Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik




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Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:

Die menschliche Komödie als work in progress

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Ansichten eines Masochisten

Guido Rohm über Stefan Kiesbyes Roman »Nebenan ein Mädchen«

Ich erinnere mich an eine Sendung des »Literarischen Quartetts«, in der Marcel Reich-Ranicki sich über Romane erregte, die aus der kindlichen Perspektive erzählen. Zu oft würden die Autoren ihre sprachlichen Schwächen hinter dem Kindergesicht verbergen. Da kam kaum etwas gut weg. Auch Hesses »Unterm Rad« fiel eher durch. Aber Hesse hatte es ja eh nie leicht bei Herrn Reich-Ranicki. Das wäre ein Autor für die Pubertierenden. Da kann ich mich nur anschließen. Aber darum soll es hier nicht gehen.
Hier soll es um einen Roman gehen, der aus der kindlichen Perspektive geschrieben ist und auf ganzer Länge funktioniert. Es gibt solche Romane eben doch. Basta, Herr Reich-Ranicki. 

Moritz ist Mitglied der Dachse. Die liegen im Dauerkrieg mit den Füchsen. Zeitlich befinden wir uns irgendwo in den 1970ern. Die Kinder sind hier keine Kinder mehr. Die Erwachsenen scheinen noch nie erwachsen gewesen zu sein. Die Luft ist erfüllt von einer unausgesprochenen Melange aus Sex und Gewalt. Jeder schnuppert sie. Jeder atmet sie. Keiner will ohne sie leben. Kein Wunder also, das die Jungs auch hin und wieder mal gerne in einem Buch vom Marquis de Sades blättern. Vorbilder gibt es halt immer. Und gerade in der Pubertät sucht man nach Vorbildern. Die Erwachsenen geben leider keine guten ab. Und wenn sie dann mal mit den Kindern umgehen, speien sie denen wieder nur bekannte Melange in den Mund.
Verrohung ist in diesen Tagen ein großes Thema. Der Roman
»Nebenan ein Mädchen« packt das Thema an. Und noch viele andere.
Die Kapitel sind wie Maschinengewehrfeuer. So tappt man von einem Sodom zu nächsten. Hätte nie geahnt, dass sich diese Stadt maulwurfshügelartig durch einen Roman fressen könnte. Irgendwann entdecken Moritz und seine Bande dann bei einer Toten ein Mädchen. Allzu gut geht es ihr nicht gerade. Warum das so ist und was sie mit ihr machen, müssen Sie schon selbst nachlesen. 

Zwei Stunden sind vergangen.        
Was für ein Buch. Man schlägt es zu, während die Augen noch lange auf einem Fleck im Zimmer hängen bleiben, ohne ihn zu identifizieren. Man hängt der Geschichte nach, das eben Gelesene hat einen erschlagen. Bei der
»Schachnovelle« von Zweig ging es mir genau so. Ist aber schon lange her.
Atemlosigkeit ist es, die einen nach Atem schlucken lässt. Man hat die Luft einfach zu lange angehalten. Da kann man froh sein, nicht einfach tot vom Sofa gekippt zu sein.
Am liebsten würde man mit jemanden über das Buch sprechen. Geht nicht. Neben der Atemlosigkeit hat einen auch noch die Sprachlosigkeit gefangen.
Die Filme des Österreichers Michael Haneke haben eine ähnliche Wirkung wie der Roman des in Los Angeles lebenden Autoren Stefan Kiesbye. Der hatte
»Nebenan ein Mädchen« bereits 2004 in den USA veröffentlicht. Nun liegt uns seine eigene Übersetzung vor. Und das ist gut so, denn sonst wäre uns ein gewaltig großes Buch entgangen.
Die unaufgeregte Sprache nimmt einen sofort gefangen. Es ist ein Kinderton und doch kein Kinderton. Denn Kinder sprechen so nicht.

Moritz ist kein Kind wie wir es kennen wollen. Und doch gibt es diese Kinder. Die Kapitel sind kurz gehalten und tragen knappe Titel. Sie erinnern irgendwie an Schulaufsätze. Die Sätze fallen wie trockener Wüstensand über einen her. Durst bekommt man auch. Einzig die Spannung verwehrt die Frage nach einem Glas Wasser. Die Sachlichkeit, die so sehr den vorgetragenen Grausamkeiten widerspricht, ist es, die einen bei der Stange hält und einen nach fünfzig Seiten mehr als ahnen lässt, hier ein großartiges Kunstwerk in den Händen zu halten.

Es gibt keine emotionalen Einschübe, keine moralischen Urteile. Es gibt einzig die Gnadenlosigkeit der Darstellung. Das Buch besteht aus einer puren Oberfläche, die sich schnell als die Glätte eines Gewehrlaufs herausstellt. Haneke forderte, große Kunst müsse gefährlich sein. »Nebenan ein Mädchen« ist ein Minengebiet. Die Dinger fliegen einem im Sekundentakt um die Ohren. Kein Wunder also, wenn man sich »etwas« erschöpft nach der Lektüre fühlt.
Schön, das ein kleiner Verlag wie der Jens Seeling Verlag sich dieses Romans angenommen hat. Ich kann ja nicht sagen, welchen Verlagen er sonst noch angeboten wurde, aber sollten sie existieren, kann ich nur sagen: Idioten! Umso mehr aber muss man dem Jens Seeling Verlag hohe Verkaufszahlen wünschen. Es muss doch nicht immer sein, dass sich große Romane erst nach zweihundert Jahren als große Romane entpuppen. Ich kann nur allen Lesern sagen: Kaufen. Dann seid ihr ganz nah an großen Kunstwerken der Moderne dran.
So wie die Filme von Haneke, Seidl und Noé sich einem breiten Publikum in den Weg stellen, so stellt sich Kiesbye uns in den Weg. Er macht es uns nicht einfach. Und das ist gut so. Deshalb bleibt einem das Buch im Kopf und im Körper hängen. Gute Bücher müssen Schmerzen verursachen. Dieses lässt einen leidend aufjaulen. Danke für dieses Martyrium, Herr Kiesbye, wo immer sie in Los Angeles wohnen mögen. Ich hoffe auf weitere Anschläge. Es verbleibt, der Ihnen sehr verbundene Masochist Guido Rohm.
Und nun will ich mit den beiden letzten Worten Ihres Romans schließen: Das wär`s.

Stefan Kiesbye
Nebenan ein Mädchen
Jens Seeling Verlag 
Broschur
112 Seiten
10,80 Euro
ISBN 13: 978-3-938973-09-7


 


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