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Schreibendes
Gewissen
Nichts ist so
wahrscheinlich, wie der Untergang. Ob im Iran, in Kolumbien, auf dem
südchinesischen Meer oder mitten in Amerika. Der junge amerikanische Autor Nam
Le erzählt eindringlich von der Brutalität des Lebens und zwingt uns, ihm ins
Gesicht zu schauen.
»Im
Krieg« wäre der passendere Titel für den Erzählband des amerikanischen
Vietnamesen Nam Le. Denn alle Geschichten in seiner Sammlung
»Im
Boot« erzählen vom Krieg in seinen unterschiedlichen Ausprägungen: vom
Vietnamkrieg, dem Krieg der kolumbianischen Drogenkartelle, dem Atomkrieg und
dem Krieg der Geschlechter. Dabei zeigt er, wie nah das Banale und das Besondere
beieinander liegen, wenn man genau hinschaut. Seine Figuren wandeln stets am
Abgrund, gehen oft ihrem sicheren Untergang entgegen, direkt und ohne Umwege.
In der Auftakterzählung
stellt sich der Autor selbst in den Mittelpunkt der Erzählung und löst die
Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit auf. Ein Student für kreatives
Schreiben wird von seinem vietnamesischen Vater besucht. Der Vater kommt wenige
Tage, bevor sein Sohn einen Text abgeben muss und liefert ihm mit seiner
Fluchtgeschichte die ideale Vorlage. Allerdings verbrennt der Vater am Tag der
Abgabe die einzige Abschrift der Erzählung und der Leser fragt sich sogleich,
was er hier wohl in der Hand hat. Die Geschichte einer Geschichte? Einen Ersatz?
Einen fiktiven Text oder ein Dokument der Wirklichkeit? Es bleibt rätselhaft, im
Dunkeln, wie auch die anderen faszinierenden Erzählungen des erst
dreißigjährigen Autors.
Nam Le studierte zunächst
Jura in Melbourne und arbeitete danach kurz als Anwalt. Die Freude am
juristischen Zerpflücken hat er jedoch nie gefunden, brach seinen Job ab und
ging ein Jahr lang auf Weltreise. Dabei entstand das Storybord für einen Roman,
mit dessen ersten drei Kapiteln er sich 2003 in Iowa bewarb. Nam Le erhielt ein
Stipendium des Truman Capote Fellowship Creative Writing in Iowa und begann, de
Geheimnisse des Schreibens für sich zu entdecken. In dieser Zeit versuchte er,
seinen angefangenen Roman zu beenden. Als dieser jedoch auf 700 Seiten
angewachsen war, musste er feststellen, dass er nicht funktionieren würde.
»Niederschmetternd«
sei die Einsicht gewesen und so begann Le von neuem zu Schreiben. Er zog nach
Massachusetts, erhielt ein weiteres Stipendium und begann, die Nacht zum
Arbeitstag zu machen. Am Nachmittag stand er auf und begann, bis in die frühen
Morgenstunden zu Schreiben. Tagein, tagaus. In diesen dunklen Stunden sind
düstere Erzählungen voller Kraft entstanden.
Die Kunst dieser Texte
besteht darin, innerhalb weniger Zeilen vom trivialen Alltag eines x-beliebigen
Lebens in dessen grausame Realität vorzustoßen, ganz egal, ob sich diese in der
Favela einer kolumbianischen Millionenmetropole oder der Idylle einer
amerikanischen Kleinstadt abspielt. Das Dunkel lauert hinter jeder Ecke. Die
Eindringlichkeit seiner Geschichten versetzt den Leser in ein Gefühl der Ausweg-
und Alternativlosigkeit. Es scheint in den sieben Erzählungen gar keine andere
Möglichkeit zu geben, als der am Horizont heraufziehende Untergang. Die
Protagonisten scheinen der Grausamkeit und Brutalität, die ihnen widerfahren,
fast sinnlos ausgeliefert. Man möchte fast sagen, dass über den Erzählungen eine
Lebensmüdigkeit, eine Lethargie vor der unausweichlichen Realität liegt, die wir
erst durch Le’s Erzählungen in all ihrem Ausmaß begreifen lernen.
»Die
ganze Welt wirkt, als stünde sie auf dem Kopf; unter uns sind die Sterne und
über uns ein Himmel, der die Farbe von Erde hat.« Eine Perspektive, die an den
toten Blick des am Boden liegenden Opfers erinnert.
Die Opfer in Le’s
Erzählungen sind die des zwanzigsten Jahrhunderts. Sei es der kolumbianische
Teenager Juan Pablo Merendez, der als Auftragskiller seinen besten Freund
verschont und damit sein eigenes Todesurteil spricht. Oder die Amerikanerin
Sarah, die in den Iran reist und vor deren Augen sich alle Illusionen und
Hoffnungen auf einen humanen Islam im Nichts auflösen. Oder der adoleszente
Jamie, der sich ausgerechnet in Alison verlieben muss, die aber bereits an den
stadtbekannten Schläger Dory vergeben ist. All diese Personen tragen einen
Funken Zuversicht in sich, dessen Vergeblichkeit bereits mit dem ersten Wort der
Erzählung offensichtlich ist. Es gibt keinen Ausweg aus der Realität, der sie
ausgeliefert sind, denn nicht sie sind Herr der Situation.
In
all seinen Erzählungen entreißt Le der westlichen Gesellschaft den Spiegel der
Blendung und zwingt sie, in den Abgrund zu schauen, der Wirklichkeit heißt. Mit
dieser unzweifelhaft politischen Prosa eroberte er im vergangenen Frühjahr die
amerikanischen Bücherlisten und war aus den Top Ten für 2008 nicht mehr
wegzudenken. Seine sich durch alle Erzählungen ziehende Anklage lautet: Die Welt
da draußen ist eine Welt voll Krieg und Elend und wir schauen tatenlos zu. In
»Tehran
Calling«
wirft die Iranerin Parvin ihrer amerikanischen Freundin Sarah diese
scheinheilige westliche Haltung vor die Füße:
»Ich
habe die Nase voll von den ewigen Debatten und Ausflüchten. Wir eiern hier bloß
rum, statt endlich zu handeln. Die andern, die handeln – frag mal das
hingerichtete Mädchen, wie lange sie gezögert haben.«
Und auch hier verwischt wieder die Fiktion mit der Realität, denn diese Aussage
scheint kaum noch ein bloßer literarischer Akt zu sein, sondern vielmehr
politisches Statement eines Schriftstellers, der sich mit jeder seiner
Erzählungen ein Stück Empörung von der Seele schreibt? Die schreibende Zunft
Amerikas beweist immer wieder, dass sie ein politisches Gewissen hat – Nam Le
ist eines ihrer neuen jungen Gesichter. Thomas Hummitzsch
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Nam Le
Im Boot
Erzählungen
Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff
Claassen-Verlag
Berlin 2008
332 Seiten
22,00 €.
ISBN 3546004426
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