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de BalzacBerserker und Verschwender Balzacs Vorrede zur Menschlichen Komödie Die Neuausgabe seiner »schönsten Romane und Erzählungen«, über eine ungewöhnliche Erregung seines Verlegers Daniel Keel und die grandiose Balzac-Biographie von Johannes Willms. Leben und Werk Essays und Zeugnisse mit einem Repertorium der wichtigsten Romanfiguren. Hugo von Hofmannsthal über Balzac »... die größte, substantiellste schöpferische Phantasie, die seit Shakespeare da war.« Anzeige Edition
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Die Dokumentation »Migropolis«
zeigt, wie die gegenwärtigen Prozesse der Globalisierung das Leben steuern.
Zwei leere Getränkekisten
stehen kopfüber auf dem menschenleeren Platz im Zentrum Venedigs. Auf der einen
liegt ein aufgeschlagener Ordner mit Mustern und Vorlagen für Henna-Tattoos. Die
andere steht etwa einen Meter dahinter, verformt vom Gewicht des Bangladeschis
Zillur, der mehrere Stunden täglich auf der Kiste sitzt und auf Kundschaft
wartet. Vor wenigen Minuten hat der irreguläre Einwanderer seinen Arbeitsplatz
verlassen – wie übrigens auch die unzähligen Straßenhändler aus dem Senegal, aus
China und aus anderen Armenhäusern dieser Welt, die sich sonst neben ihm auf dem
Platz tummeln – weil sich eine Polizeipatrouille nähert. Die Polizisten werden
an den Kisten vorbeigehen und Zillur wenige Minuten später wieder an seinem
Stammplatz auf neugierige Touristen warten.
Demzufolge prallen Migration und Tourismus in der norditalienischen Stadt frontal aufeinander. Während die Einwohner Venedigs dem täglichen Ansturm der Besucher und der Einwanderer entfliehen und der Stadt den Rücken zudrehen, kulminieren in Venedigs Zentrum die globalisierten Menschenströme in einem einzigartigen Prozess der Verwicklung. Chinesische Touristen kaufen in der Stadt von irregulär eingewanderten Straßenhändlern billige Kopien „echter“ italienischer Erinnerungsstücke, von denen nur Sekunden vorher das Etikett „Made in China“ entfernt wurde. Amerikaner, Britten und Russen mieten sich in klassische Hotels mit italienischem Ambiente ein und ahnen nichts davon, dass rumänische und moldawische Zimmermädchen ihre Betten aufschütteln. Deutsche und Australier genießen ihre italienische Pizza und loben die cucina italiana, die sich Ägypter und Marokkaner akribisch angeeignet haben. Nur so kann das System der Dumpingpreise aufrechterhalten werden. Solche mit der Globalisierung einhergehenden Prozesse verändern im Hintergrund die Realitäten, um im Vordergrund ein illusionär-romantisches Bild zu bewahren.
Diese Täuschung basiert
auf einer kollektiven Blendung, der Wahrnehmung eines ikonografischen Bilds von
Venedig, das in der Realität maximal noch ansatzweise Niederschlag findet. Der
Ort des täglichen Spektakels ist eine mit Wunschdenken und Idealen aufgefüllte
Kulisse. Die Paläste hinter den metergroßen Plakaten der globalen Modemarken
sind leer, ihrer Funktion beraubt, zu bloßen Werbeträgern verkommen. Die
alteingesessenen italienischen Bäckereien und Restaurants sind längst
geschlossen und von den immergleichen Modelabels und Fast-Food-Restaurants
ersetzt worden. Der Tourist nimmt das nicht wahr. Er sieht nur das, was er sehen
will. Die Illusion ist perfekt.
Diese „Eskalation der
Globalisierung“ haben Studenten an der Universität für Architektur in Venedig
unter der Ägide des deutschen Philosophen Wolfgang Scheppe in einem bisher
einzigartigen Forschungsprojekt untersucht. Daraus entstanden ist ein
Kaleidoskop der Globalisierung, in dem sie die sozialen, finanz- und
wirtschaftspolitischen sowie kulturellen Bewegungen der Stadt festgehalten
haben. Scheppes Studenten belegen auf eindrucksvolle Weise die Auslieferung der
Stadt an die sie überrollenden Menschenströme.
Zugleich ist dieser Band
auch ein Stück Kunstgegenstand. Bereits in seiner Grundanlage wird die Kunst
deutlich, dieses hochkomplexe Thema von all seinen Seiten zu beleuchten. Die
eigentliche Schwierigkeit solcher Publikationen besteht jedoch darin, das
unzählige statistische Grundlagenmaterial attraktiv und vielfältig
aufzubereiten, um den Leser nicht mit Balken- und Kreisdiagrammen zu erschlagen
und in die einschläfernde Monotonie zu treiben. In diesem bereich glänzt der
Band durch einen selten gesehenen Einfallsreichtum. Attraktiver und
abwechslungsreicher kann man statistische Daten nicht aufbereiten, als es
Scheppe und seine Studenten getan haben. Zugleich ist es ihnen gelungen, durch
intelligente Grafiken die Aussagekraft der statistischen Grunddaten
eindrucksvoll zu maximieren, so dass dem Leserin zahlreichen Fällen die
Bedeutung dieser Daten erstmals in all ihren Ausmaßen bewusst wird. |
Wolfgang Scheppe |
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