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Umwege können nützlich sein

Lothar Struck entdeckt bei der Lektüre von Frank Schirrmachers »Payback« eine verkehrte Welt, in der Affirmation als progressiv und Kritik pauschal als reaktionär denunziert wird.

In den 1980er Jahren verdichtete sich insbesondere in linksintellektuellen Kreisen die Furcht, ja Angst, vor einer staatlich kontrollierten und regulierten Welt, einer Art "Überwachungsstaat" gemäß dem Schreckensbild des Ende der 40er Jahre geschriebenen Buches "1984" von George Orwell. In der Bundesrepublik bekamen die Vorbehalte durch eine geplante Volkszählung zusätzliche Nahrung (wobei im Vergleich mit den heutigen technischen Möglichkeiten die Ängste von damals geradezu putzig erscheinen). Frank Schirrmacher zitiert in seinem Buch "Payback" eine Stelle aus Neil Postmans Buch "Wir amüsieren uns zu Tode" aus dem Jahr 1985, in dem dieser die Differenz zwischen Orwells "1984" und dem anderen, visionär-schaurigen Roman des 20. Jahrhunderts, Aldous Huxleys "Schöne neue Welt", herausarbeitet:

"Orwell warnt davor, dass wir von einer von außen kommenden Macht unterdrückt werden. Aber in Huxleys Vision braucht man keinen Großen Bruder, um die Menschen ihrer Autonomie, Vernunft und Geschichte zu berauben. Er glaubte, dass die Menschen ihre Unterdrückung lieben und die Technologien bewundern werden, die ihnen ihre Denkfähigkeit nehmen. Orwell hatte Angst vor denjenigen, die Bücher verbieten würden. Huxley hatte Angst davor, dass es gar keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten. In '1984' werden Menschen kontrolliert, indem man ihnen Schmerzen zufügt. In der 'Schönen neuen Welt' werden Menschen kontrolliert, indem man ihnen Freude zufügt."

Schirrmacher fügt hinzu: Huxley ist damit unserer Gegenwart ein wenig nähergekommen als Orwell

Keine reaktionär-primitive Kulturkritik
Alles nur Altherrengestöhne, wie uns (scheinbare) Heroen des Zeitgeists beruhigen wollen und den 50jährigen Schirrmacher, der mit entwaffnendem Gestus seine mediale Überforderung eingesteht, mit seinen eigenen Worten aus dem (intellektuellen) Verkehr ziehen wollen? Alles nur Panikmache, wenn Schirrmacher durch die gänzlich intransparente Weiterverwendung der von ihm durch die Nutzung diverser Software zur Verfügung gestellten Daten einen Kontrollverlust über sich selber befürchtet? Oder betreibt da jemand unter dem Deckmäntelchen der Kulturkritik hübsch verbrämten, aber knallharten Lobbyismus für "sein" Leitmedium, die Zeitung, denn schließlich ist er Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"?

Diese fast verleumderischen Bezichtigungen dokumentieren en passant ein paradoxes Verständnis von Kulturkritik und Technikfolgenabschätzung. Plötzlich gilt – verkehrte Welt! - Affirmation als progressiv während Kritik pauschal als reaktionär denunziert wird. Fast fühlt man sich bei neuen Religionsstiftern der Internetglückseligkeit an die (italienischen) Futuristen erinnert (da fehlt auch das "Manifest" nicht) oder mindestens an die geballte Professorenschar der 1960/70er Jahre, die uns mit den sicheren Atomkraftwerken die Lösung aller Energieprobleme versprachen und Kritiker noch Jahrzehnte später als Fortschrittsverweigerer denunzierten. Bei genauer Lektüre des Buches schnappen diese rüden Beißattacken ins Leere.
Aus anderen Gründen sollte man Schirrmachers Deutungen und Schlüsse dennoch zumindest distanziert betrachten. Davor jedoch ist es dringend erforderlich, die unterschiedlichen Argumentationsebenen, die vom Autor immer wieder (durchaus geschickt) vermengt werden, zu trennen. Natürlich ist die bereits erwähnte freimütig eingestandene Überforderung, die sich im fast flehentlich vorgebrachten ersten Satz Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin entlädt bei näherer Betrachtung arg kokett. Wer nämlich den geistigen Anforderungen nicht mehr gewachsen ist, dürfte auch nicht (mehr) in der Lage sein, ein solches Buch zu schreiben. Die persönliche Ebene, die Schirrmacher immer wieder ins Feld führt, dient also primär rhetorischen Zwecken (indem er sich mit dem Leser, der längst ähnlich empfindet, dies jedoch bisher nicht auszusprechen wagte, "gemein" macht).
Schirrmacher ist dem Strom der Informationen über Fernsehen, Radio, Internet, SMS, Mails, Tweets, Anrufen nicht mehr gewachsen. Er schließt dabei – nicht ganz unberechtigt – von sich auf andere und macht eine Informationsexplosion aus, die unsere Wahrnehmung verändert und gleichzeitig in eine ständige Alarmbereitschaft (eine Art permanente Nervosität) versetzt. Seine Kernthesen: Informationen kostet Aufmerksamkeit (ein schönes, sich erst später erschließendes Wortspiel, welches suggeriert, dass die im allgemeinen "kostenlos" flottierenden Informationen nicht "kostenlos" sind und dieses Attribut fälschlicherweise nur pekuniär verstanden wird). Hieraus folgt verschärfend: Informationen fressen Aufmerksamkeit. Und wir werden vom Strom der Informationen derart stark abgelenkt, dass wir zu deren Verarbeitung gar nicht mehr in der Lage sind (was zeitliche und kognitive Ursachen hat).
Hauptursache dieser Überproduktion von Informationen: Das Internet – ein gewaltiger Beschleunigungsapparat, den Schirrmacher trotzdem nicht per se verteufelt, denn selbst die schlechtesten Texte im Internet haben vermutlich nicht die gleiche verheerende Wirkung wie der Trash im Privatfernsehen oder visuelle Streams im Netz. Und weiter: Wenn es um die Verkrüppelung geistiger und emotionaler Fähigkeit geht, dann bliebt das Billig-Fernsehen bis auf Weiteres ungeschlagener Spitzenreiter. Das Internet "verblödet" also den Menschen nicht; zu einer solchen Plattitüde lässt sich Schirrmacher nicht hinreißen. Wir werden allerdings, so die These, mittelfristig zu anderen Intelligenzen; Fragen, die wir heute noch stellen, kommen uns vielleicht in ein paar Jahren nicht mehr in den Sinn. Wir verlernen, den Überblick zu behalten (und immer wieder führt Schirrmacher die aktuelle Wirtschaftkrise als Beleg für seine Thesen an – hier hätten die Datenjunkies jämmerlich versagt).

Multitasking ist Körperverletzung
Mit aller Macht stemmen wir uns gegen diese Überforderung - durch das vielbeschworene "Multitasking", d. h. das gleichzeitige Arbeiten und Agieren, aber Schirrmacher weiß: Vieles spricht dafür, dass Multitasking Körperverletzung ist. Er nennt diese scheinbar so notwendige Eigenschaft des Informationsarbeiters des 21. Jahrhunderts eine Art digitaler Taylorismus mit sadistischer Antriebsstruktur. Indem der Mensch zum Multitasking sozusagen "vergattert" wird (entweder durch berufliche Vorgaben oder einer Art Selbstverpflichtung [sei es aus Gründen eines vagen kognitiven Veränderungsdruck[s], der aufgrund sozialer Akzeptanz beispielsweise einer Gruppe ausgeübt wird oder auch einfach nur aus Neugier]) wird er selber zur Maschine bzw. zur Maschine degradiert. Denn das Wesen des Multitasking, das Ausführen mehrerer Aufgaben zur gleichen Zeit, ist exakt das, was der Computer leistet bzw. zu welchem Zweck er angeschafft ist. Und schließlich bilanziert Schirrmacher: Multitasking funktioniert auch gar nicht, selbst bei allem guten Willen (nicht ganz unwichtig, dass Schirrmacher den Begriff ausschließlich digital definiert und das "mechanische" Multitasking, welches zum Beispiel jeder Koch täglich praktizieren muss, gar nicht zur Kenntnis zu nehmen scheint).

Die Folgen dieses nicht gewinnbaren Wettlaufs: Ich-Erschöpfung und Aufmerksamkeitsstörung[en]. Dies sei, so Schirrmacher, unabhängig vom Alter. Damit widerspricht er der landläufigen These, dass die Konditionierung der "Digital Natives" auf Computersysteme und deren Geschwindigkeit gegenüber der Generation der "Digital Immigrants", welche mit solchen Techniken erst im Erwachsenalter konfrontiert wurde, vorteilhaft sei. Eine weitere Folge des Multitaskings: Texte werden nicht mehr genau gelesen und höchstens noch mit "copy & paste" in eigene oder andere Texte integriert. Studenten übernehmen Teile von Publikationen, die sie in Gänze nicht gelesen haben und damit gar nicht beurteilen können, ob dieser Ausriss nicht eventuell kontextverfälschend zitiert wird. Wer sich in Unternehmen umhört, kennt das Problem: Mails werden häufig nur noch angelesen; der Sinn eines längeren Textes wird kaum noch erschlossen. Die Konzentration auf eine Tätigkeit wird durch dauernde Unterbrechungen abgelenkt (während des Lesens einer Mail gibt es einen Anruf; die Mail wird trotzdem weitergeschrieben und nebenher hört man mit halbem Ohr das Telefonat eines Kollegen mit). Ob es immer tatsächlich durchschnittlich fünfundzwanzig Minuten sind bis wir nach einer Unterbrechung wieder zu unserer ursprünglichen Tätigkeit zurückkehren darf man vielleicht trotz entsprechender Studie anzweifeln, denn dass wir einfach vergessen haben, was wir überhaupt getan haben, und das so entstandene Vakuum schnell mit noch zwei anderen Projekten füllen wollen, kommt allzu pauschalisierend daher. 

Interpretationskompetenz und Powerpoint
Zweifellos: Die immer mehr vereinfachende, trivialisierende Darstellung von in Wirklichkeit komplexen Vorgängen findet statt. Die Interpretationskompetenz beispielsweise bei Statistiken schwindet – auch und vor allem bei ihren Interpreten: Journalisten, Publizisten, Autoren. Hier führt Schirrmacher ein bekanntes Beispiel an: Die Aussage, Brustkrebsvorsorgeuntersuchungen (das sogenannte Screening) würden das Krebsrisiko um 20% mindern. Selbst vielen Ärzten geht diese Aussage leicht über die Lippen. Die Zahl suggeriert, dass durch rechtzeitige Vorsorgeuntersuchungen 20 von 100 Frauen sozusagen "gerettet" werden könnten. Das ist jedoch falsch. Es heißt nur, dass von tausend Frauen, die sich keinem Screening unterziehen, fünf sterben, und von tausend Frauen, die eines machen, vier sterben werden. Der Unterschied von vier zu fünf ergibt die zwanzig Prozent. Diese korrekte Auslegung erschließt sich aber nur demjenigen, der das statistische Verfahren genau nachgelesen hat und nicht einfach Propaganda irgendwelcher interessengeleiteter Verbände nachplappert.

Wie weit dieser komplexitätsreduzierende Gestus schon fortgeschritten ist, soll am Beispiel der "Columbia"-Katastrophe aus dem Jahr 2003 illustriert werden. Durch ein Video hatte die NASA damals festgestellt, dass die Raumfähre zweiundachtzig Sekunden nach dem Start von einem Stück Hartschaum getroffen worden war, das womöglich lebenswichtige Systeme beschädigt hatte. Zwölf Tage erwogen die Techniker nun, welche Folgen beim Eintritt in die Erdatmosphäre zu befürchten seien. Nach ausführlichen Recherchen bleiben 28 Powerpoint-Illustrationen, auf deren Grundlage die Verantwortlichen der NASA zu der irrigen Annahme kamen, für die Columbia bestehe keine Gefahr.
Eine spätere Überprüfung der Präsentationen zeigte: Während erst später im Kleingedruckten und bei den kleinen Aufzählungspunkten Zweifel und technische Probleme geschildert wurden, waren die Überschriften und Zusammenfassungen der einzelnen Sheets, hervorgehoben durch besonders dicke Aufzählungspunkte, optimistisch und positiv. Die Verantwortlichen wurden also von der Grafik falsch navigiert, denn in den E-Mails, die zwischen den Technikern ausgetauscht wurde, fanden sich ausführliche Stellungnahmen zu eventuellen Problemen. Erst die Übersetzung der Erkenntnisse für die höheren Leitungsebenen der NASA in die Informationsgrafik des Computersystems hatte zur Verfälschung geführt. Nach diesem Vorgang sind bei der NASA bei der Darstellung wichtige[r] Dokumentationen keine Powerpoint-Präsentationen mehr zugelassen. 
Wer hat das nicht schon festgestellt, dass in der Kette des Multitasking und der sich stets erneut kopierenden Kopien niemand mehr eigene Schlüsse zieht oder vorhandene Diagnosen auch nur überprüft? Wer hat nicht festgestellt, dass Heuristiken wie Abwägen, Überschlagen, Gewichten immer weniger praktiziert werden? Die wahre Kunst in diesem Informationsbombardement besteht vor allem erst einmal darin, Prioritäten zu setzen, d. h. Wichtiges von Unwichtigem zu separieren. Und das ist mehr als ein Stoßseufzer, fast schon Verzweiflung: Ich weiß noch nicht einmal ob das, was ich weiß, wichtig ist oder das, was ich vergessen habe, unwichtig. Denn tatsächlich beansprucht jede Information zunächst einmal die gleiche Widmung – ob es sich um die Hochzeit von Boris Becker oder einen Beschluss der Bundesregierung handelt. Erst einmal in die Multitasking-Maschine eingetreten, so fällt das Aufhören schwer. Ein vages Gefühl, etwas zu verpassen, hält uns dabei. Vielleicht würde ja just der Artikel, den wir jetzt nicht anklicken, unser Leben verändern. Wieder nicht? Dann der nächste!?
Schirrmacher beschreibt diese Tretmühle sehr schön. Die Gefahren, die sich aus der kritiklosen Übernahme der uns zur Verfügung stehenden Informationen und deren oberflächliche Interpretation ergeben, werden deutlich. Aber ist diese Überforderung ein Phänomen, welches ausschließlich dem Internet geschuldet bzw. von ihm verschuldet ist? Kann es nicht auch sein, dass jemand bei zwei Tageszeitungen und zwei Wochenmagazinen den Überblick verliert? Oder bei der Lektüre dreier Bücher parallel irgendwann nichts mehr zuzuordnen weiß?

Die Fama von der Manipulation
Schirrmacher geht aber noch einen Schritt weiter. Und dieser Schritt ist es, der das Buch bedenklich macht, weil der Autor von dem eigenen, von ihm propagierten Menschenbild zwar das Idealbild ständig heraushebt, gleichzeitig jedoch den Menschen in einer Fatumposition sieht. Schirrmacher glaubt, dass Computer uns manipulieren – und das immer raffinierter.
Zwar werden für die nächste Zukunft ausdrücklich Verhältnisse wie in Stanley Kubricks Film "2001: Odyssee im Weltraum" bestritten, als die Maschine "HAL 9000" (die im Buch nur "HAL" heißt; auf den Sinn des Namens der Figur – sie steht nach Angabe des Autors Arthur C. Clarke für "Heuristic ALgorithmic" [Heuristisch Algorithmisch] – geht Schirrmacher nicht ein; vermutlich hat er dieses Detail übersehen) die Macht an Bord des Raumschiffs übernehmen wollte, in dem er zwei menschliche Astronauten umbrachte. Solange die Roboter in der wirklichen Welt noch nicht einmal den Rasen mähen können, ohne alles durcheinanderzubringen braucht man sich hierüber, so Schirrmacher, keine Sorge machen. Dennoch entwickelt er im weiteren Verlauf des Buches ein stetig steigendes Unbehagen welches (zunächst) in eine semi-apokalyptische Vision mündet.

Der "informationsfressende" Mensch begibt sich in den Wahn (oder die Hybris?), sich in punkto Informationsverarbeitung mit dem Computer zu messen. In Wahrheit habe der Computer längst den Menschen als Medium auf die von ihm gesammelten Daten hin manipuliert. Das Werkzeug arbeitet sich seinen Erfinder um. Im berühmten Turing-Test, den Schirrmacher anführt, können die Probanten nicht mehr unterscheiden, ob ein Mensch oder eine Maschine mit ihnen kommuniziert. Das ist für Schirrmacher ein Kriterium, dass die Maschinen in wenigen Jahrzehnten intelligenter sein werden als die Menschen (und man überlegt, warum er "HAL 9000" einige Seiten vorher ins Reich der Fabel verwies).
Schirrmacher hätte gar nicht auf diesen Test ausweichen müssen: Jeder handelsübliche Schach-Computer vermag heutzutage einen mittelstarken Turnierspieler nach Belieben zu schlagen. Im Buch wird der Mathematiker Steven Strogaz zitiert, der feststellt, dass kein Mensch…die Beweisführung der Computer in der Grundlagen-Mathematik mehr nachvollziehen kann (und selbst wenn es einer könnte, wie sollten wir ihm glauben?). Aber ist das schon Beleg für "Intelligenz"? Sind nicht Mathematik und das Schachspiel aufgrund ihrer streng berechenbaren Kausalitäten geradezu geschaffen für "Maschinen"? Natürlich hat Schirrmacher Recht, wenn er sein Unbehagen äußert, dass die Reihenfolge der uns zur Verfügung gestellten Informationen von anderen bestimmt wird (wobei er den Fehler macht, den Suchmaschinen-Algorithmus rein quantitativ zu erklären). Aber ist dieses Phänomen der intransparenten Prioritätensetzung nicht auch bei der "guten, alten" Zeitung oder einem Bücherregal im Buchhandel virulent? Wundert es nicht gelegentlich, welche Themen beispielsweise in den Hauptnachrichtensendungen des Fernsehens an welcher Stelle stehen (und welche Unterschiede es dort manchmal gibt)? Wer bestimmt dort - und vor allem: nach welchen Kriterien - die Reihenfolge? 

Wo bleibt die Autonomie des menschlichen Geistes?
Spätestens jetzt beginnt man die im Buch fehlenden Definitionen für die verwendeten Begrifflichkeiten zu vermissen; ein Problem, weil Schirrmacher das Buch in einer Art anekdotischen Plauderton verfasst hat. Da ist zu vieles einfach nur "Information", ohne zu differenzieren (d. h. er macht zur Demonstration seiner These genau das, was er als deren Resultat ableitet). Maschinen sind für ihn einfach "intelligent", weil sie entsprechend (wie?) programmiert sind. Aber kann die Maschine des Turing-Tests, die täuschendechte Kommunikation mit Menschen führen kann, eine Stunde später eine Schach-Partie spielen und am nächsten Tag ein Buch lesen und zusammenfassen?

Sind denn die automatisch erzeugten (Werbe-)Vorschläge von Amazon, Google-Mail oder anderen tatsächlich derart gefährlich, wie hier suggeriert wird? Er irrt doch, wenn er meint, Softwareprogramme würde unsere Assoziationen bzw. unser assoziatives Gedächtnis versuchen, in Mathematik [zu] verwandeln (eine Lieblingsmetapher Schirrmachers, die er noch in einer unergiebigen Betrachtung über Parallelen von Kafkas Gregor Samsa zum Menschen im Informationszeitalter vertieft). Was "verwandelt" wird, sind nicht Assoziationen, sondern explizite Handlungen (vulgo: Klicks; Mails oder andere Textäußerungen im Internet, die bestimmte Schlagworte enthalten und entsprechend ausgewertet werden). Und diese Handlungen, die zur unerwünschten Kategorisierung führen, können unterlassen werden; die "Vorschläge" kann man ignorieren (vielleicht DIE neu zu erlernende Fertigkeit). Erst der menschliche Wille, sich selbst transparent zu machen ermöglicht diese Vorschläge. Und selbst wenn man "Wille" durch "Arglosigkeit" ersetzt, so ist es "nur" ein zu erlernender Vorgang, sich dieser Art von Transparenz zu verweigern.

Sehr früh heißt es im Buch: Der Computer ist kein Medium. Er ist ein Akteur. Hiermit wäre die Selbst-Amputation des Menschen, hervorgerufen durch technische Entwicklungen (bspw. hat die Entwicklung des Taschenrechners das Kopfrechnen bei den meisten Menschen vollkommen verkümmern lassen), beschrieben als eine Art numinoses Schicksal, dem nicht mehr zu entkommen ist. Aber wie wäre es, wenn der Computer als Werkzeug betrachtet, ja wiederentdeckt würde? Der Diagnose, dass wir viel zu häufig der Technik dienen, statt diese uns, können etwa Anwender von Warenwirtschaftssoftware bisweilen durchaus feststellen. Das ist allerdings oft genug eine Strategie der Anbieter, die sich eingängige Bedienung zusätzlich vergüten lassen wollen. Umgekehrt schreibt Schirrmacher durchaus zu recht, dass wir zum Beispiel die Entlastung durch Google gar nicht richtig…nutzen können und jeder Teilnehmer eines Word- oder Excel-Basiskurses ist erstaunt und überrascht, welche Möglichkeiten in den Programmen schlummern. Sind aber fehlende Kenntnisse der Nutzer und hierdurch unzureichende Bedienung den Programmen anzulasten?
Aber Schirrmacher lässt von seiner These nicht ab. Unsere Werkzeuge verändern unsere Umwelt, vor allem aber verändern sie uns selbst. Und dann eine kühne Volte: Die meisten Menschen denken, dass man eine Idee haben muss, um ein Werkzeug zu konstruieren. Aber sehr viel häufiger hat man ein Werkzeug in der Hand und überlegt sich dann erst, ob man damit nicht auch an unserer Vorstellung von der Welt herumbasteln kann. Eine interessante Aussage, deren Essenz im Satz gipfelt Wahrscheinlich hat der Urmensch erst den Faustkeil entdeckt und sich dann überlegt, was er mit ihm anstellen kann. Ein Hauch von Verschwörungstheorie umweht diesen Gedanken.

Die Vermenschlichung des Computers
Die Tatsache, dass es sich beim Computer zunächst einmal um eine Erfindung des Menschen handelt, würde dann zur Tragik: die Verselbständigung des Roboterintellekts zu Ungunsten der menschlichen Intelligenz ist ein unerwünschter, aber nicht mehr aufzuhaltender Effekt. Der Mensch als Goethes Zauberlehrling. Die Verhältnisse werden sukzessive umgekehrt – der Mensch dient der Maschine, die im Wesentlichen die Aufgaben des Menschen übernommen hat. Immerhin halten uns die Automaten – so weiß Schirrmacher – derzeit noch für nützlich.   

Nicht ohne Grund wird auf die große Gefahr der Computerisierung des Menschen bzw. Vermenschlichung der Maschinen verwiesen. Aber Schirrmacher selber betreibt nicht nur exakt die Anthropomorphisierung des Computers, die er den Verfechtern der Informationsgesellschaft vorwirft, sondern unterminiert auch noch die Existenz des freien, menschlichen Willens, indem der Mensch zum rein passiven Nutzer wird, der den Algorithmen der Datensammler hilflos ausgeliefert ist und dies noch nicht einmal bemerkt. Dabei irritiert die zurückhaltende, ja fast devote Haltung, wenn es um Softwareentwickler oder Firmenchefs geht (die ihm, wie man in den Fußnoten nachlesen kann, viele Informationen "persönlich" gegeben haben). Handelt es sich doch um jene Menschen, die den Computer erst in die Lage versetzen, die Entmenschlichung des Menschen zu betreiben.

Und sonderbar diese Ausflüge in die Philosophie, dieses Changieren zwischen Ablehnung und Akzeptanz des "freien Willens" nebst abschließendem Resümee, dass es völlig egal sei, ob es einen freien Willen [gebe] oder nicht. Wichtig sei alleine, dass wir an ihn glauben – ein Glaube, den uns kein Computer der Welt geben kann, ja der im Widerspruch zu seinem Programmauftrag steht. Natürlich weiss Schirrmacher, dass, wenn der Glaube an den freien Willen schwindet,…sich das soziale Verhalten von Menschen schlagartig ändert. Unklar bleibt jedoch, wie ein freier Wille, der nur noch als "lame duck"-Hilfskonstruktion existiert (dazu auch mehr oder weniger "bis auf Widerruf" einer naturwissenschaftlich-beweiskräftigen Gegendarstellung), noch irgendwelche normbindende Wirkung erzeugen soll.

Im letzten Drittel des Buches wir dann ein Rettungsszenario entworfen. Die vorher hochgehaltenen menschlichen Eigenschaften wie Kreativität, Flexibilität und Spontaneität werden ergänzt. Vor allem setzt Schirrmacher auf die Unsicherheit, die uns erst zu produktiven, handelnden Menschen macht. Die Bildung der Zukunft muss darin bestehen, Unsicherheiten zu entwickeln. Sie muss Subjektivitäten, nicht Subjekte unterrichten. An anderer Stelle heißt es ein bisschen kryptisch: Die Bildung der Zukunft lehrt Computer zu nutzen, um durch den Kontakt mit ihnen das zu lehren, was nur Menschen können.
Es folgt ein inniges Plädoyer gegen die scheinbaren Eindeutigkeit[en], die uns immer als das nonplusultra "präsentiert" werden. Und natürlich tritt Schirrmacher auch für die Verzögerung ein (Die Verzögerung schafft Überblick und Nachdenklichkeit, sie ist gewissermaßen Papier und nicht Bildschirm) – nebst Exkurs über das Lesen. Sorgsam umkreist er das, was inzwischen überall als "Entschleunigung" präsentiert wird, ohne dies mit dem ausgelutschtem "Wellness"-Vokabular zu versehen, denn schließlich schreibt hier einer der führenden Intellektuellen Deutschlands, da wäre es ein bisschen zu einfach, mit Binsenweisheiten reüssieren zu wollen.      

Widersprüche
Plötzlich kommt die Erkenntnis: Der Computer kann keinen einzigen kreativen Akt berechnen, voraussagen oder erklären. Kein Algorithmus erklärt Mozart oder Picasso oder auch nur den Geistesblitz den irgendein Schüler irgendwo auf der Welt hat. Aber wie kann dann jemand sagen, die NASA-Verantwortlichen wären von der Grafik falsch navigiert worden, obwohl doch die Grafiken durch Menschen erstellt und die Entscheidung durch andere Menschen getroffen wurde? Und es ist weder unser Schicksal, von Algorithmen gefesselt wie ein offenes Buch im Netz ausgelegt zu werden, noch eine "Pflicht", sich den Verblödungsstrategien von News-Maschinen hinzugeben, die uns eine Ideologie des "Bestinformiertesten" einzureden versuchen. Verstörend, wie ein kluger Mensch wie Schirrmacher auch nur einen Moment den Blödsinn für möglich halten kann, dass wir in einer Welt leben, in der nicht existiert, was nicht digital existiert, ist doch diese Aussage geradezu konstituierend für das Mitmachen im Strom des Multitasking-Deppen.

Schirrmachers begeisterte Rede für den nicht perfekten Mensch wirkt nicht besonders überzeugend. Zu zeitgeistgemäss seine Ablehnung der reinen Wissensvermittlung und des Wissenslernens (und die Angriffe auf den "Bologna"-Prozess). Zu sehr auf Huxleys negativem Diktum fixiert, dass wir uns unserer inneren Freiheit zu sicher seien. Wenn dies so wäre – warum dann dieses Buch? Und zu glatt die These, wir hätten die falsche Vorstellung vom Lernen. Einerseits beklagt er die Verkümmerung bestimmter Fähigkeiten bei Menschen, die durch Maschinen übernommen bzw. delegiert werden bzw. andererseits verlangt ja wohl der generöse Verzicht auf Wissen beim Menschen eine Speicherung des Wissens an anderer Stelle (von der Frage, wer und wie diese Speicherung kontrolliert wird einmal abgesehen). Es sei denn, man will auch gleich noch dem marktwirtschaftlich-kapitalistischen System ein neues entgegensetzen, aber hierfür findet man im Buch kein Indiz.
Und wenn man vorher Studien zitiert und ausführlich berichtet hat, wie schädlich die Ablenkung vom Wesentlichen ist und damit Aufmerksamkeitsdefizite antrainiert werden, dann müsste man mindestens erläutern, warum das "aufmerksam sein", dieses Ideal, seine Gedanken nicht abschweifen zu lassen urplötzlich wohl einer der gefährlichsten Irrtümer von Erziehung und Selbsterziehung sein soll – natürlich nach allem, was die Forschung heute dazu weiß. Und auf einmal erkennt Schirrmacher, dass Ablenkung, die er auf gefühlten hunderten von Seiten verteufelte, den Perspektivwechsel bringt, neue Ideen und Gedanken freisetzt und sogar die Gesundheit verbessert. Hier wäre von Beginn an eine deutliche Unterscheidung der unterschiedlichen Arten von "Ablenkung" (falls es sie denn gibt) produktiver gewesen.
Außer an die "menschlichen Eigenschaften" zu appellieren, dem emphatischen Appell für das Lesen (insbesondere von Büchern) und dem Ratschlag Informationen zu überdenken, statt sie zu sammeln, gibt es zu wenige Ideen, um beispielsweise dem anonymen (und nicht-transparenten) Suchmaschinen-Algorithmus und seiner scheinbaren Omnipräsenz und Omnipotenz zu entkommen. Tatsächlich besteht keine Veranlassung, immer die EINE Suchmaschine zu verwenden; die so oft kritisierte "marktbeherrschende Stellung" von Google ist weder ergaunert noch mit anderen illegalen Mitteln erreicht worden: sie existiert, weil die Nutzer sie herbeigeführt haben und immer wieder bestätigen. Oder warum nicht den Perspektivwechsel im FAZ-Feuilleton beginnen? Warum immer in Bestseller- und Auflagenkategorien denken und dem Mainstream hinterherjagen (und sei es auch nur, um ihm wortgewaltig zu widersprechen – das Wesen der Feuilleton-Debatten), statt in Ruhe beispielsweise neue, talentierte Künstler herauszufinden und diese vorzustellen?

Der Umweg
Wenn Schirrmacher konzediert, dass viele Journalisten nur noch nach algorithmischen Regeln schreiben und ihre Texte nach Pyramidenstrukturen verfassen müssen, in denen das Neue nach oben gehört, der Hintergrund nach unten und dies alles nur, damit Google die Texte findet – wer sagt ihnen, dass sie dies zu unterlassen haben und gibt ihnen die Chance, durch mehr Zeit ein Thema sorgfältiger zu recherchieren und ggf. zu überdenken? Warum wird das Bekenntnis zum "Qualitätsjournalismus" (ein Begriff, der bedauerlicherweise inzwischen schon fast zum Schimpfwort geworden zu sein scheint) so häufig nur verbal geäußert, in Wirklichkeit dann jedoch fast immer einer perversen Nachrichtenökonomie geopfert? Warum glaubt jede Wochenzeitung mit einer täglichen Nachrichtenberichterstattung auf seiner Webseite im Internet mit "tagesschau.de" mithalten zu müssen? Worin liegt der Grund, dass wir glauben, rund um die Uhr über Mobiltelefon erreichbar sein zu müssen? Und was hat das alles mit Bildung zu tun?

Es gibt ein phantastisches Buch von Manfred Osten mit dem Titel "Alles veloziferisch oder: Goethes Entdeckung der Langsamkeit". Osten zeigt auf wunderbare Weise, wie Goethe der von ihm als Bedrohung empfundenen beschleunigten Zeit in seinen Werken Kontrapunkte setzte. Neben zahlreichen Belegen dazu im "Faust" beschäftigt sich Osten mit Ottilie aus den "Wahlverwandtschaften", die, so die These, durch Eduard den "Geist der Ungeduld als feindseligen Dämon erkennt" und daran zerbricht, weil sie "mit jeder Art uneigentlichen Lebens" unfähig ist, einen Kompromiss zu schließen. Ostens Buch zeigt nicht nur Goethes gravierende Vorbehalte gegen die ersten Anzeichen der industriellen Revolution, die auch im Flickenteppich Deutschland im 18. Jahrhundert unübersehbar waren. Es wird illustriert, wie Goethe durch und in seiner Prosa versuchte, diese auf den Menschen zukommende Entfremdung aufzuzeigen und einzuordnen. Auch dies ohne in kulturpessimistischem Alarmismus zu verfallen, aber durchaus deutlich – und parteiisch. Vielleicht wäre die Lektüre von Ostens Buch, die unbändige Lust auf die erneute Lektüre von Goethe macht, die bessere Variante, sich über Auswirkungen und Konsequenzen dessen, was wir "Informationstechnologie" nennen, zu präparieren.
Manchmal sind Umwege nicht nur nützlich, sondern notwendig. Da würde sicherlich auch Frank Schirrmacher zustimmen. Lothar Struck

Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.
 

Frank Schirrmacher
Payback
Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 240 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
4 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-89667-336-7
€ 17,95

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