich der Dienstleistungskapitalismus nahezu nahtlos an, denn schon vor der vollkommenen materiellen Bedürfnisbefriedigung (zu der es im kapitalistischen Materialismus sowieso nie kommen wird) tritt der Wunsch nach Entlastung und Arbeitsverlagerung auf den Plan. Insofern nimmt es nicht Wunder, dass die Nachfrage nach Putzfrauen, privater Kinderbetreuung und Einkaufsdienstleistungen – nicht nur bei den Schwerreichen – geradezu boomen. Der Grund ist einfach: Die Inanspruchnahme von derlei Diensten schafft zumindest eine gefühlte Befreiung. Da diese Freiheit jedoch maßgeblich vom System abhängt, ist sie keine tatsächliche. Und dennoch, Marcuses Annahme, dass die Verhältnisse des modernen Kapitalismus, insbesondere des Dienstleistungskapitalismus, „nicht nur für Knechtschaft und Mühsal verantwortlich, sondern ebenso für das größere Glück und Vergnügen“ zuständig sind, ist auch heute noch zutreffend und erfährt eben in dieser Entknechtung durch Verknechtung ihren Ausdruck. Die mediale Dauerberieselung hüllt das Subjekt dabei in einen Kokon aus Ignoranz und Selbstzufriedenheit, so dass jegliche Neigung zur Grundsatzkritik abhanden kommt. Marcuses Annahme, der Mensch würde in eine „organische Abhängigkeit“ zu den Verlockungen des Kapitalismus geraten, treibt wohl zu weit, aber vital kann diese Anbetung der vielfältigen Möglichkeiten und Versprechungen des Kapitalismus durchaus genannt werden. Inwiefern man da noch von Befreiung sprechen kann, fragt Marcuse ganz zu recht. Ob eine Befreiung aus dieser „Knechtschaft“ nur in der Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft möglich ist, bleibt kritisch zu betrachten. Insofern haben die in „Versuch über die Freiheit“ geäußerten Ansichten Marcuses durchaus eine aktuelle Relevanz, die man aber, ganz in seinem Sinne, in den aktuellen Verhältnissen betrachten muss. Denn bei aller Kritik an dem Bestehenden muss man doch zweifelsfrei gestehen, dass die Experimente des realen Sozialismus und Kommunismus zu großen Teilen nicht nur versagt haben, sondern unter fatalen Umständen gescheitert sind – man denke nur an den sowjetischen Gulag oder die kambodschanischen killing-fields. Der Franzose Stéphane Courtois hat das globale Scheitern der kommunistischen Idee an den gegebenen Realitäten sowie die Abgründe, in die die damit verbundenen Ideologien geführt haben, eindrucksvoll und faktenreich in seinen Schwarzbüchern des Kommunismus belegt. Wenn Marcuse schreibt, dass das Funktionieren einer Regierung „negativ definiert“ scheint, d.h. „als Abwesenheit von Bürgerkrieg, massenhaftem Aufruhr oder wirtschaftlichem Zusammenbruch“, so mag dies aus damaliger Perspektive plausibel erscheinen, aus heutiger Sicht jedoch nicht mehr. Die Zeit der Kolonialkriege zur Sicherung von Absatzmärkten ist vorbei – die globale allgegenwärtige Wissensgesellschaft lässt dies nicht mehr zu. Allerdings haben sich die Vorzeichen, durchaus in positivem Sinne, geändert. Wo sich früher Empörung über die Zustände und Verhältnisse in den kolonialen Absatzregionen breitgemacht haben, regt sich heute Widerstand gegen die Produktionsbedingungen in den Herkunftsländern – gegen Kinderarbeit, Versklavung oder Ausbeutung. Die globale Informationspolitik hat es ermöglicht, dass derlei Missstände publik werden, für Unmut sorgen und Einfluss auf staatliches Handeln nehmen. Auch kriegerische Konflikte und menschenrechtliche Bedenken haben heute einen sehr viel größeren Einfluss auf Regierungshandeln, als dies Marcuse hat ahnen können. Seine These lautete noch: „Militärdiktatur, Plutokratie und das Regieren mit Banden und Schlägern. Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind keine wirksamen Argumente gegen eine Regierung, die Eigentum, Gewerbe und Handel zu Hause schützt, während sie draußen zerstörerische Politik verfolgt.“ Dies stimmt nicht mehr in dem Maße, wie man das noch für die siebziger und achtziger Jahre mit seinen von den USA finanzierten Militärdiktaturen Südamerikas und den kommunistischen Regimes Osteuropas behaupten konnte. Trotz der Existenz dunkler Flecken in dieser Welt, wie Afghanistan, Irak, Iran, Kuba, Kongo, Myanmar, Nordkorea, Pakistan, Sudan, Syrien, Turkmenistan oder Weißrussland (diese Liste beansprucht keine Vollständigkeit) scheint sich doch ein humanistischer Grundgedanke etabliert zu haben, der es zum einen ermöglicht, diese Staaten und ihr Handeln als inhuman und menschenverachtend aufzuzeigen, und der es den anderen Staaten der Weltgemeinschaft zum anderen schwierig macht, mit diesen Staaten zu kooperieren oder zu handeln, ohne den eigenen inneren Frieden zu berühren. Marcuses Essay „Versuch über die Befreiung“, jetzt in der Reihe Suhrkamp 1968 neu aufgelegt, ist daher ein interessantes Dokument um das Gestern mit dem Heute abzugleichen, den Kapitalismus – ein System, in dem und mit dem ein Großteil der Menschheit heute ganz selbstverständlich aufwächst – einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Manche der Thesen Marcuses findet noch heute durchaus Bestätigung, etwa wenn er schreibt: „Die ‚bösen’ Wörter sind a priori für den Feind reserviert.“ Es ist geradezu erstaunlich, wie er hier den Gebrauch sprachlicher Euphemismen, wie man ihn derzeit vor allem in der englischen Militärdiktion feststellen kann feststellen kann, wo statt „Folter“ (torture) Wörter wie „Missbrauch“ (abuse) oder „Demütigung“ (humiliation) benutzt und „zivile Opfer“ zu „Kollateralschäden“ entmenschlicht und degradiert werden, völlig zeitlos auf den Punkt bringt. Anderes muss man revidieren bzw. den aktuellen Verhältnissen anpassen. So z.B. die Annahme, dass das „Leben ohne Arbeit“ aufgrund des Kapitalismus eine neue Bedeutung hat, „ein Leben um des Lebens willen“ in den kapitalistischen Ländern ermöglicht und „den Genuss des Lebens erlaubt“, wie er es in einem WDR-Interview (auf beiliegender DVD) 1976 behauptet. Eine neue Bedeutung hat das Leben freilich schon, jedoch haben die Globalisierung und damit der so genannte freie Waren- und Dienstleistungsverkehr eine davon abweichende Definition von „Leben ohne Arbeit“ aufkommen lassen, denn mit den Waren und Dienstleistungen wandern auch die Arbeitsplätze. Träumte man in den siebziger Jahren noch den Traum von der arbeitsfreien Gesellschaft, hat sich diese Utopie zum Alptraum entwickelt. Heute rückt wieder die Frage in den Vordergrund, ob nicht doch die Arbeit das Leben bestimme und sei es auch nur in der subjektiven Wahrnehmung. Ein Großteil der Arbeitslosen fühlt sich keineswegs von der Arbeit befreit, sondern im Zustand der Nutzlosigkeit gefangen. Wie soll ein Leben genossen werden, wenn ein wesentlicher Inhalt des Daseins, die Berufstätigkeit, abhanden kommt? So ist bei einem nicht geringen Teil der Bevölkerung die viel versprechende Freiheit des Kapitalismus inzwischen von der Beschränktheit und Herabsetzung des prekären Daseins abgelöst worden – auch das ist ein Resultat des bestehenden Kapitalismus. Bei einem weiteren Teil hat die Teilnahme am kapitalistischen Arbeitsprozess (unter zum Teil unmenschlichen Zuständen, wie die Skandale um die Arbeitsbedingungen bei Lidl oder Schlecker belegen) die schlichte Funktion, den momentanen Lebensstandard halten zu wollen. Die Angst des Abstiegs geht in den urkapitalistischen Gesellschaften um, so dass das vom Kapitalismus versprochene „Leben ohne Arbeit“ längst keine Verheißung mehr ist. Es ist zur Bedrohung geworden. Der Schlachtruf der Arbeitsfreiheit hat sich gegen die primären Nutznießer der kapitalistischen Industrialisierung gewendet, denn die marktwirtschaftliche Gewinnmaximierung der Moderne hat den semantischen Gehalt der Marcuse’schen Arbeitsfreiheit verändert. Aus globaler Sicht heißt dies lediglich, dass diejenigen, die vor Jahrzehnten noch ihrer Lebenschancen beraubt wurden, nun ihre einzige Chance ergreifen – sie werden ein Teil des Ganzen. Die große Freiheit des Kapitalismus – es gibt sie eo ipso nicht. Letztlich ist der Kapitalismus ein von Menschen gemachtes System, dessen Inhalt auch von Menschen gefüllt wird. Er ist weder die wirtschaftspolitische Verheißung in die Freiheit, noch das Teufelswerk der Moderne, das in die Knechtschaft treibt. Es gibt derzeit keine funktionierende Alternative zum Kapitalismus, was aber nicht heißt, dass man dessen Wesen, die Ausgestaltung und seinen Missbrauch nicht kritisieren dürfte. Der Kapitalismus ist nicht frei von menschlichem Einfluss, nur muss es Menschen geben, die diesen wahrnehmen. Daher muss an dieser Stelle eine völlig andere, zutiefst menschliche Dimension hinzugezogen werden: die Wertedimension. Gesellschaftliche Werte wie Moral, Aufrichtigkeit, Anstand etc. geraten in einer zunehmend am Gewinn orientierten Gesellschaft ins Rutschen. Auch in Deutschland kann man dieses Abgleiten der Werte feststellen, wenn z.B. Manager hauptsächlich in die eigene Tasche wirtschaften und im großen Stil Steuern hinterziehen sowie wenn soziale Unternehmensverantwortung hinter dem Profit und der Aktionärsrendite zurückstecken muss. Wenn Aktienkurse Sprünge machen, weil Mitarbeiter entlassen werden, stimmt etwas mit der wirtschaftlichen Moral dieser Gesellschaft nicht. Eine solche untergräbt die Friedfertigkeit und das Zusammenleben einer Gemeinschaft zunehmend. Es kann daher eigentlich nicht in ihrem Interesse liegen, ein solches System derart zu erhalten. Statt also den Trägern des profitorientierten Kapitalismus, den so genannten Funktionseliten, den roten Teppich auszurollen, sollte man den Ideen der verbliebenen Werteeliten mehr Kraft verleihen und ihre Umsetzung anstreben.
Unter diesen Bedingungen ist eine kritische Betrachtung des Kapitalismus nicht
nur wünschenswert, sondern geradezu unabdingbar. Konstruktiver als Marcuses
utopistische Aussicht auf eine „Kultur der Rezeptivität“, in der das
„Fortschreiten zu einer Stufe der Zivilisation, auf welcher der Mensch gelernt
hat zu fragen, für wen oder wofür er seine Gesellschaft einrichtet“, sollte
sie dann aber doch sein. Anregungen für eine solche Debatte gibt Marcuses Essay
genug, das Diskutieren seiner Thesen über den Kapitalismus und seine
gesellschaftlichen Effekte im Hier und Heute ist jedoch unerlässlich und Aufgabe
einer reflektierenden Gesellschaft. |
Herbert Marcuse |
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