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»Seien wir schrecklich, damit das Volk

nicht schrecklich sein muss!«

Jürgen Nielsen-Sikora über David Priestlands »Weltgeschichte des Kommunismus. Von der Französischen Revolution bis heute«

In Anspielung auf das Septembermassaker des Vorjahres gab Georges Jacques Danton bei der Inauguration des Revolutionstribunals, dem Herzstück der Terrorherrschaft, im Jahre 1793 die Maxime aus: „Seien wir schrecklich, damit das Volk nicht schrecklich sein muss!“
Dantons Devise zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der kommunistischen Utopie von der Gleichheit der Menschen – einer Idee, die 1789 mit ihren Versuchen einer sozialen und politisch-rechtlichen Egalität aller Menschen anhebt und 200 Jahre später mit dem Fall der Berliner Mauer ad acta gelegt wird.
Was zeichnete diese Idee aus? Nach Friedrich Engels war der Kommunismus „die Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats.“ Schon zu Lebzeiten von Marx und Engels gab es jedoch zahlreiche Spielarten dieser Lehre. Der Bund der Gerechten mit Karl Schapper und Wilhelm Weitling ist hier zu nennen. Oder der Anarchist Michail Bakunin. Aber auch der britische Unternehmer Robert Owen und die Frühsozialisten Henri de Saint-Simon, Pierre-Joseph Proudhon und Charles Fourier. Auf die SPD – vor allem auf Karl Kautsky und Eduard Bernstein – und die Turnvereine üben ihre Gesellschaftsanalysen ebenso starken Einfluss aus wie auf die marxistische Theoretikerin und Antimilitaristin Rosa Luxemburg.
Was in der Theorie dieser Vordenker ganz vernünftig klang, sah in der Praxis spätestens seit der russischen Oktoberrevolution ganz anders aus: Die politischen Abarten des Kommunismus von Lenin bis Kim Il-Sung waren geprägt von Mangelwirtschaft, Militarismus, Gewaltherrschaft, Unterdrückung des eigenen Volkes, Bodenreformen, Kollektivierungskampagnen und brutalen Klassenunterschieden innerhalb des sozialistischen Systems, in dem die einen ein Leben in der Datscha, die anderen ihres im Gulag führten.

Im Zuge seiner luziden Darstellung dieses Systems weist Priestland die Entwicklung kommunistischen Gedankenguts gen Morgenland nach – vom revolutionären Frankreich unter dem Juristen Maximilian de Robespierre im Westen über Stalin und den saarländischen, arbeitslosen Dachdecker Erich Honecker bis hin zu Pol Pot und den Roten Khmer im Osten. Vom radikal-romantischen Antikapitalisten bis hin zum blutsaugenden Bolschewisten, von der Schreckensherrschaft des Comité de salut public, über den Gulag, die Hinrichtungsstätten in Leipzig, das S-21-Foltergefängnis oder die Killing Fields in Kambodscha – Priestland zeigt deutlich, wie untrennbar die Geschichte de Kommunismus mit der Barbarei sozialistischer Diktaturen zusammenhängt. Zum Wesen des Kommunismus gesellen sich des Weiteren Parteidisziplin, Leistung und Ordnung. Dass sich vor allem Leistung wieder lohnen müsse, ist nicht nur ein parteipolitischer Slogan dieser Tage. Schon Stalin führte 1935 das so genannte Stachanow-System zur Steigerung der Arbeitsproduktivität ein, das durch Prämienzahlungen Spitzenleistungen vergütete. Die Anhebung eines solchen Leistungs-Solls war dann auch einer der Gründe für den Aufstand des 17. Juni in der DDR. In der Sowjetunion standen für dieses Prinzip insbesondere die Komwas, die kommunistischen Hochschulen, ein.

Aber auch Misstrauen und Verdächtigungen spielten innerhalb der Beziehungen zwischen kommunistischen Staaten eine Rolle. Zu vielschichtig waren die nationalen Interessen und damit auch die jeweiligen Spielarten der Befreiungsideologie. Viele nationalistische Staatschefs waren bestrebt, den Sozialismus mit lokalpatriotischen Traditionen zu verbinden, wie Pandit Nehru in Indien und Sukarno in Indonesien. Mao hingegen trat in den offenen Konkurrenzkampf mit der UDSSR und gewann großen Einfluss, auch durch militärische Unterstützung kleinerer sozialistischer Länder, in Asien.

Priestland zeigt nun, dass es im Westen erst seit John F. Kennedy ein wirkliches Bewusstsein dafür gab, dass der Kommunismus als Ideologie eine Folge von politischen und ökonomischen Ungleichheiten war. Das wird all diejenigen überraschen, die sich bereits zuvor mit den zahlreichen Schriften kommunistischer Provenienz auseinandergesetzt haben. Interessanter scheint mir in dieser Hinsicht Priestlands profunde Diagnose, dass eine Entwicklung vom proletarischen Kommunismus hin zu so etwas wie einem Manager-Kommunismus stattgefunden hat, in der die Bedürfnisse der einfachen Leute mehr und mehr in Vergessenheit gerieten und sich stattdessen eine sozialistische Elite in vielen kommunistisch geprägten Ländern herausgebildet hat, die das, was sie ursprünglich bekämpfen wollten, mit Mitteln terrorisierte, die mindestens so bestialisch gewesen sind wie die Methoden ihrer erklärten Feinde. Priestland betrachtet diese Entwicklung recht nüchtern, rekurriert unter anderem auf Nicolae Ceauşescu in Rumänien, den Dritte-Welt-Kommunismus in Afrika und Asien.
Kommunismus in dieser Lesart ist auch die Besessenheit von Orden und Medaillen, Militärparaden und Inszenierungen der Macht, von Schauprozessen, Willkürherrschaft (nicht nur 1793 und 1937 – wie sehr sich die Zahlen gleichen!) und permanenter Überwachung. Sollte uns gerade dies heute nicht mehr als bedenklich stimmen?
Im Zuge einer solch tödlichen Besessenheit, der Millionen Unschuldiger zum Opfer fielen, kommt es immer wieder zum Showdown mit dem Westen: Auf Kuba, in Vietnam oder Afghanistan, das den allmählichen Zerfall des Ostblocks und damit auch des Kommunismus einläutet.

Priestland erzählt seine Geschichte sehr anschaulich und für ein breites, interessiertes Publikum ohne sich dabei in Details zu verlieren. Wer neben den politischen Begebenheiten auch etwas über russische Literatur und Filme erfahren will, und wer im Kontext des Themas auch etwas über Tengis Abuladse, Andrzej Wajda, Monty Python, Sergei Eisenstein und Milan Kundera, Bob Dylan und Bert Brecht lesen will, ist mit Priestlands Weltgeschichte des Kommunismus gut beraten. Nachdenklich stimmt auch sein Epilog, in dem er einerseits nach der Perversion des kapitalistischen Systems, der „liberalen Schocktherapie“, nach dem Zusammenbruch der UDSSR fragt, andererseits zu bedenken gibt, ob Ostalgie die angemessene Reaktion auf die Geschichte des Systems ist. Auch die Aussage, dass die DDR kein Unrechtsstaat gewesen sei, ist aus dem hier vorgestellten Blickwinkel alles andere als nachvollziehbar. Dazu nochmals Danton: „Seien wir schrecklich, damit das Volk nicht schrecklich sein muss!“
 

David Priestland
Weltgeschichte des Kommunismus
Von der Französischen Revolution bis heute
Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt
784 Seiten mit Abb.
ISBN: 978-3-88680-708-6
€ 32,00

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