|
Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik |
|
|||
|
Home Literatur Blutige Ernte Sachbuch Bilderbuch Zeitkritik Termine Preisrätsel Impressum Mediadaten Andere über uns | ||||
Bücher, CDs, DVDs & der Link des Tages Schiffsmeldungen Nachrichten, Gerüchte, Ideen, Leute & Jobs aus der Verlagswelt, Fachpresse & Handel Links Bücher-Charts l Verlage A-Z Medien- & Literatur l Museen im Internet Rubriken Belletristik - 50 Rezensionen Romane, Erzählungen, Novellen & Lyrik Quellen Biographien, Briefe & Tagebücher Geschichte Epochen, Menschen, Phänomene Politik Theorie, Praxis & Debatten Ideen Philosophie & Religion Kunst Ausstellungen, Bild- & Fotobände Tonträger Hörbücher & O-Töne SF & Fantasy Elfen, Orcs & fremde Welten Sprechblasen Comics mit Niveau Autoren Porträts, Jahrestage & Nachrufe Verlage Nachrichten, Geschichten & Klatsch Film Neu im Kino Klassiker-Archiv Übersicht Shakespeare Heute, Shakespeare Stücke, Goethes Werther, Goethes Faust I, Eckermann, Schiller, Schopenhauer, Kant, von Knigge, Büchner, Marx, Nietzsche, Kafka, Schnitzler, Kraus, Mühsam, Simmel, Tucholsky, Samuel Beckett Honoré
de BalzacBerserker und Verschwender Balzacs Vorrede zur Menschlichen Komödie Die Neuausgabe seiner »schönsten Romane und Erzählungen«, über eine ungewöhnliche Erregung seines Verlegers Daniel Keel und die grandiose Balzac-Biographie von Johannes Willms. Leben und Werk Essays und Zeugnisse mit einem Repertorium der wichtigsten Romanfiguren. Hugo von Hofmannsthal über Balzac »... die größte, substantiellste schöpferische Phantasie, die seit Shakespeare da war.« Literatur in Bild & Ton Literaturhistorische Videodokumente von Henry Miller, Jack Kerouac, Charles Bukowski, Dorothy Parker, Ray Bradbury & Alan Rickman liest Shakespeares Sonett 130 Thomas Bernhard Eine
kleine MaterialsammlungMan schaut und hört wie gebannt, und weiß doch nie, ob er einen gerade auf den Arm nimmt, oder es ernst meint mit seinen grandiosen Monologen über Gott und Welt. Ja, der Bernhard hatte schon einen Humor, gelt? Hörprobe ![]() Die Fluchtbewegungen des Bob Dylan »Oh my name it is nothin'/ My age it means less/ The country I come from/ Is called the Midwest.« Ulrich Breth über die Metamorphosen des großen Rätselhaften mit 7 Songs aus der Tube Glanz&Elend - Die Zeitschrift Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben: Die menschliche Komödie als work in progress »Diese mühselige Arbeit an den Zügen des
Menschlichen«Zu diesem Thema haben wir Texte von Honoré de Balzac, Hannah Arendt, Fernando Pessoa, Nicolás Gómez Dávila, Stephane Mallarmé, Gert Neumann, Wassili Grossman, Dieter Leisegang, Peter Brook, Uve Schmidt, Erich Mühsam u.a., gesammelt und mit den besten Essays und Artikeln unserer Internet-Ausgabe ergänzt. Inhalt als PDF-Datei Dazu erscheint als Erstveröffentlichung das interaktive Schauspiel »Dein Wille geschehe« von Christian Suhr & Herbert Debes Leseprobe Anzeige Edition
Glanz & ElendMartin Brandes Herr Wu lacht Chinesische Geschichten und der Unsinn des Reisens Leseprobe Neue Stimmen Die
PreisträgerDie Bandbreite der an die 50 eingegangenen Beiträge reicht von der flüchtigen Skizze bis zur Magisterarbeit. Die prämierten Beiträge Nachruf ![]() Zum Tod des ehemaligen Schachweltmeisters Bobby Fischer »Ich glaube nicht an Psychologie, ich glaube an gute Züge.« Wir empfehlen: kino-zeit Das Online-Magazin für Kino & Film Mit Film-Archiv, einem bundesweiten Kino-Finder u.v.m. www.kino-zeit.de ![]() ![]() ![]() br-buecher-blog Andere Seiten Elfriede Jelinek Elfriede Jelinek Joe Bauers Flaneursalon Gregor Keuschnig Begleitschreiben Armin Abmeiers Tolle Hefte Curt Linzers Zeitgenössische Malerei Goedart Palms Virtuelle Texbaustelle Reiner Stachs Franz Kafka counterpunch »We've got all the right enemies.« Riesensexmaschine Nicht, was Sie denken?! texxxt.de Community für erotische Geschichten Wen's interessiert Rainald Goetz-Blog Technorati Profile |
Neues von Gesa ...
Es wird immer gern so
getan, als hätte es die Stasi nur in der damaligen Zone gegeben und als bekannt
wurde, dass Tattergreis Mielke bis an den Rand gefüllte Keller mit Geruchsproben
von Leuten hatte, die bespitzelt wurden, ging ein lautes Raunen durch die
Nation. Die Proben befanden sich zwar in Omas Einweckgläsern und waren
liederlich mit Schlüppergummi abgedeckt, aber gelacht hat in dem Moment keiner
mehr, denn irgendwo hört der Spaß schließlich auf! Es wurde mit dem Kopf
geschüttelt und die Stirn verächtlich in Falten gezogen. Skrupellos sei das,
menschenverachtend und unter aller Sau. Wenn es darum ging, die Machenschaffen
der Stasi mit Worten zu verurteilen, mussten manchmal fast neue erfunden werden,
denn das Repertoire an Vokabeln war- wie die Zone selbst- irgendwann erschöpft. Es kann demnach kein Zufall sein, dass die nächste Spitzelaffäre wieder im Einzelhandel ist und auch nicht, dass sie wieder auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen wird, die sowieso- und das muss mal gesagt werden- nichts zu melden haben und auch gern mal vor den Kunden rundgemacht werden, weil zum Beispiel in der Gemüseabteilung drei angeschlagene Gurken nicht entfernt wurden. So eine Mitarbeiterin wird zur Freundlichkeit gezwungen, obwohl Kunden an der Kasse manchmal fast auf ihren Kittel kotzen. Macht nichts: Freundlichkeit muss sein! „Sammeln Sie die Herzen, Schönen Abend noch, Schöne Feiertage, Möchten Sie eine Tüte? usw. usf. Wenn man mitzählt, wie viele Kunden oder vielleicht sollte man sagen: wie wenig Kunden überhaupt zurückgrüßen, möchte man ihnen am liebsten mit den Worten von Tony Montana begegnen und sagen, dass sie sich ihren Kopf in den Arsch stecken sollen, um zu gucken, ob er reinpasst.
Ich möchte keine
Verkäuferin bei Lidl oder Edeka sein und dort an der Kasse sitzen, nachdem mich
so ein beschissener Detektiv ausspioniert und meinem Chef gemeldet hat, dass ich
einen Eintrag bei der Schufa oder Schulden bei Otto habe. Ist dieser Mist noch
steigerbar? Ja, er ist. Letztens habe ich mitbekommen, wie so eine aufgetakelte Bereichsleiterin einer Verkäuferin direkt vor den Kunden die Leviten gelesen hat: „Was sind das für Tüten? Warum steht das hier rum? Ihr Kittel hat Flecken!“ Die Verkäuferin lief rot an und schwieg und die aufgetakelte Tante zog von dannen, nachdem sie nicht vergaß mitzuteilen: „den Vorfall zu melden“. Ich gehe fast jeden Tag in diesen Laden. Der ist vollkommen okay, die Leute sind freundlich, das Angebot ist breit gefächert und nicht übertrieben. Es gibt also keine Erdbeeren im Winter. Aber nein, alles muss immer noch ein bisschen mehr sein, noch größer, noch wahnsinniger. Wenn ich diese Betriebsbereichsleiterin noch einmal in m e i n e m Markt rumbrüllen höre, und das meine ich nicht larmoyant, geh' ich zu ihr hin und hau’ ihr- mit den Erdbeeren, die es dort nicht gibt- eine vor die 12. Ich schwörs!
(Weihnachts-Tipp:
Verkäuferinnen zurückgrüßen. Danke sagen.)
Der falsche
Horst
Was für ein Christi Himmelfahrtstag! Was für ein beschissenes Wetter! Was für ein wunderwunderwunderschönes Germanys next Top-Model- Finale! Hundert Millionen Deutsche guckten sich zuhause vor den heimischen Flachbildschirmen die Augen wässrig und lauschten inbrünstig dem leicht nasalen Singsang samt Versprecherlis, Huhus und Tschüssis von Heidi Klum, Moderatorin der „sensationellen“ Show. Ja, das war schon ein „absoluter Wahnsinn“, als die Heidi mit ihren 35cm hohen Louboutins auf die Bühne stakste, ganz oft „keine Spucke mehr im Mund“ hatte, weil sie „so aufgeregt“ war, in einer Riesenhalle eine Riesenshow vor einem Riesenpublikum zu moderieren. Live ! Alle (Publikum inklusive!) sahen “supertoll” und “Hammer” aus und freuten sich, einschließlich Gewinnerin Sara, die das schon machte, als die dritt platzierte Marie noch einmal „alles geben“ wollte und Laufstegqueen Mandy feststellte, dass sie sich innerhalb der letzten drei Monate „vom Entchen zum schönen Schwan verwandelt“ hat. „Sensationell, Wahnsinn, einfach großartig“, diese Topmodels! … “Was die alles geleistet und auf die Beine gestellt haben!” Ja, das muss Frau schon mal sagen, verdient Respekt. War ja auch nicht einfach, so lange von zuhause weg zu sein, in soner blöden Schicki-Villa zu wohnen, die in besagtem Falle auch noch- wie schrääääcklich!- über einen hauseigenen Pool verfügte. Nicht zu vergessen, dass die armen Models nach Hawaii, New York und ins Meer mussten. Zum arbeiten! Wie doof ist das denn? Aber die ganze Plage hat sich gelohnt. Die Gewinnerin hat neben tollen Werbe-Verträgen mit Hertie, Tschuldigung: C&A sogar ein Auto abgesahnt, worüber sie sich natürlich – ja, büdde büdde, ich sags zu gern- schon wieder „unheimlich“ gefreut hat.
Wenn man als
Fernsehzuschauer nicht das Glück hatte, bereits während der Show vor
Fremdschämen ohnmächtig geworden zu sein, ist man spätestens 5 Minuten nach dem
Finale schamdurchpulst hinter das heimische Sofa gekippt, weil man das Interview
von „red“-Moderatorin und Aber ist ja nicht so schlimm, denn alle die Germanys next Top-Model immer schön verfolgt und wöchentlich geguckt haben, sind trotzdem glücklich und die frisch gekürte Siegerin Sara setzte sogar noch mal einen drauf, als sie am Ende der Show Tränen überströmt sagte, dass sie sich nun nicht mehr einfach nur freue, sondern ü b e r glücklich sei.
Ich hingegen bin
überrascht, dass sich die Mädchen so „unheimlich“ wünschen, auf dem Cover der
deutschen Cosmopolitan zu sein. Meines Erachtens zählt diese Zeitschrift zu den
oberflächlichsten, werbelastigsten und sinnfreiesten Frauenzeitschriften, die
wir in Dschörmänie haben. …Wenn ich nur an deren blonde Chefredakteurin Petra G.
denke, die keine C, D und F- Promiparty mit ihrer Abwesenheit verschont, möchte
ich mir am liebsten meine Knipse schnappen und ihr morgens auflauern, wenn sie
in Schlappen und Falten am Hintern durch ihre sonnendurchfluteten Zimmer auf die
Dachterrasse latscht und bedrömmelt in ihr Knäcke beißt. Für die Falten möchte
ich ihr dann zu gern eine dieser Proben reichen, die sich ständig zwischen den
Seiten ihrer dussligen Zeitschrift lümmeln. Vermutlich würde sie die Dinger
selbst nie benutzen, denn Frau Chefredakteurin schwört bekanntlich auf
Hyaluronsäure und Turn around Visible Skin Renewer für einen ebenmäßigen Teint.
Wahnsinn! Italiens Boss und Frauen-Versteher Berlusconi ist mit pikanten Statements schon das ein oder andere Mal ins Fettnäpfchen getreten. Unvergessen sind seine Äußerungen über US-Star-Präsident Obama, den er um seine Bräune beneidete oder seine Vorschläge, Italiens Erdbebenopfern ein paar Ikea-Sessel zu stiften, jetzt, wo sie kein Dach mehr über dem Kopf haben und neue Möbel brauchen. Der italienische Ministerpräsident ist Skandalen gegenüber nicht abgeneigt und dass diese nicht nur politisch sind, versteht sich von selbst. Warum er aber momentan ausgerechnet zuhause Knatsch hat, kann der Silvio nicht nachvollziehen. Es ist nämlich so, dass seine Ehefrau auf gepackten Koffern sitzt und einen Tobsuchtsanfall nach dem nächsten erleidet. Nun sind Italienerinnen für ihr ungezügeltes Temperament weltbekannt, aber dass Signora Berlusconi gleich so durchdrehen muss, bloß weil der Silvio flirtet und hübschen Ragazzas den Hof macht, ist schon ein bisschen irre. Rasend vor Eifersucht (Zugegeben, er ist aber auch smart- der Silvio!) löste sie fast einen politischen Eklat aus und dass nur, weil der Göttergatte ihrer Meinung nach zu viele junge, hübsche Frauen in seine Partei holen wollte. Na und? Als Ministerpräsident steht er eben auf Intelligenz, kombiniert mit Schönheit. Das mag jeder, da beißt die Maus keinen Faden ab. Aber nein, Frau Berlusconi will und kann das nicht akzeptieren und macht ein Riesenfass auf. Nach 20 Jahren Ehe will sie Schluss machen und die Scheidung einreichen. Total übertrieben, das! Vermutlich will sie nur einen jüngeren Toy-Boy und versucht, dem armen Silvio die Schuld in die Stiefel zu schieben. Frech genug, dass sie die vom Gatten eigenhändig ausgewählten und auf Intelligenz frisch getesteten Kandidatinnen für die nächste Europawahl als „schamlose Luder im Dienst der Macht“ titulierte, wettert sie ungebremst weiter und behauptet, dass sie mit dem gelackmeierten Silvio nicht mehr zusammenleben will, weil er sich „mit Minderjährigen trifft“. Entsetzen. Ein Land hält den Atem an und fragt mit Schluckauf: Ist Frau Berlusconi nicht mehr ganz al dente? Grund für die miesepetrige Stimmung der Noch-Gattin und ehemaligen Schauspielerin, die extra für ihren Silvio eine Hollywoodkarriere auf Eis legte, soll die süße- kürzlich volljährig gewordene- Noemi sein. So soll sich der italienische Ministerpräsident angeblich extra nach Neapel aufgemacht haben, um der blonden Bella einen Überraschungsbesuch abzustatten. Na und? Warum auch nicht? Sie hatte ja schließlich Geburtstag! Ist doch nett von ihm. Er hat ihr sogar ein mit Diamanten besetztes Kollier geschenkt, also wenn das nicht aufmerksam ist? Kurz vor der Schenkung, als der Silvio sich bei einem Zwischenstopp in einer neapolitanischen Seitengasse erleichterte, wäre das Kollier sogar beinahe geklaut worden, doch der Dieb - der Depp! - griff in die falsche Hosentasche, links, wo nur das K... war. Wenn der gewusst hätte … Einen coolen Sportwagen soll Berlusconi dem Geburtstagskind auch angeboten haben, was sie aber abgelehnt hat, die Noemi. Schön blöd!
Aber eigentlich passt das ganz gut, denn von der
eingesparten Kohle, die der Schlitten gekostet hätte, kann Don Giovanni Silvio
gleich den Scheidungsanwalt bezahlen. Der verlangt für diesen Rosenkrieg
garantiert ein Schweinegeld. Kameraschwenk nach links, Reporter: »Guten Tag, wir berichten live vom Geschehen aus Winnenden. Zuerst ein paar Eindrücke, Leute die sich weinend in den Armen liegen (Kameraschwenk nach Rechts) und noch nichts sagen können, weil sie fassungslos sind. …Und dort drüben sehen Sie einige Anwohner, die unmittelbar nach der Tat vor Ort waren, aber nichts Genaues gesehen oder gehört haben, außer dass es sehr laut war, als der Schütze schoss und ziemlich schnell überall Polizei, Hubschrauber und Reporter waren. (Kameraschwenk 2 m weiter) Die Anwohner sind, wie Sie sehen können, schockiert. Gucken’se mal, dort weint eine!« (Großaufnahme Tränen, Damenbart.) Kameraschwenk zurück zum Reporter: »Nachher treffen wir einen Lehrer des Amokläufers und jetzt sind wir mit unserem Team bei einem anderen Lehrer zu Besuch, der den Amokläufer von Erfurt unterrichtete und über das aktuelle Geschehen auch ganz betroffen- und zusätzlich von den Ereignissen von vor 7 Jahren traumatisiert ist. Doppelt furchtbar! Hier, sein Terminkalender mit den Einträgen der letzten Psychotherapien!« (Kameraschwenk auf den Terminkalender) Der Lehrer indes schüttelt fassungslos den Kopf. Er kann leider nichts in die Kamera sagen. Das Trauma ist schuld. Glücklicherweise trifft das Team schnell Menschen, die schon eine Meinung zum tragischen Fall haben: Passanten, Anwohner, Experten und welche, die den Amokläufer persönlich kannten. Reporter: »Frau Schmidt, Sie wohnen ja gleich neben diesem Wolf im Schafspelz. Was wissen Sie denn über den Täter und die Familie des Täters?« (Kameraschwenk auf Frau Schmidt, im Kittel) »Also, über den Täter selbst weiß ich eigentlich nichts! Er war immer sehr ruhig.« (Reporter rückt näher mit dem Mikro an Frau Schmidts Nase) »Und was können Sie über die Eltern sagen?« (Großaufnahme Frau Schmidt) »Nun, die waren auch sehr ruhig, glaube ich!« Der Reporter bedankt sich für die klärenden Worte. Dann trifft das Kamerateam einen Herrn, der still beobachtet. Er hat aber trotzdem was zu sagen und kommt auch gleich dran. Los geht’s: »Der Amokläufer war auf jeden Fall nicht ganz dicht im Kopf. Der hatte psychische Probleme! Soll ja nur Computer- und Killer-Spiele gespielt haben, den ganzen Tag! Ist doch kein Wunder, dass der aggressiv wird! Der Freund vom Sohn einer Schwägerin wird bestimmt auch Amokläufer, ich sag’s Ihnen! Der hört den ganzen Tag nur diese schreckliche und laute Hottentotten-Musik und grüßt nicht, wenn ich ihn beim SPAR treffe. Nicht, dass der mich jetzt kennt oder so, aber diese Jugend heutzutage, die grüßen alle einfach nicht mehr! … Und verdächtig ist der, sehr verdächtig! Ich vermute schon lange, dass der ne tickende Zeitbombe ist. Solche Leute wie der sind nicht ganz richtig!« (Großaufnahme vom Zeigefinger des Herrn) Der Reporter nickt und verspricht, dem Hinweis des Herrn, der ein Jahres-Abo der Zeitschrift: Psychologie heute hat, nachzugehen. Ist ja schließlich sein Beruf und sollte es über den Freund vom Sohn dieser Schwägerin Ungereimtheiten geben, wird er tun, was ein Reporter tun muss. (Kurze Schalte in den Bundestag) Alle betroffen. Kondolenzwünsche nach Winnenden. Man ist sich einig, dass man da irgendwas tun muss, einen schulpsychologischen Dienst einrichten, mehr mit den Schülern reden und so, aber vor allem diese schrecklichen Killer- und Baller-Spiele verbieten, weil die höchstwahrscheinlich, wie auch schon der Hobby-Psychologe anmerkte, bestimmt die Ursache allen Übels sind. In den frühen Nachmittagsstunden gibt es neue Erkenntnisse und nachgestellte Szenen in 3D, wie der Amoklauf ausgesehen haben könnte. So weit, so gut. Die Medien sind schnell, der Amokläufer war aber auch schnell und ganz gewiefte Journalisten wissen, wie man was, wo am allerschnellsten recherchiert. Auch aus diesem Grund liegen den Berichterstattern vor Ort schon bald exklusive Informationen und Details über den Amokläufer vor. Reporter: »Er war anders als normale Leute. Mit Mädchen gab’s Probleme, höre ich gerade. Werte Zuschauer, wir haben aus sicheren Quellen (Google) soeben erfahren, dass der Amokläufer sich nachts in Chat-Rooms und Foren rumgetrieben haben soll. Unserer Redaktion liegen diverse Einträge vor. Selbstverständlich werden wir Sie auf dem Laufenden halten. Hier haben wir aber erst einmal exklusive Bilder des Täters für Sie! Bleiben Sie dran, wir sind nach einer kurzen Unterbrechung gleich wieder für Sie da und berichten live vom Schauplatz des Geschehens! Wenn Sie möchten, können Sie während dieser den Ablauf des Tages per Flash-Video verfolgen. Dafür müssen Sie sich nur schnell den Flash-Player downloaden, dauert gerade mal einen Atemzug!« In der Pause flackert Heidi Klum über die Bildschirme, anschließend gibt’s einen Programmhinweis mit einem kurzen Filmausschnitt für den späteren Abend: 23:15 Uhr, »Falling Down« mit Michael Douglas. In dem Ausschnitt wird wie blöde rumgeballert, was logo ist, denn Douglas spielt in dem Psychothriller einen Angestellten, der plötzlich- wie aus heiterem Himmel- komplett ausrastet und alles wegpustet, was ihm vor die Flinte läuft. Zurück zur Live-Schalte, Reporter: »Wir melden uns zurück, werte Zuschauer, nun die versprochenen Bilder des Täters: Hier hält er einen Preis wie eine Waffe hoch. Hier spielt er Tischtennis, hier sieht es fast so aus, als würde er lächeln, gucken Sie! Aber bereits hier ahnt und sieht man, das da was nicht stimmt. Sehen Sie das auch? Hier ein Bild des Täters als Kind, zwei aus dem letzten Urlaub, hier eins, wie er vor einem Jahr ausgesehen hat, hier eins, wie er in 5 Jahren ausgesehen hätte, wäre er nicht auf die entsetzliche Idee gekommen, so einen unbegreiflichen Amoklauf zu begehen. Spätestens morgen früh werden wir die Bilder des aktuellen Amokläufers mit denen von anderen Amokläufern vergleichen und bestimmt eine gewisse Ähnlichkeit feststellen. Jetzt verabschieden wir uns aber fürs Erste und geben an einen Kollegen ab, der beim Trauergottesdienst für uns Bericht erstattet, Kollege, wie ist die Lage?« (Schalte zum Gottesdienst) »Ernst«, so der Kollege, der daraufhin sagt »dass die Welt nun nicht mehr so sein wird, wie sie vorher war: Wie nach dem 11. September. Davor war die Welt nämlich auch anders.« Noch einmal zurück zu unserem Reporter, der sich gleich zum Elternhaus des Tim aufmachen wird. Dort sind auch schon andere Teams von anderen Sendern, die seriös über die Situation berichten.
Reporter:
»Es kann
passieren, dass das Haus ein paar Tage belagert und der Hausmüll durchsucht
werden muss. Anders kommt man ja manchmal nicht an Informationen. An dieser
Stelle möchte ich betonen, dass sich unser Team von den schmierigen Reportern
irgendwelcher Klatsch und Tratsch-Medien distanziert und auf eine seriöse
Berichterstattung niemals verzichtet. Dieses Pack setzt Gerüchte in die Welt und
wirbelt Staub auf, wo keiner ist: Therapie oder nicht Therapie, das ist seit
gestern die Frage. Wir setzen auf Qualität statt widersprüchlichen
Medienaffentanz und geben mit diesen warnenden Worten ab zu unserem Kollegen
Volker, der sich just in dem Moment in der Wohnstube der Großeltern des Täters
eingefunden hat. Volker, wie ist die Lage, weißt du schon Genaueres?« Endlich wieder ein freies Wochenende, das war was Feines! Deshalb wurde die wertvolle Zeit genutzt, um mal wieder am Hackeschen Markt herumzuscharwenzeln. Der Hackesche Markt ist - für diejenigen, die noch nicht in der deutschen Hauptstadt waren - ein Epizentrum des gesellschaftlichen Irrsinns, eine Champs-Élysées der Eitelkeiten, ein beliebtes Plätzchen in Berlin-Mitte mit vielen Geschäften und noch mehr Touristen. Er hat sich in den letzten Jahren verändert und oft seine Kleider gewechselt, aber eines ist in der ganzen Zeit gleich geblieben und zwar, dass man sich einen Sparziergang dorthin eigentlich (sic!) sparen kann. Lohnt sich einfach nicht, das weiß man genau, aber immer wieder denkt man sich: „Mensch, jetzt biste schon ne Weile nicht mehr dort gewesen. Vielleicht hat sich ja was zum Positiven verändert.“ Aber das hat es nicht. Der Wahnsinn begegnet einem bereits am Anfang, noch auf Höhe der Torstrasse, wenn man die Alte Schönhauser entlang spaziert. Links vorne ist das hippe Schicki-Lokal: Monsieur Voung, vor dem sich immer, aber auch wirklich immer und zu jeder Jahreszeit die, die was von sich halten und vor allem auf gesunde Ernährung achten, die Füße platt stehen. Denn das Lokal ist- wie gesagt- stets gerammelt voll und weil man unbedingt gesehen werden will, wie man sich beim Mit-Stäbchen-Essen zum Affen macht, wartet man eben solange draußen, bis drinnen ein Plätzchen frei wird, was dann meistens im Gang oder gleich neben der Tür ist.
Bei Monsieur Vuong
ist es unheimlich laut, weil jeder durcheinander sabbelt und sich auch schon mal
über Zimmerlautstärke mitteilen muss, dass man gestern noch lange bis nach
Mitternacht auf der Eröffnungsparty der angesagten Modemesse „Bread & Butter“
abgehangen- und rein zufällig Supermodel Eva Padberg am Buffet getroffen hat.
„So gut wie auf den Fotos sieht die ja nun auch wieder nicht aus!”, berichtet
der Insider exklusiv. In Berlin ist es ohnehin außerordentlich wichtig, sich mit seinem Styling irgendwie auszudrücken, auch wenn man weder was zu sagen- noch was zu melden hat. Man ist mutig, experimentierfreudig und in der deutschen Hauptstadt auf jeden Fall forever young, auch wenn man schon Mitte Vierzig ist. Rund um den Hackeschen Markt gibt es viele coole Läden, in denen der noch unsichere Trendsetter, der sich - Gott sei Dank! - aber schon sicher ist, dass er Mainstream irgendwie uncool findet, richtig zuschlagen kann.
Am beliebtesten sind
gewagte Kombinationen, die sich aus edlen Designer-Stoffen, sündhaft teuren
Turnschuhen und Second Hand-Accessoires zusammensetzen. Es gibt hierfür am
Hackeschen extra einen überteuerten Second Hand Shop, der seine Pforten
auch am Wochenende für die total Bekloppten offen lässt. Dort gibt es zum
Beispiel hässliche Nuttenstiefel von Deichmann, die - als sie noch im Regal des
Billigschuhladens standen - keine Zwanzig Euro gekostet haben, jetzt aber das
Doppelte “wert” sind, weil sie getragen wurden und - bloß nicht vergessen zu
erwähnen! - in einem total angesagten Laden in Berlin-Mitte stehen und folglich
ruhig „was mehr“ kosten dürfen. Logo! Ui, da freut sich die trendfixierte
Ragazza aus Mailand, als sie die ausgelatschten Stinker zur Kasse schleppt.
Heute Abend wird sie die Teile mit einem mega angesagten Shirt von Ed Hardy
kombinieren und modemäßig garantiert den Vogel abschießen. Sowieso: Das
Mode-Label Ed Hardy ist für den Trendbewussten ein absolutes Must
Have, auch wenn ein Totenkopf T-Shirts genauso bunt und dusslig wie das
andere aussieht. Macht nix, Hauptsache teuer. Dass der Designer des Labels,
Christian Audigier, nur noch Schampus säuft und täglich in seinen vergoldeten
Jacuzzi pinkelt, ist den zahlungswilligen Modetrolls wurscht. Schließlich tragen
die beliebten Shirts auch Stars wie Madonna. Und die muss es ja wissen! Denn auf
das Trendgespür von Madonna ist Verlass. Dass die Fünfzigjährige aber längst
nicht so koscher ist, wie sie mit ihrer Kabbala weiß machen will, sollte man
spätestens bemerkt haben, als sie der halben Welt gezeigt hat, wie sie in
Blanko-Schlüpfern den gefühlte 40 Jahre jüngeren Justin Timberlake angetanzt
hat. Während ich heute Morgen bei Kalle ewig an der Kasse stehen musste, weil die Oma vor mir- frei nach Murphys Law- ihre Geldbörse vergessen hatte, blätterte ich schon mal ein paar Seiten in meiner schönen Sonntagszeitung und las- ein Glück- den ärgerlichsten Artikel schon vor dem Frühstück. In dem Bericht ging es um den feinen, einst hoch angesehenen Manager Zumwinkel, der trotz Millionenbetruges höchstwahrscheinlich nur mit einer Geldbuße rechnen kann und bestimmt, ja ganz bestimmt, auf Bewährung rauskommt. Seine Strafe wirkt vergleichsweise milde, wenn man bedenkt, dass Gesa fast eingebuchtet wurde, weil sie bei Kik, dem Textildiscounter, einen Anorak geklaut hat. Okay, Gesa war Wiederholungstäterin, aber wer annimmt, dass der ehemalige Postchef Ersttäter ist, glaubt bestimmt auch an den Weihnachtsmann. Man muss dem Herrn Zumwinkel aber zugute halten, dass er sofort nach der Razzia in seiner Kölner Nobel-Villa Anfang 2008 die böse, böse Steuerhinterziehung zugegeben hat, und zwar doppelt und dreifach: Vor dem Staatsanwalt, dem Ermittlungsrichter und nicht zu vergessen, dem lieben Gott. Der war dann auch so gnädig und zog die richtigen Fäden, dass der Klaus einen kleinen Deal machen konnte, schließlich war er ja geständig und außerdem hat der 65-Jährige, wie er selbst sagt, «schmerzliche Folgen» erlebt: Nachstellungen, Verfolgung und Belagerung mitgemacht. Auweia, was sind denn das für schlimme Stasi-Methoden, die der geständige Klaus da über sich ergehen lassen musste?
Objektiv gesehen hat er
zumindest seine unanständigen Steuerschulden anständig beglichen! Und wieder
einmal- wie ungerecht! - wird in diesem Fall vergessen, was der Herr Zumwinkel
früher, bevor er zum Straftäter wurde, alles für die Post getan hat. Das war
nämlich eine ganze Menge! Schließlich hat er mit der Verschmelzung der
finanzschwachen Bundes- und DDR-Post zu einem Supi-Unternehmen einiges
geleistet! Ja, doch! … Und dass er noch auf der Schwelle seines Hauses ein
Geständnis abgelegt hat, ist ein dicker fetter «Pluspunkt, der zwingend
strafmildernd für den Herrn Zumwinkel zu bewerten ist.
Der Herr Zumwinkel ist
nämlich nicht blöd und hat auch so seine Informanten und einer von der ganz
gewieften Juristensorte hat ihm zumindest gesteckt, dass die Daten der Bank
gestohlen worden sind. Wenn das erst einmal bewiesen wird, kann es vielleicht
passieren, dass man dem Klaus für seine Unannehmlichkeiten, wie
Arsch-Plattsitzen auf der Anklagebank und Rücken-Au ein kleines
Entschädigungssümmchen zahlt. Vielleicht springt ja auch ne Karibikreise raus
oder so. Die Luft dort würde ihm bestimmt gut tun und auf andere Gedanken
bringen, die er- spätestens nach dem Urteilsspruch- dringend braucht. Er hat
schließlich die letzten Monate genug mitgemacht, der arme, geständige Klaus! Es gibt Leute, die lassen ihre Auto- Reparaturen ordnungsgemäß in der Werkstatt machen. Ist eben so, auch wenn’s teuer ist. Viele Kfz-Heinis haun einen zwar übers Ohr, aber egal. Solange alles amtlich ist! Nachdem Gesa bereits zwei Werkstätten vorm Konkurs- und diversen Insolvenzverfahren rettete, hat sie entschieden, sich einen privateigenen, waschechten Hinterhof-Schrauber zu suchen, der die Karren so nebenbei in Ordnung bringt und sich damit ein paar Piepen dazuverdient, neben der Stütze und so. Es hat nicht lange gedauert, da hat sie ihn gefunden. Vielleicht war es auch umgedreht, ist ja nicht so wichtig, Hauptsache er ist da, wenn man ihn braucht: Der Privat-Schrauber.
… So wie in dem aktuellen
Fall: Die Heizung von Gesas Karre wurde nicht warm und das ist ja bei den
momentanen Polar-Temperaturen nicht so schön. Also hat sie dem Ingo- so heißt
der Schrauber- den kleinen Italiener auf den Hof gestellt und vor fünf Tagen
gefragt, ob er sich da nicht mal darum kümmern kann. “Kann ich!“ meinte er und
dann war vier Tage Ruhe. Heute hat Ingo, Gesa kontaktiert und gesagt, dass er
ihr für diverse unvorhergesehene Auto-Reparaturen ein paar Tacken mehr abknöpfen
muss, obwohl vereinbart war, dass er nur die Heizung repariert. Denn während er
an der Heizung zu Gange war, entdeckte Ingo just in dem Moment noch dies und
jenes böse Detail und war (ungebeten) so liebenswürdig, die Problemchen gleich
mit zu beheben. Allein die Ersatzteile, so Ingo (Achsmanschette, Dreieckslenker,
Wasserpumpe und Pipapo) hätten schon schlappe 129 € gekostet. Aber als Gesa
sehen wollte, was die Teile im Einzelnen wert sind, war die Original- Rechnung
von ATU plötzlich nicht auffindbar, was Ingo auch irgendwie komisch fand. Na
kann ja mal passieren, wird eben schnell eine neue geschrieben. Ingo hat auch
berichtet, dass er „so ein ungutes Gefühl und schlechtes Gewissen hätte“, wenn
er Gesa mit den anderen bis dato unbehobenen Problemchen in der Gegend
herumgurken lassen würde. „Da kann ja sonst was passieren!“, hat er laut
gedacht, fasste sich ein Herz und hat das eben schnell behoben- das Problem-
wofür man ihm natürlich danken muss, dem Ingo.
...Und so kam es, dass
Ingo, Gesa im ersten Monat des Jahres fast finanziell ausbluten ließ. „Ja, so
ein Auto“, meinte er “fängt mir A an und hört mit O
auf.“ Gesa nickte dankbar und sagte kaum hörbar, bevor wir vom Hof
fuhren: „Aber über die Rechnung müssen wir
irgendwann noch mal reden, Ingo!
Während Jung und Alt erst gemeinsam Weihnachten feierten und die Jungen sich anschließend in die nächste Kneipe verpissten, gab es einen, der sich - bei all der Besinnlichkeit - Gedanken machte, wie man die Alten zukünftig mehr integrieren könnte - und zwar in den politischen Alltag. Es handelt sich hierbei natürlich nicht um Alte wie Gesas Großeltern, sondern um die alten Hasen aus der Politik. Kann ja nicht sein, dass die einfach so ausrangiert und nicht mehr gefragt werden, nachdem das offizielle Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Das muss sich ändern. Aber wie? Nachdenker ist kein Geringerer als Ex-Finanzminister Theo Waigel. Weil das „Ausrangieren der Alten“ dem Augenbrauen-Theo gehörig gegen den Strich geht, plädiert er nun für einen Rat der Alten, in dem die graumelierten Politiker und sauberen Staatsmänner ihre Erfahrungen einbringen sollen. Ich weiß nicht, ob der Theo die Idee hatte, weil er im kommenden Jahr Siebzig wird, aber schlecht ist sie nicht. Um auf Nummer sicher zu gehen, dass der Blitzgedanke nicht sofort in der Versenkung verschwindet, hat er auch gleich ein paar Kandidaten aufgestellt, die seiner Meinung nach supi in den Rat der Alten passen würden. Wenn’s also nach Theo ginge, wären mit von der Partie: Der sympathische Langzeit-Quarzer und Altkanzler Helmut Schmidt, Freiherr von Weizsäcker, Merkel-Mentor Helmut Kohl, Prager-Balkonfenster-Sprecher Hans-Dietrich Genscher, Roman Herzog, der Flick-Affärengeschädigte Otto Graf Lambsdorff und bestimmt ist Augenbrauen-Theo selbst auch mit an Bord, spätestens 2009.
Dass bei dem Rat der
Alten keine Frauen mitmischen ist nicht verwunderlich, denn weise alte
Politikerinnen gibt’s in Deutschland nicht, dafür viele altkluge junge. Und die
weisen Alten aus dem Osten Deutschlands sind entweder schon tot oder haben
Alzheimer, Demenz oder Rücken. Die Schwergewichte „politischer
Landschaftspflege“ Lambsdorff und Kohl machen das aber schon wieder wett.
Sowieso: Ü60- Politiker haben oft so dermaßen frische Gedanken, dass man
aufpassen muss, sich keinen Zug zu holen. Über Waigels Kandidaten-Aufstellung
lässt sich gewiss diskutieren. Schwer vorstellbar ist zum Beispiel, dass
Kippenfreund Schmidt seine kostbare Zeit freiwillig mit Genscher teilt.
Schließlich hat der Hans-Dietrich, Anfang der Achtziger dazu beigetragen, dass
der Deutschen liebster Kettenraucher und Kanzler der Herzen faktisch aus
dem Amt katapultiert wurde. Im Gegenzug ist Genscher bestimmt ebenfalls nicht
scharf drauf, mit Schmidt Tagungsgetränke zu teilen und sich gegenseitig
Sahnekännchen zu reichen, wenn beraten werden muss. Dennoch ist Theos Idee
gerade in Zeiten des immer bekloppter werdenden Jugendwahns ein Zeichen, das
gesetzt werden musste. Vielleicht können die Alten ja auch gleich mal ein
Machtwort sprechen und den Unternehmen in Deutschland nahelegen, nicht nur
Jungspunde einzustellen. Annähernd die Hälfte aller Betriebe beschäftigt nämlich
keine Ü50-Jährigen mehr. Da fällt mir gerade ein, dass meine Mutter erst 34 war,
als die Mauer fiel. Und als sie Anfang der Neunziger gefeuert wurde, weil man
ihren Zonenbetrieb privatisierte, sagte man ihr, dass sie für eine neue
Ausbildung schon zu alt wäre. Heute fängt man mit 34 ohne weiteres an zu
studieren oder macht die zehnte Klasse nach, jetzt wo die Kinder groß und aus
dem Haus sind. Aber mal im Ernst: Gehört man mit Mitte 40 schon zum alten Eisen?
Und ist es nicht dümmlich, im Arbeitsprozess auf die Leistungsfähigkeit von 50-
bis 65-Jahrigen zu verzichten? Ich wünsche mir, der Rat könnt’s richten. Daten her! Oder es knallt. Heute Morgen, während sich die WG zum Sonntags-Frühschoppen in Schale schmiss, las ich in der Zeitung schon wieder was von Datenklau und ahnte, dass sich Dieter und Gesa über den Artikel freuen. Dort stand, dass von Tausenden Kunden der Berliner Landesbank die Kreditkartendaten ausgespäht, - und deren Konten vielleicht komplett leergeräumt wurden. Ja, so oder so ähnlich stand das da. Gesa, die auch Kundin dieser Bank ist, wäre verschont geblieben. Denn bei Gesa, die schon seit Monatsbeginn knietief im Dispo steckt, gibt es nichts zu klauen. In dem Artikel stand auch, dass dieser Skandal unglaublich wäre und alles in den Schatten stellt, aber- genau wie die vorherigen Datenklauereien- einzigartig sei. Da haben wir aber Schwein gehabt, dass solche Pannen »einmalig« sind und nur alle drei Wochen passieren! »Auf die Telekom dürfen wir diesmal aber nicht schon wieder schimpfen, sonst machen die wirklich kurzen Prozess!«, sagt Dieter, der seit 3 Monaten keine Telefon-Rechnung mehr bezahlt hat und uns fragt, ob wir schon gehört hätten, dass auf dem Schwarzmarkt die Bankverbindungen von Millionen Bürgern im Umlauf sind. »Natürlich nicht, sonst würden wir wohl kaum jeden Sonntag-Nachmittag auf dem Flohmarkt rumhängen und alten Scheiß verscherbeln«, meinte Gesa.
Birne fragte daraufhin, ob
Dieter wüsste, wo dieser Schwarzmarkt denn genau wäre, aber das wusste er nicht.
Man könnte sich dort unter das handelnde Volk mischen, von Bude zu Bude
spazieren und ein paar Bankverbindungen kaufen, wenn man wüsste wo sich der
Markt befindet, überlegten wir laut. »So teuer können die Daten ja nicht sein,
wenn die geklaut sind!«, waren wir uns einig. Wir stellten uns vor, das der
nächste Schwarzmarkt gleich um die Ecke wäre und wir für billig Geld ein paar
Kontonummern und Pins erspähen und darunter rein zufällig auch Funkes Daten
wären. Vielleicht ist es ja diese Weihnachten so, dass man seinen Liebsten keine
Socken mehr, sondern Daten schenkt. Vorbei die Zeiten, in denen man Heiligabend
auf den letzten Pfiff Geschenke- und aus purer Verzweiflung Palmolive- und
Cleopatra-Duschbad an der Tanke besorgt, weil die Sachen dort erstens so schön
verpackt- und zweitens die Geschäfte seit Stunden dicht sind. Mit dem Verlust
seiner Kontodaten würde auch endlich mal der chronische
Nichts-zu-verbergen-Haber-Funke merken, wie es ist, wenn Unbefugte mit den
eigenen Daten rumhantieren. Im Grunde ist diese Datenklaugeschichte aber ein
alter Schuh und wundert keinen von uns. Hat die Schlamperei bei staatlichen und
Mindestens einmal im Jahr feiert der Mensch Geburtstag. Es gibt auch welche, die feiern jeden Tag: Bei denen ist rund um die Uhr Party, Stimmung und Konfetti angesagt. Und dann gibt es noch diejenigen, die was Schlimmes durchgemacht oder überstanden haben, sich anschließend wie neu geboren fühlen und zweimal im Jahr die Kerzen auspusten. Als Geburtstagskind bekommt man, wenn man Glück hat, Geschenke. Ein Trugschluss, denn hier beginnt das Problem: Zeige mir, was du mir schenkst und ich sage dir, was du von mir hältst, heißt die Devise. Vielleicht ist das ein bisschen dick aufgetragen, aber der Satz hat durchaus seine Berechtigung, wenn man sich mal überlegt, was jahrein, jahraus an Mist auf dem Gabentisch landet. Jeder kann ein Liedchen davon singen, die wenigsten machen es.
Am schlimmsten sind alte
und schlechte Bücher von Freunden mit neuer, aber auch schlechter Widmung.
(Letztes Jahr hieß ich- laut Widmung- Constanze. Und einmal bedankte sich einer
ganz persönlich für die schöne gemeinsame Zeit. Bei genauem Hinsehen konnte man
die fast verschwundenen Worte: in Florenz lesen. Leider war ich noch nie
in Florenz, aber den Stadtführer fand ich trotzdem cool.) Bücherschenken kommt
eigentlich (sic!) immer gut und ist eine feine Sache, aber wenn man die Freunde
ewig kennt, deren Blumen gegossen hat, während sie in Urlaub waren und das
künftige Geburtstagsgeschenk schon monatelang vorher im Regal stehen gesehen
hat, ist das irgendwie, vorsichtig ausgerückt: Für den Arsch. Ich meine die Bücher, die man mal von Tante Käthe oder Onkel Horst geschenkt bekommen hat und mit denen man nicht das Geringste anfangen kann. Was macht man also damit? Genau: Weiterschenken. Aber muss man sich dafür unbedingt die besten Freunde aussuchen? Mandy sagt sich: Bevor ich das Buch mit dem Knallernamen: »Schlechter Sex ist besser als gar keiner« in die nächste Tonne kloppe, verschenke ich es lieber und schreibe einfach noch was Persönliches wie: »Häppie Börsdai, ich hoffe, die Lektüre befriedigt. Olwäis happie Sex wünscht deine Mandy.« Da denke ich mir: Entweder muss Mandy mich abgrundtief hassen oder lange nicht ge *PIEP* t worden sein. Es gibt auch Geschenke, die gut gemeint sind, wie: Kaffeemaschinen, Bewerbungsmappen, Socken oder Duschbad. Neulich, das war dufte, bekam ich von L. zum Geburtstag ein Duschbad des Klamottenherstellers Tommy Hilfiger. Ich fragte: Wieso schenkst du mir denn ausgerechnet ein Duschbad? Und warum eins von Tommy Hilfiger? Riecht das gut? Was Duftendes von Dönerteller Versace hätte möglicherweise eher gepasst, oder? Als L. mir den Gedanken mitteilte, der für die Wahl des Geschenkes entscheidend war, wäre ich fast nach hinten umgekippt, blieb aber mit offenem Mund stehen. L. verteidigte sich wie folgt: »Ähm, ich dachte: Schenkste ihr zur Abwechslung mal was Persönliches. Schließlich heißt ihr neuer Freund mit Vorname genauso wie das Waschzeug.« Das ist meine persönliche Krönung!, dachte ich und soff zwei Gläser Schampus auf Ex.
Falls es jemanden
interessiert. Ich habe noch eine Tante 3. Grades in Spanien. Der Kontakt ist in
den letzten Jahren zwar etwas eingeschlafen, aber ich mag sie wirklich sehr, die
Tante. Sie trägt den ursprünglichsten aller spanischen Frauenvornamen und heißt
tatsächlich Mercedes. Nur mal so als Idee für das nächste Mal, wenn es wieder
heißt: Ich schenk’ dir was nach Namen. Was Persönliches. Juten Tach, mein Name ist Gesa. Hier wurde in letzter Zeit viel gesabbelt und die Kolumnistin, die über mich berichtet, heimst seit Wochen die dicke Kohle ein, von der ich keinen Cent sehe. Da dachte ich: »Dit kannste och!« Manchmal will ich nur noch den Kopf schütteln und -von dem was draußen passiert- nichts mehr hören. Der Deutsche versinkt zum überraschenden Wintereinbruch in vorweihnachtliche Melancholie und glotzt jedes Jahr mit dem gleichen bedrömmelten Gesichtsausdruck in die Kiste, wenn Medien über Staus berichten, weil Manni die Schneeketten vergessen hat oder Jurek aus Warschau mit seinem Hänger auf der A2 liegengeblieben ist. Jahrein, jahraus der gleiche Schnee: Autos wurden vom Sturm umgepustet, vorne hat es gekracht, hinten hat einer gepennt und ist drauf gefahren. Huch! Da hat uns der Winter aber kalt erwischt! Dabei haben wir noch bis gestern dem verregneten Sommer hinterher geheult und nicht die dicken Wintermäntel aus den hinteren Reihen des Regals hervorgekramt. Auf Privatsendern werden debile Reporter nicht müde, kleine fette Kinder zu filmen, die Spaß am Schneemann bauen haben und der armen Oma Trude, Schneebälle ans Küchenfenster klatschen. Das machen die Kekskinder solange, bis es rumst und Oma ein Machtwort spricht. Auf einem anderen Sender beginnt, pünktlich zur besinnlichen Zeit, Spendenmoderator Wolfram Kohns dem labilen TV-Gucker auf den Senkel zu gehen. Jeden November auf ein Neues: »Verehrte Zuschauer, bitte spenden Sie für die Ärmsten der Armen. Wir freuen uns über jeden Cent.« Bernd, der seit 2 Jahren von Hartz 4 lebt übrigens auch. Damit aber der Geldbeutel des Zuschauers ein bisschen lockerer sitzt, werden fortlaufend die Fressen irgendwelcher B- und C-Promis eingeblendet, die natürlich auch schon ganz viel gespendet haben. Einige B-Promis sitzen sogar live im Studio und betreuen die Spendenhotline. Wenn man Glück hat, knöpft einem Jungbrunnen Birgit Schrowange persönlich die Kohle ab und mit super viel Glück sogar »Der Preis ist heiß«- Moderator Harry Weinfurt oder jemand von GZSZ. [Die Soap-Stars sind der Gipfel! Sie versprechen den 12-17-Jährigen beschrubbte Komparsenrollen, was soviel bedeutet, dass man einmal lautlos durchs Bild latschen darf, während der eine Soap-Star dem anderen eine knallt oder so. Und schon flitzen die 13-Jährigen los und holen Papis Hammer, um das Sparschwein zu zerkloppen. Viele Jungendliche verdonnern für: Einmal Rumstapfen am Set von: »Nur die Liebe zählt« sogar ihr komplettes Kommunionsgeld.] Während des gesamten Spendenmarathons wird gehörig auf die Tränendrüse gedrückt und ein Herzschmerz-Bericht nach dem anderen eingeblendet: Ein Ex-Tennis-Star geht erst, gekrümmt vor Wehmut, durch ein Dorf in Eritrea und tanzt dann ein bisschen mit den Einheimischen, ein Ex-Schwimm-Star steht in einer Suppenküche und quatscht mit vierundzwanzig Kindern, die sich nichts sehnlicher wünschen als eine warme Malzeit oder- wenn das Geld reicht -ein paar Turnschuhe von Nike, damit sie in der Schule nicht mehr gehänselt werden. Die Krönung der Farce liefern etliche ausrangierte Film- und Fußball-Stars, sowie ein paar Medienschlampen.
Einer kann leider nicht so
lange beim Spendenmarathon bleiben, da er noch anderweitig Verpflichtungen hat.
Er wird mal eben mit dem Privatjet nach Dubai geflogen. In Dubai muss man
schließlich unbedingt dabei sein, wenn ein Hotel eingeweiht wird, das an
Dekadenz -und nebenbei gesagt auch an Hässlichkeit- kaum zu übertreffen ist.
Alle, die in Dubai über den roten Teppich flanieren, sind unheimlich
Beinahe hätte ich keine
Kolumnen mehr geschrieben. Beinahe hätte Gesa abends nicht mehr Freigeist sein -
und Dieter keine Bräute mehr in die WG schleppen können. Denn beinahe wären wir
alle nicht mehr hier. Aber fast hätten wir Pech gehabt und der Herr Geller wäre- ohne Anklopfen- in Gottes Wohnzimmer geplatzt, während dieser gerade beim Abendbrot war oder arte guckte. Durchaus verständlich, wenn Gott dieses ungezogene Benehmen nicht geduldet- und uns alle weggepustet hätte. Auf einen Schlag. Könnte man ihm nicht mal krumm nehmen, denn irgendwann muss auch mal gut sein, gell Gott? Per Teleskop wollte Kristallschädel und Strahlenfreund Uri seine Botschaften und auch die der Zuschauer ins Universum schicken. Seine Worte an Alf und Konsorten waren eine einzige Beschwörungsformel: »Wir öffnen unsere Herzen und unsere Gedanken für euch. Wir glauben fest daran, dass ihr irgendwo da draußen seid. Bitte zeigt euch.« Es gab dann auch ein paar Ver(w)irrte, die bei dem Blick aus dem Fenster etwas Helles sahen, aber nicht bemerkten, dass es sich dabei lediglich um ihr zwanzigstes Becks handelte. Mit der urigen Uri-Sendung wollte sich Pro7 auf die Suche nach außerirdischer Intelligenz begeben und somit die großen geistigen Defizite in den eigenen Reihen vertuschen. Indes hoffte der verarschte Zuschauer wirklich auf ein Wunder, nämlich dass einer kommt und Uri auf den Stern zurückbeamt, von dem er gekommen ist. … Und am besten den ganzen verstrahlten Sender gleich mit!
Wer der gezielten Volksverblödung via TV entkommen- und weiterzappen wollte,
wurde nebenan abgefangen. RTL war nämlich auch auf der Suche und zwar nach dem
Supertalent. In der Jury saß Heulboje Bruce und bot dem desillusionierten
Zuschauer »more Drama«, als er verkraften konnte. Resigniert schalteten auch wir
die Glotze ab und machten uns auf den Weg in die nächste Kneipe. Gesa schlug das
»August Fengler« vor, weil da der Rotwein »übelst billig“ ist und
»Billardspielen nüscht kostet«. Sie hatte Recht, der Laden war galaktisch und so
ist der Abend noch zu einer schönen runden Sache geworden. Alle hatten Spaß. Nur
einmal, als Gesa vom Nachbartisch auf ein Gläschen ihrer Wahl eingeladen wurde,
waren wir etwas irritiert. Der Typ- bestimmt einer von der Nasa oder so- meinte
allen Ernstes, ihre Augen würden heller als zwei Sterne funkeln. Was soll man
dazu sagen? Man hält einfach gepflegt die Fresse, nimmt einen größeren Schluck
Merlot und hofft auf Gottes Gnade.
»Da,
da! Das issa!«, brüllt Gesa.
»Komm!
Los, beeil’ dich!« Ich flitze in ihre Richtung so schnell ich kann und rutsche
trotz ABS-Socken fast auf dem ollen Ikea- Läufer im Flur aus. [
„Das
hat man davon, wenn man seine schwer gescheffelte Kohle zur Bank karrt!“, sagt
Dieter und beugt sich über die Zeitung, die er schon wieder bei Winterfelds aus
dem Briefkasten geklaut hat. Es ist Wochenende und das bedeutet für die ganze
WG: Entspannung pur. Wir sitzen bei Kaffee und Pumpernickel Heute in Dieters Zeitungsteil: Der x-te Artikel über die momentane Finanzkrise. Die böse Krise hat 15 Prozent der Deutschen persönlich um ihr Geld gebracht. Während wir Dieter beim Vorlesen zuhören, stellen wir fest, dass er sich wieder mal freut, keine Piepen zu haben. „Wer keine Kohle besitzt, kann auch keine verlieren. Hab’ ich ein Schwein gehabt!“, sagt er. Was gibt’s sonst Neues? , frage ich, die keinen Zeitungsteil bekommen hat.
„Pop-Star
Sarah Connor und Ehemann Marc Terenzi haben sich getrennt“, liest Gesa. Nach der
Dämlich-Soap „Sarah und Marc- Crazy in Love“ könnte das Ehe-Aus der singenden
Nationalhymne-Vergeigerin, Anlass für die Fortsetzung: „Sarah und Marc- Crazy in
Divorce“ sein, fachsimpelt sie, auch ein bisschen crazy. „Außenpolitisch ist
einiges am Start“, sagt Ronny.
In weniger als 36 Stunden
wird in Amerika entschieden, wer nach dem Ruinator neuer Boss im Weißen Haus
wird. Demokrat oder Republikaner, das ist hier die Frage! Aber vorher hat sich
die Geheimwaffe der Republikaner, Sarah Palin, noch mal weltweit zum Löffel
gemacht, als sie ein kanadischer Spaßmacher mitten in der Nacht anrief und sie
verscheißerte, indem er vorgab Monsieur Sarkozy höchstpersönlich zu sein. Die
Sarah ist überhaupt nicht stutzig geworden, was beweist, dass es in
Politikerkreisen normal scheint, sich nachts gegenseitig aus dem Bette zu
klingeln. Man hat ja sonst nix zu tun. Also hat Sarah, die supi mit Knarren
umgehen kann, ein kleines Schwätzchen mit dem vermeintlichen Franzosen-Chef und
Model-Liebhaber Sarko gehalten und freizügig erzählt, dass sie in acht Jahren-
ganz bestimmt, auf jeden Fall, hundertprozentig- selber auf das amerikanische
Präsidententreppchen steigen wird. Der falsche Sarko bekam daraufhin einen
Hustenanfall.
Während wir über Politik
und das Leben philosophieren, fällt uns auf, dass Ronny - der sich vor einer
Viertelstunde aus dem Staub gemacht hat - nicht zurück gekehrt ist. Auf seinem
Platz liegt noch sein Teil der Zeitung mit dem aufgeschlagenen Artikel:
»Nichts
funktioniert in diesem Saftladen, gar nichts!« höre ich Gesa über den Flur
brüllen und anschließend eine Tür ins Schloss fallen. Das Problem heute:
»Telefon
geht nicht mehr!« Dieter prüft sofort,
»ob
das Scheiß- Internet auch nicht mehr geht«.
Und so bin ich auch
diejenige, die die Sache mit dem
»nicht
gehenden WG-Telefon« über mein Handy klären- und sich mit dem Schlampen-Verein,
einem Billiganbieter, rumärgern darf. Bis man einen richtigen lebendigen
Kundenberater an die Strippe bekommt, vergeht eine Ewigkeit. Aber das kennt man
ja mittlerweile sogar schon aus der Werbung. Dämliche Computerstimmen bedauern,
einen nicht verstanden zu haben und bitten zigmal das Gesagte zu wiederholen.
[Entschuldigen Sie, ich habe sie nicht verstanden. Sagten Sie 030? Wenn Sie 030
gesagt haben, antworten Sie bitte mit: Ja. Ansonsten antworten Sie bitte mit:
Nein.
»Ja!«
Entschuldigung, haben Sie JA gesagt?
»Ja,
ich habe ja gesagt, ja, ja, ja, Sie blöde Kuh!«] Weil die Bewerbungsanschreiben also verschoben werden müssen, man aber dennoch den Tag nicht vergeuden will, wird schon mal der nächste Flohmarkt-Gang geplant. Jeden zweiten Sonntag stehen Gesa, Ronny Jagger, Dieter und meine Wenigkeit sich am Mauerpark die Füße platt und verhökern alles, was nicht mehr gebraucht wird: Dieter seine Madonna-Platten, »weil die in letzter Zeit einfach zu viele Faxen gemacht hat und ständig in bunten Schlüppern über die Bühne gehopst ist«, Ronny drei neue Autoradios, die im Wedding vor Kurzem vom Laster gefallen- aber heil geblieben- sind und dann haben wir ja noch den übriggebliebenen Krempel von der Flohmarkt-Session davor: Teller aus Omas Keller, den Aufsatz eines Küchen-Buffets aus den goldenen Zwanzigern, Glühbirnen, Klickrahmen, zwei Drucker, Star-Trek-Tassen, Star-Trek-Bücher, Bücher von Harry Potter und sowieso Bücher bis zum Abwinken. [Fragt Dieter: »Kennste die alle? Und biste nun schlauer?« Ich antworte: Nee, aber belesen.] »Hier sind zwei Reclam-Ausgaben von Elke Heidenreich«, ruft Ronny überrascht, so als würde er sich wundern, dass überhaupt noch Bücher von ihr im Umlauf sind, nachdem sie beim ZDF rausgeflogen ist. Weil die Elke nun aber noch berühmter ist, als sie ohnehin schon war, beschließen wir den Preis für die Ausgaben nach oben zu korrigieren. »Mit der Heidenreich lässt sich momentan bestimmt ordentlich Asche machen!«, wird auf dem Flur routiniert gefachsimpelt. Und dann findet Gesa einen Flachmann mit Gravur. »Den habe ich schon überall gesucht« sagt sie und strahlt übers ganze Gesicht. Im Winter ist ein Flachmann praktisch, wissen wir und freuen uns, dass der Wetterbericht für den kommenden Flohmarktbesuch in den Keller stürzende Temperaturen prognostiziert. Das ist supi, denn so haben wir einen guten Grund sogar die Thermoskanne mit heißem Glühwein zu füllen, den man über den langen Flohmarkt-Tag verteilt, genüsslich wegpicheln kann. »Um nicht auszukühlen«, meint Dieter immer. Deshalb sind wir bis zum Mittag auch nie sauer oder geknickt, wenn wir noch nicht ein einziges Autoradio verkauft oder andere Kinkerlitzchen an den Mann gebracht haben. Und dieses Mal, mit Heidenreichs Büchern in petto, steht alles auf Gewinn!
In den letzten Wochen
haben sich die Flohmarktbesuche ohnehin zu einem tollen Erlebnis gemausert. Wenn
wir nach so einem Tag an der Luft und 2 Kannen Glühwein intus, abends einen
leichten Zacken in der Krone haben, sitzen wir oft gemeinsam in der Küche und
zählen die Penunsen. Im Hintergrund läuft manchmal die neue Effenberg-Soap, die
man nur im Suff verkraftet, aber vielleicht
»geht«
bald auch schon die Glotze nicht mehr, denn die oft gestellte Frage: „Schon GEZ
gezahlt?« war für uns immer nur rhetorisch. Wir werden sehen. Denn:
»Irgendwas
geht schließlich immer!«
Die Sonne stand noch nicht
im Zenit, als Gesa wieder einmal feststellte, dass sie sich erstens zu einseitig
ernährt und zweitens notorisch pleite ist. „Es kann nicht sein, dass man den
ganzen Tag Vollkornbrot und Korbkäse mit Kümmel frisst“, meint sie, obwohl genau
das in den nächsten Wochen das von ihr favorisierte Gericht werden sollte:
Korbkäsestulle. Aber abends gibt’s Rotwein, weil der gut fürs Blut ist. Gestern,
nach dem ersten Gläschen Bordeaux hat sie mich in ihr Zimmer gebeten und fragte,
warum sie- mit Anfang Dreißig- den Arsch noch nicht an die Wand bekommen hätte
und immer noch studieren würde: „Wie machen das die anderen? …Verdienen einen
Haufen Schotter. Die haben Probleme! Machen sich Sorgen um ihre Anlagen und
Moneten“. Gesa hat nichts zum Anlegen, höchstens den Spanner von gerade rüber,
der täglich in unser Bad glotzt. Kohletechnisch geht ihr bereits der Arsch auf
Grundeis, wenn die Sachbearbeiterin vom Bafög-Amt in Urlaub fährt, bevor der
Antrag fürs neue Semester befürwortet ist. Dabei hat Gesa so viele Ideen, aber
es fehle ihr erstens an Durchsetzungsvermögen, zweitens am Eigenkapital Gesa ist Studentin der Landschafts-Architektur und hat viel um die Ohren. Die meiste Zeit investiere sie in Gruppenarbeit und Gemeinschaftsreferate. Die macht sie mit einem, dessen Mutter früher mal Mick Jagger-Groupie war. Es könnte also durchaus sein, dass Ronny- so heißt der Studienfreund- ein heimlicher Sohn Jaggers ist, was man ihm aber nicht ansieht, weil er vom Butterkekse-Konsum aus dem Leim gegangen ist. Das würde nicht stören, wenn nicht das Problem wäre, dass Gesa mitfrisst. Wenn sie über ihre Gesundheit und das menschliche Gehirn redet und so, möchte ich ihr am liebsten zum Medizinstudium raten. Da hat sie Talent. Sie verarztet jeden in der WG, dessen Seele blutet, unentgeltlich. Erst heute früh war wieder so ein Fall: Da kam Dieter mit hochrotem Kopf nach Hause und schrie, dass uns alle verarschen und es ihm bald reichen würde, wenn das so weitergeht, „mit denen da oben“. Er würde langsam „zum Schwein“ und erzählte was von einem Schwarzbuch und das „die da oben“ unsere Kohle verjubeln. “Deine doch nicht“, hab’ ich gesagt, „du hast doch gar keine!”, aber Dieter meinte das Geld der Deutschen im allgemeinen. „In Milliardenhöhe haun die das aus dem Fenster, in Milliardenhöhe!“ Als wir mit dem schimpfenden Dieter so in der Küche saßen und zuhörten, fragte Mick Jaggers möglicher Sohn Ronny, ob Dieter nicht wüsste, „um welches Fenster es sich dabei im Genauen“ handeln könnte. Aber das wusste er nicht und ließ sich von Gesa den Rücken streicheln. Dieter unterbrach seinen Monolog nur für ein paar Tropfen Baldrian. … Und da saßen wir- die komplette WG und zwei Gäste, morgens halb neun und redeten über unsere Zukunft. Wir verloren uns in Gesprächen über junge Star-Autorinnen die Bücher über Hämorrhoiden schreiben, die sie „ihren Muschis“ widmen, damit sie wahnsinnigen Erfolg haben und bald nicht mehr wissen, wo sie mit dem ganzen Zaster hinsollen. Vielleicht schreiben wir ein Buch über das kurze Leben einzelner Stress-Pickel in unseren Gesichtern oder über die Angst- im Alter- inkontinent zu werden. Vielleicht, schlug Gesa vor, sollten wir uns mal richtig darüber auskotzen, dass es das Fernsehen fast geschafft hat, auch den Letzten zu verblöden. Kann nicht endlich mal jemand anprangern, dass deutsche Fernsehmacher der kreative Hirntod ereilt hat? „Hat schon jemand, und zwar Kalkofe direkt und Reich-Ranicki indirekt“, meinte Dieter. Und was ist mit dem ganzen Tittenalarm, von dem man auf keinem Sender mehr verschont wird? … Oder mit den beschrubbten Shows, in denen sich alle Beteiligten komplett nackig machen- vor allem geistig- und Moderatoren einer ganzen Nation beweisen, dass sie mit Nichts in der Birne trotzdem beim Fernsehen gelandet sind? Oder vielleicht gerade deshalb? Während die Banken fast pleite sind, kann man immer noch überall Hunderttausende von Euro gewinnen, neuerdings sogar beim Universitäts-Radio. „Vielleicht sind wir nicht blöde genug”, meinte Gesa. Vielleicht sollten wir uns die Möpse nach oben schnallen und `ne Anfrage bei RTL 2 starten. Oder wir werden Köche! Aber wenn, dann natürlich nur TV-Star-Koch oder Star-Anwalt, Star-Moderator, Super[Star]-Model, Nachwuchs-Star, Star-Designer, Star-Kritiker, neuer deutscher Super-Star, Pop-Star, Comedy-Star, Fernseh-Star oder Fußball-Star. … Und als Fußball-Star hat man wiederum Chancen, Soap-Star zu werden, wie es Effe uns gelehrt hat. Hui, wäre das toll, man bekäme seine eigene Sendung und könnte dem sich fremdschämenden deutschen Fernsehzuschauer ungefragt zeigen, wie dämlich man morgens vorm Zähneputzen aussieht.
Plötzlich fiel unser Blick
auf Ronny, Gesas Studienkumpel, der sich halb abwesend über die dritte Packung
Kekse hermachte und vielleicht- ja, ganz bestimmt sogar- der verlorene Sohn des
Rolling Stones- Sängers ist. Wir sahen ihm zu, wie er sich verträumt die Krümel
vom Revers wischte und wussten in diesem Moment, dass er möglicherweise unser
Ass im Ärmel sein könnte und beschlossen, Mick Jaggers Gedächtnis über die
Anzahl seiner unehelichen Kinder kostenpflichtig auf die Sprünge zu helfen. Das letzte Mal waren wir an der Gold- Else, als Mister Barack Obama eine Rede hielt und in der Stadt ganz viel amerikanische Freiheit versprühte. Er stand auf seiner Bühne und halb Berlin erlebte eine Metamorphose, wie Ovid sie sich nicht schöner geträumt haben könnte: Barack Obama wurde während der Rede erst Ernst Reuter, dann Bobby Kennedy und am Ende wieder er selbst. "Schaut auf diese Stadt" hat er mit fester Stimme ins Mikro gesagt und alle die da waren und das hörten, haben das natürlich sofort gemacht. Heute, ein paar Wochen später, schauen wieder alle auf diese Stadt und feiern den Tag der deutschen Einheit. Einige freuen sich so sehr, dass sie Pinocchio Ulbricht posthum den Stinkefinger zeigen, obwohl der wie niemand die Absicht hatte, eine Mauer zu errichten. Das Ganze ist aber schon so lange her, dass es fast nicht mehr wahr ist und man diese geschichtsträchtigen Daten deshalb nicht mehr sofort parat haben muss, meint unsere deutsche Jugend, die es auf die Fanmeile primär wegen des neuen deutschen Superstars zog, der auf einer der Festbühnen zur Feier des Tages ein deutsches Liedchen trällert. Ja, unsere deutsche Jugend interessiert sich kaum für die ehemalige DDR. Schlimmer noch, die meisten halten die DDR für eine inoffizielle Abkürzung irgendwelcher Spaßmacherpillchen. 19 Jahre nach dem Mauerfall leidet das politische Urteilsvermögen unserer Schüler durch fehlende geschichtliche Kenntnisse enorm. Viele halten Honecker für einen ehemaligen Demokraten, falls sie ihn auf den Bildchen, die man ihnen unter die Nase hält, überhaupt erkennen. Dass Honis Bild in der Zone nicht nur sinnbildlich, sondern tatsächlich über jedem Büro-Schreibtisch und in den meisten Klassenzimmern gehangen hat, ist heute kaum noch vorstellbar. Dafür ist aber Willy Brandts Name ein Begriff, zumindest den Zehnklässlern. "Willy", meint Gesas Cousin Jonas, war ein "berühmter DDR-Politiker". Ja und Willy hat in der DDR auch einen Kollegen namens Erich Mielke gehabt, mit dem hat er- wenn die beiden morgens im Schrebergarten auf ein Bierchen zusammen saßen- ab und zu was ausgebrütet, zum Beispiel, wie man die DDR-Bürger nicht nur mit Freier Körperkultur bei Laune hält, sondern auch Obacht gibt, dass keiner aus der Reihe tanzt. Der Willy hat mit dem Erich also- während des Frühschoppens- eine Gruppe gebildet, die Stasi, die dann aufgepasst hat, dass der DDR-Bürger nicht zuviel Westfernsehen guckte oder auf die Idee kam, mit dem Schlauchboot nackig in der Ostsee gen Grenze zu rudern. So ungefähr muss das damals gewesen sein. "Ist aber wirklich lange, lange her, dat Janze", meint Jonas. 18 Jahre nach der Wiedervereinigung haben der Bundespräsident und ganz viele andere Politiker das Zusammenwachsen zwischen Ost und West gewürdigt. Und noch etwas verdient in diesem Zusammenhang eine würdige Erwähnung: Die deutsche Einheitssuppe zum Fest, die mit Zutaten aus allen 16 Bundesländern unheimlich lecker schmeckte und ein tolles Beispiel dafür gab, dass das Preis-Leistungsverhältnis in Berlin immer noch stimmt.
26.09.2008 Das geht so nicht mehr weiter!, sagt Gesa ernst, während sie mit unserem Abwaschlappen die Soßen-Kleckse auf dem Boden wegwischt. "Was denn", frage ich und sie sieht mich an, als könne es nicht mein Ernst sein, eine solche Frage zu stellen. Dieter war seit Wochen nicht einkaufen, das Gemüsefach ist schon durchgeschimmelt, schimpft sie. Im Schrank stünde kaum noch Geschirr, weil das entweder mistig im Abwasch – oder in Dieters Zimmer stehen würde. Gesa hätte erst vorgestern Butter gekauft, die gute Irische von Penny, meint sie und davon wäre bereits heute nur noch die Hälfte da, obwohl sie sich mit der Butter erst eine Stulle geschmiert habe. „Laut Diätplan hast du aber Butterverbot!", sage ich, aber Gesa gehe es ums Prinzip, nur ums Prinzip. Wenn man zusammen in einer WG wohnt, muss sich prinzipiell jeder in der verfluchten Wohnung engagieren, putzen, seinen Mist wegräumen und Dieters neueste Marotte kotze sie besonders an: Morgens pinkeln und nicht spülen! Schlimm genug wäre schon der offen gelassene Klodeckel, aber nicht spülen ist schlimmer. Das geht nicht, das macht man nicht, das ist egoistisch, wenn man weiß, dass man mit mehreren Frauen unter einer Decke wohnt. ... Und in die Kochtöpfe anderer lunschen, wenn man nichts- aber auch gar nichts- an Zutaten beigesteuert hätte, geht auch nicht. Das ist nicht die feine englische, so Gesa. Gestern hat sie Chili con Carne gekocht und wollte heute den Rest mit zur Uni nehmen. Aber einer aus unserem Sauladen hätte heimlich in ihren Topf reingeleuchtet und soviel Con Carne geschaufelt, dass der Rest nicht mal Pauli (das ist der WG-Kater) satt machen würde. Gesa hat schon so eine Ahnung wer das gewesen sein könnte und sowieso hat sie diesen Jemand seit mehr als einer Woche auf dem Kieker. Es begann unauffällig mit Joghurtklau und Stullen-Diebstahl, meint sie und sagt, dass sie anfangs ein Auge zudrücken wollte, aber der Diebstahl habe ein Ausmaß erreicht, das sie stoppen müsse, denn er hätte sich auf ihre Wurscht-Dose ausgebreitet und das geht eindeutig zu weit! Gesa kauft ihre Wurst nämlich nicht bei Aldi & Co., sondern noch in einer richtigen Fleischerei, für teures Geld. Die abgepackte Mortadella von A&P sei langfristig der Tod auf Latschen, philosophiert sie. Die Leute, besonders die aus unserer WG, sparen am falschen Ende. Gesa versteht zwar, dass wir wenig Kohle haben und die Aussichten, dass sich das demnächst –außer bei Dieter- schlagartig ändern könnte, stünden miserabel, aber so geht das trotzdem nicht. Es soll eine neue Studie geben, die wissenschaftlich belegt, dass- wenn es um Lohnentwicklung geht, Deutschland als Bummelletzter und Schlusslicht hinter Gewinner-Ländern wie Rumänien einsam hinterherdackelt.
Als einziges Land in
Europa sind die Gehälter der Deutschen, speziell die der Berliner in den letzten
Jahren gesunken, immer nur gesunken. Das wisse Gesa alles, aber das kann noch
lange kein Grund sein, dass man ihre feine Leberwurst klaut. „Stimmt, das ist
keine Lösung", habe ich geantwortet und die Schuld auf Dieters Bräute geschoben.
Dieter ist DJ, unter anderem. Seine Auftragslage hat sich in den letzten Wochen
verschlechtert, was daran liegt, dass die Berliner zur Herbstzeit besinnlicher
werden. Bei Temperaturen unter 27 Grad kuschelt sich der Partymacher und
Szenekenner lieber auf dem heimischen Sofa an seinen Nächsten und guckt gern
lustige musikalische Formate, in denen es darum geht, wie sich 18-Jährige vor
der halben Welt komplett zum Löffel zu machen, weil sie große Weltstars im
Musikgeschäft werden wollen. Man ist froh, dass die Leute die entscheiden, ob
man aus der mittelprächtig singenden, etwas dicklichen Sandy was machen könnte,
ebenfalls große Stars sind, die von ihrem Metier eine Menge verstehen und den
singenden Heulbojen Tipps geben. Dieters desolate finanzielle Situation liegt
primär am ollen Wetter. Ein Glück, dass DJ nicht sein einziger Beruf ist. Im
elterlichen Unternehmen hat er -jetzt, wo es wieder kälter wird und die
Deutschen nicht mehr so unbedarft die Heizungen bis Anschlag aufdrehen – als
Bestattungsunternehmer wieder mehr zu tun. Wenigstens einer, dessen
Jobaussichten rosig sind und- zum Winter hin- sogar florieren. Gesa macht seit Neuestem Diät. Sie meint, jetzt, wo sie ein bisschen über dreißig ist, müsste das noch mal sein. Es wäre mit dem Abnehmen nicht mehr so leicht wie früher, als Gesa noch 29 oder 28 war und sowieso schadet es nicht, mal ein bisschen auf die Ernährung zu achten. Mehr Rohkost wäre gut, nicht jeden Tag Butter und Brötchen und vor allem dieses wahllose Balisto- und Bounty-Gefresse ist Gift für die Figur. Pures Gift. Ich hab’ zu Gesa gesagt, dass es doch vollkommen reichen würde, wenn sie abends mal weniger pichelt. Gesa kippt sich nämlich täglich zwei Gläser Rotwein hinter und das sind ja auch Kalorien und so. Nein, sagt sie, an dem Rotwein läge es nicht, der sei gut fürs Nervensystem und sie als Freigeist kann gar nicht so viel trinken, wie sie denkt und überhaupt: Alle Freigeister saufen. Das Trinken diene der inneren Wahrheitsfindung und als Erkennungsmerkmal unter ihresgleichen, auch wenn Gesa allein zu Hause ist. … Und ich, so Gesa, könnte ruhig (sic!) bei ihrer Diät mitmachen. Würde mir nicht schaden, sagt sie. Bei einer Größe von 1,63,25m sind zwar 55 kg okay, aber letztens, als ich mutig Röhre trug, meint Gesa, wäre ihr links außen der ein oder andere mittelgroße Rettungsring aufgefallen. Aha! Soso, hab’ ich geantwortet, was für Gesa ein »Ja, ich mische mit« bedeutete und dazu führte, dass sie sich freute wie ein Kind über Buntstifte und toll fand, dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Im Flur, an der Pinnwand hängen zwei A4 Blatt-Listen. Die zeigen die Wochentage, links steht mein Name und rechts Gesas und dann steht da noch FRÜH, MITTAG UND ABEND und ich solle da täglich und ehrlich reinschreiben, was ich verputze. Gesa hat gestern früh eine halbe Stulle mit Lachsaufstrich gegessen, ne Tasse Kaffee getrunken, mittags gab es frische Luft und abends hat sie sich wieder ihre 2 Gläschen Rotwein genehmigt, drei Minuten Sit ups gemacht und kurz das Zimmer nach anderen Freigeistern abgesucht. Heute meinte sie, als sie vorm Spiegel stand und sich in die Taille fasste, dass sie schon richtig spüre wie die Pfunde schmelzen, sie fühle sich auch gleich viel leichter und gesünder und so. Nur dass die Hosen am Hintern ein bisschen zu schlackern beginnen, fand sie nicht so toll, aber die können wir ja dann auch tauschen, sagt sie, falls mein Hintern breiter wird. Auch der Rest meines Körpers obliegt neuerdings ihrem strengen Blick. Man muss sich Mühe geben, dass alles so schön bleibt, wie es jetzt noch aussieht, sagt sie und fragt anschließend, ob ich heute noch zu Aldi gehe. Nö, zu Lidl, meine ich und frage, ob ich ihr ein paar Töpfe Basilikum mitbringen soll. Nein, antwortet Gesa, brauchste nicht, aber ne Flasche Wein wäre nicht schlecht, zwei wären spitze. Von
dem Erfolg bin ich nicht überzeugt, zumal Gesa irgendwie nach ihrem Alten kommt,
aber das ich so denke, darf sie nicht wissen, sonst kürzt sie mir wieder die
Rationen. Gesas Vater ist übrigens auch Freigeist. |
|
||
|
|
||||