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»Fröstelnde Einsamkeit – Schrei nach
Liebe!« Dabei hatte Gross die „Beziehung“ keineswegs so profan verstanden haben wollen, wie wir heute mit dem Wort hantieren. Im Dezember 1913 veröffentlichte der dem Kommunismus und dem Expressionismus nahestehende Franz Pfemfert in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Aktion“ eine „Notiz über Beziehungen“, in der Otto Gross „die Beziehung als Drittes, als Religion“, verstand und schließlich mit einer Reflexion endete, deren voller Sinn sich wohl nur dem mit der Gedankenwelt dieses eigenwilligen Mannes Vertrauten erschließt:
„Der Vergewaltiger ist der Kranke, der
Untergehende, der das Zeichen der Inferiorität trägt. Er ist ungefährlich,
sofern der Partner die Reinheit des Erlebens, das Leid aus dem sich behauptenden
Befreiungsstreben der Individualität dem geforderten Kompromiß entgegensetzen
kann, und er ist Werkzeug, sofern er als Ausgangspunkt eines Erleidens das
Erleben des Partners produktiv gestaltet. Dieses Erleiden, das sich zum Leben,
zur Intensität expansiv ausgestaltet, ist für den positiven Menschen in diesem
Sinne der Inhalt einer Beziehung, das Freiwerden einer Mitfreude, die
Kameradschaft, die Religion. Der aus der Reinheit des Erlebens resultierende
Zwang zu dieser Beziehung ist organisch und psychisch zusammengehende Grundlage
einer neuen Lebensform, Glauben, Sehnsucht und eine die zukünftigen Zeiten
ausfüllende Lebensgemeinschaft.“ Nach seinem Tod – Otto Gross starb unter erbarmungswürdigen Umständen in Berlin – geriet sein Werk in Vergessenheit, bis es in den 1970ern durch Publikationen von Martin Green über die beiden Richthofen-Schwestern Else und Frieda sowie besonders von Emanuel Hurwitz („Otto Gross – Paradies-Sucher zwischen Freud und Jung“) auch einem breiteren Publikum wieder bekannt wurde. 1999 war das Jahr der Gründung der Otto-Gross-Gesellschaft, deren siebter Kongreß sich im nun vorliegenden Tagungsband dokumentiert findet. Rund 30 Vorträge von 24 Referentinnen (7) und Referenten (17), zumeist Doktoren und Professoren, hatten sich also zwischen dem 3. und dem 5. Oktober 2008 im Dresdner Kinder-Frauen-Zentrum des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus im Namen eines Mannes versammelt, dessen Programm es war, den Zwang der bürgerlich-patriarchalen Familie durch die matriarchale „freie Liebe“ und den individuellen „Willen zur Macht“ durch den „Willen zur Beziehung“ zu ersetzen, und der im Laufe seines nur 43 Jahre währenden Lebens in einer Unzahl von Liebschaften eine stattliche Reihe von Nachkommen zeugte. Kind aus der „Beziehung“ mit einer der drei Töchter des Journalisten Emil Kuh, Marianne Kuh, ist Sophie Templer-Kuh (geb. 1916), heute neben Emanuel Hurwitz Ehrenvorsitzende der Otto-Gross-Gesellschaft. Wie Gottfried Maria Heuer, Vorsitzender der Gesellschaft, in seiner Eröffnungsrede mitteilte, hätte die Tagung – und damit auch der Tagungsband – eigentlich den Titel „Fröstelnde Einsamkeit – Schrei nach Liebe! Otto Gross: Psychoanalyse und Expressionismus“ tragen sollen; doch waren die Rechte für die Verwendung der Radierung („Fröstelnde Einsamkeit – Schrei nach Liebe“) des Dresdner Expressionisten Bernhard Kretzschmar unerschwinglich, so daß man sich mit dem nüchterneren Titel beschied, der nun auf dem Umschlag des Sammelbandes steht. Heuer sah den Kongreß „im Geiste einer Re-Sakralisierung transformierender Politik, zu der Otto Gross entscheidend beigetragen hat“, und griff dann in seinem Vortrag („Die Heiligkeit der Liebe“) diesen Gedanken noch einmal auf: Die „Resakralisierung der Politik“ (eine Wendung des britischen Jungianers Andrew Samuels) könne an zentrale Theoreme Otto Gross‘ anknüpfen. Vorbildlich, so Heuer, sei etwa die Vergebungs- und Versöhnungspolitik der südafrikanischen Truth and Reconciliation Commission. Nicht zuletzt naturwissenschaftliche Forschungen (Stichwort „Spiegelneurone“) hätten ergeben, daß Otto Gross mit seiner – von Kropotkin inspirierten – Annahme einer naturgegebenen Beziehungs-, ergo Solidaritätsbereitschaft des Menschenwesens keineswegs obsolet sei. Bernd Nitzschke, Psychoanalytiker, altgedienter Historiograph der Psychoanalyse und Mitorganisator der Dresdner Tagung, verlieh seinem Beitrag über Autoritarismusforschung seit Gross (z. B. bei Reich, Fromm, Adorno, Horkheimer) ebenfalls eine stark religiöse Note, indem er Otto Gross beipflichtete: „Das Paradies war mütterlich.“ Und die Vertreibung aus dem Paradies? Die geschah aufgrund des Machteingriffs des männlichen Logos: „Am Anfang waren [...] Psyche und Soma eins. Später teilte der Herr, das heißt: die Vernunft, die psychosomatische Welt dann in Seele und Körper auf.“ Allerdings ist auch im entfremdeten Diesseits Rekonziliation – zumindest temporär – möglich. Nitzschke fuhr nämlich fort: „Und doch bleibt die Einheit in der Tiefe der Seele, also im Körper, erhalten. Und deshalb zeigen sich die Folgen der frühen Koppelung von Bindung, Lust und Zärtlichkeit auch noch im späteren Leben. Bei vierjährigen Kindern etwa, die mit ihren Müttern [sic] eine halbe Stunde lang spielen. Bei ihnen läßt sich anschließend eine Erhöhung des Oxytocinspiegels im Urin nachweisen.“ Soviel Sehnsucht nach der Mutter schrie geradezu nach Vatermord. Walter Fähnders, Germanist mit Avantgarde-Schwerpunkt, analysierte diese klassische Ödipus-Thematik in ihrer antiautoritaristischen Ausprägung der expressionistischen Jahre und erkannte – sehr überzeugend – in Walter Hasenclevers epochentypischem Drama „Der Sohn“ (1914) die theatralische Inszenierung des Vater-Sohn-Konflikts, wie er paradigmatisch im Zwist zwischen Hans (Vater) und Otto (Sohn) Gross präfiguriert war. 1927, die expressionistische Vatermord-Welle war längst verebbt, ließ schließlich auch eine Frau: die wenig bekannte österreichische Autorin Mela Hartwig, in ihrer Novelle „Das Verbrechen“ einen Vater, den Nervenarzt Dr. Egon Zuba, von seiner Tochter Agnes umbringen. „Jetzt beginnt mein Leben!“, ruft Agnes aus, als Zuba endlich erschossen daliegt. Willy Haas deutete diese Geschichte damals in der „Literarischen Welt“ als eine Offenlegung der „sadistischen Elemente in der Psychoanalyse überhaupt“. – Von Tumulten oder „Unerhört!“-Rufen im Tagungssaal weiß der von Kristina Kargl vorzüglich erstellte Kongreßbericht indes nicht zu berichten. Weit ist das Feld der Interdependenzen von Psychoanalyse und Expressionismus. Manche Beiträge hierzu beriefen sich explizit auf Forschungsresultate des Marburger Germanisten Thomas Anz, dessen Verlag auch diesen Tagungsband herausgebracht hat. Besonders was den Expressionismus der bildenden Kunst im Kontext der Person Otto Gross‘ angeht, war in Dresden einiges Wichtige und Neue zu sagen und vorzuzeigen. Zwar brachte Gross selbst, weil er das harmonisch Integrierende im Ästhetischen bevorzugte, den sinnlich-erotischen Eruptionen der Avantgardisten wenig Sympathie entgegen; wohl aber gab er mit seinem Plädoyer für „freie Liebe“, Befreiung der Frau, Lebensreform, unangepaßtes Leben etc. seinen Künstler-Zeitgenossen Impulse. Bedeutender jedoch als im einzelnen nachweisbare Rezeptionslinien und Person-zu-Person- Berührungen ist das geistesklimatisch Verbindende, wie die US-amerikanische Literatur- und Filmwissenschaftlerin Erdmute Wenzel White darlegt: „Künstler und Analytiker träumen vom gesteigerten, pulsierenden Leben, Nietzsches Vitalismus, wünschen, mit dem eigenen Leben identisch zu sein. An Else von Richthofen schreibt Gross: ‚wie sich mein Leben damals gesteigert und vertieft und entwickelt hat‘. Dabei bleibt sexuelle Selbstbestimmung ein grundlegendes Anliegen der Neuen Kunst. Schon die erste Ausstellung der ‚Brücke‘, September-Oktober 1906 in der Ausstellungshalle der Lampenfabrik Max Seifert, Dresden-Löbtau, bezieht sich auf das Thema der Freien Liebe.“ Über „Otto Gross‘ Einfluss auf die expressionistische Kunst Georg Schrimpfs“ referierte Jennifer E. Michaels, Germanistin aus Iowa. Schrimpf, eher als Maler der Neuen Sachlichkeit bekannt, hatte gleichwohl eine expressionistische Phase, in der er Anregungen aus der Ideenwelt Gross‘ und dessen Umkreises bezog. Schrimpfs Bilder, so wird der Künstler von der Referentin zitiert, wollen den „Weg zeigen, der zurück zu sich selbst und hinaus führt [...]. Sie sind das Manifest des religiösen Erlebens aller Dinge Zweckmäßigkeit, Sinn und Rhythmus, das religiöse Erleben sexuellen Geschehens als treibender, ausstrahlender Mittelpunkt aller Beziehung“. Ein Glanzlicht der Veranstaltung war offenbar die von Stefanie Poley, der Leiterin des in Köln beheimateten „Freundeskreis Paul Goesch e. V.“, verantwortete Begleitausstellung mit Bildern und Lebensdokumenten des Malers und Architekten Paul Goesch. Dieser war 1908/09 in Niederpoyritz an der Elbe südlich von Dresden von Otto Gross psychoanalysiert worden, hatte sich folglich daraufhin wilden Ausschweifungen, vor allem sexueller Art, hingegeben, erlitt bald darauf einen Zusammenbruch und wurde in einer geschlossenen Anstalt untergebracht. Hermann Müller, ein ausgezeichneter Kenner der damaligen Reformer-, Revoluzzer-, Künstler- und Aussteigerszene, die man mit klingenden Ortsnamen wie Monte Verità/Ascona (Gross inszenierte dort dem Vernehmen nach wilde Beziehungsorgien), Schwabing, aber auch Hellerau verbindet, beurteilte die Sache – in einer E-Mail an Frau Poley – folgendermaßen: „Es war zu viel für ihn [Paul Goesch]. Nacktkultur, Anarchismus, freier Sex, Immoralismus, Revolution fürs Mutterrecht, Sturz des Patriarchats etc. etc. – Gross war kein behutsam vorgehender Arzt. Er brach mit der Axt ins Haus. Paul war dafür nicht vorbereitet. Die Explosion ließ sein psychisches Gefüge zusammenkrachen. In seiner Not suchte er Halt im katholischen Glauben.“ Daß, wie der vorliegende Tagungsband auch festhält, die Nachfahren Goeschs mit sehr gemischten Gefühlen an Otto Gross denken, ist verständlich. Eine der auf dem Kongreß mit großem Interesse aufgenommenen Neuigkeiten war die, welche Albrecht Götz von Olenhusen präsentieren konnte: Otto Gross weilte nach 1908/09 noch einmal in der Nähe Dresdens, und zwar 1919 in Hellerau, jener Künstleransiedlung, von der Hans-Jürgen Sarfert unter der Überschrift „Hellerau als ‚sehr lebhafte südländische Kolonie‘“ ein wunderbar plastisches Porträt zeichnet. – Wer traf sich nicht alles dort? Wer war damals im Geist des totalen Umbruchs nicht mit wem verbandelt, verbrüdert und verschworen? Ausdruckstänzer und Ausdruckstänzerinnen, Kommunisten und Sozialisten, Paare und Pärchen, Schwestern mit Schwestern, Liebhaber mit Geliebten, Ärzte, Dramatiker, Poeten, Sezessionisten, Schauspielerinnen, Gottsucher, Kohlrabiapostel und andere Avantgardisten ... eine kunterbunte zivilisationsverweigernde Kulturelite aus lauter anpassungsunwilligen Hyperindividualisten und doch im nachhinein mitunter zum Verwechseln ähnlich ... ein bißchen wie wir seinerzeit, die man – ein halbes Jahrhundert nach Otto Gross‘ Auftauchen in Hellerau – wegen unserer langen Haare und unseres jungbärtigen Revolutionsgetöns aus der Dorfkneipe warf. Und was ist aus der „freien Liebe“ geworden? Ach! Vielleicht wurden die Teilnehmer des siebten internationalen Kongresses der Otto-Gross-Gesellschaft in Dresden 2008 mitunter auch von solchen Erinnerungen heimgesucht. Allem Anschein nach war es eine schöne, gelungene Veranstaltung, die auch Beziehungen entstehen ließ und/oder vertiefte.
Ein Beitrag war von ganz
großer Nüchternheit beseelt: der des Dresdner Mediziners und Philosophen Thomas
Reuster. Aus juristischer und medizinethischer Perspektive nahm er sich die
Suizid(versuch)e vor, zu denen der Arzt, Psychoanalytiker, Anarchist etc. Otto
Gross Beihilfe geleistet hatte. Reusters Konklusion: „Kolportiert sind insgesamt
4 Fälle von Versuchen, den Tod anderer bei maximaler Selbst-Deckung zu
manipulieren, in 2 Fällen mit letalem Ausgang, in einem davon unter Mitnahme
eines Ungeborenen, d. h. einem sogenannten (durch Fetozid) erweiterten Suizid
bzw. Beihilfe zu einem erweiterten Suizid.“ – – – „Fröstelnde Einsamkeit –
Schrei nach Liebe!“ Franz Siepe |
Werner Felber,
Albrecht Götz von Olenhusen, Gottfried Maria Heuer, Bernd Nitzschke
(Hrsg.):
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