Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik


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Die menschliche Komödie
als work in progress


Zum 5-jährigen Bestehen ist
ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren
mit 176 Seiten erschienen, die es in sich haben.

 

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Glanz&Elend - Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:

Die menschliche Komödie als work in progress

»Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen«
Zu diesem Thema haben wir Texte von Honoré de Balzac, Hannah Arendt, Fernando Pessoa, Nicolás Gómez Dávila, Stephane Mallarmé, Gert Neumann, Wassili Grossman, Dieter Leisegang, Peter Brook, Uve Schmidt, Erich Mühsam u.a., gesammelt und mit den besten Essays und Artikeln unserer Internet-Ausgabe ergänzt. Inhalt als PDF-Datei
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Das ungeliebte Cleverle

Michael Knoll über
das Phänomen Oswald Metzger und dessen Buch gewordene Kritik an der ach so verlogenen Gesellschaft

Oswald Metzger hat ein Trauma. Er ist nicht mehr Bundestagsabgeordneter. 2002 wurde er von Bündnis 90/Die Grünen nicht erneut auf einen aussichtsreichen Listenplatz für die Bundestagswahl gewählt. Der Vollblut-Parlamentarier war ohne Anstellung. Daran hat er heute noch zu knappern.
Dabei war es gar nicht so, wie Oswald Metzger schreibt, dass er 2002 bei der Listenplatzaufstellung keinen aussichtsreichen Platz erhielt, weil er im Herbst 1998 bei der Wahl Gerhard Schröders zum Bundeskanzler nicht im Parlament war oder weil er im Frühjahr 2002 bei der Frage der Bestellung von Militärtransportflugzeuge die Rechte des Parlaments beschnitten sah und dabei beinahe im Alleingang die rot-grüne Koalition sprengte. Nein, es lag daran, dass Oswald Metzger ein brillanter Politiker, aber ein hundsmiserabler Stratege und Taktiker ist. Oswald Metzger scheiterte 2002 nicht an der Basis von Bündnis 90/Die Grünen, weil er ein unbequemer Querkopf ist, sondern weil die Delegierten wussten, dass bei Metzgers Versuchen, einen aussichtsreichen Platz auf der Bundestagsliste zu erhalten, sie entweder ihren damals aktuellen Parteivorsitzenden, Fritz Kuhn, oder den Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, Rezzo Schlauch, oder das Symbol grüner Integrationspolitik, Cem Özdemir, beschädigen würden. Die grünen Mitglieder wussten, dass die Schlagzeilen nicht lauten würden „Metzger erobert sich sicheren Listenplatz“, sondern „Basis beschädigt ihren Parteivorsitzenden/Fraktionsvorsitzenden/ihre Integrationspolitik“. Das hätte eigentlich auch Oswald Metzger wissen müssen. Der Witz an der ganzen Geschichte lag schließlich darin, dass Metzger sich verzockt hatte. Er glaubte, dass lediglich der sechste Listenplatz (= der dritte Männerplatz; bei Bündnis 90/Die Grünen werden bei Wahlen stets abwechselnd Frauen und Männer gewählt) sicher sei, schließlich zog aber auch der Kandidat in den Bundestag, der für Platz zehn kandidiert hatte, Alex Bonde. Neben mangelnden Gespür für Strategie und Taktik kam Metzger auch die eigene Arroganz in die Quere, nicht für Platz acht oder zehn kandidiert zu haben.

Respekt aber vor Metzgers Steherqualitäten. Nach einer kurzen Zeit des Schmollens engagierte er sich weiterhin für Bündnis 90/Die Grünen und holte bei der Bundestagswahl 2005 beachtliche 14 % der Erststimmen in seinem Wahlkreis Biberach/Wangen, bei der baden-württembergischen Landtagswahl 2006 im Wahlkreis Biberach gar 16,7 %, was ihm ein Landtagsmandat einbrachte.

Die von ihm gerne gepflegte Ferne von der Basis von Bündnis 90/Die Grünen bzw. seine Verortung auf dem liberal-wirtschaftsfreundlichen Flügel der Partei trieb ihn schließlich zum Austritt. Bei der Bundesparteitag von Bündnis 90/Die Grünen in Nürnberg im November 2007 lehnte Metzger das vorgeschlagene Konzept eines bedingungslosen Grundeinkommens ebenso ab wie die Alternative eines bedarfsorientierten Grundsicherungsmodells. Beide Modelle seien unrealistisch. Den Parteiaustritt vollzog er am 27. November 2007, sein Landtagsmandat legte er mit Wirkung zum 8. Februar 2008 nieder. Ein große Geste des Verzichts. Hätte er zur CDU gewechselt und sein Mandat behalten, hätte die CDU die absolute Mehrheit im Landtag gehabt. Er wollte den Wählerwillen nicht verändern, schließlich wusste er auch, dass er seinen Erfolg eben auch den Strukturen der grünen Partei verdankte. Einen letzten Dienst für die Partei leistete er, indem er zur CDU wechselte und nicht zur FDP, der er Egoismus und mangelnde Nachhaltigkeit vorwarf. Dass Spitzenleute der Grünen ihm zum Abschied allerhand Spott nachschleuderten, zeugt leider vom schlechten Stil so mancher, die es zu Rang und Namen bei Bündnis 90/Die Grünen geschafft haben.

Dass aber Metzger die Grünen mit dem Vorwurf mangelnder Bodenhaftung verließ, um dann bei der CDU anzuheuern, die mit ihrem Leipziger Parteitag vom Herbst 2003 den kollektiven Verlust jeglichen Realitätssinn bewies, ist eine schöne Pointe. Und auch bei diesem Übertritt legte Metzger wieder jenen Mangel an strategischem Sinn an den Tag, der ihm wohl endgültig den Weg in den Deutschen Bundestag, das große Ziel des Politikers, verbauen wird. Dass die CDU-Spitze, wie etwa Generalsekretär Ronald Pofalla, den Eintritt Metzgers begrüßte, hat nur wenig Bedeutung an der Basis der Konservativen. Denn dort ist ein prominenter Überläufer erst einmal ein prominenter Überläufer, mehr nicht. Auch er habe sich hinten anzustellen, trotz oder gerade wegen des Promifaktors. Metzger schaffte es nicht, sich gegen alteingesessene CDU-Männer durchzusetzen, um 2009 für die CDU in den Bundestag einzuziehen. Respektable Ergebnisse sind eben auch Niederlagen.

Wer eine solche quere Vita aufweist, wird auch in einem Buch nicht immer den roten Faden spinnen können. Das gilt auch für die These des Buches von der verlogenen Gesellschaft. Zwar wisse die Bevölkerung, dass das jetzige Ausgabenniveau des Staates nicht zu halten sei, sie wehrt sich aber an der Wahlurne gegen Zumutungen wie Sozialkürzungen oder Steuererhöhungen. Lieber mit zusätzlichen sozialen Wohltaten sehenden Auges in die komplette Handlungsunfähigkeit des Staates. So wurden und werden beide Volksparteien (kann man das noch sagen?) 2005 abgestraft: Die SPD, indem sie die Kanzlerschaft an die CDU verlor, und die CDU, indem sie es nicht zu einer Koalition mit der FDP schaffte. Die Folge: Der SPD ist die Agenda 2010 peinlich, die sie politisch initiierte und umsetzte, der CDU ihr Reformeifer. Oder gab es von Seiten der Union in den letzten vier Jahren eine Idee, einen Vorschlag, wie der Staat reformiert werden könnte? Ach ja, die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Auch so eine Geschichte, die ausdrückt, was so viele Menschen an Politik verdrießt. Die CDU hatte im Wahlkampf 2005 angekündigt, die Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte zu erhöhen, die SPD agitierte dagegen. Als beide Parteien den Koalitionsvertrag schmiedeten, wurde die Mehrwertsteuer nicht um ein Prozent erhöht, was man hätte verstehen können, schließlich liegt eins in der Mitte von zwei und null, sondern es gab eine Steuererhöhung um drei Prozent. Höhere Mathematik oder höhere Einsichten der Politik. Man weiß es nicht.

Ergebnis ist jedoch, dass die CDU nie wieder in einen Wahlkampf ziehen wird, in dem sie Steuererhöhungen ankündigt. Und ob die SPD nach der Wahl hält, was sie davor verspricht, nämlich keine Steuern zu erhöhen, wird in Zukunft ein Geheimnis bleiben. Den Wählerinnen und Wählern ist es egal, alles so bleiben, wie es ist, aber gleichzeitig soll alles besser werden. Ökonomisch ausgedrückt: Alles so billig sein/bleiben/werden („Geiz ist geil“), gleichzeitig treten wir für ökologisch und sozial gut ausgestattete Arbeitsplätze in Schwellen- und Entwicklungsländer ein. Die Quadratur des Kreises ist dagegen ein leichtes. Nicht nur Politikerinnen und Politiker gehören zur verlogenen Gesellschaft, sondern auch Wählerinnen und Wähler. Da hat Metzger schon recht. Nur er gehört eben auch dazu. Wer von den anderen als „Die verlogene Gesellschaft“ schreibt, sollte auch bedenken, dass er Teil des Systems ist.

Trotz aller Wirrnisse und Versuche, der eigenen Vita einen roten Faden zu geben, gibt es doch eine Konstante in Metzgers Denken: Das Plädoyer, den Staat nicht zu überfordern. Und das fängt für einen Haushaltsexperten beim Etat ein. Damit hat er, trotz aller Vorwürfe, er sei ein Neoliberaler, recht. Nur geordnete Finanzen lassen dem Staat die Möglichkeit zu agieren. Nur geordnete Finanzen schaffen nachhaltige Politik. Die nun von der Großen Koalition verordneten Wohltaten für die Bevölkerung, Auszahlung von 100 Euro pro Kind, Abwrackprämie etc., müssen irgendwann bezahlt werden. Und die zahlen wir. Wir, die Menschen, die in diesem Land leben. Sei es früher oder später über Steuererhöhungen, sei es über eine Inflation. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und es wird nicht die gut Verdienenden, die Reichen und Vermögenden am härtesten treffen, sondern die armen und ärmsten. Wie schon die Finanz- und Wirtschaftskrise nicht die Industrieländer am härtesten getroffen hat, sondern die ärmsten Länder der Welt. Da ist Metzger weniger Neoliberaler, als vielmehr Vertreter der katholischen Soziallehre, gepaart mit dem schwäbischen Sinn fürs Geldzusammenhalten.

Metzgers Buch ist ein gutes. Ein unterhaltsames. Wer über die Wirrungen und Irrungen von Politikerdenke und Wähleransprüchen mehr wissen will, sollte es lesen, auch wenn man der einen oder anderen These nicht zustimmen möchte. Letztlich bleibt die Frage, warum Metzger es geschrieben hat. Um im Gespräch zu bleiben, okay. Aber sonst? Denn mit seinem Buch macht er sich nicht unbedingt Freunde in seiner neuen Partei. Und seine Ex-Parteifreunde werden froh sein, dass Metzger nun ein Ex-Parteifreund ist, Betonung auf Ex. Es ist schade, dass einer wie Metzger nicht mehr im Deutschen Bundestag ist. Einen wie Metzger mit Stehvermögen den eigenen Spitzenleuten wie denen anderer Parteien gegenüber, einen Politiker mit Botschaft und einen ausgezeichneten Fachmann für Haushaltsfragen könnte das Parlament gut gebrauchen. Es ist bedauerlich, dass Metzger sich selbst um ein Bundestagsmandat gebracht hat. Aber vielleicht lernt er es ja noch, das mit der Strategie und der Taktik. Und vielleicht sehen wir ihn ja dann wieder im Deutschen Bundestag.
Michael Knoll


 

Oswald Metzger
Die verlogene Gesellschaft
Rowohlt Berlin Verlag
224 Seiten
ISBN-13: 978-3871346248
Preis: EUR 16,90

Oswald Metzger: Seine Homepage

 



 


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