Glanz & Elend Magazin für Literatur und Zeitkritik




Die menschliche Komödie
als work in progress


Zum 5-jährigen Bestehen ist
ein großformatiger Broschurband
in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren
mit 176 Seiten, die es in sich haben.

 

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Thomas Bernhard

Eine kleine Materialsammlung
Man schaut und hört wie gebannt, und weiß doch nie, ob er einen gerade auf den Arm nimmt, oder es ernst meint mit seinen grandiosen Monologen über Gott und Welt. Ja, der Bernhard hatte schon einen Humor, gelt?

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Die Fluchtbewegungen des Bob Dylan

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Ulrich Breth über die Metamorphosen des großen Rätselhaften mit 7 Songs aus der Tube

Glanz&Elend - Die Zeitschrift
Zum 5-jährigen Bestehen ist ein großformatiger Broschurband in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren mit 176 Seiten, die es in sich haben:

Die menschliche Komödie als work in progress

»Diese mühselige Arbeit an den Zügen des Menschlichen«
Zu diesem Thema haben wir Texte von Honoré de Balzac, Hannah Arendt, Fernando Pessoa, Nicolás Gómez Dávila, Stephane Mallarmé, Gert Neumann, Wassili Grossman, Dieter Leisegang, Peter Brook, Uve Schmidt, Erich Mühsam u.a., gesammelt und mit den besten Essays und Artikeln unserer Internet-Ausgabe ergänzt. Inhalt als PDF-Datei
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Martin Brandes

Herr Wu lacht
Chinesische Geschichten
und der Unsinn des Reisens

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reicht von der flüchtigen Skizze bis zur Magisterarbeit. 
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Wie das Schachspiel seine Unschuld verlor
Zum Tod des ehemaligen Schachweltmeisters Bobby Fischer »Ich glaube nicht an Psychologie, ich glaube an gute Züge.«


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Mut zur Stimme!

Ralf Peters philosophische Therapie zum eigenen Stimm- und Klangbild

Von Peter V. Brinkemper

Wenn Ralf Peters seine Wege zur Stimme erläutert, so liegt ein kluges und wohltuendes Buch vor, dass philosophische Tiefenschärfe mit der Sensibilität eines in Philosophie promovierten Rundfunksprechers, „Stimmkünstlers“ und Stimmlehrers verbindet und die spekulative Durchdringung des Stoffs mit praktischer Erfahrung und experimentellem Mut vereint. Ganzheitliche Ästhetik und eingehende Selbsterfahrung werden der bloß technisch-mechanischen Beherrschung der Stimme auf einem womöglich nur schmalen Artikulationspfad vorgezogen.
Ausgangspunkt ist der alltägliche Stimmstress, in dem das eigene Stimm- und Klangbild wechselnden Herausforderungen und Belastungen unterzogen wird, die durch das subjektiv gefilterte Hören, zunächst kaum objektiv wahrgenommen werden. Es stellt sich daher die Frage: Wie kann jeder aus seinen Möglichkeiten heraus eine ungekünstelte stimmliche Vielfalt und Bandbreite entwickeln, um auf und in Situationen angemessen zu reagieren und sich selbst, seinen Ausdruck und seine Intentionen wirkungsvoll zu gestalten? Diese Aufgabenstellung wird aber keineswegs als lineare Ziel-Mittel-, Ursache-Wirkungs- und Theorie-Praxis-Relation begriffen und auch nicht zur Rhetorik oder Theatralik plakativer stimmlicher Situationen zurechtgestutzt.
Im Sinne von Gilles Deleuze und Felix Guattaris „Tausend Plateaus“ wird das Stimmpotential  eines jeden/einer jeden als individuelle Karte begriffen, und nicht als mechanisch reproduzierbare Kopie mit bestimmten reproduzierbaren Stimmbildern, die womöglich noch an Vorbilder und Medienstars angelehnt sind. Es geht darum, ein vielschichtiges Modell der eigenen Stimme zu erfahren und mitzuerschaffen, vielleicht  weniger  eine feste Partitur, sondern so etwas wie die Kartographie und Genealogie einer immer wieder  (weiter) entwickelbaren Stimmlandschaft, mit lauter praktisch-methodischen Anweisungen zu potentiell ins Unendliche ausdifferenzierbaren Schritten der Gestaltung, des Wandels und der Transformation, in denen bestimmte bisher aktivierte Gebiete oder bisher nicht erkundete Landstriche, im wechselvollen Prozess der Territorialisierung und Deterritorialisierung erfasst, miteinander verbunden oder auch wiederum gegeneinander abgegrenzt werden.
Vor allem geht es dabei um probeweise,  jederzeit  revidierbare  Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen zwischen Natur und Kultur, Vegetativem, Animalischem und Humanem, Emotionalem und Rationalem, sozialer Empfindung und expressiver Egozentrik, um die bewusst angestrebte ständige Unterwanderung der Ideologisierung des Stimmlichen, um falschen Zuschreibungen z.B. bestimmter sozialer, sexueller und rassischer Merkmale auf dem Weg zur überzeugenden Stimme zu widerstehen. „Neben der Sexualität stellt die Stimme den zweiten großen blinden Fleck im Auge der abendländischen Philosophie dar. Die Weigerung, sich der Stimme als Stimme zu widmen – und nicht nur als Trägerin bzw. Dienerin der Sprache oder der Musik -, hatte enorme Auswirkungen auf unsere Vorstellung von ihr.“
Konsequent wird Platons Lehre von der Stimme als bloß materiell-sinnlicher Verwirklichung  des Logos als unzureichend kritisiert. Herders Konzept, dass die Sprache insgesamt ihren Ursprung in kreatürlicher Empfindung, Affekt und Emotion habe, wird als Gegenmodell bestärkt. Derridas Kritik des abendländischen Phono- und Logozentrismus wird entgegengehalten, dass sich diese Überlegungen eher auf die Differenz von Mündlich/Schriftlich im Dienste der logischen Argumentation beziehen lassen, dass aber gerade die sprachunabhängige Artikulation der Stimme einen selbstreferentiellen Eigenwert hat, die sich als Zum-Erscheinen-Bringen von Handeln und Wahrnehmen im Modus bestimmter Klanglichkeiten, Ausdruckswerte und Intensitäten darstellt, wobei Nietzsche (Musik- und Kulturphilosophie) und Roland Barthes (Rauheit der Stimme als andere Form der hörbaren Écriture) hier größere Sensibilität als anderen Positionen zugestanden werden. Mit Hegel gehe es bei der Stimme um einen Akt des reflexiven Sich-Selbst-Verlautbarens und -Hörens.
Historische Exkurse über die Stimmideale: Tenor, Kastrat, Engelsgesang und Höllenlärm u.a.m. verdeutlichen, wie  die Stimmlichkeit der Stimme zunächst unter Sphärenglas gehalten und einseitig und unflexibel bestimmten Idealen und Normen einer außerirdischen Schönheit unterworfen wurde. Erst mit Friedrich Nietzsche und Alfred Wolfsohn werde der Bereich des siderischen Stimmideals zugunsten der ganzheitlich-realen,  aber  auch geschlechtsreifen und geschlechtlichen, von den Erfahrungen und Widerfahrnissen der ungeschminkten Realität affizierten Stimme erobert. Demnach wären die späte Romantik, der Expressionismus und der Dadaismus eigentlich Formen des innerpsychisch geechoten und stimmlich gespiegelten Realismus. Die geistige Biographie Alfred Wolfsohns ist besonders packend, weil aus dessen, der Psychose nahen Erfahrung im Ersten Weltkrieg festzustellen ist: „Er war zu der Erkenntnis gezwungen worden, dass Menschen in Extremsituationen zu einem stimmlichen Ausdruck >>in der Lage << sind, der im Vergleich zu der sogenannten normalen Stimme unmenschlich zu klingen scheint, weil er die kulturell gesetzten und üblicherweise unangetasteten Grenzen weit hinter sich lässt. Doch bei Wolfsohn erscheinen die Stimmen erstmals nicht als unmenschlich. Sie sind im Gegenteil Ausdruck einer Menschlichkeit, die in ihrer Direktheit den Hörenden wie den Tönenden berührt.“ Auf diese Weise wurde er zum Pionier einer Stimmentwicklung, die bisher tabuisierte Bereiche einschloss. Sein südafrikanischer Schüler Roy Hart setzte vieles davon in literarische und musikalische Inszenierungen um. Komponisten wie Stockhausen, Henze, Peter Maxwell Davies schrieben extra für seinen Stimmumfang und seine virtuosen Möglichkeiten, die etwa bei der Rezitation von T.S.Eliots Drama „The Rock“ zum Ausdruck kommen. Hart ging es in seinem Sprech-Singen um „vokale Aktionen“, die Geist und Körper wieder in ein intuitives Stadium bringen sollten. Und vielleicht sollte man hier auf jeden Fall noch improvisatorisch-experimentelle Künstler anführen, wie Peter UstinovMeredith Monk und Helmut Qualtinger, z.B. seinen extrem albernen Hüttenwirt.
Im zweiten, praxisnäheren Teil bereichert Peters den Leser auch im Detail mit seinen Ausführungen: zu den Tonhöhen- oder Klangorientierten Hörern und Sprechern; zu der oft sich selbst verdeckenden Qualität von Stimmen, die unter bestimmten Valeurs und Intonationsmustern andere Möglichkeiten der Artikulation verstecken; die Diskussion über die Gültigkeit von Kriterien der Deutung durch Physiognomie und emotionale Interpretation von Lautlichkeiten, wobei  im Sinne von Lichtenberg und aktuell im Zeitalter der permanenten mobilen Fernerreichbarkeit  und digitalen Simulierbarkeit die eindeutige Zuordnung von Stimmbild, Körper und Charakter kritisch infragegestellt wird. Stimmentwicklung, Stimmdiagnose und Stimmtherapie werden also nicht erneut chorknabenartig kurzgeschlossen. Stimme und Individuum sollten nie als bloß objektivierbares Instrument (wie z.B. bei Paul Moses), sondern immer als dynamisches, komplexes, dialogisches, kommunikativ handelndes Medium begriffen werden (wie bei Bühler, Wolfsohn und Hart). Ein Medium, das viele innere und äußere Landschaften zu bereisen in der Lage ist, wenn erst einmal entsprechende Ängste und Widerstände überwunden werden. Die moderne Kultur hat lauter widersprüchliche Tendenzen: vom Coolen-Leise-Sprech des erfolgreichen Mitteleuropäers, über die Anti-Aging-Piepsstimme mancher weiblicher Moderatorinnen, bis hin zur Rock-Rap-Kakaphonie junger Handy-Benutzer. Peters plädiert für eine kreative und reflexive Erweiterung  der Stimme, Schritt für Schritt zur Extended Voice zwischen  Beschränkung und Befreiung, wie sie uns heute als Kunst des sinnvollen und sinnlichen Verlautens und Vernehmens im öffentlichen und privaten Raum allen und zwar generationsübergreifend mehr als gut täte.

 

Ralf Peters
Wege zur Stimme
Reisen ins menschliche Stimmfeld
Unverzagt Verlag, Köln 2008
222 Seiten. Euro 16,80

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