Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik




Die menschliche Komödie
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Zum 5-jährigen Bestehen ist
ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren
mit 176 Seiten, die es in sich haben.

 

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Ulrich Breth über die Metamorphosen des großen Rätselhaften mit 7 Songs aus der Tube

Glanz&Elend - Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:

Die menschliche Komödie als work in progress

»Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen«
Zu diesem Thema haben wir Texte von Honoré de Balzac, Hannah Arendt, Fernando Pessoa, Nicolás Gómez Dávila, Stephane Mallarmé, Gert Neumann, Wassili Grossman, Dieter Leisegang, Peter Brook, Uve Schmidt, Erich Mühsam u.a., gesammelt und mit den besten Essays und Artikeln unserer Internet-Ausgabe ergänzt. Inhalt als PDF-Datei
Dazu erscheint als Erstveröffentlichung das interaktive Schauspiel »Dein Wille geschehe« von Christian Suhr & Herbert Debes
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Herr Wu lacht
Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

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Eine Kolumne

von Verena M. Dittrich

»Weißt du, was Kapitalismus ist? Angeschissen werden!«

Es wird immer gern so getan, als hätte es die Stasi nur in der damaligen Zone gegeben und als bekannt wurde, dass Tattergreis Mielke bis an den Rand gefüllte Keller mit Geruchsproben von Leuten hatte, die bespitzelt wurden, ging ein lautes Raunen durch die Nation. Die Proben befanden sich zwar in Omas Einweckgläsern und waren liederlich mit Schlüppergummi abgedeckt, aber gelacht hat in dem Moment keiner mehr, denn irgendwo hört der Spaß schließlich auf! Es wurde mit dem Kopf geschüttelt und die Stirn verächtlich in Falten gezogen. Skrupellos sei das, menschenverachtend und unter aller Sau. Wenn es darum ging, die Machenschaffen der Stasi mit Worten zu verurteilen, mussten manchmal fast neue erfunden werden, denn das Repertoire an Vokabeln war- wie die Zone selbst- irgendwann erschöpft.
Wenn man heute liest, dass wieder irgendwo irgendwer, irgendjemanden ausspioniert hat, zieht man höchstens noch die linke Augenbraue nach oben. Medien[un]wirksame Schnüffeleien und Bespitzelungen wie bei Lidl, Rewe oder Plus: Wen interessiert das noch? Is’ eben so. Das muss die Frau Grabowski eben aushalten, dass man sie in der Umkleidekabine beobachtet oder heimlich in ihrer Tasche wühlt. Schließlich ist sie keine Zwanzig mehr und kann froh sein, dass sie überhaupt noch Arbeit hat. Und außerdem ist es doch toll, wenn was Spannendes in den Personalakten der Mitarbeiter steht, sonst wird’s für den Personaler auf seinem voll gepupten Stuhl ja langweilig. Willkommen ist alles an Information, was Auskunft über den Mitarbeiter gibt: Ob er krank ist, welches Parfüm er benutzt, ob er überhaupt Parfüm benutzt, wann er in die Firma kommt, wann er aufs Klo geht und so weiter.

Es kann demnach kein Zufall sein, dass die nächste Spitzelaffäre wieder im Einzelhandel ist und auch nicht, dass sie wieder auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen wird, die sowieso- und das muss mal gesagt werden- nichts zu melden haben und auch gern mal vor den Kunden rundgemacht werden, weil zum Beispiel in der Gemüseabteilung drei angeschlagene Gurken nicht entfernt wurden. So eine Mitarbeiterin wird zur Freundlichkeit gezwungen, obwohl Kunden an der Kasse manchmal fast auf ihren Kittel kotzen. Macht nichts: Freundlichkeit muss sein! „Sammeln Sie die Herzen, Schönen Abend noch, Schöne Feiertage, Möchten Sie eine Tüte? usw. usf.

Wenn man mitzählt, wie viele Kunden oder vielleicht sollte man sagen: wie wenig Kunden überhaupt zurückgrüßen, möchte man ihnen am liebsten mit den Worten von Tony Montana begegnen und sagen, dass sie sich ihren Kopf in den Arsch stecken sollen, um zu gucken, ob er reinpasst.

Ich möchte keine Verkäuferin bei Lidl oder Edeka sein und dort an der Kasse sitzen, nachdem mich so ein beschissener Detektiv ausspioniert und meinem Chef gemeldet hat, dass ich einen Eintrag bei der Schufa oder Schulden bei Otto habe. Ist dieser Mist noch steigerbar? Ja, er ist.

Laut „Fokus“ sollen Detektive, die von Chefe himself beauftragt wurden, sogar Autos von Mitarbeitern kontrolliert haben. Wenn Angestellte wie Frau Grabowski sich weigerten, ihren Wagen zu öffnen, wurde ihnen gedroht, die Polizei zu rufen und darauf hingewiesen, dass das Ganze arbeitsrechtliche Konsequenzen haben würde. Da fragt man sich doch, wie Edeka sich hier herausreden will: „Wir waren nur um das Wohl unserer Mitarbeiter besorgt.“ Alles klar.

Dass gerade im Lebensmittelgeschäft ein erbarmungsloser Preiskrieg und Dumpinglöhne herrschen ist allgemein bekannt und wird stillschweigend in Kauf genommen. Ist ja auch zu schön, am Wochenende um Mitternacht ne Tütensuppe und zwei Bier kaufen zu können. Und wen kümmert es, wie die Discounter heißen: Rewe heißt jetzt Netto, Netto ist aber nur netto mit dem echten Scotti, Kaisers ist für alle da. Der eine will billiger, kundenfreundlicher, strategischer und effizienter sein, als der andere. Erdbeeren im Winter? Kein Problem. Zahlen wir der Frau Grabowski eben dieses Jahr ihr Weihnachtsgeld nicht aus. Müssen ja sparen.

Letztens habe ich mitbekommen, wie so eine aufgetakelte Bereichsleiterin einer Verkäuferin direkt vor den Kunden die Leviten gelesen hat: „Was sind das für Tüten? Warum steht das hier rum? Ihr Kittel hat Flecken!“ Die Verkäuferin lief rot an und schwieg und die aufgetakelte Tante zog von dannen, nachdem sie nicht vergaß mitzuteilen: „den Vorfall zu melden“. Ich gehe fast jeden Tag in diesen Laden. Der ist vollkommen okay, die Leute sind freundlich, das Angebot ist breit gefächert und nicht übertrieben. Es gibt also keine Erdbeeren im Winter. Aber nein, alles muss immer noch ein bisschen mehr sein, noch größer, noch wahnsinniger. Wenn ich diese Betriebsbereichsleiterin noch einmal in m e i n e m Markt rumbrüllen höre, und das meine ich nicht larmoyant, geh' ich zu ihr hin und hau’ ihr- mit den Erdbeeren, die es dort nicht gibt- eine vor die 12. Ich schwörs!

(Weihnachts-Tipp: Verkäuferinnen zurückgrüßen. Danke sagen.)
*Titel- Zitat: Al Pacino, Scarface.

Der falsche Horst

Dank ARD ist es offiziell: Bundespräsident Horst Köhler hat sein Amt unter falschem Vornamen bekleidet. Denn eigentlich heißt der Horst gar nicht Horst, sondern Klaus! Man hat sich als mitdenkender Bürger sowieso schon gefragt, wann endlich mal einer kommt und aufdeckt, dass der Horst Köhler ein riesengroßer Fan von Gildo Horn ist, der mit bürgerlichem Namen nämlich wirklich Horst Köhler heißt, es aber vorzog – weil er singt und tanzt und so – einen Künstlernamen zu benutzen. Ergo hat der Klaus Köhler sich gedacht: „Ach, das find’ ich cool, das mach’ ich auch einfach mal.“ Dabei ist der Klaus gar kein Künstler, sondern Bundespräsident, aber genaugenommen ist das ja irgendwie das Gleiche: Man tritt vor Publikum auf, redet viel, geht auf Empfänge, sagt was ins Mikro und hat die Medien im Nacken und hinter der Schlafzimmertür.

Nachdem die ARD-Detektei den geheimen Tipp eines noch geheimeren Informanten bekam, hat sie sich sofort auf die Pirsch gemacht, um die Indizien (dass der Horst nicht Horst heißt) zu beweisen, was bravourös gelungen ist. Und überhaupt: Schon vor einem Jahr war man dem Klaus Köhler dicht auf der Spur, verlor sie aber wegen eines Fußballspiels. Aber, und das muss mal in aller Deutlichkeit gesagt werden: Bei den öffentlich rechtlichen arbeiten nur studierte, engagierte und kompetente Leute! Dass denen zwar dreimal die Woche in Live-Sendungen Malheurs passieren, die größer als Elefantenscheiße sind, ist doch nicht schlimm! Irgendwie muss man die erhöhten GEZ- Gebühren und niedrigen Gehälter schließlich rechtfertigen. … Und ob die Deutschlandfahne, wenn sie im Tagesschau-Hintergrund eingeblendet wird, «Schwarz-Rot-Gold» oder «Rot-Schwarz-Gold ist», ist doch schnuppi! Wen juckt das schon? Ein Viertel der Deutschen denken sowieso, dass Hammer, Zirkel und Ehrenkranz fehlen. Na, also!

25.05.2009

Dschörmänis next Top-Model : Einfach sensationell

Was für ein Christi Himmelfahrtstag! Was für ein beschissenes Wetter! Was für ein wunderwunderwunderschönes Germanys next Top-Model- Finale! Hundert Millionen Deutsche guckten sich zuhause vor den heimischen Flachbildschirmen die Augen wässrig und lauschten inbrünstig dem leicht nasalen Singsang samt Versprecherlis, Huhus und Tschüssis von Heidi Klum, Moderatorin der „sensationellen“ Show.

Ja, das war schon ein „absoluter Wahnsinn“, als die Heidi mit ihren 35cm hohen Louboutins auf die Bühne stakste, ganz oft „keine Spucke mehr im Mund“ hatte, weil sie „so aufgeregt“ war, in einer Riesenhalle eine Riesenshow vor einem Riesenpublikum zu moderieren. Live !

Alle (Publikum inklusive!) sahen “supertoll” und “Hammer” aus und freuten sich, einschließlich Gewinnerin Sara, die das schon machte, als die dritt platzierte Marie noch einmal „alles geben“ wollte und Laufstegqueen Mandy feststellte, dass sie sich innerhalb der letzten drei Monate „vom Entchen zum schönen Schwan verwandelt“ hat. „Sensationell, Wahnsinn, einfach großartig“, diese Topmodels!

… “Was die alles geleistet und auf die Beine gestellt haben!” Ja, das muss Frau schon mal sagen, verdient Respekt. War ja auch nicht einfach, so lange von zuhause weg zu sein, in soner blöden Schicki-Villa zu wohnen, die in besagtem Falle auch noch- wie schrääääcklich!- über einen hauseigenen Pool verfügte. Nicht zu vergessen, dass die armen Models nach Hawaii, New York und ins Meer mussten. Zum arbeiten! Wie doof ist das denn? Aber die ganze Plage hat sich gelohnt. Die Gewinnerin hat neben tollen Werbe-Verträgen mit Hertie, Tschuldigung: C&A sogar ein Auto abgesahnt, worüber sie sich natürlich – ja, büdde büdde, ich sags zu gern- schon wieder „unheimlich“ gefreut hat.

Wenn man als Fernsehzuschauer nicht das Glück hatte, bereits während der Show vor Fremdschämen ohnmächtig geworden zu sein, ist man spätestens 5 Minuten nach dem Finale schamdurchpulst hinter das heimische Sofa gekippt, weil man das Interview von „red“-Moderatorin und Transe look a like Carpendale-Freundin Annemarie Warnkross einfach nicht mehr ertragen konnte, die natürlich auch alles unheimlich toll, sensationell und wahnsinnig schön fand und dabei nicht bemerkte, wie sie eine Schleimspur nach der nächsten legte und demzufolge auch nicht mitgekriegt hat, wie sich ihre- ebenfalls wunderschöne- Co-Moderatorin Hartnett verbal fast auf die Fresse packte.

Aber ist ja nicht so schlimm, denn alle die Germanys next Top-Model immer schön verfolgt und wöchentlich geguckt haben, sind trotzdem glücklich und die frisch gekürte Siegerin Sara setzte sogar noch mal einen drauf, als sie am Ende der Show Tränen überströmt sagte, dass sie sich nun nicht mehr einfach nur freue, sondern ü b e r glücklich sei.

Ich hingegen bin überrascht, dass sich die Mädchen so „unheimlich“ wünschen, auf dem Cover der deutschen Cosmopolitan zu sein. Meines Erachtens zählt diese Zeitschrift zu den oberflächlichsten, werbelastigsten und sinnfreiesten Frauenzeitschriften, die wir in Dschörmänie haben. …Wenn ich nur an deren blonde Chefredakteurin Petra G. denke, die keine C, D und F- Promiparty mit ihrer Abwesenheit verschont, möchte ich mir am liebsten meine Knipse schnappen und ihr morgens auflauern, wenn sie in Schlappen und Falten am Hintern durch ihre sonnendurchfluteten Zimmer auf die Dachterrasse latscht und bedrömmelt in ihr Knäcke beißt. Für die Falten möchte ich ihr dann zu gern eine dieser Proben reichen, die sich ständig zwischen den Seiten ihrer dussligen Zeitschrift lümmeln. Vermutlich würde sie die Dinger selbst nie benutzen, denn Frau Chefredakteurin schwört bekanntlich auf Hyaluronsäure und Turn around Visible Skin Renewer für einen ebenmäßigen Teint. Wahnsinn!


04.05.2009
Der Fall Noemi oder:
Don Silvio und der Rosenkrieg

Italiens Boss und Frauen-Versteher Berlusconi ist mit pikanten Statements schon das ein oder andere Mal ins Fettnäpfchen getreten. Unvergessen sind seine Äußerungen über US-Star-Präsident Obama, den er um seine Bräune beneidete oder seine Vorschläge, Italiens Erdbebenopfern ein paar Ikea-Sessel zu stiften, jetzt, wo sie kein Dach mehr über dem Kopf haben und neue Möbel brauchen.

Der italienische Ministerpräsident ist Skandalen gegenüber nicht abgeneigt und dass diese nicht nur politisch sind, versteht sich von selbst. Warum er aber momentan ausgerechnet zuhause Knatsch hat, kann der Silvio nicht nachvollziehen. Es ist nämlich so, dass seine Ehefrau auf gepackten Koffern sitzt und einen Tobsuchtsanfall nach dem nächsten erleidet. Nun sind Italienerinnen für ihr ungezügeltes Temperament weltbekannt, aber dass Signora Berlusconi gleich so durchdrehen muss, bloß weil der Silvio flirtet und hübschen Ragazzas den Hof macht, ist schon ein bisschen irre.

Rasend vor Eifersucht (Zugegeben, er ist aber auch smart- der Silvio!) löste sie fast einen politischen Eklat aus und dass nur, weil der Göttergatte ihrer Meinung nach zu viele junge, hübsche Frauen in seine Partei holen wollte. Na und? Als Ministerpräsident steht er eben auf Intelligenz, kombiniert mit Schönheit. Das mag jeder, da beißt die Maus keinen Faden ab. Aber nein, Frau Berlusconi will und kann das nicht akzeptieren und macht ein Riesenfass auf. Nach 20 Jahren Ehe will sie Schluss machen und die Scheidung einreichen. Total übertrieben, das!

Vermutlich will sie nur einen jüngeren Toy-Boy und versucht, dem armen Silvio die Schuld in die Stiefel zu schieben. Frech genug, dass sie die vom Gatten eigenhändig ausgewählten und auf Intelligenz frisch getesteten Kandidatinnen für die nächste Europawahl als „schamlose Luder im Dienst der Macht“ titulierte, wettert sie ungebremst weiter und behauptet, dass sie mit dem gelackmeierten Silvio nicht mehr zusammenleben will, weil er sich „mit Minderjährigen trifft“. Entsetzen. Ein Land hält den Atem an und fragt mit Schluckauf: Ist Frau Berlusconi nicht mehr ganz al dente?

Grund für die miesepetrige Stimmung der Noch-Gattin und ehemaligen Schauspielerin, die extra für ihren Silvio eine Hollywoodkarriere auf Eis legte, soll die süße- kürzlich volljährig gewordene- Noemi sein. So soll sich der italienische Ministerpräsident angeblich extra nach Neapel aufgemacht haben, um der blonden Bella einen Überraschungsbesuch abzustatten.

Na und? Warum auch nicht? Sie hatte ja schließlich Geburtstag! Ist doch nett von ihm. Er hat ihr sogar ein mit Diamanten besetztes Kollier geschenkt, also wenn das nicht aufmerksam ist? Kurz vor der Schenkung, als der Silvio sich bei einem Zwischenstopp in einer neapolitanischen Seitengasse erleichterte, wäre das Kollier sogar beinahe geklaut worden, doch der Dieb - der Depp! - griff in die falsche Hosentasche, links, wo nur das K... war. Wenn der gewusst hätte … Einen coolen Sportwagen soll Berlusconi dem Geburtstagskind auch angeboten haben, was sie aber abgelehnt hat, die Noemi. Schön blöd!

Aber eigentlich passt das ganz gut, denn von der eingesparten Kohle, die der Schlitten gekostet hätte, kann Don Giovanni Silvio gleich den Scheidungsanwalt bezahlen. Der verlangt für diesen Rosenkrieg garantiert ein Schweinegeld.

15.03.2009

Falling Down

Qualitätsjournalismus live aus Winnenden

Sehr geehrte Damen und Herren, aus aktuellem Anlass ein Rückblick auf die vergangene Woche. In dem kleinen beschaulichen Ort Winnenden hat es an einer Schule einen Amoklauf gegeben. Schrecklich! Der Schock sitzt tief. Es wurde drüber berichtet. Die halbe Woche gab es Bilder, Live-Schaltungen und geschockte Reporter für die das Geschehene kaum in Worte zu fassen war.
Ein Reporter guckt mit bedrömmelt ernster Miene in die Kamera und teilt den Zuschauern an den Bildschirmen zu Hause mit, dass in dem Ort Schlimmes passiert ist. Das Reden fällt ihm schwer, aber er hat nun mal die - gerade in diesem Moment sehr undankbare – Aufgabe, zu informieren. Dafür hat er (braucht er auch!) ein starkes Team, das hinter ihm steht, aber noch ein bisschen müde von den Dreharbeiten in Köln ist. Wie anstrengend diese und solche Ereignisse für die Berichterstatter sind, soll einmal aufgezeigt werden. Denn Reporter und Journalisten leisten besonders an Tagen, an denen die Welt den Atem anhält, Schwerstarbeit:

Kameraschwenk nach links, Reporter: »Guten Tag, wir berichten live vom Geschehen aus Winnenden. Zuerst ein paar Eindrücke, Leute die sich weinend in den Armen liegen (Kameraschwenk nach Rechts) und noch nichts sagen können, weil sie fassungslos sind. …Und dort drüben sehen Sie einige Anwohner, die unmittelbar nach der Tat vor Ort waren, aber nichts Genaues gesehen oder gehört haben, außer dass es sehr laut war, als der Schütze schoss und ziemlich schnell überall Polizei, Hubschrauber und Reporter waren. (Kameraschwenk 2 m weiter) Die Anwohner sind, wie Sie sehen können, schockiert. Gucken’se mal, dort weint eine!« (Großaufnahme Tränen, Damenbart.)

Kameraschwenk zurück zum Reporter: »Nachher treffen wir einen Lehrer des Amokläufers und jetzt sind wir mit unserem Team bei einem anderen Lehrer zu Besuch, der den Amokläufer von Erfurt unterrichtete und über das aktuelle Geschehen auch ganz betroffen- und zusätzlich von den Ereignissen von vor 7 Jahren traumatisiert ist. Doppelt furchtbar! Hier, sein Terminkalender mit den Einträgen der letzten Psychotherapien!« (Kameraschwenk auf den Terminkalender) Der Lehrer indes schüttelt fassungslos den Kopf. Er kann leider nichts in die Kamera sagen. Das Trauma ist schuld.

Glücklicherweise trifft das Team schnell Menschen, die schon eine Meinung zum tragischen Fall haben: Passanten, Anwohner, Experten und welche, die den Amokläufer persönlich kannten. Reporter: »Frau Schmidt, Sie wohnen ja gleich neben diesem Wolf im Schafspelz. Was wissen Sie denn über den Täter und die Familie des Täters?« (Kameraschwenk auf Frau Schmidt, im Kittel) »Also, über den Täter selbst weiß ich eigentlich nichts! Er war immer sehr ruhig.« (Reporter rückt näher mit dem Mikro an Frau Schmidts Nase) »Und was können Sie über die Eltern sagen?« (Großaufnahme Frau Schmidt) »Nun, die waren auch sehr ruhig, glaube ich!« Der Reporter bedankt sich für die klärenden Worte.

Dann trifft das Kamerateam einen Herrn, der still beobachtet. Er hat aber trotzdem was zu sagen und kommt auch gleich dran. Los geht’s: »Der Amokläufer war auf jeden Fall nicht ganz dicht im Kopf. Der hatte psychische Probleme! Soll ja nur Computer- und Killer-Spiele gespielt haben, den ganzen Tag! Ist doch kein Wunder, dass der aggressiv wird! Der Freund vom Sohn einer Schwägerin wird bestimmt auch Amokläufer, ich sag’s Ihnen! Der hört den ganzen Tag nur diese schreckliche und laute Hottentotten-Musik und grüßt nicht, wenn ich ihn beim SPAR treffe. Nicht, dass der mich jetzt kennt oder so, aber diese Jugend heutzutage, die grüßen alle einfach nicht mehr! … Und verdächtig ist der, sehr verdächtig! Ich vermute schon lange, dass der ne tickende Zeitbombe ist. Solche Leute wie der sind nicht ganz richtig!« (Großaufnahme vom Zeigefinger des Herrn) Der Reporter nickt und verspricht, dem Hinweis des Herrn, der ein Jahres-Abo der Zeitschrift: Psychologie heute hat, nachzugehen. Ist ja schließlich sein Beruf und sollte es über den Freund vom Sohn dieser Schwägerin Ungereimtheiten geben, wird er tun, was ein Reporter tun muss.

(Kurze Schalte in den Bundestag) Alle betroffen. Kondolenzwünsche nach Winnenden. Man ist sich einig, dass man da irgendwas tun muss, einen schulpsychologischen Dienst einrichten, mehr mit den Schülern reden und so, aber vor allem diese schrecklichen Killer- und Baller-Spiele verbieten, weil die höchstwahrscheinlich, wie auch schon der Hobby-Psychologe anmerkte, bestimmt die Ursache allen Übels sind.

In den frühen Nachmittagsstunden gibt es neue Erkenntnisse und nachgestellte Szenen in 3D, wie der Amoklauf ausgesehen haben könnte. So weit, so gut. Die Medien sind schnell, der Amokläufer war aber auch schnell und ganz gewiefte Journalisten wissen, wie man was, wo am allerschnellsten recherchiert. Auch aus diesem Grund liegen den Berichterstattern vor Ort schon bald exklusive Informationen und Details über den Amokläufer vor. Reporter: »Er war anders als normale Leute. Mit Mädchen gab’s Probleme, höre ich gerade. Werte Zuschauer, wir haben aus sicheren Quellen (Google) soeben erfahren, dass der Amokläufer sich nachts in Chat-Rooms und Foren rumgetrieben haben soll. Unserer Redaktion liegen diverse Einträge vor. Selbstverständlich werden wir Sie auf dem Laufenden halten. Hier haben wir aber erst einmal exklusive Bilder des Täters für Sie! Bleiben Sie dran, wir sind nach einer kurzen Unterbrechung gleich wieder für Sie da und berichten live vom Schauplatz des Geschehens! Wenn Sie möchten, können Sie während dieser den Ablauf des Tages per Flash-Video verfolgen. Dafür müssen Sie sich nur schnell den Flash-Player downloaden, dauert gerade mal einen Atemzug!«

In der Pause flackert Heidi Klum über die Bildschirme, anschließend gibt’s einen Programmhinweis mit einem kurzen Filmausschnitt für den späteren Abend: 23:15 Uhr, »Falling Down« mit Michael Douglas. In dem Ausschnitt wird wie blöde rumgeballert, was logo ist, denn Douglas spielt in dem Psychothriller einen Angestellten, der plötzlich- wie aus heiterem Himmel- komplett ausrastet und alles wegpustet, was ihm vor die Flinte läuft.

Zurück zur Live-Schalte, Reporter: »Wir melden uns zurück, werte Zuschauer, nun die versprochenen Bilder des Täters: Hier hält er einen Preis wie eine Waffe hoch. Hier spielt er Tischtennis, hier sieht es fast so aus, als würde er lächeln, gucken Sie! Aber bereits hier ahnt und sieht man, das da was nicht stimmt. Sehen Sie das auch? Hier ein Bild des Täters als Kind, zwei aus dem letzten Urlaub, hier eins, wie er vor einem Jahr ausgesehen hat, hier eins, wie er in 5 Jahren ausgesehen hätte, wäre er nicht auf die entsetzliche Idee gekommen, so einen unbegreiflichen Amoklauf zu begehen. Spätestens morgen früh werden wir die Bilder des aktuellen Amokläufers mit denen von anderen Amokläufern vergleichen und bestimmt eine gewisse Ähnlichkeit feststellen. Jetzt verabschieden wir uns aber fürs Erste und geben an einen Kollegen ab, der beim Trauergottesdienst für uns Bericht erstattet, Kollege, wie ist die Lage?« (Schalte zum Gottesdienst) »Ernst«, so der Kollege, der daraufhin sagt »dass die Welt nun nicht mehr so sein wird, wie sie vorher war: Wie nach dem 11. September. Davor war die Welt nämlich auch anders.« Noch einmal zurück zu unserem Reporter, der sich gleich zum Elternhaus des Tim aufmachen wird. Dort sind auch schon andere Teams von anderen Sendern, die seriös über die Situation berichten.

Reporter: »Es kann passieren, dass das Haus ein paar Tage belagert und der Hausmüll durchsucht werden muss. Anders kommt man ja manchmal nicht an Informationen. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass sich unser Team von den schmierigen Reportern irgendwelcher Klatsch und Tratsch-Medien distanziert und auf eine seriöse Berichterstattung niemals verzichtet. Dieses Pack setzt Gerüchte in die Welt und wirbelt Staub auf, wo keiner ist: Therapie oder nicht Therapie, das ist seit gestern die Frage. Wir setzen auf Qualität statt widersprüchlichen Medienaffentanz und geben mit diesen warnenden Worten ab zu unserem Kollegen Volker, der sich just in dem Moment in der Wohnstube der Großeltern des Täters eingefunden hat. Volker, wie ist die Lage, weißt du schon Genaueres?«

03.02.2009


Hackescher Markt - Champs-Élysées der Eitelkeiten

Endlich wieder ein freies Wochenende, das war was Feines! Deshalb wurde die wertvolle Zeit genutzt, um mal wieder am Hackeschen Markt herumzuscharwenzeln. Der Hackesche Markt ist - für diejenigen, die noch nicht in der deutschen Hauptstadt waren - ein Epizentrum des gesellschaftlichen Irrsinns, eine Champs-Élysées der Eitelkeiten, ein beliebtes Plätzchen in Berlin-Mitte mit vielen Geschäften und noch mehr Touristen. Er hat sich in den letzten Jahren verändert und oft seine Kleider gewechselt, aber eines ist in der ganzen Zeit gleich geblieben und zwar, dass man sich einen Sparziergang dorthin eigentlich (sic!) sparen kann.

Lohnt sich einfach nicht, das weiß man genau, aber immer wieder denkt man sich: „Mensch, jetzt biste schon ne Weile nicht mehr dort gewesen. Vielleicht hat sich ja was zum Positiven verändert.“ Aber das hat es nicht. Der Wahnsinn begegnet einem bereits am Anfang, noch auf Höhe der Torstrasse, wenn man die Alte Schönhauser entlang spaziert. Links vorne ist das hippe Schicki-Lokal: Monsieur Voung, vor dem sich immer, aber auch wirklich immer und zu jeder Jahreszeit die, die was von sich halten und vor allem auf gesunde Ernährung achten, die Füße platt stehen. Denn das Lokal ist- wie gesagt- stets gerammelt voll und weil man unbedingt gesehen werden will, wie man sich beim Mit-Stäbchen-Essen zum Affen macht, wartet man eben solange draußen, bis drinnen ein Plätzchen frei wird, was dann meistens im Gang oder gleich neben der Tür ist.

Bei Monsieur Vuong ist es unheimlich laut, weil jeder durcheinander sabbelt und sich auch schon mal über Zimmerlautstärke mitteilen muss, dass man gestern noch lange bis nach Mitternacht auf der Eröffnungsparty der angesagten Modemesse „Bread & Butter“ abgehangen- und rein zufällig Supermodel Eva Padberg am Buffet getroffen hat. „So gut wie auf den Fotos sieht die ja nun auch wieder nicht aus!”, berichtet der Insider exklusiv.
Wer also in Berlin in- und wichtig sein will, lässt sich für die Bread & Butter akkreditieren. Sowieso sind in unserer Supi-Mode-Metropole die meisten schon von ganz alleine wichtig, denn irgendwie haben alle rund um den Prenzlauer Berg ein flottes, schräges Design-Büro oder arbeiten an vielversprechenden Projekten. Geld spielt natürlich keine Rolle. Es ist auch nicht schlimm, dass man sich die Miete oder die saugeilen Adidasschuhe aus der neuen Kollektion überhaupt nicht leisten kann, denn wenn man schon arm ist, muss man ja wenigstens nicht so aussehen!

In Berlin ist es ohnehin außerordentlich wichtig, sich mit seinem Styling irgendwie auszudrücken, auch wenn man weder was zu sagen- noch was zu melden hat. Man ist mutig, experimentierfreudig und in der deutschen Hauptstadt auf jeden Fall forever young, auch wenn man schon Mitte Vierzig ist. Rund um den Hackeschen Markt gibt es viele coole Läden, in denen der noch unsichere Trendsetter, der sich - Gott sei Dank! - aber schon sicher ist, dass er Mainstream irgendwie uncool findet, richtig zuschlagen kann.

Am beliebtesten sind gewagte Kombinationen, die sich aus edlen Designer-Stoffen, sündhaft teuren Turnschuhen und Second Hand-Accessoires zusammensetzen. Es gibt hierfür am Hackeschen extra einen überteuerten Second Hand Shop, der seine Pforten auch am Wochenende für die total Bekloppten offen lässt. Dort gibt es zum Beispiel hässliche Nuttenstiefel von Deichmann, die - als sie noch im Regal des Billigschuhladens standen - keine Zwanzig Euro gekostet haben, jetzt aber das Doppelte “wert” sind, weil sie getragen wurden und - bloß nicht vergessen zu erwähnen! - in einem total angesagten Laden in Berlin-Mitte stehen und folglich ruhig „was mehr“ kosten dürfen. Logo! Ui, da freut sich die trendfixierte Ragazza aus Mailand, als sie die ausgelatschten Stinker zur Kasse schleppt. Heute Abend wird sie die Teile mit einem mega angesagten Shirt von Ed Hardy kombinieren und modemäßig garantiert den Vogel abschießen. Sowieso: Das Mode-Label Ed Hardy ist für den Trendbewussten ein absolutes Must Have, auch wenn ein Totenkopf T-Shirts genauso bunt und dusslig wie das andere aussieht. Macht nix, Hauptsache teuer. Dass der Designer des Labels, Christian Audigier, nur noch Schampus säuft und täglich in seinen vergoldeten Jacuzzi pinkelt, ist den zahlungswilligen Modetrolls wurscht. Schließlich tragen die beliebten Shirts auch Stars wie Madonna. Und die muss es ja wissen! Denn auf das Trendgespür von Madonna ist Verlass. Dass die Fünfzigjährige aber längst nicht so koscher ist, wie sie mit ihrer Kabbala weiß machen will, sollte man spätestens bemerkt haben, als sie der halben Welt gezeigt hat, wie sie in Blanko-Schlüpfern den gefühlte 40 Jahre jüngeren Justin Timberlake angetanzt hat.
… Sollte ich vielleicht auch mal machen, den Hackeschen in Schlüppis hoch und runter stolzieren, am besten in zarten fleischfarbigen von Oma. Dazu trage ich eine fesche Windjacke mit modischen Schulterapplikationen aus der ehemaligen Zone und fertig ist der Lack bzw. der letzte Schrei. Aber mal im Ernst: Wohin das Auge am Hackeschen Markt auch blickt, man sieht Ladenfenster-Reklame nur noch auf Englisch, unzählige Touris, Fashion-Victims, Beautys mit Täschchen von Miau Miau (oder so ähnlich) Solarium gebrutzelte Womanizer mit Plastetüten (drei weiße Streifen- was sonst?), Extravagante und Models. Sie alle eint ein großer Slogan: „Wir sind speziell individuell!“
Man muss vor lauter Individualität Obacht geben, dass man sich vorm nächsten Gold angestrichenen Schicki-Laden nicht übergibt. „Das ist ein ziemlich schräges Gesellschafts-Phänomen“ denke ich, während ich mir vor dem Autospiegel eines- auf dem Gehweg geparkten- Jaguars die Taubenscheiße vom Revers wische.


26.01.2009

Der arme Klaus

Während ich heute Morgen bei Kalle ewig an der Kasse stehen musste, weil die Oma vor mir- frei nach Murphys Law- ihre Geldbörse vergessen hatte, blätterte ich schon mal ein paar Seiten in meiner schönen Sonntagszeitung und las- ein Glück- den ärgerlichsten Artikel schon vor dem Frühstück.

In dem Bericht ging es um den feinen, einst hoch angesehenen Manager Zumwinkel, der trotz Millionenbetruges höchstwahrscheinlich nur mit einer Geldbuße rechnen kann und bestimmt, ja ganz bestimmt, auf Bewährung rauskommt. Seine Strafe wirkt vergleichsweise milde, wenn man bedenkt, dass Gesa fast eingebuchtet wurde, weil sie bei Kik, dem Textildiscounter, einen Anorak geklaut hat. Okay, Gesa war Wiederholungstäterin, aber wer annimmt, dass der ehemalige Postchef Ersttäter ist, glaubt bestimmt auch an den Weihnachtsmann. Man muss dem Herrn Zumwinkel aber zugute halten, dass er sofort nach der Razzia in seiner Kölner Nobel-Villa Anfang 2008 die böse, böse Steuerhinterziehung zugegeben hat, und zwar doppelt und dreifach: Vor dem Staatsanwalt, dem Ermittlungsrichter und nicht zu vergessen, dem lieben Gott. Der war dann auch so gnädig und zog die richtigen Fäden, dass der Klaus einen kleinen Deal machen konnte, schließlich war er ja geständig und außerdem hat der 65-Jährige, wie er selbst sagt, «schmerzliche Folgen» erlebt: Nachstellungen, Verfolgung und Belagerung mitgemacht. Auweia, was sind denn das für schlimme Stasi-Methoden, die der geständige Klaus da über sich ergehen lassen musste?

Objektiv gesehen hat er zumindest seine unanständigen Steuerschulden anständig beglichen! Und wieder einmal- wie ungerecht! - wird in diesem Fall vergessen, was der Herr Zumwinkel früher, bevor er zum Straftäter wurde, alles für die Post getan hat. Das war nämlich eine ganze Menge! Schließlich hat er mit der Verschmelzung der finanzschwachen Bundes- und DDR-Post zu einem Supi-Unternehmen einiges geleistet! Ja, doch! … Und dass er noch auf der Schwelle seines Hauses ein Geständnis abgelegt hat, ist ein dicker fetter «Pluspunkt, der zwingend strafmildernd für den Herrn Zumwinkel zu bewerten ist.
Am Montag erhält der Klaus, der sein eigenes schwerverdientes Vermögen mit schlappen 8 Millionen Euro angibt, sein Urteil in der leidigen Angelegenheit. … Und wenn er Glück hat, sagt vielleicht noch irgendeiner, dass die Schnüffler vom BND die heimlich aufgekauften Kundendaten der Liechtensteiner LGT-Bank überhaupt nicht verwenden durften, auch wenn alle sagen: „Doch, doch, die durften das. War alles ganz legal.“

Der Herr Zumwinkel ist nämlich nicht blöd und hat auch so seine Informanten und einer von der ganz gewieften Juristensorte hat ihm zumindest gesteckt, dass die Daten der Bank gestohlen worden sind. Wenn das erst einmal bewiesen wird, kann es vielleicht passieren, dass man dem Klaus für seine Unannehmlichkeiten, wie Arsch-Plattsitzen auf der Anklagebank und Rücken-Au ein kleines Entschädigungssümmchen zahlt. Vielleicht springt ja auch ne Karibikreise raus oder so. Die Luft dort würde ihm bestimmt gut tun und auf andere Gedanken bringen, die er- spätestens nach dem Urteilsspruch- dringend braucht. Er hat schließlich die letzten Monate genug mitgemacht, der arme, geständige Klaus!

23.01.2009


Ingos Auto-Philosophie

Es gibt Leute, die lassen ihre Auto- Reparaturen ordnungsgemäß in der Werkstatt machen. Ist eben so, auch wenn’s teuer ist. Viele Kfz-Heinis haun einen zwar übers Ohr, aber egal. Solange alles amtlich ist! Nachdem Gesa bereits zwei Werkstätten vorm Konkurs- und diversen Insolvenzverfahren rettete, hat sie entschieden, sich einen privateigenen, waschechten Hinterhof-Schrauber zu suchen, der die Karren so nebenbei in Ordnung bringt und sich damit ein paar Piepen dazuverdient, neben der Stütze und so. Es hat nicht lange gedauert, da hat sie ihn gefunden. Vielleicht war es auch umgedreht, ist ja nicht so wichtig, Hauptsache er ist da, wenn man ihn braucht: Der Privat-Schrauber.

… So wie in dem aktuellen Fall: Die Heizung von Gesas Karre wurde nicht warm und das ist ja bei den momentanen Polar-Temperaturen nicht so schön. Also hat sie dem Ingo- so heißt der Schrauber- den kleinen Italiener auf den Hof gestellt und vor fünf Tagen gefragt, ob er sich da nicht mal darum kümmern kann. “Kann ich!“ meinte er und dann war vier Tage Ruhe. Heute hat Ingo, Gesa kontaktiert und gesagt, dass er ihr für diverse unvorhergesehene Auto-Reparaturen ein paar Tacken mehr abknöpfen muss, obwohl vereinbart war, dass er nur die Heizung repariert. Denn während er an der Heizung zu Gange war, entdeckte Ingo just in dem Moment noch dies und jenes böse Detail und war (ungebeten) so liebenswürdig, die Problemchen gleich mit zu beheben. Allein die Ersatzteile, so Ingo (Achsmanschette, Dreieckslenker, Wasserpumpe und Pipapo) hätten schon schlappe 129 € gekostet. Aber als Gesa sehen wollte, was die Teile im Einzelnen wert sind, war die Original- Rechnung von ATU plötzlich nicht auffindbar, was Ingo auch irgendwie komisch fand. Na kann ja mal passieren, wird eben schnell eine neue geschrieben. Ingo hat auch berichtet, dass er „so ein ungutes Gefühl und schlechtes Gewissen hätte“, wenn er Gesa mit den anderen bis dato unbehobenen Problemchen in der Gegend herumgurken lassen würde. „Da kann ja sonst was passieren!“, hat er laut gedacht, fasste sich ein Herz und hat das eben schnell behoben- das Problem- wofür man ihm natürlich danken muss, dem Ingo.
Schließlich wäre es immerhin möglich, dass der Keilriemen in zwei Jahren wirklich reißt und die Achsmanschette auch nicht mehr lange durchhält. Mit dem Kugellager ist ebenfalls “irgendwas nicht in Ordnung” und dann war noch von Schlauchschellen, Dichtpaste, Getriebeöl und Adapter die Rede. Apropo Rede: Ingo, der- nebenbei erwähnt- im schönen Stachelbeerweg wohnt und auch einen tollen Garten hat, redete und redete und Gesa verstand nur Bahnhof, was ihn aber nicht davon abhielt ihr die Gesamtsituation explizit und en detail zu erläutern.

...Und so kam es, dass Ingo, Gesa im ersten Monat des Jahres fast finanziell ausbluten ließ. „Ja, so ein Auto“, meinte er “fängt mir A an und hört mit O auf.“ Gesa nickte dankbar und sagte kaum hörbar, bevor wir vom Hof fuhren: „Aber über die Rechnung müssen wir irgendwann noch mal reden, Ingo!

29.12.2008

Zum alten Eisen

Während Jung und Alt erst gemeinsam Weihnachten feierten und die Jungen sich anschließend in die nächste Kneipe verpissten, gab es einen, der sich - bei all der Besinnlichkeit - Gedanken machte, wie man die Alten zukünftig mehr integrieren könnte - und zwar in den politischen Alltag. Es handelt sich hierbei natürlich nicht um Alte wie Gesas Großeltern, sondern um die alten Hasen aus der Politik. Kann ja nicht sein, dass die einfach so ausrangiert und nicht mehr gefragt werden, nachdem das offizielle Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Das muss sich ändern. Aber wie? Nachdenker ist kein Geringerer als Ex-Finanzminister Theo Waigel.

Weil das „Ausrangieren der Alten“ dem Augenbrauen-Theo gehörig gegen den Strich geht, plädiert er nun für einen Rat der Alten, in dem die graumelierten Politiker und sauberen Staatsmänner ihre Erfahrungen einbringen sollen. Ich weiß nicht, ob der Theo die Idee hatte, weil er im kommenden Jahr Siebzig wird, aber schlecht ist sie nicht. Um auf Nummer sicher zu gehen, dass der Blitzgedanke nicht sofort in der Versenkung verschwindet, hat er auch gleich ein paar Kandidaten aufgestellt, die seiner Meinung nach supi in den Rat der Alten passen würden. Wenn’s also nach Theo ginge, wären mit von der Partie: Der sympathische Langzeit-Quarzer und Altkanzler Helmut Schmidt, Freiherr von Weizsäcker, Merkel-Mentor Helmut Kohl, Prager-Balkonfenster-Sprecher Hans-Dietrich Genscher, Roman Herzog, der Flick-Affärengeschädigte Otto Graf Lambsdorff und bestimmt ist Augenbrauen-Theo selbst auch mit an Bord, spätestens 2009.

Dass bei dem Rat der Alten keine Frauen mitmischen ist nicht verwunderlich, denn weise alte Politikerinnen gibt’s in Deutschland nicht, dafür viele altkluge junge. Und die weisen Alten aus dem Osten Deutschlands sind entweder schon tot oder haben Alzheimer, Demenz oder Rücken. Die Schwergewichte „politischer Landschaftspflege“ Lambsdorff und Kohl machen das aber schon wieder wett. Sowieso: Ü60- Politiker haben oft so dermaßen frische Gedanken, dass man aufpassen muss, sich keinen Zug zu holen. Über Waigels Kandidaten-Aufstellung lässt sich gewiss diskutieren. Schwer vorstellbar ist zum Beispiel, dass  Kippenfreund Schmidt seine kostbare Zeit freiwillig mit Genscher teilt. Schließlich hat der Hans-Dietrich, Anfang der Achtziger dazu beigetragen, dass der Deutschen liebster Kettenraucher und Kanzler der Herzen faktisch aus dem Amt katapultiert wurde. Im Gegenzug ist Genscher bestimmt ebenfalls nicht scharf drauf, mit Schmidt Tagungsgetränke zu teilen und sich gegenseitig Sahnekännchen zu reichen, wenn beraten werden muss. Dennoch ist Theos Idee gerade in Zeiten des immer bekloppter werdenden Jugendwahns ein Zeichen, das gesetzt werden musste. Vielleicht können die Alten ja auch gleich mal ein Machtwort sprechen und den Unternehmen in Deutschland nahelegen, nicht nur Jungspunde einzustellen. Annähernd die Hälfte aller Betriebe beschäftigt nämlich keine Ü50-Jährigen mehr. Da fällt mir gerade ein, dass meine Mutter erst 34 war, als die Mauer fiel. Und als sie Anfang der Neunziger gefeuert wurde, weil man ihren Zonenbetrieb privatisierte, sagte man ihr, dass sie für eine neue Ausbildung schon zu alt wäre. Heute fängt man mit 34 ohne weiteres an zu studieren oder macht die zehnte Klasse nach, jetzt wo die Kinder groß und aus dem Haus sind. Aber mal im Ernst: Gehört man mit Mitte 40 schon zum alten Eisen? Und ist es nicht dümmlich, im Arbeitsprozess auf die Leistungsfähigkeit von 50- bis 65-Jahrigen zu verzichten? Ich wünsche mir, der Rat könnt’s richten.

16.12.2008

Daten her! Oder es knallt.

Heute Morgen, während sich die WG zum Sonntags-Frühschoppen in Schale schmiss, las ich in der Zeitung schon wieder was von Datenklau und ahnte, dass sich Dieter und Gesa über den Artikel freuen. Dort stand, dass von Tausenden Kunden der Berliner Landesbank die Kreditkartendaten ausgespäht, - und deren Konten vielleicht komplett leergeräumt wurden. Ja, so oder so ähnlich stand das da. Gesa, die auch Kundin dieser Bank ist, wäre verschont geblieben. Denn bei Gesa, die schon seit Monatsbeginn knietief im Dispo steckt, gibt es nichts zu klauen. In dem Artikel stand auch, dass dieser Skandal unglaublich wäre und alles in den Schatten stellt, aber- genau wie die vorherigen Datenklauereien- einzigartig sei. Da haben wir aber Schwein gehabt, dass solche Pannen »einmalig« sind und nur alle drei Wochen passieren! »Auf die Telekom dürfen wir diesmal aber nicht schon wieder schimpfen, sonst machen die wirklich kurzen Prozess!«, sagt Dieter, der seit 3 Monaten keine Telefon-Rechnung mehr bezahlt hat und uns fragt, ob wir schon gehört hätten, dass auf dem Schwarzmarkt die Bankverbindungen von Millionen Bürgern im Umlauf sind. »Natürlich nicht, sonst würden wir wohl kaum jeden Sonntag-Nachmittag auf dem Flohmarkt rumhängen und alten Scheiß verscherbeln«, meinte Gesa.

Birne fragte daraufhin, ob Dieter wüsste, wo dieser Schwarzmarkt denn genau wäre, aber das wusste er nicht. Man könnte sich dort unter das handelnde Volk mischen, von Bude zu Bude spazieren und ein paar Bankverbindungen kaufen, wenn man wüsste wo sich der Markt befindet, überlegten wir laut. »So teuer können die Daten ja nicht sein, wenn die geklaut sind!«, waren wir uns einig. Wir stellten uns vor, das der nächste Schwarzmarkt gleich um die Ecke wäre und wir für billig Geld ein paar Kontonummern und Pins erspähen und darunter rein zufällig auch Funkes Daten wären. Vielleicht ist es ja diese Weihnachten so, dass man seinen Liebsten keine Socken mehr, sondern Daten schenkt. Vorbei die Zeiten, in denen man Heiligabend auf den letzten Pfiff Geschenke- und aus purer Verzweiflung Palmolive- und Cleopatra-Duschbad an der Tanke besorgt, weil die Sachen dort erstens so schön verpackt- und zweitens die Geschäfte seit Stunden dicht sind. Mit dem Verlust seiner Kontodaten würde auch endlich mal der chronische Nichts-zu-verbergen-Haber-Funke merken, wie es ist, wenn Unbefugte mit den eigenen Daten rumhantieren. Im Grunde ist diese Datenklaugeschichte aber ein alter Schuh und wundert keinen von uns. Hat die Schlamperei bei staatlichen und Stasi- quasi-staatlichen Stellen nicht schon längst System? Man bedenke, dass sogar das Einwohnermeldeamt, trotz expliziter Ablehnung des Betroffenen, Adressdaten an die GEZ weiterleitet. Diese Zentrale wusste meine neue Adresse schneller, als meine eigene Mutter. Es sieht auch so aus, als hätte mich diese Zentrale sehr lieb, denn mindestens einmal wöchentlich denkt sie an mich schreibt mir Briefe. Ich möchte mich auf diesem Wege herzlich bei der Zentrale bedanken. Sie kann mich am Arsch lecken.
Huch! Was ist denn jetzt? Eben stand hier doch noch Text! Klauen die jetzt auch schon halbe Kolumnen? Vermutlich bin ich auf was ganz Heißes gestoßen. Habe ich gerade den nächsten Datenskandal aufgedeckt? Vielleicht gefällt es denen da oben nicht, wenn man zu laut sagt, dass es sich um ein politisches Problem handelt und unser Staat ein oller, aggressiver Datensammler ist und wir eine Flut von Schnüffelei- Gesetzen erleben müssen, dass es keinen mehr wundert, wenn diese Daten auch woanders missbraucht werden. Und jetzt ist auch noch meine halbe Kolumne verschwunden. Aber warum? Weil ich zwei Sätze über Schäuble geschrieben habe? Also bitte!
Momentchen, es klingelt gerade. Wer ist das um diese Uhrzeit? ... Nicht, dass mir jetzt das SEK auf die Pelle rückt.


02.12.2008


Immer schön persönlich bleiben

Mindestens einmal im Jahr feiert der Mensch Geburtstag. Es gibt auch welche, die feiern jeden Tag: Bei denen ist rund um die Uhr Party, Stimmung und Konfetti angesagt. Und dann gibt es noch diejenigen, die was Schlimmes durchgemacht oder überstanden haben, sich anschließend wie neu geboren fühlen und zweimal im Jahr die Kerzen auspusten. Als Geburtstagskind bekommt man, wenn man Glück hat, Geschenke. Ein Trugschluss, denn hier beginnt das Problem: Zeige mir, was du mir schenkst und ich sage dir, was du von mir hältst, heißt die Devise. Vielleicht ist das ein bisschen dick aufgetragen, aber der Satz hat durchaus seine Berechtigung, wenn man sich mal überlegt, was jahrein, jahraus an Mist auf dem Gabentisch landet. Jeder kann ein Liedchen davon singen, die wenigsten machen es.

Am schlimmsten sind alte und schlechte Bücher von Freunden mit neuer, aber auch schlechter Widmung. (Letztes Jahr hieß ich- laut Widmung- Constanze. Und einmal bedankte sich einer ganz persönlich für die schöne gemeinsame Zeit. Bei genauem Hinsehen konnte man die fast verschwundenen Worte: in Florenz lesen. Leider war ich noch nie in Florenz, aber den Stadtführer fand ich trotzdem cool.) Bücherschenken kommt eigentlich (sic!) immer gut und ist eine feine Sache, aber wenn man die Freunde ewig kennt, deren Blumen gegossen hat, während sie in Urlaub waren und das künftige Geburtstagsgeschenk schon monatelang vorher im Regal stehen gesehen hat, ist das irgendwie, vorsichtig ausgerückt: Für den Arsch.
Vielleicht hat man das Geschenk beim Staubwischen sogar schon in den Händen gehalten und ein paar Seiten überflogen und bereits damals den Kopf geschüttelt und nicht verstanden, wie man sich so einen Kram ins gute Billy-Regal stellen, geschweige denn lesen kann.
Hier muss man aber unterscheiden, denn es gibt unzählige Bücher, die so toll und begehrt sind, dass man sie im Handel nicht mehr kaufen kann und deshalb das eigene, geliebte Exemplar zum Verschenken herhalten muss. Da hört man Sätze wie: »Mensch, das musst du unbedingt lesen. Erste Sahne, bis zur letzten Minute spannend erzählt. Das Buch ist vergriffen, ich gebe dir meins«. Das ist toll und diese Bücher meine ich auch nicht.

Ich meine die Bücher, die man mal von Tante Käthe oder Onkel Horst geschenkt bekommen hat und mit denen man nicht das Geringste anfangen kann. Was macht man also damit? Genau: Weiterschenken. Aber muss man sich dafür unbedingt die besten Freunde aussuchen? Mandy sagt sich: Bevor ich das Buch mit dem Knallernamen: »Schlechter Sex ist besser als gar keiner« in die nächste Tonne kloppe, verschenke ich es lieber und schreibe einfach noch was Persönliches wie: »Häppie Börsdai, ich hoffe, die Lektüre befriedigt. Olwäis happie Sex wünscht deine Mandy.« Da denke ich mir: Entweder muss Mandy mich abgrundtief hassen oder lange nicht ge *PIEP* t worden sein.

Es gibt auch Geschenke, die gut gemeint sind, wie: Kaffeemaschinen, Bewerbungsmappen, Socken oder Duschbad. Neulich, das war dufte, bekam ich von L. zum Geburtstag ein Duschbad des Klamottenherstellers Tommy Hilfiger. Ich fragte: Wieso schenkst du mir denn ausgerechnet ein Duschbad? Und warum eins von Tommy Hilfiger? Riecht das gut? Was Duftendes von Dönerteller Versace hätte möglicherweise eher gepasst, oder? Als L. mir den Gedanken mitteilte, der für die Wahl des Geschenkes entscheidend war, wäre ich fast nach hinten umgekippt, blieb aber mit offenem Mund stehen. L. verteidigte sich wie folgt: »Ähm, ich dachte: Schenkste ihr zur Abwechslung mal was Persönliches. Schließlich heißt ihr neuer Freund mit Vorname genauso wie das Waschzeug.« Das ist meine persönliche Krönung!, dachte ich und soff zwei Gläser Schampus auf Ex.

Falls es jemanden interessiert. Ich habe noch eine Tante 3. Grades in Spanien. Der Kontakt ist in den letzten Jahren zwar etwas eingeschlafen, aber ich mag sie wirklich sehr, die Tante. Sie trägt den ursprünglichsten aller spanischen Frauenvornamen und heißt tatsächlich Mercedes. Nur mal so als Idee für das nächste Mal, wenn es wieder heißt: Ich schenk’ dir was nach Namen. Was Persönliches.

23.11.2008

Wir freuen uns über jeden Cent

Juten Tach, mein Name ist Gesa. Hier wurde in letzter Zeit viel gesabbelt und die Kolumnistin, die über mich berichtet, heimst seit Wochen die dicke Kohle ein, von der ich keinen Cent sehe. Da dachte ich: »Dit kannste och!«

Manchmal will ich nur noch den Kopf schütteln und -von dem was draußen passiert- nichts mehr hören. Der Deutsche versinkt zum überraschenden Wintereinbruch in vorweihnachtliche Melancholie und glotzt jedes Jahr mit dem gleichen bedrömmelten Gesichtsausdruck in die Kiste, wenn Medien über Staus berichten, weil Manni die Schneeketten vergessen hat oder Jurek aus Warschau mit seinem Hänger auf der A2 liegengeblieben ist. Jahrein, jahraus der gleiche Schnee: Autos wurden vom Sturm umgepustet, vorne hat es gekracht, hinten hat einer gepennt und ist drauf gefahren. Huch! Da hat uns der Winter aber kalt erwischt! Dabei haben wir noch bis gestern dem verregneten Sommer hinterher geheult und nicht die dicken Wintermäntel aus den hinteren Reihen des Regals hervorgekramt. Auf Privatsendern werden debile Reporter nicht müde, kleine fette Kinder zu filmen, die Spaß am Schneemann bauen haben und der armen Oma Trude, Schneebälle ans Küchenfenster klatschen. Das machen die Kekskinder solange, bis es rumst und Oma ein Machtwort spricht.

Auf einem anderen Sender beginnt, pünktlich zur besinnlichen Zeit, Spendenmoderator Wolfram Kohns dem labilen TV-Gucker auf den Senkel zu gehen. Jeden November auf ein Neues: »Verehrte Zuschauer, bitte spenden Sie für die Ärmsten der Armen. Wir freuen uns über jeden Cent.« Bernd, der seit 2 Jahren von Hartz 4 lebt übrigens auch. Damit aber der Geldbeutel des Zuschauers ein bisschen lockerer sitzt, werden fortlaufend die Fressen irgendwelcher B- und C-Promis eingeblendet, die natürlich auch schon ganz viel gespendet haben. Einige B-Promis sitzen sogar live im Studio und betreuen die Spendenhotline. Wenn man Glück hat, knöpft einem Jungbrunnen Birgit Schrowange persönlich die Kohle ab und mit super viel Glück sogar »Der Preis ist heiß«- Moderator Harry Weinfurt oder jemand von GZSZ. [Die Soap-Stars sind der Gipfel! Sie versprechen den 12-17-Jährigen beschrubbte Komparsenrollen, was soviel bedeutet, dass man einmal lautlos durchs Bild latschen darf, während der eine Soap-Star dem anderen eine knallt oder so. Und schon flitzen die 13-Jährigen los und holen Papis Hammer, um das Sparschwein zu zerkloppen. Viele Jungendliche verdonnern für: Einmal Rumstapfen am Set von: »Nur die Liebe zählt« sogar ihr komplettes Kommunionsgeld.]

Während des gesamten Spendenmarathons wird gehörig auf die Tränendrüse gedrückt und ein Herzschmerz-Bericht nach dem anderen eingeblendet: Ein Ex-Tennis-Star geht erst, gekrümmt vor Wehmut, durch ein Dorf in Eritrea und tanzt dann ein bisschen mit den Einheimischen, ein Ex-Schwimm-Star steht in einer Suppenküche und quatscht mit vierundzwanzig Kindern, die sich nichts sehnlicher wünschen als eine warme Malzeit oder- wenn das Geld reicht -ein paar Turnschuhe von Nike, damit sie in der Schule nicht mehr gehänselt werden. Die Krönung der Farce liefern etliche ausrangierte Film- und Fußball-Stars, sowie ein paar Medienschlampen.

Einer kann leider nicht so lange beim Spendenmarathon bleiben, da er noch anderweitig Verpflichtungen hat. Er wird mal eben mit dem Privatjet nach Dubai geflogen. In Dubai muss man schließlich unbedingt dabei sein, wenn ein Hotel eingeweiht wird, das an Dekadenz -und nebenbei gesagt auch an Hässlichkeit- kaum zu übertreffen ist. Alle, die in Dubai über den roten Teppich flanieren, sind unheimlich und wichtig und haben was zu sagen, aber in dem Moment, wo sie es könnten, grinsen sie nur blöde in die Kameras und winken. Dann wird noch ein bißchen über nachtblaue Spaghettikleider philosophiert, die aus echten Pailletten sind (Oh; tatsächlich ?) und während Spendenmoderator Kohns mit Welpenblick auf RTL weiterbettelt, berichtet Pro 7, dass Boris nicht mehr Sandy, sondern wieder Lilly von vorne an die Glocken fasst. Gegen Mitternacht verballert man in Dubai auf einen Schlag 20 Millionen Dollar, denn zur Hoteleröffnung will man sich nicht lumpen lassen. Das »größte Feuerwerk aller Zeiten« ist bombastisch und verwandelt den Himmel in ein prächtiges Farbenmeer. Für zehn Minuten staunen alle Anwesenden und halten den Atem an, sogar die indischen Wanderarbeiter vor ihren Baracken am Stadtrand, die monatelang für niedrigste Billiglöhne gearbeitet haben und dafür sorgten, dass alles so schön reibungslos klappt.

17.11.2008


Einmal dimensionales Delirium und zurück

Beinahe hätte ich keine Kolumnen mehr geschrieben. Beinahe hätte Gesa abends nicht mehr Freigeist sein - und Dieter keine Bräute mehr in die WG schleppen können. Denn beinahe wären wir alle nicht mehr hier.

… Und damit meine ich nicht hier in unserer Bude, mit dem einsturzgefährdeten Treppenhaus, Nein!- damit meine ich den ganzen Planeten. Denn Samstagabend hat Star-Magier, Löffelverbieger und Michael Jackson Ablecker, Uri Geller
»nach Hause telefoniert« und versucht, Außerirdische aus der Reserve zu locken. 1,4 Millionen Deutsche waren dabei, als Uri ein unglaubliches Live-Experiment startete und Kontakt mit Aliens und Alf aufnahm und -hätte es Pro 7 erlaubt- auch mit John F. Kennedy, Lenin und Mutter Theresa, weil die ja auch irgendwo »da oben im Himmel« sind.

Aber fast hätten wir Pech gehabt und der Herr Geller wäre- ohne Anklopfen- in Gottes Wohnzimmer geplatzt, während dieser gerade beim Abendbrot war oder arte guckte. Durchaus verständlich, wenn Gott dieses ungezogene Benehmen nicht geduldet- und uns alle weggepustet hätte. Auf einen Schlag. Könnte man ihm nicht mal krumm nehmen, denn irgendwann muss auch mal gut sein, gell Gott?

Per Teleskop wollte Kristallschädel und Strahlenfreund Uri seine Botschaften und auch die der Zuschauer ins Universum schicken. Seine Worte an Alf und Konsorten waren eine einzige Beschwörungsformel: »Wir öffnen unsere Herzen und unsere Gedanken für euch. Wir glauben fest daran, dass ihr irgendwo da draußen seid. Bitte zeigt euch.« Es gab dann auch ein paar Ver(w)irrte, die bei dem Blick aus dem Fenster etwas Helles sahen, aber nicht bemerkten, dass es sich dabei lediglich um ihr zwanzigstes Becks handelte. Mit der urigen Uri-Sendung wollte sich Pro7 auf die Suche nach außerirdischer Intelligenz begeben und somit die großen geistigen Defizite in den eigenen Reihen vertuschen. Indes hoffte der verarschte Zuschauer wirklich auf ein Wunder, nämlich dass einer kommt und Uri auf den Stern zurückbeamt, von dem er gekommen ist. … Und am besten den ganzen verstrahlten Sender gleich mit!

Wer der gezielten Volksverblödung via TV entkommen- und weiterzappen wollte, wurde nebenan abgefangen. RTL war nämlich auch auf der Suche und zwar nach dem Supertalent. In der Jury saß Heulboje Bruce und bot dem desillusionierten Zuschauer »more Drama«, als er verkraften konnte. Resigniert schalteten auch wir die Glotze ab und machten uns auf den Weg in die nächste Kneipe. Gesa schlug das »August Fengler« vor, weil da der Rotwein »übelst billig“ ist und »Billardspielen nüscht kostet«. Sie hatte Recht, der Laden war galaktisch und so ist der Abend noch zu einer schönen runden Sache geworden. Alle hatten Spaß. Nur einmal, als Gesa vom Nachbartisch auf ein Gläschen ihrer Wahl eingeladen wurde, waren wir etwas irritiert. Der Typ- bestimmt einer von der Nasa oder so- meinte allen Ernstes, ihre Augen würden heller als zwei Sterne funkeln. Was soll man dazu sagen? Man hält einfach gepflegt die Fresse, nimmt einen größeren Schluck Merlot und hofft auf Gottes Gnade.


11.11.2008

Von Gorleben bis ins Oval Office

»Da, da! Das issa!«, brüllt Gesa. »Komm! Los, beeil’ dich!« Ich flitze in ihre Richtung so schnell ich kann und rutsche trotz ABS-Socken fast auf dem ollen Ikea- Läufer im Flur aus. [Wir hatten mal ne Katze, die das Ding in regelmäßigen Abständen mit ihrem Katzenklo verwechselt hat. Von dem bepissten Flokati will sich hier keiner trennen, obwohl er erbärmlich stinkt] Ich haste also fast 30m über den Flur in Gesas Zimmer und traue meinen Augen kaum: Dieter ist im Fernsehen. Unglaublich. Überall sind Kameras, Presse, Mikrofone und ja, unser Dieter mittendrin. In der Sitzblockade. Die Polizei sagt, dass sie »mit der Räumung des Zwischenlagers Gorleben gleich beginne und das dann Schluss mit Lustig ist«, aber kurz vor gleich ist es tatsächlich so, dass Dieter über unseren Bildschirm flimmert und dabei richtig charismatisch rüberkommt. Er sitzt zwischen Dutzenden Atommüll-Gegnern und Bob Geldof-Fans und pafft eine. Schlafsäcke und Wärmefolien liegen auf der Straße, dazwischen stehen vom rauen Novemberwind gebeutelte Zelte. Während wir näher an den Bildschirm kriechen und die Lautstärke bis Anschlag drehen, kramt Dieter schweigend in seinem Armee-Rucksack. Wir schreien ein bisschen herum und quieken blöde, als wäre Dieter einer von Thake That oder so und dann ist der Beitrag auch schon zu Ende. Wir hoffen, dass er unversehrt zurück in die Berlinerstrasse trudelt, sich nicht freiwillig irgendwo anketten lässt und vor allem die Glühwein-Thermoskanne wieder mitbringt.

Sitzblockaden gibt’s übrigens gerade überall in der Welt, eine davon wird ebenfalls demnächst enden. Nach gefühlten 88 Jahren ausgesessener Amtszeit muss Hundeliebhaber Bush langsam den Arsch hoch kriegen und das Feld, nein anders: das Oval Office räumen. Obama machte Stippvisite in Bushs Wohnzimmer.

Da sein Besuch aber hübsch privat geblieben ist, kann Georgie ruhig noch eine Weile sitzenbleiben und seinen blöden Köter mit Leckerlis vollstopfen, während er über die Finanzkrise schwätzt
»Wir stehen vor einer schwierigen Situation« und was zum Afghanistan-Krieg sagt »Das ist auch eine schwierige Situation« Ja, das ist schon Wahnsinn, dass man sich sitzend in schwierige Situationen manövrieren kann und eine ganze Nation gleich mit. Aber man wird versuchen, den Verursacher der schwierigen Situation zu ermitteln und ihn zur Rechenschaft ziehen. Indes kotzt der Köter auf den Perserteppich. (Der Perser ist definitiv hin, auch wenn er nicht von Ikea ist).

Zurück nach Berlin. Auch hier gibt’s Sitzblockaden. Und zwar hinter verschlossenen Schaltern. Berlins Beamte haben keinen Bock mehr auf Alltag und sich gegenseitig abgesprochen, die Arbeit mal für ein Weilchen ruhen zu lassen. Alle Ämter sind dicht. Gestern war ich im Wedding und wollte auf der Zulassungsstelle meine neue Karre anmelden. Draußen am Tor stand: WEGEN ZU GESCHLOSSEN. Durch die dämlichen Sitzenbleiber stecke auch ich in einer ziemlich schwierigen Situation, aber das ist wieder’n ganz anderes Ding.

02.11.2008

Amerika wählt oder How much is the fish?

„Das hat man davon, wenn man seine schwer gescheffelte Kohle zur Bank karrt!“, sagt Dieter und beugt sich über die Zeitung, die er schon wieder bei Winterfelds aus dem Briefkasten geklaut hat. Es ist Wochenende und das bedeutet für die ganze WG: Entspannung pur. Wir sitzen bei Kaffee und Pumpernickel [Dass mit dem Pumpernickel hat Gesa eingeführt, weil’s so gesund ist. Nur der Büchsenfisch in Tomatensauce von Dieter macht sich auf dem gesunden Brot nicht so gut. Dieter meint, der Fisch müsse mindestens 3 Tage durchziehen, dann sei der Geschmack intensiver.] gemeinsam in der Küche und lesen Zeitung, werten aus, lamentieren über Politik, korrupte Manager, dusslige Stars und das Leben und so.

Heute in Dieters Zeitungsteil: Der x-te Artikel über die momentane Finanzkrise. Die böse Krise hat 15 Prozent der Deutschen persönlich um ihr Geld gebracht. Während wir Dieter beim Vorlesen zuhören, stellen wir fest, dass er sich wieder mal freut, keine Piepen zu haben. „Wer keine Kohle besitzt, kann auch keine verlieren. Hab’ ich ein Schwein gehabt!“, sagt er. Was gibt’s sonst Neues? , frage ich, die keinen Zeitungsteil bekommen hat.

„Pop-Star Sarah Connor und Ehemann Marc Terenzi haben sich getrennt“, liest Gesa. Nach der Dämlich-Soap „Sarah und Marc- Crazy in Love“ könnte das Ehe-Aus der singenden Nationalhymne-Vergeigerin, Anlass für die Fortsetzung: „Sarah und Marc- Crazy in Divorce“ sein, fachsimpelt sie, auch ein bisschen crazy. „Außenpolitisch ist einiges am Start“, sagt Ronny. In weniger als 36 Stunden wird in Amerika entschieden, wer nach dem Ruinator neuer Boss im Weißen Haus wird. Demokrat oder Republikaner, das ist hier die Frage! Aber vorher hat sich die Geheimwaffe der Republikaner, Sarah Palin, noch mal weltweit zum Löffel gemacht, als sie ein kanadischer Spaßmacher mitten in der Nacht anrief und sie verscheißerte, indem er vorgab Monsieur Sarkozy höchstpersönlich zu sein. Die Sarah ist überhaupt nicht stutzig geworden, was beweist, dass es in Politikerkreisen normal scheint, sich nachts gegenseitig aus dem Bette zu klingeln. Man hat ja sonst nix zu tun. Also hat Sarah, die supi mit Knarren umgehen kann, ein kleines Schwätzchen mit dem vermeintlichen Franzosen-Chef und Model-Liebhaber Sarko gehalten und freizügig erzählt, dass sie in acht Jahren- ganz bestimmt, auf jeden Fall, hundertprozentig- selber auf das amerikanische Präsidententreppchen steigen wird. Der falsche Sarko bekam daraufhin einen Hustenanfall.
Während des gesamten Telefonates merkte Palin nicht, dass es sich bei ihrem Gesprächspartner nicht um den echten Sarkozy handelte, auch nicht als dieser erzählte, dass Johnny Hallyday sein Amerika-Berater sei. Aber warum hätte sie das auch stutzig machen sollen? Kann doch sein! In Zeiten wie diesen hat nämlich auch die Bundeskanzlerin über ihre Berater neu nachgedacht und sich, beispielsweise bei Problemen aus dem Volk, für Scooter entschieden. Wäre doch blöde, wenn sie bei einfachen Fragen, die das Volk bewegen, wie: „How much ist the fish?“ keine Antwort parat hätte.

Während wir über Politik und das Leben philosophieren, fällt uns auf, dass Ronny - der sich vor einer Viertelstunde aus dem Staub gemacht hat - nicht zurück gekehrt ist. Auf seinem Platz liegt noch sein Teil der Zeitung mit dem aufgeschlagenen Artikel:
„Lindenberg hat Freude am Joggen und gibt das Saufen auf“. Nachts soll Ex-Exzessor Udo im Schutz der Dunkelheit um die Alster rennen, „mit Tarnmütze und so“, um seine „Randale im Kopp“, loszuwerden. Udo hatte sich, bevor er das Joggen für sich entdeckte mit Absinth in der Kehle auf die Suche begeben, wie es mit ihm weitergeht. In dem Artikel stand auch, dass er in die Katakomben der Erleuchtung gestiegen sei und dass es dort sehr dunkel war. Der Artikel machte uns stutzig. „Wo ist Ronny?“, fragte Dieter. „Auf dem Weg zu Udo nach Hamburg!“, sagte Gesa überzeugt. Joggen, vermutete ich. „Oder er sucht in den Flohmarktkisten nach `ner Taschenlampe!“ überlegten wir. In unseren Köpfen entstanden sekundenschnell die wildesten Theorien über Ronnys Verbleib. Nebenan ging die Spülung.


25.10.2008

Wir verscherbeln Heidenreich

»Nichts funktioniert in diesem Saftladen, gar nichts!« höre ich Gesa über den Flur brüllen und anschließend eine Tür ins Schloss fallen. Das Problem heute: »Telefon geht nicht mehr!« Dieter prüft sofort, »ob das Scheiß- Internet auch nicht mehr geht«.
Das heißt: f u n k t i o n i e r t! Ein Telefon kann nicht gehen, sage ich, aber Dieter rollt nur mit den Augen. Gesa hat heute extra ihre Schicht im Kaffee-Mayerbär sausen lassen und verzichtet auf 6 Euro 20 die Stunde, um mal wieder ein paar Bewerbungen zu schreiben und dann:
»gehen Internet und das verfickte Telefon nicht«. Das ist schlecht und schlecht ist auch, dass niemand von der WG auch nur die geringste Ahnung hat, bei welchem Verein wir unter Vertrag sind. »Die Telekom will ja keiner mehr«, sagt Dieter. »Bei diesen Schwachmaten sind wir bestimmt nicht. Haben die nicht erst letztens wieder Millionen Handydaten versiebt, dem nichts ahnenden Viel-Telefonierer hinterher spioniert und seine Daten anschließend verhökert? Wie bei der Stasi?«
Das Gute an der Sache ist, dass Dieter kein Handy besitzt und man seine Konto-Daten nicht mal geschenkt haben möchte. Ja, so was soll es tatsächlich geben, Handylose in Berlin. Eine Rarität - solche Leute. Was man von den Knietief im Dispo-Stehenden nicht behaupten kann. Keine Kohle, kein Fahrrad, oft kein heißes Wasser, kein Telefon, kein gar nix.

Und so bin ich auch diejenige, die die Sache mit dem »nicht gehenden WG-Telefon« über mein Handy klären- und sich mit dem Schlampen-Verein, einem Billiganbieter, rumärgern darf. Bis man einen richtigen lebendigen Kundenberater an die Strippe bekommt, vergeht eine Ewigkeit. Aber das kennt man ja mittlerweile sogar schon aus der Werbung. Dämliche Computerstimmen bedauern, einen nicht verstanden zu haben und bitten zigmal das Gesagte zu wiederholen. [Entschuldigen Sie, ich habe sie nicht verstanden. Sagten Sie 030? Wenn Sie 030 gesagt haben, antworten Sie bitte mit: Ja. Ansonsten antworten Sie bitte mit: Nein. »Ja!« Entschuldigung, haben Sie JA gesagt? »Ja, ich habe ja gesagt, ja, ja, ja, Sie blöde Kuh!«]
Am Ende ist man so fix und foxi, das man für den Kundenberater keine Wut mehr übrig hat, leise durch den Hörer winselt und demütig um die Behebung des Problems bittet. Und das kann dann dauern!

Weil die Bewerbungsanschreiben also verschoben werden müssen, man aber dennoch den Tag nicht vergeuden will, wird schon mal der nächste Flohmarkt-Gang geplant. Jeden zweiten Sonntag stehen Gesa, Ronny Jagger, Dieter und meine Wenigkeit sich am Mauerpark die Füße platt und verhökern alles, was nicht mehr gebraucht wird: Dieter seine Madonna-Platten, »weil die in letzter Zeit einfach zu viele Faxen gemacht hat und ständig in bunten Schlüppern über die Bühne gehopst ist«, Ronny drei neue Autoradios, die im Wedding vor Kurzem vom Laster gefallen- aber heil geblieben- sind und dann haben wir ja noch den übriggebliebenen Krempel von der Flohmarkt-Session davor: Teller aus Omas Keller, den Aufsatz eines Küchen-Buffets aus den goldenen Zwanzigern, Glühbirnen, Klickrahmen, zwei Drucker, Star-Trek-Tassen, Star-Trek-Bücher, Bücher von Harry Potter und sowieso Bücher bis zum Abwinken. [Fragt Dieter: »Kennste die alle? Und biste nun schlauer?« Ich antworte: Nee, aber belesen.]

»Hier sind zwei Reclam-Ausgaben von Elke Heidenreich«, ruft Ronny überrascht, so als würde er sich wundern, dass überhaupt noch Bücher von ihr im Umlauf sind, nachdem sie beim ZDF rausgeflogen ist. Weil die Elke nun aber noch berühmter ist, als sie ohnehin schon war, beschließen wir den Preis für die Ausgaben nach oben zu korrigieren. »Mit der Heidenreich lässt sich momentan bestimmt ordentlich Asche machen!«, wird auf dem Flur routiniert gefachsimpelt.

Und dann findet Gesa einen Flachmann mit Gravur. »Den habe ich schon überall gesucht« sagt sie und strahlt übers ganze Gesicht. Im Winter ist ein Flachmann praktisch, wissen wir und freuen uns, dass der Wetterbericht für den kommenden Flohmarktbesuch in den Keller stürzende Temperaturen prognostiziert. Das ist supi, denn so haben wir einen guten Grund sogar die Thermoskanne mit heißem Glühwein zu füllen, den man über den langen Flohmarkt-Tag verteilt, genüsslich wegpicheln kann. »Um nicht auszukühlen«, meint Dieter immer. Deshalb sind wir bis zum Mittag auch nie sauer oder geknickt, wenn wir noch nicht ein einziges Autoradio verkauft oder andere Kinkerlitzchen an den Mann gebracht haben. Und dieses Mal, mit Heidenreichs Büchern in petto, steht alles auf Gewinn!

In den letzten Wochen haben sich die Flohmarktbesuche ohnehin zu einem tollen Erlebnis gemausert. Wenn wir nach so einem Tag an der Luft und 2 Kannen Glühwein intus, abends einen leichten Zacken in der Krone haben, sitzen wir oft gemeinsam in der Küche und zählen die Penunsen. Im Hintergrund läuft manchmal die neue Effenberg-Soap, die man nur im Suff verkraftet, aber vielleicht »geht« bald auch schon die Glotze nicht mehr, denn die oft gestellte Frage: „Schon GEZ gezahlt?« war für uns immer nur rhetorisch. Wir werden sehen. Denn: »Irgendwas geht schließlich immer!« 

13.10.2008

Wie viele Super-Stars verkraften wir noch?

Die Sonne stand noch nicht im Zenit, als Gesa wieder einmal feststellte, dass sie sich erstens zu einseitig ernährt und zweitens notorisch pleite ist. „Es kann nicht sein, dass man den ganzen Tag Vollkornbrot und Korbkäse mit Kümmel frisst“, meint sie, obwohl genau das in den nächsten Wochen das von ihr favorisierte Gericht werden sollte: Korbkäsestulle. Aber abends gibt’s Rotwein, weil der gut fürs Blut ist. Gestern, nach dem ersten Gläschen Bordeaux hat sie mich in ihr Zimmer gebeten und fragte, warum sie- mit Anfang Dreißig- den Arsch noch nicht an die Wand bekommen hätte und immer noch studieren würde: „Wie machen das die anderen? …Verdienen einen Haufen Schotter. Die haben Probleme! Machen sich Sorgen um ihre Anlagen und Moneten“. Gesa hat nichts zum Anlegen, höchstens den Spanner von gerade rüber, der täglich in unser Bad glotzt. Kohletechnisch geht ihr bereits der Arsch auf Grundeis, wenn die Sachbearbeiterin vom Bafög-Amt in Urlaub fährt, bevor der Antrag fürs neue Semester befürwortet ist. Dabei hat Gesa so viele Ideen, aber es fehle ihr erstens an Durchsetzungsvermögen, zweitens am Eigenkapital (Kredit kann sie auch vergessen, kriegt’se nicht, denn sie hat mehrere Schufa-Einträge und außerdem hätten die Banken momentan selber zu knapsen. Bei Medi-Max wollte’se ne Kamera auf Raten kaufen, wurde aber nach eindeutiger Prüfung abgelehnt) und drittens fehle es ihr an den Kontakten und vor allem an Zeit.

Gesa ist Studentin der Landschafts-Architektur und hat viel um die Ohren. Die meiste Zeit investiere sie in Gruppenarbeit und Gemeinschaftsreferate. Die macht sie mit einem, dessen Mutter früher mal Mick Jagger-Groupie war. Es könnte also durchaus sein, dass Ronny- so heißt der Studienfreund- ein heimlicher Sohn Jaggers ist, was man ihm aber nicht ansieht, weil er vom Butterkekse-Konsum aus dem Leim gegangen ist. Das würde nicht stören, wenn nicht das Problem wäre, dass Gesa mitfrisst. Wenn sie über ihre Gesundheit und das menschliche Gehirn redet und so, möchte ich ihr am liebsten zum Medizinstudium raten. Da hat sie Talent. Sie verarztet jeden in der WG, dessen Seele blutet, unentgeltlich. Erst heute früh war wieder so ein Fall: Da kam Dieter mit hochrotem Kopf nach Hause und schrie, dass uns alle verarschen und es ihm bald reichen würde, wenn das so weitergeht, „mit denen da oben“. Er würde langsam „zum Schwein“ und erzählte was von einem Schwarzbuch und das „die da oben“ unsere Kohle verjubeln. “Deine doch nicht“, hab’ ich gesagt, „du hast doch gar keine!”, aber Dieter meinte das Geld der Deutschen im allgemeinen. „In Milliardenhöhe haun die das aus dem Fenster, in Milliardenhöhe!“ Als wir mit dem schimpfenden Dieter so in der Küche saßen und zuhörten, fragte Mick Jaggers möglicher Sohn Ronny, ob Dieter nicht wüsste, „um welches Fenster es sich dabei im Genauen“ handeln könnte. Aber das wusste er nicht und ließ sich von Gesa den Rücken streicheln. Dieter unterbrach seinen Monolog nur für ein paar Tropfen Baldrian.

… Und da saßen wir- die komplette WG und zwei Gäste, morgens halb neun und redeten über unsere Zukunft. Wir verloren uns in Gesprächen über junge Star-Autorinnen die Bücher über Hämorrhoiden schreiben, die sie „ihren Muschis“ widmen, damit sie wahnsinnigen Erfolg haben und bald nicht mehr wissen, wo sie mit dem ganzen Zaster hinsollen. Vielleicht schreiben wir ein Buch über das kurze Leben einzelner Stress-Pickel in unseren Gesichtern oder über die Angst- im Alter- inkontinent zu werden. Vielleicht, schlug Gesa vor, sollten wir uns mal richtig darüber auskotzen, dass es das Fernsehen fast geschafft hat, auch den Letzten zu verblöden. Kann nicht endlich mal jemand anprangern, dass deutsche Fernsehmacher der kreative Hirntod ereilt hat?

„Hat schon jemand, und zwar Kalkofe direkt und Reich-Ranicki indirekt“, meinte Dieter. Und was ist mit dem ganzen Tittenalarm, von dem man auf keinem Sender mehr verschont wird? … Oder mit den beschrubbten Shows, in denen sich alle Beteiligten komplett nackig machen- vor allem geistig- und Moderatoren einer ganzen Nation beweisen, dass sie mit Nichts in der Birne trotzdem beim Fernsehen gelandet sind? Oder vielleicht gerade deshalb? Während die Banken fast pleite sind, kann man immer noch überall Hunderttausende von Euro gewinnen, neuerdings sogar beim Universitäts-Radio. „Vielleicht sind wir nicht blöde genug”, meinte Gesa. Vielleicht sollten wir uns die Möpse nach oben schnallen und `ne Anfrage bei RTL 2 starten. Oder wir werden Köche! Aber wenn, dann natürlich nur TV-Star-Koch oder Star-Anwalt, Star-Moderator, Super[Star]-Model, Nachwuchs-Star, Star-Designer, Star-Kritiker, neuer deutscher Super-Star, Pop-Star, Comedy-Star, Fernseh-Star oder Fußball-Star. … Und als Fußball-Star hat man wiederum Chancen, Soap-Star zu werden, wie es Effe uns gelehrt hat. Hui, wäre das toll, man bekäme seine eigene Sendung und könnte dem sich fremdschämenden deutschen Fernsehzuschauer ungefragt zeigen, wie dämlich man morgens vorm Zähneputzen aussieht.

Plötzlich fiel unser Blick auf Ronny, Gesas Studienkumpel, der sich halb abwesend über die dritte Packung Kekse hermachte und vielleicht- ja, ganz bestimmt sogar- der verlorene Sohn des Rolling Stones- Sängers ist. Wir sahen ihm zu, wie er sich verträumt die Krümel vom Revers wischte und wussten in diesem Moment, dass er möglicherweise unser Ass im Ärmel sein könnte und beschlossen, Mick Jaggers Gedächtnis über die Anzahl seiner unehelichen Kinder kostenpflichtig auf die Sprünge zu helfen.

04.10 2008

Endlich volljährig!

Der Tag der Einheit verschaffte unserer kompletten WG ein verlängertes Wochenende. Nach einer turbulenten Woche "kann man drei Stunden länger pennen und muss sich nicht- mitten in der Nacht -halb neun aus dem Bett quälen" sagte Gesa, drehte das Radio lauter und fragte: "Was liegt heute an?" Ich schlage vor, dass wir uns nach dem zweiten Kaffee unters Volk mischen und zur Fanmeile auf der Strasse des 17. Juni tingeln, antwortete ich, denn da ist zur deutschen Volljährigkeit Großandrang und Alarm angesagt. Den Besuchern werden das gesamte Wochenende Attraktionen, Bühnenshows, Kinderprogramme, Sport, Spiel und Würstchen geboten. Das größte Ereignis des Tages sind Auftritte von Stars, Sternchen und Politikern zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor. Das wird toll.

Das letzte Mal waren wir an der Gold- Else, als Mister Barack Obama eine Rede hielt und in der Stadt ganz viel amerikanische Freiheit versprühte. Er stand auf seiner Bühne und halb Berlin erlebte eine Metamorphose, wie Ovid sie sich nicht schöner geträumt haben könnte: Barack Obama wurde während der Rede erst Ernst Reuter, dann Bobby Kennedy und am Ende wieder er selbst. "Schaut auf diese Stadt" hat er mit fester Stimme ins Mikro gesagt und alle die da waren und das hörten, haben das natürlich sofort gemacht. Heute, ein paar Wochen später, schauen wieder alle auf diese Stadt und feiern den Tag der deutschen Einheit. Einige freuen sich so sehr, dass sie Pinocchio Ulbricht posthum den Stinkefinger zeigen, obwohl der wie niemand die Absicht hatte, eine Mauer zu errichten. Das Ganze ist aber schon so lange her, dass es fast nicht mehr wahr ist und man diese geschichtsträchtigen Daten deshalb nicht mehr sofort parat haben muss, meint unsere deutsche Jugend, die es auf die Fanmeile primär wegen des neuen deutschen Superstars zog, der auf einer der Festbühnen zur Feier des Tages ein deutsches Liedchen trällert.

Ja, unsere deutsche Jugend interessiert sich kaum für die ehemalige DDR. Schlimmer noch, die meisten halten die DDR für eine inoffizielle Abkürzung irgendwelcher Spaßmacherpillchen. 19 Jahre nach dem Mauerfall leidet das politische Urteilsvermögen unserer Schüler durch fehlende geschichtliche Kenntnisse enorm. Viele halten Honecker für einen ehemaligen Demokraten, falls sie ihn auf den Bildchen, die man ihnen unter die Nase hält, überhaupt erkennen. Dass Honis Bild in der Zone nicht nur sinnbildlich, sondern tatsächlich über jedem Büro-Schreibtisch und in den meisten Klassenzimmern gehangen hat, ist heute kaum noch vorstellbar. Dafür ist aber Willy Brandts Name ein Begriff, zumindest den Zehnklässlern. "Willy", meint Gesas Cousin Jonas, war ein "berühmter DDR-Politiker".

Ja und Willy hat in der DDR auch einen Kollegen namens Erich Mielke gehabt, mit dem hat er- wenn die beiden morgens im Schrebergarten auf ein Bierchen zusammen saßen- ab und zu was ausgebrütet, zum Beispiel, wie man die DDR-Bürger nicht nur mit Freier Körperkultur bei Laune hält, sondern auch Obacht gibt, dass keiner aus der Reihe tanzt. Der Willy hat mit dem Erich also- während des Frühschoppens- eine Gruppe gebildet, die Stasi, die dann aufgepasst hat, dass der DDR-Bürger nicht zuviel Westfernsehen guckte oder auf die Idee kam, mit dem Schlauchboot nackig in der Ostsee gen Grenze zu rudern.

So ungefähr muss das damals gewesen sein. "Ist aber wirklich lange, lange her, dat Janze", meint Jonas. 18 Jahre nach der Wiedervereinigung haben der Bundespräsident und ganz viele andere Politiker das Zusammenwachsen zwischen Ost und West gewürdigt. Und noch etwas verdient in diesem Zusammenhang eine würdige Erwähnung: Die deutsche Einheitssuppe zum Fest, die mit Zutaten aus allen 16 Bundesländern unheimlich lecker schmeckte und ein tolles Beispiel dafür gab, dass das Preis-Leistungsverhältnis in Berlin immer noch stimmt.

26.09.2008

Wir sind Bummelletzter

Das geht so nicht mehr weiter!, sagt Gesa ernst, während sie mit unserem Abwaschlappen die Soßen-Kleckse auf dem Boden wegwischt. "Was denn", frage ich und sie sieht mich an, als könne es nicht mein Ernst sein, eine solche Frage zu stellen. Dieter war seit Wochen nicht einkaufen, das Gemüsefach ist schon durchgeschimmelt, schimpft sie. Im Schrank stünde kaum noch Geschirr, weil das entweder mistig im Abwasch – oder in Dieters Zimmer stehen würde. Gesa hätte erst vorgestern Butter gekauft, die gute Irische von Penny, meint sie und davon wäre bereits heute nur noch die Hälfte da, obwohl sie sich mit der Butter erst eine Stulle geschmiert habe. „Laut Diätplan hast du aber Butterverbot!", sage ich, aber Gesa gehe es ums Prinzip, nur ums Prinzip. Wenn man zusammen in einer WG wohnt, muss sich prinzipiell jeder in der verfluchten Wohnung engagieren, putzen, seinen Mist wegräumen und Dieters neueste Marotte kotze sie besonders an: Morgens pinkeln und nicht spülen! Schlimm genug wäre schon der offen gelassene Klodeckel, aber nicht spülen ist schlimmer. Das geht nicht, das macht man nicht, das ist egoistisch, wenn man weiß, dass man mit mehreren Frauen unter einer Decke wohnt.

... Und in die Kochtöpfe anderer lunschen, wenn man nichts- aber auch gar nichts- an Zutaten beigesteuert hätte, geht auch nicht. Das ist nicht die feine englische, so Gesa. Gestern hat sie Chili con Carne gekocht und wollte heute den Rest mit zur Uni nehmen. Aber einer aus unserem Sauladen hätte heimlich in ihren Topf reingeleuchtet und soviel Con Carne geschaufelt, dass der Rest nicht mal Pauli (das ist der WG-Kater) satt machen würde. Gesa hat schon so eine Ahnung wer das gewesen sein könnte und sowieso hat sie diesen Jemand seit mehr als einer Woche auf dem Kieker. Es begann unauffällig mit Joghurtklau und Stullen-Diebstahl, meint sie und sagt, dass sie anfangs ein Auge zudrücken wollte, aber der Diebstahl habe ein Ausmaß erreicht, das sie stoppen müsse, denn er hätte sich auf ihre Wurscht-Dose ausgebreitet und das geht eindeutig zu weit!

Gesa kauft ihre Wurst nämlich nicht bei Aldi & Co., sondern noch in einer richtigen Fleischerei, für teures Geld. Die abgepackte Mortadella von A&P sei langfristig der Tod auf Latschen, philosophiert sie. Die Leute, besonders die aus unserer WG, sparen am falschen Ende. Gesa versteht zwar, dass wir wenig Kohle haben und die Aussichten, dass sich das demnächst –außer bei Dieter- schlagartig ändern könnte, stünden miserabel, aber so geht das trotzdem nicht.

Es soll eine neue Studie geben, die wissenschaftlich belegt, dass- wenn es um Lohnentwicklung geht, Deutschland als Bummelletzter und Schlusslicht hinter Gewinner-Ländern wie Rumänien einsam hinterherdackelt.

Als einziges Land in Europa sind die Gehälter der Deutschen, speziell die der Berliner in den letzten Jahren gesunken, immer nur gesunken. Das wisse Gesa alles, aber das kann noch lange kein Grund sein, dass man ihre feine Leberwurst klaut. „Stimmt, das ist keine Lösung", habe ich geantwortet und die Schuld auf Dieters Bräute geschoben. Dieter ist DJ, unter anderem. Seine Auftragslage hat sich in den letzten Wochen verschlechtert, was daran liegt, dass die Berliner zur Herbstzeit besinnlicher werden. Bei Temperaturen unter 27 Grad kuschelt sich der Partymacher und Szenekenner lieber auf dem heimischen Sofa an seinen Nächsten und guckt gern lustige musikalische Formate, in denen es darum geht, wie sich 18-Jährige vor der halben Welt komplett zum Löffel zu machen, weil sie große Weltstars im Musikgeschäft werden wollen. Man ist froh, dass die Leute die entscheiden, ob man aus der mittelprächtig singenden, etwas dicklichen Sandy was machen könnte, ebenfalls große Stars sind, die von ihrem Metier eine Menge verstehen und den singenden Heulbojen Tipps geben. Dieters desolate finanzielle Situation liegt primär am ollen Wetter. Ein Glück, dass DJ nicht sein einziger Beruf ist. Im elterlichen Unternehmen hat er -jetzt, wo es wieder kälter wird und die Deutschen nicht mehr so unbedarft die Heizungen bis Anschlag aufdrehen – als Bestattungsunternehmer wieder mehr zu tun. Wenigstens einer, dessen Jobaussichten rosig sind und- zum Winter hin- sogar florieren.

19.09.2008
Unsere Armut kotzt uns an 

Neulich sagt Gesa zu mir: “Wozu brauchen wir denn ne teure Kaffeemaschine? Ne einfache reicht doch vollkommen aus!” Sie sollte natürlich nach was aussehen, die Kaffeemaschine, zumindest ein bisschen. Am coolsten wäre, wenn die billige Kaffeemaschine aussieht, wie eine teure”, sagt sie. Und noch cooler wäre eine weiße Kaffeemaschine, denn: “Weiß” - so Gesa- “ist das neue Schwarz”. Damals in der Zone und kurz nach der Maueröffnung war alles schwarz, die Möbel waren schwarz, die Fernsehtischchen, die Klamotten sowieso, und meistens auch der Himmel. Und wenn man kein schwarzes Möbelstück in der Wohnung stehen hatte, war das irgendwie doof und nicht zeitgemäß. Also ist man zu Toom (is’n Baumarkt) gerannt und hat sich so blöde schwarze Klebefolie geholt um die Möbel selbst zu verkleiden. Da war vor dem Bekleben immer ein Heidenalarm zu Hause angesagt, der eine konnte es besser, weil er es schon mal gemacht hat, der andere hatte eine Idee für die präzisere Technik und Mutti hatte Tipps, wie unter der Folie keine Luftblasen durch die mühselige Kleberei zurückbleiben. Kurioserweise hatten meistens alle Unrecht, die Blasen waren immer zu sehen, die Klebe-Technik war die Gleiche: Es gab keine (!) und am schlimmsten wurde es, wenn man schon die Hälfte des Schranks beklebt hat und kurz vorm Ziel feststellte, dass die ganze Schose entweder zu kurz ist oder schief oder- am allerschlimmsten- nicht reicht und gestückelt werden musste. Manchen ist das Prozedere irgendwann zu anstrengend geworden, die haben die ganze Schose einfach gelassen wie sie war und auf die klebefoliefreie Stelle Kippenschachteln gelegt oder Zimmerpflanzen gestellt. Man musste sich nur zu helfen wissen und das lernte man im Osten früh.

Zurück zur Kaffeemaschine: Wir brauchten eine und Gesa schlug ein Modell von Cloer vor, obwohl die Firma keine Sau kannte, geschweige denn jemand zuvor von ihr gehört hatte. Macht nix, diese Kaffeemaschine sollte es sein und überhaupt hat die ja ursprünglich auch mal das Doppelte gekostet, “ist so schön weiß” und machte einen ziemlich teuren oder wie Gesa sagte, “noblen Eindruck”. Wir kauften die Kaffeemaschine, sie vergilbte in sechsunddreißig Stunden, der Ein- und Ausschalter war nach einer Woche im Arsch, die Heizplatte funktionierte nur noch halb und auch sonst war mit der noblen Kaffeemaschine nicht allzu viel los. Zurückbringen ging nicht. Gesa hatte den Kassenzettel verschlampt. Die Tage vergingen und es sprach selten einer über die noble weiße Kaffeemaschine, obwohl alle dasselbe dachten. Irgendwann hatte die Geduld ein Ende. Heraus kam folgender Ist-Zustand: 4 Kaffeemaschinen und 2 Wasserkocher auf 3 Bewohner.

Die Steuer ist hinter uns her, Dieter hat eine Sachbearbeiterin bei der KSK bestochen, wir wohnen in einer WG, in der seit 3 Wochen der Strom abgestellt ist, Sarrazin will uns für den Winter einen Pulli stricken, Birne und Bernd waren mit den Rädern bei Obamas Rede in der ersten Reihe und stellten hinterher fest, dass ihnen ein Rad geklaut wurde. Gestern hat Dieter ein Ei an die Fenster des Borchardts geschmissen- einfach so- und sich anschließend geärgert, weil 2 Penner in unseren Hausflur gepullert haben. Mitten gegen die Wand. Heute Morgen haben wir Barbara Schöneberger beim Bäcker John gesehen, sie hat aber nicht gegrüßt, die blöde Kuh, mittags hat Sammy unsere Gesa im Kik beim Klauen erwischt. Eigentlich (sic) ist sie aber Künstlerin. Dieter, der das Zimmer links außen hat, ist Bestattungsunternehmer, Systemadministrator und DJ und klaut ebenfalls. Aber nur Mucke!, sagt’a immer. Gesa wird deshalb demnächst in den Knast müssen. Sie ist nämlich auf Bewährung draußen (3 Monate auf 3 Jahre wegen Tomatenklau. Ist ihr aber Wurscht, ob sie einen Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis hat, sie will sich “ja schließlich nicht verbeamten lassen”, meint ’se und keiner glaubt ihr, dass sie kleptoman ist. Gerade rüber steht fast täglich ab 22 Uhr ein Dicker in Feinripp mit Fernglas vorm Fenster und glotzt in unser Bad. Uns stört das nicht. Die WG ist Spanner gewohnt. Dieter meinte eben, während Ulla den Text hier schreibt, dass er jetzt noch einen anderen Job machen will, irgendwas Administratives bei: www.neubauluder.de. Wir sind alle gespannt ob’s für die nächste Miete reicht und wohnen ebenfalls am geilsten Platz der Welt. Alexanderplatz. 3 km neben Konopke. Jawoll. Und wenn wir mitkriegen, dass hausgemachte RTL 2 Formate Quotenrenner sind, möchten wir immer ein bisschen kotzen.


Freigeister saufen schöner

Gesa macht seit Neuestem Diät. Sie meint, jetzt, wo sie ein bisschen über dreißig ist, müsste das noch mal sein. Es wäre mit dem Abnehmen nicht mehr so leicht wie früher, als Gesa noch 29 oder 28 war und sowieso schadet es nicht, mal ein bisschen auf die Ernährung zu achten. Mehr Rohkost wäre gut, nicht jeden Tag Butter und Brötchen und vor allem dieses wahllose Balisto- und Bounty-Gefresse ist Gift für die Figur. Pures Gift. Ich hab’ zu Gesa gesagt, dass es doch vollkommen reichen würde, wenn sie abends mal weniger pichelt. Gesa kippt sich nämlich täglich zwei Gläser Rotwein hinter und das sind ja auch Kalorien und so.

Nein, sagt sie, an dem Rotwein läge es nicht, der sei gut fürs Nervensystem und sie als Freigeist kann gar nicht so viel trinken, wie sie denkt und überhaupt: Alle Freigeister saufen. Das Trinken diene der inneren Wahrheitsfindung und als Erkennungsmerkmal unter ihresgleichen, auch wenn Gesa allein zu Hause ist. … Und ich, so Gesa, könnte ruhig (sic!) bei ihrer Diät mitmachen. Würde mir nicht schaden, sagt sie. Bei einer Größe von 1,63,25m sind zwar 55 kg okay, aber letztens, als ich mutig Röhre trug, meint Gesa, wäre ihr links außen der ein oder andere mittelgroße Rettungsring aufgefallen. Aha! Soso, hab’ ich geantwortet, was für Gesa ein »Ja, ich mische mit« bedeutete und dazu führte, dass sie sich freute wie ein Kind über Buntstifte und toll fand, dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen.

Im Flur, an der Pinnwand hängen zwei A4 Blatt-Listen. Die zeigen die Wochentage, links steht mein Name und rechts Gesas und dann steht da noch FRÜH, MITTAG UND ABEND und ich solle da täglich und ehrlich reinschreiben, was ich verputze. Gesa hat gestern früh eine halbe Stulle mit Lachsaufstrich gegessen, ne Tasse Kaffee getrunken, mittags gab es frische Luft und abends hat sie sich wieder ihre 2 Gläschen Rotwein genehmigt, drei Minuten Sit ups gemacht und kurz das Zimmer nach anderen Freigeistern abgesucht. Heute meinte sie, als sie vorm Spiegel stand und sich in die Taille fasste, dass sie schon richtig spüre wie die Pfunde schmelzen, sie fühle sich auch gleich viel leichter und gesünder und so. Nur dass die Hosen am Hintern ein bisschen zu schlackern beginnen, fand sie nicht so toll, aber die können wir ja dann auch tauschen, sagt sie, falls mein Hintern breiter wird. Auch der Rest meines Körpers obliegt neuerdings ihrem strengen Blick. Man muss sich Mühe geben, dass alles so schön bleibt, wie es jetzt noch aussieht, sagt sie und fragt anschließend, ob ich heute noch zu Aldi gehe. Nö, zu Lidl, meine ich und frage, ob ich ihr ein paar Töpfe Basilikum mitbringen soll. Nein, antwortet Gesa, brauchste nicht, aber ne Flasche Wein wäre nicht schlecht, zwei wären spitze.

Von dem Erfolg bin ich nicht überzeugt, zumal Gesa irgendwie nach ihrem Alten kommt, aber das ich so denke, darf sie nicht wissen, sonst kürzt sie mir wieder die Rationen. Gesas Vater ist übrigens auch Freigeist.
 



 


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