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Gruppenbild mit Dame

Mach mir das Tier! Und schreib ein Gedicht dazu!
So ähnlich lautete die Aufgabenstellung für den Fotoband über die Neue Frankfurter Schule »Tukan, Gibbon, Klapperschlange«

© Foto: Anika Kempf
Die NFS hatte stets ein sehr inniges Verhältnis zur Tierwelt, die Tiere als bessere Menschen. Unschuldig, selbstbewusst, mit sympathischen Schwächen; so bevölkerten die Tiere allerlei Bildergeschichten von Robert Gernhardt, Friedrich Karl Waechter oder Hans Traxler. Selbst wer noch nie etwas von der Neuen Frankfurter Schule gehört hat, kennt den, F.W. Bernstein zugeschriebenen, Satz »Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.« Längst hat dieser Satz Eingang gefunden in der Deutschen Wortschatz. Der Elch wurde zum Wappentier der NFS, so sie denn ein Wappen hätte. Man darf raten, mit welchem Tier das neu eröffnete Caricatura Museum in Frankfurt plakativ wirbt. Richtig, mit dem Elch. In unser Herz geschlossen haben wir auch Robert Gernhardts wichsenden Kragenbär, oder F.K. Waechters, in einem Stiefel Kopfstand machende, Gans. Kurz, Tiere sind gut aufgehoben bei der Neuen Frankfurter Schule.

Ende der 60iger Jahre fanden sich F.W. Bernstein, Bernd Eilert, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, Pit Knorr, Chlodwig Poth, Hans Traxler und F.K. Waechter zusammen um den Deutschen das Lachen und den Humor beizubringen. Ein schwieriges Unterfangen, das auch heute noch seine Berechtigung hat, bedenkt man, dass 70.000 Claqueure freiwillig ins Berliner Olympiastadion pilgern um schenkelklopfend den flachen Witzen eines Mario Barth zu lauschen.

© Foto: Anika Kempf
Seit mittlerweile vierzig Jahren sorgt sich also die Neue Frankfurter Schule um der Deutschen Humorhaushalt. Das ist eine Menge Zeit, aber die Gründer hatten sich auch einiges vorgenommen. Drei der Urgesteine machen Ihre Witze mittlerweile im Himmel. F.K. Waechter, Robert Gernhardt und Chlodwig Poth weilen nicht mehr unter uns, doch in diesem schönen Fotoband von Anika Kempf begegnen wir zweien von ihnen wieder und uns wird's weh um's Herz.
F.K. Waechter gibt den Hahn und beschenkt uns mit dem schönen Zweieinhalbzeiler: »Der Hahn,/ dem man den Schwanz gekappt,/ ist außer sich und eingeschnappt.«
Die intensiven, sehr persönlichen Fotos zeigen den Künstler in seinen Arbeitsraum, auf dem Sofa, lächelnd, mit zufriedenem Gesicht.

© Foto: Anika Kempf
Als Säbelzahntiger erscheint uns Robert Gernhardt. Alles was er dazu braucht sind zwei Bleistifte. Es sind immer die einfachen Dinge, die wirken. Auch er, am Schreibtisch, im Arbeitszimmer. Auch er lächelnd.

Die NFS ist also tot, könnte man meinen. Aber für den Nachwuchs ist gesorgt, die Neue Frankfurter Grundschule sozusagen. Hauptsächlich anzutreffen bei der Titanic, Deutschlands entgültigem Satiremagazin. Und so eröffnet den Band auch Thomas Gsella, bezeichnenderweise mit dem Faultier.

© Foto: Anika Kempf
Gsella ist so faul, dass er sich gerade mit der aktuellen Titanic von seinem Posten als Chefredakteur des Satiremagazins verabschiedet hat. Will sich in`s beschauliche Aschaffenburg zurückziehen um fürderhin nur noch faul an der Teppichstange zu hängen. Wenn wir Glück haben, kommt er noch hin und wieder von der Stange runter um uns ein paar Gedichte zu schreiben. In diesem Buch gibt er uns schon mal einen kleinen Einblick in seine Zukunftsplanung: „In unserem Garten hängt ein Tier,/ das hängt nur rum und ähnelt mir/ und hängt, wie schon erwähnt,/ im Garten rum und gähnt.“

Ein weiterer ehemaliger Titanic Chefredakteur begegnet uns in Oliver Maria Schmitt. Er hat sich ins Literatenmilieu verzogen und vor zwei Jahren mit dem, wie könnte es anders sein, saukomischen Punkroman Anarchoshnitzel schrien sie  bei Rowohlt debütiert. Im Januar erscheint dort sein zweiter Roman mit dem bescheidenen Titel Der beste Roman aller Zeiten. Er gibt uns, im bordeauxroten Anzug, spitzmündig den Goldfisch. Heute findet sich neben der Elektrogitarre der Staubsauger und im Regal ein besorgter, nachdenklicher Adenauer. Diese Besorgnis teilt Oliver Maria Schmitt, wieso auch immer. 

© Foto: Anika Kempf
Greser und Lenz, das wohl bekannteste Cartoonistenpaar unserer Zeit, scheut weder Mühe noch schmutzige Klamotten um die Klapperschlange auf dem Rasen des ehemals gemeinsamen Gartens zu imitieren. Als Giftzähne dienen, was sonst, zwei Bleistifte. Die Giftzähne der Zeichner.

Hans Traxler, einer der Altvorderen, steuert den Tukan bei. Er steht am Fenster seines Ateliers und schaut, ja wohin. Eckard Henscheid nimmt ein Schläfchen auf der Schreibmaschine und die Junge Garde der Titanic, Oliver Nagel und Stefan Gärtner erzählen, wie aus dem Reiher der Zweireiher wurde. Aus reiner materieller Notwendigkeit, versteht sich. Hans Zippert, auch er ehemaliger Titanic Chefredakteur,  wühlt sich als Maulwurf durch den Garten und das Chaos auf dem Schreibtisch. Gerne möchte man als Maulwurf sich durch die Dielen in Zipperts Arbeitszimmer buddeln um seine imposante Plattensammlung zu studieren. F.W. Bernstein, ehemaliger Professor für Karikatur und Bildgeschichte an der Hochschule der Künste zu Berlin, empfiehlt den Menschen die Hände zu heben um nicht gibbonähnlich zu werden. Bernd Eilert, Autor und Drehbuchschreiber u. a. für Otto Waalkes, ehrt den Hummer in einem smarten Zweizeiler. Pit Knorr, u.a. Witzeschreiber für Otto, steuert den Kolibri bei.

Eine reine Männerveranstaltung könnte man meinen, diese Neue Frankfurter Schule, wäre da nicht Elsemarie Maletzke. Auch sie war ehemals Redakteurin bei Pardon und Titanic. Ihr ist der Fuchs nah, den sie als Stola und ziemlich tot, um den Hals trägt. Wenn sie nicht gerade im Garten buddelt, schreibt sie Biographien, z.B. über Jane Austen oder die Bronte Schwestern.

Gruppenbild mit Dame also. 

Die Fotos von Anika Kempf sind zwischen 2004 und 2008 entstanden. Jetzt ist ein schöner Band daraus entstanden, den Kathrin Hartmann mit einem kenntnisreichen Vorwort versehen hat. Weshalb diese Schätze allerdings hinter einem derart nichtssagenden Cover verborgen werden, bleibt das Geheimnis des Verlages. Stefan Geyer
 



Anika Kempf & Kathrin Hartmann

Tukan, Gibbon, Klapperschlange

Ein Fotobuch mit famosen Gedichten der Neuen Frankfurter Schule.
B3 Verlag, Frankfurt Main 2008
ISBN 978-3-938783-50-4
€ 19,90

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